Schlaflos?
Schlafstörungen kennt fast jeder. Aber wussten Sie, dass es rund hundert verschiedene Arten davon gibt? Ärztliche Abklärung ist wichtig!
Immer mehr Menschen leiden unter Schlafstörungen, und dennoch wird das Problem oft bagatellisiert. Das kritisieren Experten: „Schlafstörungen sind keinesfalls banale Leiden. Sie können die Lebensqualität reduzieren, zu gefährlicher Tagesmüdigkeit führen oder auch erste Hinweise auf eine schwerer wiegende neurologische Erkrankung sein“, sagt der Internist und stellvertretende Leiter des Schlaflabors am Landesklinikum Melk, OA Dr. Johannes Lechner. Er plädiert dafür, dieses gesundheitliche Problem in jedem Fall ernst zu nehmen und sorgfältig abklären zu lassen.
Sechs Gruppen von Schlafstörungen
Der Experte betont, dass es laut aktueller internationaler Klassifikation rund hundert verschiedene Arten von Schlafstörungen gibt: „Diese haben naturgemäß unterschiedliche Ursachen, und genau die gilt es individuell zu klären, denn nur dann lässt sich eine manifeste Schlafstörung auch adäquat behandeln.“
Grundsätzlich unterscheidet man sechs große Gruppen von Schlafstörungen, diese reichen von den klassischen Ein- und Durchschlafstörungen über schlafbezogene Atemstörungen, vermehrte Tagesmüdigkeit wegen neurologischer Ursachen, Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen, sogenannte Parasomnien (Störungen des Erwachens, des partiellen Erwachens oder des Schlafstadienwechsels) bis hin zu schlafbezogenen Bewegungsstörungen wie das Restless-Legs-Syndrom (siehe unten).
„Eine andere Einteilung unterscheidet psychogene und organisch bedingte Schlafstörungen, wobei man davon ausgeht, dass erstere mit 70 Prozent die weitaus häufigeren sind“, erklärt Lechner. Auch hier müsse jeder einzelne Fall für sich geprüft werden: „Bei den psychogenen Schlafstörungen ist etwa die Ein- und Durchschlafstörung ein klassisches Symptom der Depression, deren Auftreten in unserer Welt immer häufiger wird. Zu allgemeinen gesellschaftlichen Ursachen zählen beispielsweise zunehmender Stress, Überlastung oder Eigenüberforderung“, sagt der Schlafmediziner. „Bei organisch bedingten Schlafstörungen hingegen sind zentrale Risikofaktoren etwa Bewegungsmangel, Übergewicht und falsche Ernährung.“
Zudem haben viele Menschen das „richtige“ Schlafen schon verlernt – meist durch einen Auslöser wie ein psychisches Trauma oder eine Belastungssituation, die einem erstmals den Schlaf raubt, und dann entsteht daraus ein Teufelskreis. Denn die Sache kann chronifizieren, und im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehen allzu viele Menschen mit der intensiven Befürchtung zu Bett, wieder nicht schlafen zu können, und können dann auch tatsächlich wieder nicht ein- oder durchschlafen.
Vorsicht mit Schlaftabletten!
Schlafstörungen können in jedem Alter auftreten, und selbst Säuglinge und alte Menschen sind mitunter davon betroffen, weiß Lechner: „Bei den verschiedenen Arten der Beeinträchtigungen des Schlafes gibt es allerdings auch typische Altersgipfel.“ So ist etwa das Hauptmanifestationsalter bei den Ein- und Durchschlafstörungen, unter denen übrigens zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung leiden, die dritte Lebensdekade. Bei den organischen Schlafstörungen, von denen Männer achtmal so häufig wie Frauen betroffen sind, liegt der Altersgipfel zwischen 45 und 65 Jahren.
Die Therapie des vielfältigen Problems muss auf einer sicheren Diagnose aufbauen und individuell maßgeschneidert sein, denn: Das optimale Schlafmedikament, das die Schlafstörung effizient und ein für alle Mal beseitigt, gibt es nicht, betont der Experte. Er rät schlafgestörten Menschen, die schon länger als einen Monat mindestens drei Mal pro Woche schlecht schlafen, zunächst den Hausarzt aufzusuchen: „Vor allem organisch bedingte Schlafstörungen wie etwa die Schlafapnoe müssen im Schlaflabor abgeklärt werden. Bei vielen psychogenen Formen ist die Konsultation eines Facharztes für Psychiatrie ratsam, denn Schlafstörungen dieser Art sind oft Kardinalsymptome von Depression oder Angsterkrankungen. Hier muss die Grunderkrankung behandelt werden, in der Folge bessert sich häufig auch die Schlafstörung.“
Bis dahin kann man aber viel für den guten Schlaf tun, von der Schlafhygiene und dem regelmäßigen Schlaftee hin bis zum Baldrianpräparat und anderen Hilfsmitteln aus der Apotheke. Der Facharzt warnt aber davor, eigenmächtig zu handfesten Schlaftabletten zu greifen. Denn vor allem die in diesen Fällen häufig gebräuchlichen Benzodiazepine (Tranquilizer) modifizieren den Schlaf selbst, gehen oft mit Hangover-Erscheinungen am nächsten Tag einher, sie wirken also noch nach und machen abgeschlagen und müde – und sie haben ein extrem hohes Suchtpotenzial!
