Übergewicht? Nein, danke!
Kinder stehen mit einer gesunden Lebensweise oft auf Kriegsfuß. Das muss nicht sein. Erfahren Sie, was Sie als Elternteil tun können, um Naschkatzen und Stubenhockern zu einem gesünderen Leben zu verhelfen.
„Kinder haben einen hohen Bedarf an aufbauenden Nährstoffen“, erklärt Ernährungsexpertin Christa Rameder von der Initiative „Gesundes Niederösterreich: Tut gut!“
„Bewegung kann überalll stattfinden“, weiß Sportwissenschafterin Alexandra Fuchs von der Initiative „Gesundes Niederösterreich: Tut gut!“ Sie empfiehlt täglich 60 „aktive Minuten“.
Ist Ihr Sprössling eine ruhelose Sportskanone, ein kleiner, liebenswürdiger Hupfauf, der in seinem Bewegungsbedürfnis kaum zu bremsen ist? Und gehören seine Essgewohnheiten in die Kategorie „alles, was gesund ist, esse ich mit Leidenschaft“? Dann herzlichen Glückwunsch! Viele Eltern werden Sie um Ihren vorbildlich gesundheitsorientierten Spross beneiden. Denn die meisten Erziehungsverantwortlichen leben mit eher „eifrig unaktiven“ Couchpotatoes, deren Bewegungsdrang sich auf das Bedienen der neuen Playstation beschränkt. Als Elternteil kann man an den Vorstellungen der Kids, was gesund ist, schon einmal verzweifeln. Insbesondere weil es immer mehr übergewichtige Kinder gibt.
Resignieren wäre der falsche Weg. Gerade wenn es um das Gesundheitsverhalten der Kinder geht, sollten Sie einen langen Atem beweisen. Und was ganz besonders wichtig ist: Sie müssen Vorbild sein!
Eine „gewichtige“ Statistik
Im deutschsprachigen Raum ist bereits jedes vierte Kind zu dick. Eine traurige Statistik, wenn man bedenkt, dass die kleinen Schwergewichte körperliche Folgeschäden davontragen – von Diabetes und Bluthochdruck bis hin zu Herzerkrankungen, und das schon in ganz jungen Jahren. Die Seele leidet mit, zumal sich übergewichtige Kinder oft dem Gespött anderer aussetzen müssen. Kummerspeck ist dabei nur eine von vielen Ursachen für überflüssige Pfunde. Auch Bewegungsmangel steht damit in engem Zusammenhang. Studien zufolge bewegen sich 6- bis 10-Jährige nur eine Stunde pro Tag. In den siebziger Jahren waren Kids etwa drei bis vier Stunden sportlich aktiv.
Soziale Komponenten beeinflussen die gesundheitliche Entwicklung des Kindes ebenfalls: Medizinsoziologen der Uniklinik Köln haben herausgefunden, dass Personen aus unteren sozialen Schichten mit geringeren ökonomischen Mitteln tendenziell benachteiligt sind. Das Problem sei aber weniger das fehlende Geld als der Lebensstil, weiß der Kölner Soziologe Dr. Christian Janssen: „Ernährung, Bewegung und Sucht haben wenig mit Geldmangel und nichts mit schlechter ärztlicher Versorgung zu tun, aber viel mit ungesundem Verhalten, sogar schon vor der Geburt. Denn Frauen aus der unteren sozialen Schicht rauchen und trinken häufiger, auch während einer Schwangerschaft.“
Kinder sind Imitationskünstler
Haben Sie schon einmal beobachtet, mit welcher Inbrunst kleine Kinder ihre Eltern imitieren? Mädchen schauen ihrer Mutter beim Schminken zu und erproben später klammheimlich die Lippenstiftkollektion am eigenen Gesicht, Buben übernehmen die Gestik und Mimik ihres Vaters. Fakt ist: Eltern haben in Sachen Vorbildwirkung enormen Einfluss. Diese Orientierungsfunktion wird am deutlichsten bei den Essgewohnheiten: Michis Papa bekommt beim
Mittagessen ständig eine „Extrawurst“ serviert – im übertragenen Sinne: Er braucht was „G’scheites“ auf seinem Teller, Gemüse und vollwertige Kost assoziiert er nicht damit. „Mit so was brauchst du mir gar nicht erst kommen“, gibt das „Oberhaupt“ der Familie Michis Mama zu verstehen, wenn diese „neumodisches und völlig indiskutables Ökozeugs“ serviert. Auch Michi lehnt den liebevoll zubereiteten Salat zunehmend ab. Er kann nicht verstehen, wieso er sich an marinierten grünen Blättern erfreuen soll, während sich sein Papa ausschließlich am Braten festhält.
