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Heben Sie den Schleier!

Entscheiden Sie sich endlich fürs Nichtrauchen! Das Rauchertelefon könnte Ihnen dabei helfen, zeigen Experten der NÖ Gebietskrankenkasse. Das Beste: Es lohnt sich.


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„Das Rauchen macht dumm, es macht unfähig zum Denken und Dichten. Es ist auch nur für Müßiggänger, für Menschen, die Langeweile haben.“ Diese gnadenlosen Worte über Raucher werden dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben, und er sagte auch: „Und was kostet der Greuel! Schon jetzt gehen 25 Millionen Taler in Deutschland im Tabakrauch auf, die Summe kann auf 40, 50, 60 Millionen ansteigen. Und kein Hungriger wird gesättigt und kein Nackter bekleidet. Was könnte mit dem Gelde geschehen!“  

In die Luft geblasen

Die Zusammenhänge zwischen Rauchen und volkswirtschaftlichen Kosten waren also wohl schon vor mehr als 200 Jahren bekannt – und Goethe ein Dorn im Auge. Dies ist es auch für heutige Experten, die das Problem allerdings schon mit ganz anderen Zahlen beziffern: Laut einer Studie der Welt-Lungenstiftung und der amerikanischen Krebsgesellschaft belastet das Rauchen die Weltwirtschaft durch Behandlungskosten, verlorener Produktivität und Umweltschäden jährlich mit 500 Milliarden Dollar. Übrigens: 900 Millionen Menschen hungern derzeit in unserer Welt.

Die Machenschaften der Tabakindustrie

Wer freilich satt davon profitiert, dass etwa in Österreich nach wie vor 42 Prozent der Bevölkerung dem tödlichen Laster frönen, ist die Tabakindustrie. Nicht zuletzt deshalb ist der heurige Weltnichtrauchertag am 31. Mai den „Machenschaften der Tabakindustrie“ gewidmet: Den Unternehmern dieses Wirtschaftszweiges wird von ihren Kritikern seit Jahrzehnten das Fehlen jedes sozialen Verantwortungsbewusstseins vorgeworfen. „Die Tabakindustrie hausiert mit tödlichen Waffen. Sie profitiert am Geschäft mit Menschenleben“, sagte etwa schon 1967 Robert Kennedy anlässlich der World Conference on Smoking and Health.
Heute weiß man, dass die Tabakkonzerne in der großen Politik in ihrem Sinne kräftig mitmischen und auf allen Linien versuchen, die Bemühungen der Weltgesundheitsorganisation WHO für den Nichtraucherschutz zu untergraben. Unter anderem sollen Forschungsresultate über die Gefahren des Rauchens und Passivrauchens sowie über die Nikotinabhängigkeit unterdrückt werden, oder man verklagt einzelne Länder und behauptet, die bildlichen Warnhinweise auf Tabakverpackungen würden die Firmen daran hindern, ihre rechtlich geschützten Marken zu benutzen.
Der Weltnichtrauchertag 2012 soll daher auf Wunsch der WHO dazu beitragen, gegen diese „dreisten und zunehmend aggressiven Versuche der Tabakindustrie“ Widerstand zu leisten. Konkret geht es jetzt auch um den WHO-Vertrag zum Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, der von der Tabakwirtschaft ebenfalls energisch bekämpft wird. Und natürlich geht es – nicht nur an diesem Tag – auch darum, wieder einmal eindringlich auf die Gefahren des Rauchens aufmerksam zu machen.

