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Wie Kinder mit Tod umgehen

Kinder haben ihre eigene Weise, mit Tod und Trauer umzugehen – und jedes Kind macht es anders. Von Erwachsenen brauchen sie ein offenes Ohr, altersgerechte Erklärungen und Ehrlichkeit.


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Krankheit, Sterben und Trauer: Soll man Kinder vor diesen Themen schützen und sie – selbst bei einem Todesfall in der Familie – so wenig wie möglich damit konfrontieren? Ein Gedanke, den viele Eltern haben – unsicher, wie viel ihre Kinder aushalten können. Sissy Hanke, die in Stockerau eine Trauergruppe für Kinder leitet, sagt: „Ich halte grundsätzlich ganz viel davon, aufrichtige Antworten zu geben. Kinder spüren alles, haben sehr feine Antennen, wenn sich etwas verändert hat, und sie können das oft nicht zuordnen, wenn keine Erklärungen folgen.“
Hanke plädiert für Offenheit und – natürlich – alters- und kindgerechte Erklärungen, wenn jemand aus der Familie oder dem nahen Freundeskreis schwer krank ist oder im Sterben liegt. Kinder haben oft sehr wenig Scheu, Kranke zu besuchen, und sollten sogar in den Krankheits­ablauf mit einbezogen werden. „Es ist für Kinder ganz schwierig, wenn man ihnen sagt: Es wird schon wieder. Und dann kommt auf einmal die Nachricht, dass der Opa oder die Oma gestorben ist.“ Hanke hat oft erlebt, dass Kinder ein gutes Gefühl dafür haben, was sie sich zumuten
können. Wenn sie etwas wissen wollen, würden sie meistens fragen. Und wenn sie nicht über die Krankheit oder das Sterben reden möchten,
sollte man ihnen vermitteln, dass man jederzeit ein offenes Ohr für sie hat.

Kinder wissen, was gut für sie ist

Und wie sehen das Kinder und Jugendliche selbst? GESUND&LEBEN sprach mit zwei Mädchen aus Niederösterreich: „Kinder müssen wissen, dass jemand für sie da ist, das ist das Wichtigste.“ Ohne lange zu überlegen, antwortet die 17-jährige Elisabeth* auf die Frage, was Kinder brauchen, wenn sie um jemanden trauern. Elisabeth war elf Jahre alt, als ihr sechsjähriger Cousin, dem sie sehr nahestand, an einem Gehirntumor starb. Die Jugendliche weiß, dass Kinder auf unterschiedliche Weise reagieren, wenn jemand aus ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis stirbt. Nicht alle wollen über ihre Trauer reden, und das soll man auch akzeptieren, findet Elisabeth. Anna*, drei Jahre jünger, sieht das genauso. Annas Onkel starb unerwartet, als sie sieben Jahre alt war. Die heute 14-Jährige schätzt es sehr, dass sie damals frei entscheiden konnte, ob sie auf das Begräbnis mitkommen will. Sie wollte nicht.
Dass Annas Eltern die Entscheidung ihrer Tochter damals ernst genommen haben, entspricht ganz dem, was Sissy Hanke für das Begräbnis empfiehlt: „Ich würde auch da die Kinder fragen!“ Auf keinen Fall sollte man den Kindern verbieten zum Begräbnis zu gehen. Im Gegenteil: Die Trauerbegleiterin rät, sie zu ermutigen mitzukommen, damit sie die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen. Den Kindern sollte im Vorfeld der Ablauf des Begräbnisses beschrieben und erklärt werden, dass viele Menschen sehr traurig sein werden. Wenn das Kind noch klein ist, könnte eine Bezugsperson mitgenommen werden, die ihm, aber nicht dem Verstorbenen nahesteht. Diese entlastet die Eltern und kann, wenn es notwendig ist, auch mit dem Kind weggehen. „Ich halte auch ganz viel davon, Kinder in die Aktivitäten zwischen Tod und Begräbnis mit einzubeziehen“, erklärt Hanke. Kinder könnten beispielsweise eine Kranzschleife bemalen, einen Brief oder ein Bild gestalten, etwas machen, das man dann mit in den Sarg oder ins Grab legt.
Für Elisabeth war es sehr wichtig, am Begräbnis ihres Cousins teilzunehmen und es mitzuplanen. Die damals Elfjährige hielt eine Rede, statt Erde wurden Gummibärli ins Grab geworfen, weil ihr Cousin die so gerne gegessen hat und seine Lieblingsmusik wurde gespielt. Gelegenheit zur Verabschiedung hatte Elisabeth schon im Krankenhaus, als sie ihren bereits verstorbenen Cousin besucht hat. „Es wäre einer meiner größter Fehler gewesen, wenn ich mich da nicht von ihm verabschieden hätte können“, erzählt die Jugendliche heute. Und Sissy Hanke bestätigt das: „Kinder haben ganz wenig Berührungsängste vor Verstorbenen, und sie verstehen dann besser: Der Opa, der Papa oder die Mama ist wirklich tot!“

