< vorhergehender Beitrag

Viel Bewegung, wenig Gewicht

Kreuz-, Knie- und Hüftschmerzen quälen immer mehr Menschen. Das beste Rezept, sich vor orthopädischen Erkrankungen zu schützen, ist den Bewegungsapparat fleißig zu nützen und das Körpergewicht immer im Blick zu behalten.


FOTO: bildagentur waldhäusl

Wer kennt das nicht? Es schmerzt das Knie, es knackt der Knöchel, es zwickt im Kreuz. Probleme im Bereich des Bewegungs- und Stützapparates haben immer mehr Menschen, und zwar bis zu
40 Prozent aller Patienten, die den Hausarzt aufsuchen, bestätigt Prim. Dr. Christian Meznik, Ärztlicher Direktor und Leiter der Orthopädie am Landesklinikum Amstetten. Gesundheitliche Probleme mit dem Bewegungsapparat sind daher die häufigste Ursache von Krankenständen. Die neueste Statistik der österreichischen Sozialversicherungen kommt zum selben Schluss: Rund zwei Millionen Österreicher haben im Laufe eines Jahres Schwierigkeiten mit ihrem Bewegungsapparat, und die Tendenz ist steigend.
Daher ist es wenig überraschend, dass die Krankheiten des Bewegungsapparates weit vor Krankheiten des Magen-Darm-Traktes Grund für die stationäre Aufnahme in einem Spital sind, und auch, dass diese Erkrankungen häufigster Anlass für Pensionierungen sind. Warum aber leiden immer mehr Österreicher an Erkrankungen des Bewegungsapparats, und was sind die Gründe dafür?

Körperlich Inaktive verlieren Knochenmasse

Orthopäde Meznik ist Tag für Tag mit Patienten konfrontiert, die Schmerzen in der Wirbelsäule oder den Gelenken haben. Die wesentlichsten Ursachen dafür sind für den Mediziner ganz klar zu erkennen: Bewegungsmangel und damit verbunden Übergewicht. Der Bewegungsapparat braucht also Bewegung, damit er problemlos in Bewegung bleibt. Denn körperlich Inaktive verlieren mit zunehmendem Alter vermehrt Knochenmasse, was bei Stürzen zu einer erhöhten Gefahr von Knochenbrüchen führt. Körperliche Aktivität erhöht den Mineralgehalt der Knochen und senkt so das Risiko für Osteoporose. Außerdem werden bei sportlicher Betätigung die Funktionen des aktiven und passiven Bewegungs- und Stützapparates erhalten und verbessert, was unter anderem Wirbelsäulenerkrankungen vorbeugen kann.
Schon wer täglich zehn Minuten flott geht, leistet einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung seiner Gesundheit. Wer sich nur ein paar Mal öfter als unbedingt nötig aus dem Schreibtischsessel hebt, wenn möglich ohne Unterstützung der Arme, der hat ganz nebenbei ein paar Kniebeugen gemacht. Treppe statt Lift, Rad statt Auto sind altbekannte Tipps, um beweglich zu bleiben. Und wer den Hund nicht bloß vor die Tür setzt, sondern wirklich mit ihm ein oder mehrere Runden „Gassi“ geht, der hat schon was für seine Gesundheit und gegen das Einrosten des Bewegungsapparates getan. Noch dazu an der frischen Luft, im Optimalfall sogar in der Sonne, was auch ganz wichtig ist dafür, dass das Knochengerüst
länger beschwerdefrei seinen Dienst tut. Denn die Sonne macht nicht nur gute Laune, sie sorgt auch dafür, dass sich im Körper Vitamin D bildet, das wichtig ist für den Knochenaufbau.

Vitamin D3 schützt das Skelett

Bei einer Unterversorgung mit Vitamin D kann der Körper nicht genügend Kalzium aus dem Darm aufnehmen, ganz gleich wie viel in der Nahrung enthalten ist. Damit der Kalziumspiegel im Blut nicht abfällt, holt sich der Körper das Kalzium dann aus seinen Depots, den Knochen, um damit Muskeln, Herz und Nerven zu versorgen. Im Laufe der Zeit führt das zu einem Verlust an Knochenmasse. Die Knochen werden porös. Zusätzlich führt der Vitamin-D-Mangel zu einem verminderten Muskeltonus sowie zu herabgesetzter Muskelkraft. Das wiederum erhöht das Risiko zu stürzen, und die schwächere Knochensubstanz erhöht dann zusätzlich das Risiko, sich dabei etwas zu brechen.

