Turnen – ein Kinderspiel
Turnen im Kleinkindalter ist gesund, macht Spaß und stillt den Bewegungsdrang der Kleinen. Auf spielerische Weise lernen Kinder zusammen mit ihren Eltern Geschicklichkeit und Freude an der Bewegung.

Ein Parcours mit verschiedenen Turngeräten lockt die Kinder. Mit Mamas Hilfe geht‘s hinauf auf die Ringe. Foto: Felicitas Matern
Bewegung, Bewegung, Bewegung. Die Eltern, die mit ihren Kindern am Eltern-Kind-Turnen der Sportunion teilnehmen, sind sich einig: Ihre
Kleinen, allesamt im Alter zwischen anderthalb und etwa drei Jahren, wollen und müssen sich viel bewegen. „Joshua ist ein Kletterer. Er muss raus, sonst wird’s zu langweilig“, sagt Peter Chifflard, Vater des zwanzig Monate alten Joshua. Von Langeweile ist keine Spur, wenn über dreißig Kinder mit ihren Eltern durch die Turnhalle der Dr.-Theodor-Körner-Hauptschule in St. Pölten laufen, hopsen und rollen. Die Kinder, die nicht das erste Mal da sind, wissen, dass das Turnen mit dem Lied über Konradus Knipperdottel, den Hampelmann, startet, singen laut mit und kennen die Bewegungen dazu: Winkt Konradus, winken Eltern und Kinder, wackelt er mit dem Po, bewegen alle ihr Hinterteil. Der Geräuschpegel ist beachtlich, und um sich bemerkbar zu machen, schüttelt Margit Hauss, die das Turnen mit ihrer Tochter Birgit leitet, ein Tamburin, bevor sie eine neue Übung erklärt. Die Erwachsenen sollen sich breitbeinig aufstellen, die Kinder um deren Beine krabbeln. „Die Kinder bitte zu Achterschlingen anleiten, das ist gut für die Vernetzungen im Gehirn“, ruft Hauss. Der kleine Joshua im grünen Shirt krabbelt also
zwischen den Beinen seines Vaters durch.
Geschicklichkeit üben auf der „Wellenbahn“
Nach der Aufwärmphase schüttelt Margit Hauss, gelernte Kindergarten- und Hortpädagogin, das Tamburin und ruft alle in die Mitte des Turnsaales zusammen, wo sich Eltern und Kinder im Kreis aufsetzen. „Für alle, die das erste Mal da sind: Wir helfen alle beim Aufbau zusammen“, erklärt sie und teilt Bilder mit den Sportgeräten aus. Und es geht los: Dicke und dünne Turnmatten, Langbänke, große Medizinbälle werden geschleppt und aufgebaut. Ein Parcours mit verschiedenen Turnstationen entsteht, den die Kinder durchlaufen können. In der nächsten halben Stunde klettern die Kleinen die Sprossenwand hoch, um auf einer dort eingehängten Langbank herunterzurutschen, balancieren über eine zwischen zwei Kästen befestigte Langbank einen Meter über dem Boden, hüpfen auf einem Trampolin, schaukeln an den Ringen, die von der Turnsaaldecke hängen, krabbeln über eine Matte, die über dem Reck hängt und bezwingen die „Wellenbahn“.
Von letzterer sind die dreieinhalbjährige Johanna und ihr zwei Jahre alter Bruder Michael besonders begeistert: Schwere Medizinbälle unter einer langen Teppichbahn lassen ein unebenes Gelände entstehen, auf dem die Kinder ihre Geschicklichkeit üben können. Johanna und Michael waren mit ihrer Mutter Silvia schon im vergangenen Jahr dabei.
„Ich finde es vor allem toll im Herbst und Winter, wenn es draußen schon kühler ist, dass man mit ihnen Bewegung machen kann“, erklärt
Silvia Stockinger. Und sie fügt hinzu: „Das gemeinsame Turnen macht Spaß.“
Nicht in die Wiege gelegt
Wie wichtig es ist, dass Eltern sich zusammen mit ihren Sprösslingen bewegen, bestätigt Dr. Ulrike Kummer-Frosch, Schulärztin am Gymnasium Frauengasse in Baden und angehende Sportmedizinerin. „Freude an der Bewegung ist den Kindern nicht in die Wiege gelegt“, meint die Medizinerin und betont, dass auch „Koordination und Motorik erlernt bzw. antrainiert werden müssen. Es gibt Kinder, die keinen Purzelbaum machen können“, klagt Kummer-Frosch.