Kinder trauern anders

„Kinder haben uns etwas voraus: Sie spüren sehr gut, wie viel Schmerz sie zulassen können“, weiß Hanke. Kinder fallen oft von einem Extrem ins andere, sind todtraurig und können kurz darauf wieder fröhlich spielen. Vor allem Buben drücken ihre Gefühle aus, indem sie herumtoben oder aggressiv werden, beschreibt Hanke: „Für Erwachsene ist das nicht immer nachvollziehbar. Aber das ist ein guter Schutz für Kinder.“
Gewohnte Rituale, Strukturen und Grenzen sollen auch dann aufrechterhalten werden, wenn es turbulent und schwierig ist. „In einer Welt, die ganz durcheinander gekommen ist, kann sich das Kind dann wenigstens drauf verlassen, dass es um eins Mittagessen gibt. Man neigt auch sehr schnell dazu, dass man Kindern dann alles nachsieht.“ Das sollte nicht sein, betont Hanke, denn bekannte Grenzen und Strukturen geben Halt und Sicherheit – letztendlich auch den Eltern. Die Trauer­begleiterin empfiehlt deshalb auch, Feier- und Gedenktage bewusst zu begehen, anstatt zu
hoffen, dass sie schnell vergehen. Fotos anschauen, über Erlebtes reden, gemeinsam lachen und
weinen gibt das Gefühl, der Traurigkeit nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Freiräume ohne Trauer

Neben der Möglichkeit zu trauern brauchen Kinder Trauerfreiräume, in denen sie ohne schlechtes Gewissen lustig sein können. Für Elisabeth und Anna waren das Schule und Freundeskreis. „Freunde waren da, um abzulenken. Mit ihnen kann man auch einmal die Sorgen vergessen“, erinnert sich Elisabeth. Auch Anna hatte kein großes Bedürfnis, mit ihren Freunden über den Tod ihres Onkels zu reden. „Ich habe meinen Freunden immer gesagt, dass sie mich nicht anders behandeln müssen. Ich hol mir schon Hilfe, wenn ich sie brauche.“ Hilfe und Unterstützung holten sich die beiden Mädchen in der Trauergruppe, die Sissy Hanke leitet. Wöchentlich treffen sich Kinder unterschiedlichen Alters in Stockerau, um miteinander Zeit zu verbringen. Dabei sind nicht immer Tod und Trauer Thema, sondern die Kinder spielen, toben, basteln gemeinsam. „Es hilft, dass man Leute kennenlernt, denen es genauso geht“, sagt Elisabeth über die Gruppe. Und Anna ergänzt: „Leute, mit denen man reden kann, aber nicht muss.“

Und was kommt dann?

Bei ihrer Arbeit mit trauernden Kindern hat Sissy Hanke noch kein Kind erlebt, das keine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod hatte. „Ich halte es für ganz wesentlich, dass wir den Kindern Hoffnung und Zuversicht lassen“, sagt Hanke. Und wenn man als Erwachsener nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, soll man mit den Kindern über die verschiedenen Vorstellungen davon sprechen. Nicht selten werden Erwachsene durch die Fragen der Kinder herausgefordert, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. „Ich hab mir immer gedacht, dass es nach dem Tod nicht aus ist“, sagt Elisabeth und spricht darüber, was der Tod ihres Cousins in ihrem eigenen Leben bewirkt hat: „Irgendwie ändert sich die Grundeinstellung zum Leben: Ich würde das Leben nicht so zu schätzen wissen, wäre das nicht passiert.“

* Name von der Redaktion geändert

Anlaufstellen & Hilfe:


Sissy Hanke,
Leiterin einer Trauergruppe für Kinder