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Wunderwerk Ohr

Ein Blick auf den komplizierten und hochsensiblen Mechanismus des Hörens zeigt uns, wie belastbar, aber auch fragil das menschliche Ohr ist. Und wie sehr es im Alltag unseren Schutz braucht.


foto: fotolia

Versetzt eine Schallquelle, wie etwa Stimmbänder, ein Lautsprecher oder eine Bohrmaschine, die Luft in Schwingungen, wandern diese zunächst durch unseren äußeren Gehörgang, den Teil also, den wir auch von außen sehen können. Am Ende des Gehörganges trifft der Schall auf das Trommelfell, eine dünne häutige Membran, und versetzt auch sie in Schwingung.
Hinter dem Trommelfell liegt das Mittelohr, eine kleine luftgefüllte Höhle, in der die drei winzigen Gehörknochen liegen, die ihrer Form wegen als Hammer, Amboss und Steigbügel bekannt sind. Diese Knöchelchen übertragen die Schwingungen des Trommelfells direkt hinein ins Innenohr. Man kann es sich als flüssigkeitsgefüllten Schlauch vorstellen, der eingebettet in den Schädelknochen wie ein Schneckenhaus aufgerollt liegt. In der Flüssigkeit des Innenohrs verwandeln sich die Luftschwingungen nun in Wellen, die, je nach Tonhöhe oder Frequenz, an einem bestimmten Punkt dieses Schlauches ankommen. Je lauter der Ton, desto heftiger fallen diese Wellen aus.

„Die Schallleitung im Innenohr kann man sich ähnlich vorstellen wie eine Welle an einem flachen Sandstrand“, illustriert der St. Pöltener HNO-Arzt Dr. Johannes Schobel, was innerhalb von Bruch­teilen einer Sekunde in unserem Ohr abläuft. „Die Welle baut sich immer weiter auf und der Punkt, an dem sie schließlich bricht, gibt die Frequenz an, die wir wahrnehmen.“ An diesem Punkt wandeln nämlich Sinneszellen, die sogenannten Haar­zellen, die Welle in elektrische Signale um, die der Hörnerv ans Gehirn weiterleitet. Dort wird der Schall schließlich identifiziert, bewertet und mit Emotionen verbunden. Das Ergebnis: Wir hören eine vertraute Stimme, lauschen Mozart oder ärgern uns über Baustellenlärm.

Niemals still

Die über fünfzehntausend Sinneszellen im Innenohr arbeiten perfekt zusammen, um auch das kleinste Geräusch zu erfassen. Sie sind allerdings nicht nur im Einsatz, wenn es etwas zu hören gibt. Sie sind auch ohne äußere Reize ununterbrochen aktiv und produzieren eigenständig Geräusche. „Auch bei vollkommener Stille ist das Innenohr ein überraschend lauter Ort“, meint Schobel. Der Fachmann spricht hier von otoakustischen Emissionen. Stille, wie wir sie nach einem hektischen Tag so lieben, existiert im Grunde nicht. „Unser Gehirn lernt von Geburt an, diese Geräusche, die unser Ohr ständig produziert, zu ignorieren und sie stattdessen als Stille zu interpretieren“, erklärt der Experte. „Vermehrte Aufmerksamkeit kann das aber ändern: Wer sich in einen vollkommen stillen Raum setzt und auf sein Gehör konzentriert, wird nach spätestens fünf Minuten beginnen, Geräusche zu hören.“ Manchmal kann es passieren, dass das Gehirn ein bestimmtes Ohrgeräusch nicht
ausblendet und es dauerhaft ins Bewusstsein dringt – der Betroffene leidet an Tinnitus.

