Kein „Privileg“ der Jungen
Der Stress, unter dem ältere Menschen stehen, wird oft als „lächerlich“ abgetan. Doch auch die Generation 50plus kennt zahlreiche Belastungen, die schwere psychische Folgen haben können. Aber: Sie hat meist auch bessere Bewältigungsstrategien als die jüngere Generation.
Man will es uns immer wieder glauben machen: Stress und Burnout sind Belastungen, die nur jüngere Menschen treffen, weil sie sich mitten im pumpenden Herzen des (Erwerbs-)Lebens befinden: Arbeit, Kinder, Hausbau oder Wohnungskauf, vielleicht noch kranke Eltern, die zu pflegen sind – natürlich sind dies Herausforderungen des Lebens, die nicht leicht zu bewältigen sind. Entsprechend gibt es auch einen Gipfel der Stressbelastung, der sich bei vielen zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr manifestiert. Doch das heißt noch lange nicht, dass nicht auch ältere Menschen einschließlich nicht mehr Berufstätige bisweilen unter enormem Stress stehen. Die Faktoren dafür sind vielfältig.
Lebenssinn neu ausformen
Ab 50plus und deutlich verschärft mit dem Pensionsantritt entsteht bei vielen ein Gefühl der Sinnleere. Was noch tun, was schaffen, was kreieren, wenn beruflich vieles erreicht wurde, wenn die Kinder flügge und aus dem Haus sind und ihr eigenes Leben leben? „Jetzt geht es um eine Neudefinition des Lebens. Man muss sich darüber Gedanken machen, was nun Sinn macht“, erklärt Prim. Dr. Rainer Gross, Leiter der Sozialpsychiatrischen Abteilung im Landesklinikum Hollabrunn.
Hier gilt es zu unterscheiden zwischen jenen, die im Beruf über ihren Handlungsspielraum verfügen, und jenen, bei denen das nicht der Fall ist. „Wer im Alter von 50plus einen Job hat, bei dem er oder sie sich die Arbeit von der Zeit, den Aufgabenstellungen und dem Handlungsspielraum her einigermaßen selbstbestimmt einteilen kann, bei dem nimmt die Stressbelastung sicher ab, während die Arbeitszufriedenheit zunimmt“, weiß der St. Pöltener Psychologe Dr. Norman Schmid vom Berufsverband der Psychologen. „Wenn man aber im Beruf wenig Einfluss auf Arbeitszeiten, -belastungen und -abläufe hat, kann man die Belastung mit den Jahren als zunehmend empfinden und damit in die Stress- und Burnoutfalle tappen“, erklärt Schmid. Diese Menschen sind besonders gefragt, sich auch außerhalb des Jobs sinnvolle und freudebereitende Tätigkeiten zu suchen, damit die Work-Life-Balance wieder stimmt und der Lebenssinn deutlich ausgeformt ist.
Pensionsschock vermeiden
So lässt sich auch der gefürchtete Pensionsschock vermeiden. Gefürchtet ist er nämlich zu Recht, denn wer von voller Leistung ganz plötzlich auf Null „heruntergefahren“ wird, ähnelt in gewisser Weise einem Leistungssportler, der für einen großen Wettkampf alle Kräfte mobilisiert, und wenn die Sache dann – wie auch immer – vorbeigegangen ist, fällt er quasi automatisch in eine tiefe Leere, denn nun gibt es nichts mehr zu trainieren, vorzubereiten oder schlicht und einfach zu tun. Experte Gross bringt es auf den Punkt: „Je mehr jemand auf die Arbeit zentriert war, desto mehr wird er in der Pension in ein Loch fallen. Daher sollte man sich rechtzeitig überlegen, was man mit den leeren Tagen machen kann. Anfangs wirkt es zwar wie Urlaub, aber man sollte sich eine sinnvolle Beschäftigung suchen – angefangen von ehrenamtlichen Tätigkeiten über Nachbarschaftshilfe und so weiter. Oft geht es einfach um das Gefühl, gebraucht zu werden – früher galten ältere Menschen als weise, heutzutage werden sie weit weniger geschätzt.“ Ein zweiter wesentlicher Punkt für Gross ist, dass spätestens bei Pensionsantritt beider Ehepartner die Zweierbeziehung neu verhandelt wird: „Die Machtbalance in der Beziehung ändert sich. Viele Paare müssen erst wieder zueinanderfinden.“ Generell sind Frauen vom Pensionsschock weniger betroffen als
Männer, weiß Psychiater Gross, da Männer ihre Sozialkontakte vor allem in der Arbeit haben. Hier gilt es rechtzeitig gegenzusteuern, sich in Vereinen zu engagieren etc.