Übergewichtige nützen Gelenke schneller ab

Bewegungsmangel ist also einer der Hauptgründe für Probleme mit dem Bewegungs- und Stützapparat, und damit hängt oft die zweite Ursache für orthopädische Erkrankungen zusammen – Über­gewicht. „Übergewichtige Patienten leiden häufig an Arthrose, das ist die vorzeitige Abnützung des Gehapparates“, erklärt Meznik, und: „Muskuläre Probleme wirken sich dabei vorwiegend auf die Wirbelsäule aus.“
Das zusätzliche Gewicht belastet alle Systeme des Körpers, besonders das Herz, die Lunge und natürlich auch das Skelett. Zwar entwickeln alle Menschen mit zunehmendem Alter in einem gewissen Umfang Arthrose. Bei Übergewicht werden die Gelenke durch das höhere Gewicht aber erheblich stärker belastet und dadurch auch abgenützt, weil sie mehr Gewicht tragen müssen als vorgesehen. Den Erkrankten kann geholfen werden, denn die moderne Orthopädie bietet eine Vielzahl an Therapiemöglichkeiten, sowohl konservativ als auch chirurgisch, um betroffenen Patienten das Leben zu erleichtern. 
Frühzeitige Arthrosen im Bereich des Hüft- und Kniegelenkes etwa sind die häufigsten Gründe für chirurgische Maßnahmen – und die Zahl der orthopädischen Eingriffe wird weiter steigen, nicht nur, weil es immer mehr dicke Menschen gibt, ist Meznik überzeugt. „Wir haben es mit immer älteren Patienten zu tun, und die durchschnittliche Lebenserwartung steigt pro Jahr um etwa drei Monate.“
Eine definitive Altersgrenze für Operationen am Bewegungsapparat gibt es nicht. Ob ein chirurgischer Eingriff durchgeführt wird, hängt vom Allgemeinzustand und der Aktivität des betreffenden Patienten ab. Mezniks  ältester Patient war 92 Jahre. Bei diesem Patienten hat der Orthopädie-Primar zwischen dem 90. und 92. Lebensjahr drei neue Gelenke eingesetzt – und die haben den alten Herrn aktiv gehalten.

Nicht für alle Erkrankungen gibt es Heilung

Eine weitere wesentliche Indikation für die stationäre Aufnahme von Patienten in die orthopädische Abteilung des Landesklinikums Amstetten sind Probleme im Bereich der Wirbelsäule, wo sowohl eine konservative als auch eine chirurgische Behandlung möglich ist.
Die  konservative Orthopädie behandelt chronische Schmerzen im Wirbelsäulenbereich durch Methoden wie Infiltrationstechniken, Infusionen und physikalische Therapie. Chirurgische Eingriffe, etwa bei einem Bandscheibenvorfall, können häufig auch endoskopisch, also mit einem sehr kleinen Schnitt, behandelt werden. Die moderne Orthopädie tauscht Gelenke aus, stützt die Wirbelsäule, korrigiert Fehlstellungen.
Es gibt allerdings nicht für alle Krankheiten des Bewegungsapparates Therapie und Heilung, vor allem im Bereich der Wirbelsäule gibt es Schmerzsyndrome, wo die konservative Behandlung versagt und eine chirurgische Therapie nicht berechtigt ist, bestätigt Orthopäde Christian Meznik.
Und es gibt Erkrankungen am Bewegungsapparat, die nicht „selbstverursacht“ sind: Echte rheumatische Erkrankungen sind nicht auf Raubbau an der Gesundheit zurückzuführen und können in ganz seltenen Fällen auch im Kindesalter auftreten. „Diese rheumatischen Erkrankungen können ohne entsprechende medikamentöse Therapie sehr rasch zu schweren Veränderungen am Bewegungsapparat führen“, warnt der Arzt. Und er stellt klar: „Eine Rheuma-Diät gibt es nicht, auch prophylaktische Maßnahmen gegen die Polyarthritis gibt es nicht.“