COPD – die stille Gefahr

Eine dieser Gefahren lässt sich mit vier Buchstaben benennen: COPD – die chronisch obstruktive Lungenerkrankung, im Volksmund oft „Raucherlunge“ genannt. Diese unterschätzte Erkrankung ist nicht heilbar. „90 Prozent aller COPD-Patienten sind Raucher oder Exraucher, und bei ihnen liegt eine Behinderung des Atemstromes vor, die – vor allem bei körperlicher Belastung – Atemnot nach sich zieht“, sagt OA Dr. Sylvia Hartl von der 1. Internen Lungenabteilung des Otto Wagner Spitals. COPD entwickelt sich meist über Jahrzehnte hinweg und verläuft in vier Stadien:

  • Stadium 1 – die „milde“ Form von COPD – betrifft fast jeden Raucher und geht oft noch nicht einmal mit Husten oder Atemnot einher.
  • Stadium 2 – oder auch die mittelgradige COPD – erkennt man an Husten, Auswurf und Kurzatmigkeit, die vor allem bei Belastung auftritt und keinesfalls „normal“ ist. „Dies sind ernst zu nehmende Alarmzeichen. In diesem Stadium liegt die Lungenfunktion oft nur mehr bei 50 bis 80 Prozent des Sollwertes“, so Hartl.  
  • In den Stadien 3 und 4 ist dann die Lungenfunktion spürbar eingeschränkt und die Lebensqualität der Betroffenen leidet deutlich. „Nicht vorhersehbar ist allerdings, in welchem Alter die COPD bei empfindlichen Rauchern auftreten wird, und ebenso wenig kann ein stadienhafter Verlauf vorausgesagt werden“, sagt die Expertin.

Sicher ist aber, dass COPD eine sogenannte systemische Erkrankung ist, bei der oft schwerwiegende Begleiterkrankungen wie etwa Diabetes Typ 2, Osteoporose oder Herzprobleme auftreten – alles Krankheiten, die durch COPD verschlechtert werden können und die umgekehrt auch auf den COPD-Verlauf eine negative Auswirkung haben.
Durch COPD entstandene Schäden lassen sich nicht mehr rückgängig machen, doch – und das ist die einzige gute Nachricht in diesem Zusammenhang – es ist möglich, das Fort­schreiten der Erkrankung zu verzögern oder zu stoppen, weiß Sylvia Hartl: „Der wichtigste
eitrag, den COPD-Patienten bzw. Raucher zur Verbesserung ihrer Situation leisten können, ist, mit dem Rauchen aufzuhören.“

Das Rauchertelefon hilft

Eine effiziente Hilfe dafür ist das österreichweite Rauchertelefon der Sozialversicherungsträger, aller Bundesländer und des Bundesministeriums für Gesundheit (siehe Kasten S. 18). Hier beraten klinische und Gesundheitspsychologinnen, die sowohl im Thema Tabakentwöhnung als auch im Medium Telefonberatung speziell geschult sind. Zusätzlich wird das Team in organisatorischen Belangen durch eine Gesundheitsmanagerin unterstützt.
„Telefonische Raucherentwöhnung unterscheidet sich nur geringfügig von jener, die persönlich in Einzel- oder Gruppengesprächen durchgeführt wird“, erklärt dazu die fachliche Leiterin des Rauchertelefons, MMag. Sophie Meingassner. „Denn wie bei anderen Beratungen ist auch beim Rauchertelefon eine regelmäßige Betreuung über mehrere Wochen hinweg vorgesehen.“
Das erste Gespräch dient dazu, das Angebot zu erklären und die richtige Methode für den entwöhnungswilligen Raucher zu finden. Besprochen werden bisherige Erfahrungen und individuelle Ziele, Erwartungen und Motivationen. „Einen weiteren Schwerpunkt des Erstgesprächs bildet die Erhebung des individuellen Rauchverhaltens. Gemeinsam mit den Expertinnen des Rauchertelefons werden dann in den folgenden Beratungen Strategien und Verhaltensalternativen für typische Rauchsituationen entwickelt. Außerdem werden wichtige Themen wie etwa der Umgang mit Verlangensattacken, Ernährung, Bewegung und medikamentöse Unterstützung besprochen“, so Meingassner.
Nach Abschluss der Beratung besteht natürlich jederzeit weiterhin die Möglichkeit, beim Rauchertelefon anzurufen und sich Unterstützung für schwierige Situationen zu holen.
Ein weiteres, gern in Anspruch genommenes Service der Beratungseinrichtung ist ein Forum auf der Homepage www.rauchertelefon.at, in dem man sich mit anderen Gleichgesinnten sowie Expertinnen und Experten zum Thema Tabak und Nikotin austauschen kann. Außerdem steht auf der Homepage, die auch viele nützliche Informationen und Downloads enthält, ein Online-Entwöhnungsprogramm zur Verfügung, sowie Adressen von Institutionen, die Tabakentwöhnung anbieten.