Stress & Demenz
Doch zurück zum Stress, der uns ja fast alle in der Hand hat, und der im Übrigen auch das Risiko für die Entwicklung einer Demenzerkrankung in sich birgt. „Sicher ist, dass Stress – wie viele andere Faktoren auch – die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Man kann sich nicht mehr so gut konzentrieren und merkt sich auch weniger“, sagt Psychologe Schmid. „Chronischer Stress und chronische Überforderung belasten aber auch das neuronale Netzwerk in unserem Gehirn und haben Auswirkungen auf physiologischer Ebene. Kommt nun durch allzu viel Stress bei einem Betroffenen Depression oder Burnout hinzu, so kann dies unter Umständen die Entwicklung einer latent vorhandenen Demenz vorantreiben.“
Meist ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausschlaggebend, denn ist man beispielsweise von der genetischen Seite her anfällig und kommen einerseits psychologische Stressoren und Belastungen, andererseits etwa ein ungesunder Lebensstil hinzu, so kann die schlummernde Zeitbombe Demenz geweckt werden. Allerdings: Umgekehrt können beispielsweise ein gesunder Lebensstil und entsprechende Stressmanagementstrategien vieles in positiver Hinsicht kompensieren.
Ein interessantes Experiment
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Experiment des Neurologen David Snowdon aus den 1990er Jahren: Snowdon untersuchte Nonnen eines US-amerikanischen Ordens über viele Jahre auf ihre geistigen Fähigkeiten. Sein Forscherteam durfte nach dem Tod der Frauen auch ihr Gehirn auf Anzeichen von Alzheimer hin untersuchen. Bei manchen Nonnen war alles wie erwartet: Sie hatten zu Lebzeiten Alzheimer-Symptome und in ihrem Gehirn fanden die Forscher die entsprechenden Ablagerungen. Doch bei anderen Klosterfrauen grenzte das Untersuchungsergebnis an eine medizinische Sensation: Einige hatten ein Gehirn, das nach der offiziellen medizinischen Klassifikation den Demenzgrad sechs aufwies und damit das Alzheimer-Endstadium. Doch diese Nonnen waren zu Lebzeiten „topfit“ gewesen, und auch die Tests hatten keinerlei Einbußen ihrer geistigen Leistungen gezeigt.
Für manche Wissenschaftler gerät dadurch die gesamte Plaque-Theorie ins Wanken, die besagt, dass ebenjene Ablagerungen die Ursache für die Zerstörung von Nervenzellen sind. Und es könnte ja auch sein, dass der vermutlich gesunde und sinnerfüllte Lebensstil dieser Frauen sie vor Demenz geschützt hat.