Ähnlich verhält es sich bei den Bewegungsambitionen der Kleinen: „Die Einstellung zu Bewegung und Sport wird im Kindes- und Jugendalter geprägt“, weiß Mag. Alexandra Fuchs, Sportwissenschafterin der Initiative „Gesundes Niederösterreich: Tut gut!“. „Die Treppe statt des Liftes zu benutzen, regelmäßige Spaziergänge – auch als Ritual vor dem Schlafengehen, Einkäufe zu Fuß oder mit dem Rad anstelle des Autos erledigen, sind nur einige Beispiele für ein bewegtes Familienleben.“
Die Sache mit den Ausreden
„In unserer Familie sind alle dick, das ist halt so.“ Haben Sie sich auch schon einmal dabei ertappt, die Gene als Erklärung für überflüssige Kilos heranzuziehen? Christa Rameder, Ernährungsexpertin bei der Initiative „Gesundes Niederösterreich: Tut gut!“ gibt zu bedenken, dass „nicht alles an den Genen liegt.“ Zwar gebe es eine genetische Disposition, doch meist sind es falsche, antrainierte Ernährungs- und Erziehungsmuster, die Eltern an ihre Kinder weitergeben. Bestes Beispiel: „Manche Kinder müssen erst aufessen, bevor sie aufstehen dürfen“, weiß Rameder. Oder der Klassiker: „Das Löffelchen für Mama und Papa …“ Auch Zeitmangel steht im Ranking der besten Ausflüchte ganz weit oben. Wenn es schnell gehen muss, greifen viele Eltern auf Fast Food und Fertigprodukte zurück. Ab und zu sei das in Ordnung, allerdings sollten diese Produkte nicht regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. „Durch die starke Verarbeitung kommt es zu hohen Nährstoffverlusten. Zudem enthalten Fertigprodukte viel Fett, Salz, Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker“, weiß Christa Rameder. Gut ausgewählt und sinnvoll mit Frischkost kombiniert, sei allerdings gegen das eine oder andere fertige Gericht nichts einzuwenden.
Altersgemäße Ernährung leicht gemacht
Wie sollte der Speiseplan für ein Kind konkret aussehen? Natürliche – also nicht bis kaum verarbeitete – Nahrungsmittel bieten die beste Basis für eine vollwertige Kinderkost. „Kinder haben einen hohen Bedarf an aufbauenden Nährstoffen“, erklärt Ernährungsexpertin Rameder. Speziell der Bedarf an Eiweiß, Baustoff für Zellen und Gewebe, ist im Wachstum erhöht. Auch Vitamine und Mineralstoffe sind für die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit unerlässlich. Ihr Kind darf reichliche Gemüse- und Obstportionen sowie Vollkorn- und Milchprodukte zu sich nehmen. Ein- bis zweimal pro Woche sollte Fisch als Quelle für Jod und Omega-3-Fettsäuren auf dem Speiseplan stehen. Mageres Fleisch und Wurstwaren darf es zwei- bis dreimal pro Woche geben.
Ein besonderes Augenmerk gilt dem Trinken: Schon ein Flüssigkeitsmangel von nur zwei Prozent führt zu einer deutlichen Abnahme der Leistungsfähigkeit. Bei der Auswahl der Getränke heißt es aufpassen, denn „zuckerreiche Fruchtsäfte und Limonaden können Übergewicht begünstigen“, warnt Christa Rameder. Stark verdünnte reine Fruchtsäfte, Tees und Leitungswasser sind ideale Durstlöscher.