Der Königsweg

Welche Methode empfehlen die Experten als „beste“ auf dem Weg zum Rauchstopp?  „Bei der Schlusspunktmethode wird ein Rauchstopptag festgelegt, auf den man sich möglichst gut vorbereiten sollte“, erklärt Rauchertelefon-Leiterin Sophie Meingasser. „Man klärt, wie stark die Abhängigkeit ist, ob man Nikotinersatzpräparate oder medikamentöse Unterstützung brauchen wird, wie man mit Stresssituationen anders umgehen kann, welche Alternativen man in ‚nikotinbesetzten‘ Situationen hat, was man tut, wenn Raucher zu Besuch kommen etc. Das Rauchertelefon bietet in der ersten Zeit sehr intensive Begleitung an, und bei Bedarf individuelle Termine.“
Diese psychologische Unterstützung beim Rauchstopp ist sehr wichtig, denn je größer die Abhängigkeit, umso mehr Unterstützung braucht ein Entwöhnwilliger, und individuell muss die Sache auch sein, denn jeder Raucher raucht anders und braucht seinen ganz persönlichen Weg, um den Schleier des blauen Dunstes heben zu können.

Das Rauchertelefon – Ihre Chance zum Rauchstopp

Für alle Fragen, Information und Beratung rund ums Thema Rauchstopp und Nichtrauchen stehen Ihnen erfahrene und speziell auf dieses Thema geschulte Psychologinnen unter der Nummer 0810 810 013 zur Verfügung. Die Expertinnen sind österreichweit von Montag bis Freitag zwischen 10 und 18 Uhr telefonisch (max. 0,10 Euro/Minute) erreichbar. Sie können Ihre Anfrage aber auch per E-Mail senden: info@rauchertelefon.at
Das Rauchertelefon richtet sich an Raucher, Exraucher, Angehörige und Interessierte. Die Beraterinnen freuen sich darauf, Sie beim Start in ein rauchfreies Leben zu unterstützen und zu begleiten.

Informationen: www.rauchertelefon.at

Das Rauchertelefon – eine Erfolgsgeschichte

Durchschnittlich rufen pro Tag 18 Interessierte beim Rauchertelefon an. Im Jahr 2011 haben die Expertinnen insgesamt 2.622 Klientinnen und Klienten beraten sowie 3.640 Informations- und Beratungsgespräche geführt.
Bei zwei Nachbefragungen zeigte sich, dass ein Drittel derjenigen, die Beratung beim Rauchertelefon in Anspruch genommen haben, zum Zeitpunkt der Nachbefragung noch rauchfrei war, ein weiteres Drittel hat den Zigarettenkonsum reduziert.

5 Mythen ums Rauchen und ihre Entzauberung

Interview mit MMag. Sophie Meingassner, fachliche Leiterin des Rauchertelefons

G+L: Viele Menschen glauben, dass sie sich mit einer Zigarette besser entspannen können als ohne. Was ist dran an diesem Mythos?
Meingassner: 20 Minuten nach der letzten Zigarette beginnt eine Unruhe, diese wird mit einer weiteren Zigarette gelöst und das wirkt scheinbar entspannend. Aber eigentlich handelt es sich um die Linderung von Entzugssymptomen, die man ohne Zigarette gar nicht hätte.

G+L: Oft heißt es, Nikotin habe eine anregende Wirkung. Wie lange hält sie an?
Meingassner: Die Zigarette wirkt sehr schnell, die Wirkung ist innerhalb von Sekunden spürbar. Dafür hält sie aber auch nicht sehr lange an, weil Nikotin relativ schnell wieder abgebaut wird. Die Halbwertszeit von Nikotin ist durch den Gewöhnungseffekt bei Rauchern und Nichtrauchern unterschiedlich lang. Bei Rauchern beträgt sie nur 30 bis 60 Minuten, bei Nichtrauchern dagegen zwei bis drei Stunden.

