Wahnsinns-Töne
Sausen, Rauschen, Piepsen – wie Tinnitus die Lebensqualität schmälert
Prim. Univ.-Prof. Georg Sprinzl, Leiter der HNO-Abteilung im Universitätsklinikum St. Pölten
Es kam sprichwörtlich „über Nacht“: Nach einem ausgedehnten Leseabend erwachte Annemarie B. mit einem eigenartigen Geräusch im Ohr. „Zunächst war es ein Surren, dann hatte ich das Gefühl, dass jemand Watte in mein Ohr gedrückt hätte, ein subtiles Rauschen.“ Als sich das Phänomen nach dem morgendlichen Zähneputzen und Frühstück nicht gründlich legte, beschloss Annemarie B. wie jeden Tag auf ihr Fahrrad zu steigen und den Tag erst einmal wie immer zu beginnen.
„Das Rauschen begleitete mich den ganzen Tag; manchmal schwächer, dann wieder deutlich hörbar, aber es war nie ganz weg“, beschreibt Annemarie B. das plötzlich neue Hörgefühl. Etwa drei Monate lang dachte sich die agile Siebzigerin nichts dabei, radelte wie immer zum Einkaufen, besuchte ihre Freundinnen, ihre Kinder, ging ihren Hobbys nach. „Ich dachte, mein Gehör lässt wohl nach“, sagt sie heute. Doch an Altersschwerhörigkeit oder „Stimmenhören“ war bei der fitten Pensionistin nicht zu denken. So suchte sie einen HNO-Arzt auf. Erst nach langer eingehender Anamnese kam er dem Leiden von Annemarie auf die Spur. „Ich hatte eine Nervenblockade an der Halswirbelsäule“, erinnert sie sich an die erste Diagnose, „diese hat ein Symptom zutage gebracht, einen Tinnitus.“ Sie hatte Glück im Unglück, denn die Blockade ließ sich mit einigen physiotherapeutischen Behandlungen beheben, heute radelt sie ohne Geräuschkulisse durch die Gegend.
Fast jeder einmal betroffen
„Nicht immer ist ein Tinnitus so eindeutig diagnostizierbar. Und bei vielen Betroffenen ist die Ursache für dieses Symptom schwer zu deuten“, sagt Prim. Univ.-Prof. Georg Sprinzl, Leiter der HNO-Abteilung im Universitätsklinikum St. Pölten. Friedrich Smetana, Ludwig van Beethoven, Martin Luther sind berühmte Beispiele, die erlebt haben, wie quälend Ohrgeräusche wie ein ständiges Rauschen, Brausen, Fiepen sein können. Mediziner bezeichnen diese Geräusche, die jeder einmal im Leben erlebt, als „Tinnitus“. Bei jedem zehnten Betroffenen, bei dem Geräusche länger als fünf Minuten dauern, bedürfen diese Symptome aber einer eingehenden Diagnostik, um zu entscheiden, ob eine Therapie Heilung oder Milderung der Symptome mit sich bringen kann.
Viele mögliche Ursachen
Ein Tinnitus ist prinzipiell keine unheilbare Erkrankung. Die Heilungschancen hängen im Wesentlichen von den Ursachen ab, durch die eine Hörstörung entsteht. Bei etwa zehn Prozent der Betroffenen liegen körperliche Ursachen vor, wie eine Gefäßanomalie, ein Tumor, Verletzungen im Schädelbereich, Störungen im Bereich der Halswirbelsäule, Erkrankungen des zentralen Nervensystems oder Einengung der großen, das Gehirn versorgenden Arterien oder eine Arteriosklerose der Hirngefäße. Bei 60 Prozent entsteht Tinnitus durch Stress, infolge eines Lärm- oder Knalltraumas oder einer verschleppten Mittelohrenentzündung.
Aber auch ein Hörsturz (akuter Verlust des Gehörs), ein Lärmtrauma, Altersschwerhörigkeit oder Morbus Menière (Erkrankung des Innenohrs) müssen als Ursachen in Betracht gezogen werden. Sprinzl erklärt: „Die Ursachen können zum Teil mithilfe einer Kernspintomographie festgestellt werden. So kann ein Knalltrauma zum Beispiel durch ein lautes Geräusch wie einen Schuss oder eine Explosion ausgelöst werden – in der Folge entsteht ein Tinnitus. Grund dafür sind Stoffwechselstörungen in der Schnecke des Innenohrs, die diese Zellen schädigen können. Üblicherweise vergehen die Beschwerden nach kurzer Zeit wieder, ständige Lärmbelästigung kann die sensiblen Sinneszellen jedoch auf Dauer schädigen.“ Auch Lärm und Stress hinterlassen an den empfindlichen Sinneshärchen des Ohrs ihre Spuren. Je nach Stressintensität kommt es auch bei diesen Sinneshärchen zu Ausfällen, die sich bei Dauerbelastung in Form von Tinnitus niederschlagen können. Lärm ist grundsätzlich ein Trigger-Faktor, durch andauernden Lärm kann das Innenohr geschädigt werden, Tinnitus kann entstehen.
Ist Tinnitus heilbar?
Je nachdem, welche Ursache einem Tinnitus zugrunde liegt, sind auch die Heilungschancen unterschiedlich vielversprechend. Operation, medikamentöse Therapie, Psychotherapie: Ein breites Therapiespektrum steht zur Auswahl. Wichtig für eine weitere Therapie ist es, die Ursachen des Symptoms zu diagnostizieren. „Es gibt keine allgemeingültige Empfehlung zur Therapie“, sagt Sprinzl. So etwa helfen bei akutem Tinnitus Medikamente wie Kortison sowie durchblutungsfördernde Mittel. „Neue Chancen bieten Substanzen, die derzeit noch in Studien untersucht werden“, weiß der HNO-Experte. Dabei handelt es sich um Gels, die ins Ohr eingebracht werden, um die Rezeptoren für Schallleitung zu unterbrechen. Dies sind neueste Forschungs-Ergebnisse; ebenso neu sind Ergebnisse, die zeigen, dass Cochlea-Implantate bei tauben Tinnitus-Patienten gute Möglichkeiten bieten, wieder ein „tinnitusfreies Gehör“ zu bekommen.
Den Tinnitus „überhören“
Auch psychologische Intervention mithilfe von Bewältigungsstrategien wie Psycho- bzw. Verhaltenstherapie trägt dazu bei, die Erkrankung zu „übertönen“. Eine gute Möglichkeit dazu bietet die Tinnitus-Retraining-Therapie, die darauf abzielt, durch Entspannungsübungen vom störenden Geräusch abzulenken. Häufig wird dazu ein sogenannter Noiser mithilfe des Ohr-Akustikers eingesetzt, eine Art Hörgerät, das angenehme Signale ans Gehör sendet, um dieses vom Tinnitusgeräusch „abzulenken“. Gesprächstherapie, Stressbewältigungsstrategien, eine gedankliche Umbewertung der eigenen Situation, Ablenkung oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson können laut Sprinzl dazu beitragen, den Leidensdruck von Tinnitus-Betroffenen zu nehmen.
Für Annemarie hat sich das Leben in neuen Farben und Tönen gezeigt. Seit sie weiß, woher ihr Tinnitus kam, radelt sie mit besonderer Vorsicht und achtet auf ihre Haltung. Vor allem beim abendlichen Lesen.
Universitätsklinikum St. Pölten
Propst-Führer-Straße 4 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/9004-0
www.stpoelten.lknoe.at