Gelenkveränderungen und Schmerzen

Rheuma ist ein Sammelbegriff für zahlreiche unterschiedliche Erkrankungen des Bewegungs­apparates. Sie alle verursachen Schmerzen an Gelenken, Muskeln, Knochen, Sehnen und der
Wirbelsäule. Fast jeder wird im Laufe seines Lebens mit rheumatischen Beschwerden konfrontiert. Bei rund zwei Millionen Österreichern entwickelt sich daraus aber eine chronische Erkrankung.
Zu den besonders gefährlichen rheumatischen Krankheiten zählt die chronische Polyarthritis, eine Gelenksentzündung, die oft schon nach kurzer Zeit den Gelenksknorpel angreift und damit die Gelenke zerstört. Ursache der Polyarthritis ist eine Störung unseres Immunsystems, welches außer Kontrolle gerät, überaktiv ist und sich gegen unseren eigenen Körper richtet. Dadurch entstehen Schmerzen, Schwellungen, aber auch Allgemeinsymptome wie Fieber, Schwitzen und starkes Krankheitsgefühl.
Medikamente können bei der Polyarthritis die überaktiven Zellen und Botenstoffe des Immun­systems deaktivieren. Wie bei vielen anderen Krankheiten gilt auch hier: Je früher diese Medikamente eingesetzt werden, desto besser wirken sie.

Schädigungen entgegenwirken

Gegen Rheuma und Polyarthritis kann man sich also nicht schützen, wohl aber Arthrose und anderen Schädigungen des Bewegungs- und Stützapparates entgegenwirken, wenn man den Tipp von Orthopädie-Primarius Meznik beherzigt: „Ganz wesentliche vorbeugende Maßnahmen gegen Erkrankungen am Bewegungsapparat sind viel Bewegung, wenig Gewicht und eine gesunde, ausgewogene Ernährung.“

Vitamin D und seine wichtige Rolle

Unter dem Begriff Vitamin D wird übrigens eine Gruppe von verschiedenen fettlöslichen Vitaminen zusammengefasst, die auch als Calciferole bezeichnet werden. Vor allem die Vitamine D2 und D3 sind für den Menschen wichtig. Beide sind streng genommen keine Vitamine, sondern eher Vorläufer von Hormonen.
Vitamin D2 ist das pflanzliche Ergocalciferol, Vitamin D3 das Cholecalciferol oder Calciol, das in tierischen Lebensmitteln vorkommt und eben in der Haut des Menschen gebildet wird, und zwar, wenn die Sonne mit genügender Intensität auf ein genügend großes Stück Haut scheinen kann. In unseren Breiten ist das höchstens von April bis Oktober der Fall. In den übrigen Monaten sind wir einerseits zu stark bekleidet, und andererseits werden durch den niedrigen Einstrahlwinkel der Sonne so viele UVB-Strahlen von der Atmosphäre absorbiert, dass die Intensität der Strahlen nicht mehr ausreicht, um die Vitamin-D-Bildung im Körper zu veranlassen. Damit der Körper Vitamin D produzieren kann, muss man aber nicht in der Sonne braten, dafür reichen zweimal wöchentlich etwa 15 Minuten an der frischen Luft.
Nicht benötigte Hormone können übrigens im Körperfett gespeichert werden. Der Körper kann an einem schönen Sonnentag bis zu 20.000 Einheiten Vitamin D produzieren. Aus der Nahrung können höchstens 20 Prozent des Bedarfs an Vitamin D gedeckt werden, enthalten vor allem in Fischsorten wie Aal, Lachs oder Rotbarsch, aber auch in Butter, Margarine, Obers und Eiern.
Eine Unterversorgung mit Vitamin D führt aber nicht nur zu Knochen-Erkrankungen, es können auch erhöhte Infekt-Anfälligkeit, Müdigkeit, Muskelschwäche und sogar depressive Verstimmung auftreten.