Alltäglicher Wirbel

Das Ohr ist ein hochsensibles Organ. Es soll sowohl nächtliche Schritte in der Wohnung registrieren, als auch ein Rockkonzert überstehen. Es ist im Alltag mitunter hohen Belastungen ausgesetzt, sowohl freiwillig als auch unfreiwillig. „An oberster Stelle der schädigenden Einflüsse steht der Lärm“, betont Schobel. „Das kann akuter Lärm sein, wie zum Beispiel beim Knalltrauma, oder chronischer.“ Bei 130 Dezibel liegt unsere Schmerzgrenze, ab dieser Lautstärke kann das Ohr ernsthaft Schaden nehmen.
Weniger dramatisch und damit oft unterschätzt ist jedoch die chronische Lärmbelastung. Früher häufig mit Belastungen am Arbeitsplatz in Verbindung gebracht, kann heute auch Verkehrslärm zum Problem werden. „Früher sind ganze Berufsgruppen schwerhörig geworden, das ist heutzutage nicht mehr so. Es ist aber anzunehmen, dass der chronische Zivilisationslärm, dem wir alle täglich ausgesetzt sind, sehr wohl eine Rolle spielt“, betont der Fachmann. Die sprichwörtliche Altersschwerhörigkeit dürfte also keineswegs ein natürlicher Prozess sein.
Zum alltäglichen Wirbel addiert sich gerade bei jungen Menschen noch das Musikhören. Problematisch findet Schobel besonders kleine, offene Kopfhörer, wie sie etwa beim Handy verwendet werden. „Dabei wird der Umgebungslärm nicht abgeschirmt, wodurch automatisch höhere Lautstärken verwendet werden müssen“, warnt er. „Das obere Drittel der Lautstärkeregelung sollte man grundsätzlich meiden.“

Hörgerät oft zu spät

Schwerhörigkeit ist in vielen Fällen Folge von hoher Lärmbelastung, kann aber leider auch vererbt werden. Schlecht zu hören ist verunsichernd und im Straßenverkehr problematisch, aber vor allem wirkt es sich negativ auf Sozialkontakte aus. „Im Alter gehen zuerst die hohen Töne verloren, im tieffrequenten Bereich wird meist noch sehr gut gehört. Stimmen bestehen aber aus vielen verschiedenen Frequenzen, es wird schwieriger einer Unterhaltung zu folgen. Betroffene verdrängen das dann oft und meinen, die anderen würden undeutlich sprechen“, weiß Schobel. „Gesprächssituationen und gesellschaftliche Ereignisse werden immer mehr gemieden. Das kann in Resignation und sogar Depression enden.“
Aus seiner Praxiserfahrung weiß Schobel auch, dass Hörgeräte von Betroffenen oft verweigert werden. Für viele Patienten bedeutet es Stigmatisierung. „Ich kenne niemanden, der sagt, er brauche keine Brille, wenn er schlecht sieht. Aber gegen das Hörgerät wehren sich viele“, berichtet der HNO-Arzt. Dabei betont er, wie wichtig die frühe Korrektur einer Schwerhörigkeit ist: Liefert das Innenohr zu wenig Information ans Gehirn, vernachlässigt dieses die zuständigen Areale nach und nach und später eingesetzte Hörgeräte können dann das Gehör nicht verbessern, da das Gehirn mit der Information nichts mehr anfangen kann. „Schwerhörigkeit beginnt im Ohr und endet im Gehirn“, bringt es Schobel auf den Punkt. „Betroffene bauen mit der Zeit geistig ab, weil das Hirn weniger trainiert wird.“ Jede Schwerhörigkeit sollte also sobald wie möglich korrigiert werden.

Gesundes Ohr

Wie kann ich nun sicherstellen, dass mein Gehör so lange wie möglich intakt bleibt? Die Antwort vom Fachmann ist einfach: „Das Einzige, was man tun kann, ist schädliche Einflüsse zu vermeiden.“ Das heißt konkret, Lärm vermeiden, wo es geht, in gemäßigter Lautstärke Musik hören und das Ohr gesund halten. Denn auch chronische Mittelohrentzündungen oder unbehandelte chronische Erkrankungen wie Diabetes oder hohe Blutfette können dem Gehör langfristig schaden. Gegenüber teuren Nahrungsergänzungsmitteln, die als gesund für das Ohr angepriesen werden, ist Schobel skeptisch. „Viel davon ist Geschäftemacherei“, warnt der Experte. „Das Problematische ist, dass deren Wirkung schwer nachgewiesen werden kann.“ Das Allerwichtigste ist, das Ohr vor Lärm zu schützen. Und das kostet nichts.

 

Dr. Johannes Schobel, HNO-Arzt in St. Pölten