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Time is brain

Im Notfall Schlaganfall, hierzulande die dritthäufigste Todesursache, lautet die oberste Devise, keine Zeit zu verlieren. In Niederösterreich garantiert ein vorbildliches Stroke-Unit-System die bestmögliche Versorgung.


Jährlich erleiden rund 20.000 Österreicher einen Schlaganfall, das bedeutet ein Schlaganfall alle sechs Minuten! Und: Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache in Österreich. Bei dieser plötzlichen Durchblutungsstörung erhalten die Nervenzellen im Gehirn zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe und gehen zugrunde. Je nachdem, welcher Gehirnanteil betroffen ist, bilden sich unterschiedliche Symptome aus, meist entstehen halbseitige Lähmungen, wobei der Mundwinkel der betroffenen Seite herabhängt und Sprach- und Gefühlsstörungen auftreten. Die Experten unterscheiden den Schlaganfall durch Gefäßverschluss, von dem rund 80 Prozent der Patienten betroffen sind, und den Schlaganfall durch Hirnblutung.

Warten auf den Hausarzt?

„Das Fatale am Schlaganfall ist, dass er nicht weh tut, und Herr und Frau Österreicher tendieren dazu, auch dann, wenn sich etwas Auffälliges zeigt, das aber nicht schmerzt, lieber zu warten, bis der Hausarzt Zeit hat. Doch bis das der Fall ist, sind in der Regel schon irreversible Schädigungen entstanden“, warnt Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Brainin, Ärztlicher Leiter der Abteilung Neurologie am Landesklinikum Tulln. „In der Tat ist der Schlaganfall ein Notfall, und es geht darum, sofort – das heißt ohne den geringsten Zeitverlust – die Rettung zu rufen, die den Patienten ebenso umgehend an eine spezielle Schlaganfalleinheit bringt.“
„Time is brain“, wiederholt der engagierte Experte, denn tatsächlich müssen sofort die notwendigen medizinischen Untersuchungen durchgeführt werden und daran anschließend die Behandlung erfolgen. Diese kann je nach Blutungsstärke von einer neurologischen Überwachung in der Klinik bis hin zu einem operativen Eingriff reichen. Bei Schlaganfall ist auch eine rechtzeitige sogenannte Thrombolysetherapie sinnvoll bzw. notwendig. Dabei wird das Blutgerinnsel medikamentös aufgelöst, der  Gefäßverschluss beseitigt und damit die Durchblutung wieder hergestellt.

Neue Erkenntnisse

Bei dieser wie auch anderen medizinischen Behandlungsoptionen für den Schlaganfall gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse: „Die Lysetherapie ist verlässlicher geworden. Auch das Zeitfenster, innerhalb dessen die Akutversorgung stattfinden muss, lässt sich heute etwas ausdehnen: von drei auf viereinhalb Stunden. Zudem können wir auch immer ältere Menschen – früher lag die Altersgrenze bei 80 Jahren – behandeln, und bei den großen Verschlüssen erzielen wir teilweise mit dem Einsatz von Katheterlysen gute Erfolge. Bei dieser neuen Therapie wird ähnlich wie beim Herzkatheter ein Hirnkatheter gelegt und der Gefäßverschluss lokal beseitigt“, berichtet Michael Brainin, „allerdings sind wir hier erst am Anfang und unser Zentrum in Tulln ist diesbezüglich schon funktional.“
Die Therapie perfekt zu managen, dafür sind die Profis auf einer speziellen Schlaganfalleinheit – auch Stroke Unit genannt – am besten in der Lage, und Studien zeigen auch eindeutig, dass die frühe Behandlung des Schlaganfalls auf einer solchen Stroke Unit für den Betroffenen zu einem eindeutig besseren Ergebnis führt als die Behandlung an einer allgemeinen Krankenstation.

In Österreich ist diese rasche und kompetente Versorgung von Schlaganfallpatienten wie kaum irgendwo anders auf der Welt gewährleistet. „Wir verfügen jetzt über 36 Stroke Units und ein Netzwerk, innerhalb dessen 90 Prozent aller Schlaganfallpatienten innerhalb von 45 Minuten zu einer solchen Schlaganfalleinheit transportiert werden können. In den meisten Fällen sind die Wegzeiten noch kürzer“, sagt Brainin, der bei der Einführung des Stroke-Unit-Systems in Österreich und Europa federführend beteiligt war. Die erste akute Stroke Unit wurde übrigens von ihm am Landeskrankenhaus Gugging (nunmehr übersiedelt ins Landesklinikum Tulln) aufgebaut und in Betrieb genommen. In Anerkennung dieser Pionierleistung wurde er kürzlich zum Präsidenten der European Stroke Organisation gewählt.
Entscheidend: Frührehabilitation ...
Freilich ist der Schlaganfall nach wie vor die dritthäufigste Todesursache und häufigste Ursache einer schweren Behinderung in den industrialisierten Ländern, und  Experten erwarten eine deutliche Zunahme der Fälle in den nächsten Jahren. Allerdings kann mit der entsprechenden Pflege und Frührehabilitation sehr viel Schaden begrenzt werden. „Im Zusammenspiel des multiprofessionellen Teams aus Fachärzten, diplomiertem Pflegepersonal, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Neuropsychologen und Sozialarbeitern versucht die Pflege, die Patienten wieder für den Alltag ‚draußen‘ zu rehabilitieren“, sagt die Pflegedienstleiterin und diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester Christine Krumpek. Dabei geht man nach dem Pflegekonzept der US-amerikanischen Krankenschwester und Pflegetheoretikerin Dorothea Orem davon aus, dass jeder Mensch darauf bedacht ist, sich selbst pflegen zu können. Krumpek erklärt: „Wir versuchen daher, wenn möglich nur verbal anzuleiten; wenn das nicht möglich ist, geben wir Hilfestellung. Denn: Wir wollen die Betroffenen nicht ‚ins Bett hineinpflegen‘, sondern sie fördern und fordern.“