Das liegt aber nicht daran, dass sie dazu nicht in der Lage wären, sondern die Geschicklichkeit, die die Kinder beim Sport an den Tag legen, hängt davon ab, in welchem Maße ihre Eltern ihnen Bewegung schmackhaft machen. Und damit kann man nicht früh genug beginnen, ist Kummer-Frosch überzeugt. Die ersten sechs Lebensjahre sind sehr prägend, wenn es darum geht, die Freude an der Bewegung zu vermitteln – am besten durch das eigene Vorleben.
Das spielerische Eltern-Kind-Turnen ist für die Ärztin dafür ein guter Weg, weil die Kinder ihren Körper und ihre Grenzen spüren können. Die Liste der positiven Auswirkungen von Bewegung im Kleinkindalter ist lang: Haltungsschäden, mit denen Kummer-Frosch als Schulärztin zur Genüge konfrontiert ist, sind bei Kindern, die trainiert sind, seltener, denn gute Muskulatur fördert die Ausbildung des Bewegungsapparates. Sportliche Kinder sind meist bessere Schüler, weil sie sich gut konzentrieren können, und sie sind belastbarer und weniger oft psychisch auffällig, weil sie gelernt haben, körperlich an ihre Grenzen zu gehen.
Bewegung fördert das Immunsystem, und Verletzungen kommen seltener vor, weil die Kinder ein gutes Körpergefühl und dazu viel Geschicklichkeit entwickelt haben. Was Kummer-Frosch für die Kleinsten empfiehlt: „Nicht zu lange und nicht zu viel Programm. Die Kinder sollen nicht überfordert werden.“
Soziales Miteinander lernen
Margit Hauss ist derselben Meinung. Als Kindergartenpädagogin weiß sie, was Kinder in diesem Alter können und wählt die Übungen dementsprechend aus. Verletzungen gab’s bis jetzt – Hauss ist seit über 20 Jahren dabei – Gott sei Dank noch nie. Die Geräte werden so gut wie möglich abgesichert und die Eltern angehalten, ihren Kindern nicht zu viel zuzumuten. „Ich sage oft, dass die Kinder turnen können und nicht müssen.“
Hauss kritisiert den Ehrgeiz, den manche Eltern haben, wenn sie von ihrem Kind erwarten, dass es etwas Bestimmtes kann oder tut. „Die Kinder lernen auch durch das Zuschauen so viel“, ist sie überzeugt. Die Entwicklung innerhalb eines Jahres ist ihrer Erfahrung nach enorm, die Kinder werden beweglicher und geschickter. Sie lernen zum Beispiel, wie sie richtig fallen, ohne sich zu verletzen.
Auch die Kinder, die nur zuzuschauen scheinen, können auf einmal Bewegungen, die ihre Eltern staunen lassen. „Es gibt zu jeder Übung immer einen tieferen Hintergrund“, erklärt Hauss. Das sei sehr wichtig, auch wenn die Eltern das nicht unbedingt wissen müssen. Auf der „Wellenbahn“ beispielsweise lernen die Kleinen flexibel zu sein und schnell zu reagieren, das Balancieren auf der Langbank fördert das Gleichgewicht und das Trampolin unterstützt beim Springen.
Das Trampolin ist bei der zweijährigen Amelie, die mit Mama und Oma gekommen ist, der große Hit. Aber nicht nur bei ihr: Die Schlange ist lang und Warten ist angesagt. Amelie findet das nicht so toll und bringt das lautstark mit Tränen und Gebrüll zum Ausdruck. Am Anstellen führt aber kein Weg vorbei. „Was unbewusst gelernt wird, ist das soziale Miteinander. Das ist so wichtig: Rücksicht nehmen, warten können. Wenn sie es von klein auf schon lernen, geht’s auch leichter“, meint Hauss. „Am Anfang ist das total schwierig und gegen Jahresende wird es immer ruhiger.“
Nach vielen „Bravo!“, „Super gemacht!“ und „ho-ho-ho-hopp!“ von Seiten der Mamas und Papas, die ihre Kinder eine Stunde lang motiviert, gesichert, angefeuert, unterstützt, gebremst und wenn nötig getröstet haben, werden die Stationen abgebaut und die Turngeräte weggeräumt. Wieder treffen sich alle im Kreis, singen gemeinsam und dann gibt es noch einmal ein Gewimmel, wenn die Kinder mit ihren Eltern zu „Paulchen Panther“ wild durch die Halle laufen.
Nach und nach leert sich der Turnsaal, Eltern und Kinder gehen in die Umkleideräume und es wird ruhig. In einer Woche wird Konradus Knipperdottel, der Hampelmann, wieder winken und mit dem Po wackeln – und die Kinder mit ihren Eltern werden es ihm gleichtun.