Ältere: die Nase vorn
Was uns in den späteren Lebensjahren schützen könnte, sind alle Ressourcen und Copingsstrategien, die wir uns zum Bewältigen von Stress im Laufe des Lebens angeeignet haben, und da ist eines klar: Die Älteren haben in dieser Hinsicht sicher die Nase vorn. „Zwar wird man ab 50plus geistig und körperlich langsamer und gewisse Kapazitäten nehmen ab, aber dafür läuft man auch nicht mehr so viele leere Kilometer, ist strukturierter und oft auch effizienter als Jüngere, die sich noch ganz flott in alles Mögliche hineinstürzen und dabei auch Fehler machen“, weiß Norman Schmid. Zwei weitere wichtige Punkte: „Ältere Menschen gehen häufig schon besser mit sich selbst und ihrem Stress um, können effizienter regenerieren. Und ganz entscheidend ist auch, dass sie von sich selbst nichts Übermenschliches mehr verlangen, sondern die Prioritäten des Lebens anders setzen, Wert legen auf Hobbys, Freundeskreis etc.“
Ans Limit gehen
Nichtsdestotrotz gibt es sie – die grauen Panther, die nicht loslassen können oder wollen und zum Beispiel als freie Unternehmer bis ins hohe Alter hinein alles von sich verlangen oder als Großeltern für ihre Kinder und Enkel bis an ihr Limit gehen. Sie sind dann unter Umständen burnoutgefährdet – doch es sind nicht allzu viele Seniorinnen und Senioren, die in ein echtes Burnout-Loch fallen, weiß Schmid, und es ist von der individuellen Persönlichkeitsstruktur abhängig.
Erste Anzeichen für Stressüberlastung bzw. Burnout sind, dass man rund um die Uhr an die Arbeit oder das, was zu tun ist, denkt, sich dabei unter Druck fühlt, meint, seine Aufgaben nicht bewältigen zu können, nicht nachzukommen, es ganz einfach nicht zu schaffen. Ein ganz typisches Symptom ist das Gedankenkreisen, das meist zu Schlafstörungen und anderen mehr oder weniger schwerwiegenden körperlichen Symptomen führt, die von Ängsten bis hin zu Tinnitus reichen können. Schließlich beginnt der soziale Rückzug, statt dem vorherigen Über-Engagement können Gereiztheit und Zynismus auftreten, und am Ende stehen oft die Depression oder ernsthafte psychosomatische Erkrankungen.
Die gute Nachricht
Die gute Nachricht zum Schluss lautet: Stress lässt sich abbauen. Besonders regelmäßige Bewegung und individuell passende Entspannungsübungen können effizient dabei helfen (siehe Kasten Seite 24). Treten Sie also leiser, wenn Sie das Gefühl haben, allzu viel um die Ohren zu haben. Tun Sie sich Gutes und sorgen Sie für eine gesunde Balance zwischen Leistung und Entspannung – dann sind Sie auch als grauer Panther geschützt vor Burnout und Co.
Landesklinikum Hollabrunn
Robert-Löffler-Straße 20 2020 Hollabrunn
Tel.: 02952/9004-0, www.hollabrunn.lknoe.at
Prim. Dr. Rainer Gross,
Leiter der Sozialpsychiatrischen Abteilung im Landesklinikum Hollabrunn
Dr. Norman Schmid,
Klinischer und Gesundheitspsychologe
Gegen Stress und Burnout
Sieben Tipps vom Psychologen Dr. Norman Schmid
- Suchen Sie sich eine individuell passende Entspannungsstrategie.
- Begrenzen Sie Ihre Arbeitszeit und halten Sie am Wochenende zumindest einen freien Tag ein, an dem gar nichts gearbeitet wird.
- Achten Sie darauf, dass Ihr Leben nicht ausschließlich auf den Bereich Leistung und Aktivität ausgerichtet ist.
- Lassen Sie Arbeit, wo es sinnvoll und machbar ist, einfach liegen und machen Sie bewusst Pause.
- Pflegen Sie Sozialkontakte und Hobbys sowie alles, das Ihnen persönlich gut tut.
- Sorgen Sie für Ihre soziale Verankerung – vielleicht in einem Verein oder iner anderen Interessensgruppe.
- Fragen Sie sich immer wieder, was für Sie persönlich Sinn macht und wofür Sie gerne leben. Handeln Sie danach!