Schlafhygiene: Das Um und Auf
Der erfahrene Schlafmediziner weiß, dass gute Schlafhygiene für viele Betroffene äußerst hilfreich sein kann. Dazu gehören beispielsweise die Gestaltung der Schlafumgebung, das Einüben von Schlafritualen oder Entspannungstechniken oder regelmäßige Aufsteh- und Ins-Bettgeh-Zeiten. Regelmäßigkeit gilt auch als Empfehlung für die Essenszeiten, denn all das stellt eine notwendige Voraussetzung dafür dar, dass sich die verschiedenen biologischen Rhythmen des Körpers aufeinander abstimmen können. „Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, sich selbst weder Schlafzwang noch Schlafmangel aufzuerlegen“, betont Lechner. Er weiß: Immer mehr Menschen quälen sich selbst damit, mit nur wenigen Stunden Schlaf auskommen zu wollen, weil „der Nachbar auch schon nach fünf Stunden topfit für den nächsten Tag ist“, weil „man auch schlafen kann, wenn man tot ist“ oder weil das Leben so viele Aktivitäten fordert, dass für den so wichtigen Schlaf keine Zeit bleibt. Dabei ist das Schlafbedürfnis eine höchst individuelle Angelegenheit, die uns zu großen Teilen in die Wiege gelegt ist, und die wir auch kaum beeinflussen können. So brauchen die einen eben acht Stunden, die anderen nur sechs Stunden, um am nächsten Tag ausgeruht und fit zu sein. Und das kann sich auch in unterschiedlichen Lebens- und Belastungsphasen ändern.
Die Macht des Lichts
Der selbst auferlegte Schlafzwang steht am anderen Ende dieser unseligen Achse, und er ist oft ein hinterhältiger Verstärker des Problems. Wer hat nicht schon einmal oder eben immer wieder zwanghaft darüber nachgegrübelt, warum es mit dem Einschlafen nicht klappt, oder hat beim nächtlichen Erwachen panisch auf die Uhr geblickt und nachgerechnet, wie viel Zeit wohl noch bis zum Aufstehen bleibt. Lechner rät Betroffenen dazu, alle Uhren und Wecker aus dem Schlafzimmer zu verbannen, denn der Blick auf die Zeit verstärkt den innerlichen Stress nur noch mehr. Wenn man nachts aufwacht und nicht mehr einschlafen kann und das Im-Bett-Liegen wirklich quälend wird, sollte man das Bett verlassen und ein Buch zur Hand nehmen. Das Licht, das man dafür braucht, sollte kein weißes, sondern ein eher gelbliches sein, denn die Blauanteile des weißen Lichts, die übrigens auch der Fernsehapparat ausstrahlt, wirken aktivierend, während Gelb-Rot-Anteile eher beruhigen.
Die Forschung arbeitet übrigens derzeit schon an der Entwicklung von Apps, die die Blauanteile aus Bildschirmen herausfiltern, sowie an neuen Beleuchtungstechnologien, bei denen Luxzahlen und Farbanteile des Lichts auf morgendliche Aktivierung und abendliche Beruhigung abgestimmt werden. Bis wir diese Forschungsergebnisse für den Alltag nutzen können, wird es aber noch einige Zeit dauern. Nutzen Sie in der Zwischenzeit die guten alten Regeln der Schlafhygiene!
Sechs Hauptgruppen von Schlafstörungen
- Insomnien: Störungen beim Ein- und Durchschlafen
- Schlafbezogene Atmungsstörungen (Schlafapnoe): Dabei verschließen sich
- während der Nacht die oberen Atemwege, was zu Erregungsphasen und unbewusstem Erwachen mehrmals pro Stunde und damit zu schlechter Schlafqualität und Begleiterkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sowie Tagesmüdigkeit führen kann.
- Hypersomnien mit Ursachen im zentralen Nervensystem (z. B. Narkolepsie-Schlaf-attacken tagsüber und/oder kollapsartige Zustände bei Emotionen, ausgelöst durch den Verlust von Wachhaltezellen im Zwischenhirn)
- Zirkadiane Rhythmusstörungen: Die innere Uhr und damit der Schlafrhythmus geraten aus dem Gleichgewicht.
- Parasomnien: Dazu gehören Alpträume, Schlafwandeln, nächtliches Aufschreien.
- Schlafbezogene Bewegungsstörungen: Restless-Legs-Syndrom („ruhelose Beine“) oder Zähneknirschen im Schlaf
Quelle: Amerikanischen Gesellschaft für Schlafmedizin (AASM)
Melatonin kann schlaffördernd wirken
Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben Hinweise darauf gebracht, dass eine zusätzliche Gabe des Hormons Melatonin, welches den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen steuert, schlaffördernde Wirkung haben kann. Melatonin wird in der Zirbeldrüse, einem Teil des Zwischenhirns produziert. Das Hormon wird nur bei Dunkelheit ausgeschüttet – deshalb werden wir abends müde. Der Melatoninspiegel im Blut steigt langsam an und erreicht mitten in der Nacht – etwa zwischen zwei und drei Uhr früh – seinen Höhepunkt. In den frühen Morgenstunden fällt der Spiegel dann wieder ab, denn durch Licht wird die Produktion gehemmt.
Dieses System ist bei blinden Menschen gestört, aber auch bei Zeitverschiebungen, Fernreisen und Schichtarbeit kommt es zu Verschiebungen im Melatonin-Haushalt. Durch eine zusätzliche Gabe von Melatonin sollen diese Störungen jedoch wieder behoben werden können.
Landesklinikum Melk Krankenhausstraße 11 3390 Melk
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OA Dr. Johannes Lechner, stellvertretender Leiter des Schlaflabors am Landesklinikum Melk