G+L: Raucher berichten oft, sie könnten Stress besser bewältigen, wenn sie sich Nikotin zuführen. Was halten Sie dem entgegen?
Meingassner: Viel von dem Stress entsteht eigentlich erst durch die Zigarette, aber sie wird natürlich bei Stress „eingesetzt“. Beim Rauchstopp ist es wirklich hilfreich, zu beobachten, wie man selber auf Stress reagiert, um gesunde Strategien zur Stressbewältigung anzuwenden, die zur eigenen Person passen. Das kann Sport, Gesellschaft, Ablenkung durch Lesen oder Meditation sein. Möglichkeiten gibt es da enorm viele.

G+L: Viele Raucher fürchten den Rauchstopp, weil er angeblich mit Gewichtszunahme verbunden ist. Wie schwerwiegend ist dieser Aspekt wirklich?
Meingassner: Nikotin kurbelt den Stoffwechsel an, hemmt den Appetit, und zerstört die Geschmacksknospen. Durch den Rauchstopp verlangsamt sich der Stoffwechsel, der Appetit kommt zurück, die Geschmacksknospen erholen sich, und anstelle der Zigarette wird meist zu oft ein gutes Häppchen in den Mund gesteckt. Das alles sind Gründe, warum es nach dem Rauchstopp sehr leicht ist, zuzunehmen. Wenn man sich dieser Gründe bewusst ist, kann man durch Ernährungsumstellung und Bewegung im Idealfall schon vor dem Rauchstopp der Gewichtszunahme sehr gut entgegenwirken.

G+L: Rauchen wird oft auch als cool und lässig angesehen, und gerade junge Menschen greifen auch deshalb zur Zigarette. Gehört man nur dazu, wenn man raucht?
Meingassner: In der Wahrnehmung vieler Jugendlicher ist das leider so. Wenn die absurden Aspekte des Zigarettenkonsums und der Strategien der Tabakindustrie den Jugendlichen klarer gemacht werden könnten, und sie durch höhere Zigarettenpreise und strengere Tabakgesetze besser vor der Abhängigkeit und vor Passivrauch geschützt werden könnten, wäre Österreich einen großen Schritt weiter und hätte vielleicht nicht mehr die höchste Raucherrate bei den 15-Jährigen.

Die Tschicktauschbörse

Die Tschicktauschbörse ist eine öffentlichkeitswirksame Aktion der Sozialversicherungsträger anlässlich des Weltnichtrauchertages am 31. Mai. Rund um diesen Tag veranstalten alle Sozialversicherungs­träger Aktionen zum Thema Tabak und Nikotin, die darauf hinweisen, dass jede nicht gerauchte Zigarette ein Gewinn und eine Investition in die Gesundheit ist. Weiters werden die Angebote der Sozialversicherungsträger im Bereich Tabakentwöhnung und des Rauchertelefons beworben.
Bei der Tschicktauschbörse selbst können Raucher symbolisch eine Zigarette „für“ Gesundheit tauschen. Zusätzlich zur gewonnenen Gesundheit erhält man kleine Geschenke, wie z. B. Geduldspiele oder Stressbälle zur Ablenkung. Vor Ort kann man Beratung zum Rauchstopp in Anspruch nehmen.

Buchtipp

OA Dr. Sylvia Hartl: Husten – Atemnot, COPD. Gesund werden. Gesund bleiben Band 3. Eine Buchreihe des Hauptverbandes der  österreichischen Sozialversicherungsträger für Patienten und Angehörige. MedMedia Verlag 2012.
ISBN: 978-3-9501446-4-2
Seit 30. Mai erhältlich im Buchhandel oder direkt
beim Verlag (01/4073111-43, Nicole Kaeßmayer)

Zu bestellen unter www.gesundheitsbuch.at