Und wie sieht es mit Süßigkeiten aus? Verbote machen Lebensmittel nur interessanter. Wichtig sei, Süßes nicht als Belohnung anzubieten. Die Ernährungsexpertin rät Eltern zu einem „Pakt“ mit ihren Naschkatzen: Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind eine „Wochenration“ an Süßigkeiten. So muss es darum nicht kämpfen. Als Faustregel gilt: eine kleine Portion Süßes pro Tag, empfiehlt Rameder: „So viel, wie in die Grube der Hand Ihres Kindes passt, darf es täglich essen. Das kann ein kleines Stückchen Kuchen oder ein kleiner Schokoriegel sein.“
Schwierig gestaltet sich die Speiseplanzusammenstellung oft für einkommensschwache Familien. Auch da hat die Expertin guten Rat parat: „Überlegen Sie sich zu Wochenbeginn, was Sie an den einzelnen Tagen kochen wollen und gehen Sie gezielt einkaufen. Bevorzugen Sie dabei regionale und saisonale Lebensmittel und greifen Sie auf unverpackte Waren zurück. Das erleichtert Ihnen, ausschließlich jene Menge zu kaufen, die Sie tatsächlich benötigen.“
Start frei für Bewegung
Gut ernährt ist nur halb gewonnen. Mindestens ebenso wichtig sind ausreichende Bewegungseinheiten. Wie viel Bewegung brauchen Kinder? Bewegungsexpertin Alexandra Fuchs rät: „Kinder und Jugendliche sollten jeden Tag mindestens 60 Minuten mit zumindest mittlerer Intensität körperlich aktiv sein. Mittlere Intensität heißt, dass während der Bewegung noch gesprochen, aber nicht mehr gesungen werden kann.“
Für die Kleinsten und Volksschulkinder rät Fuchs: „Wenn Sie nicht rausgehen können, regen Sie Ihr Kind auch in der Wohnung zu Bewegung an: Matratzen, Kartons, Sessel, Kisten und Bälle bilden eine spannende Bewegungslandschaft. Ob robben, krabbeln, hüpfen, kugeln, drehen, balancieren, Purzelbäume schlagen, klettern, springen, rennen, rutschen, laufen, toben, schaukeln, tanzen – bewegen ist ein Grundbedürfnis, für das es auch im eigenen Wohnumfeld Möglichkeiten gibt.“ Entscheidend dabei: „Finden Sie eine gute Balance zwischen Computer, Fernsehen und Bewegen. Geben Sie Ihrem Kind Anregungen, Ihr Kind wird eigene Ideen kreieren und bald ohne Erwachsene und mit anderen Kindern spielen.“ Bei der sportlichen Ausbildung der Kinder liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung der koordinativen Fähigkeiten. Ab dem Schuleintritt ist es Zeit, Sportarten verstärkt kennen zu lernen und auszuprobieren. Der Spaß steht dabei im Vordergrund, betont Sportwissenschafterin Alexandra Fuchs. Bewegungserfahrungen sind in der Altersstufe der
6- bis 10-Jährigen wichtig, wie schwimmen, Ski fahren, Ballsportarten und vieles mehr. Zwischen 10 und
14 Jahren ist es dann Zeit, zum Könner in unterschiedlichen Sportarten zu werden.
Hand in Hand in ein gesundes Leben
Wie kann man den Nachwuchs zu mehr Bewegungsfreude motivieren? Wichtig ist vor allem die Vorbildwirkung. „Sport ist Mord“-Eltern dürfen von ihrem Kind keine gegenteilige Haltung erwarten. Entscheidend ist es auch, Bewegung zuzulassen, betont Expertin Fuchs. „Versuchen Sie Ihr Kind nicht mit zu vielen Sicherheitsbedenken abzuschirmen.“ Zudem gilt es, Bewegung zu ritualisieren – der gemeinsame Spaziergang am Nachmittag oder abends ist genauso eine Möglichkeit wie ein Sportvormittag am Wochenende (gemeinsames Laufen oder Radfahren, Schwimmen oder Minigolfspielen) – wichtig dabei ist, dass der Spaß im Vordergrund steht.
Spaß ist auch das abschließende Stichwort, denn eine gesunde Lebensweise hat weniger mit Disziplinierung und Zwang, denn mit Genuss, Lebensfreude und Gemeinsamkeiten zu tun. In diesem Sinne: Starten Sie mit Ihrem Kind Hand in Hand in ein gesundes Leben.
„Durch Dick und Dünn“
Eine gesunde Lebensführung und die Prävention von Übergewicht und dessen Folgen sind wichtig. Ebenso bedeutungsvoll sind auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmte Interventionen bei bestehendem Übergewicht. Das NÖ Gesundheitsprogramm „Durch Dick und Dünn“ unterstützt übergewichtige Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern beim Verändern von Ernährungsgewohnheiten. Gleichzeitig wird in den Kursen ein aktiveres Freizeitverhalten gefördert, damit Körper- und Selbstbewusstsein gestärkt werden.
„Durch Dick und Dünn“ wird in Zusammenarbeit mit den Kinder- und Jugendabteilungen der NÖ Landeskliniken von qualifizierten Fachleuten aus den Bereichen Ernährung, Bewegung, Psychologie, Kinder- und Jugendmedizin, Psychotherapie und Pädagogik betreut.
Wer kann teilnehmen? Alle niederösterreichischen Kinder und Jugendlichen. Voraussetzungen sind ein positives Aufnahmegespräch und eine Untersuchung zur Abklärung der Gesundheitsparameter.
Informationen + Kontakt: „Gesünder Leben“-Hotline 02742/22655, www.gesundesnoe.at