... für ein selbstbestimmtes Leben

Tatsächlich ist es Aufgabe der Rehabilitation, den eingetretenen Gehirnschaden in all seinen Auswirkungen auf körperliche, geistige und seelische Funktionen, aber auch die verbliebenen Restfunktionen detailliert zu erfassen, zu beschreiben und ein darauf abgestimmtes Rehabilitationsprogramm zu erstellen. Denn Ziel aller Bemühungen ist „ein möglichst selbstbestimmtes Leben der Betroffenen“, so Krumpek. Wichtig ist den Experten auch zu betonen, dass die Neurorehabilitation heute nicht primär als Anschlussheilverfahren zu verstehen ist, sondern bereits unmittelbar mit der Akuttherapie und der nachfolgenden Versorgung Hand in Hand gehen soll. Denn heute weiß man, dass Rehabilitation beim Schlaganfall gar nicht früh genug einsetzen kann. Brainin dazu: „Was wir brauchen, ist eine kompetente Sofort-Rehab, denn die Reparaturprozesse, die im Gehirn ablaufen, setzen innerhalb von 72 Stunden ein. Daher ist es sehr wichtig, die Tätigkeiten der Akutbetreuung sehr rasch mit der Frührehabilitation zu verknüpfen.“
Einer der wichtigsten Aspekte der Rehabilitation ist laut einhelliger Expertenmeinung das Erarbeiten von Lebensqualität. Denn – und auch das gilt es zu beachten – etwa ein Drittel der Schlaganfallpatienten klagt über depressive Verstimmung – manche nur wenig, andere bis zur Selbstaufgabe. „Ein Schlaganfall reißt den Betroffenen mitten aus einem gewohnten Leben. ‚Alles geht so langsam‘, sagen die einen, und auch ‚Was bin ich als Behinderter überhaupt noch wert?‘, fragen sich etliche“, schildert Krumpek das Leid, das viele Schlaganfallpatienten trifft. Freunde ziehen sich häufig zurück oder reagieren mit übertriebener Hilfsbereitschaft. Vereinsamung ist dann oft ein Thema, und überdies können Schmerzen in der gelähmten Körperhälfte bzw. im gesamten Bewegungsapparat zu schaffen machen. Häufig sind auch die Angehörigen überfordert, rat- und mutlos und leiden selbst mit.
In dieser Situation sollte man sich nicht scheuen, ärztliche und psychologisch-psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, und auch in Selbsthilfegruppen kann man in Gesprächen mit Gleichbetroffenen Unterstützung und Rat finden.

Den Schlaganfall verhindern

Damit es aber gar nicht erst so weit kommt, raten Experten dazu, rechtzeitig ein Bewusstsein für die persönlichen Risikofaktoren zu entwickeln. „Wir wissen, dass die Risikofaktoren, die man im früheren und mittleren Lebensalter hat, die prägendsten für die spätere Entstehung eines Schlaganfalls darstellen“, sagt Neurologe Brainin dazu. „Es geht also darum, schon in dieser Zeit und nicht erst im höheren Lebensalter gesundheitsbewusst zu leben.“
Was also kann man selbst tun? Bluthochdruck stellt einen der wichtigsten Risikofaktoren für Schlaganfall dar. Ihn durch entsprechende Lebensstilmaßnahmen wie Gewichtsreduktion, Bewegung und richtige Ernährung bzw. auch medikamentös „im Griff“ zu behalten, ist eine sehr wichtige und wirkungsvolle Präventionsmaßnahme.
Nicht zu rauchen ist die zweite, und eine – in Österreich leider wenig beliebte – Maßnahme. Ferner kochsalzarme Ernährung, die gegen Bluthochdruck wirkt, die dritte. Die Experten empfehlen eine Kochsalzrestriktion auf fünf Gramm pro Tag. Brainin: „Das kann man gut erreichen, indem man nicht zusätzlich salzt bzw. vor allem das fertige Essen nicht nachsalzt. Die Geschmacksnerven gewöhnen sich schnell an diese Umstellung und belohnen uns dafür, indem sie uns bald feinste, vorher nicht wahrgenommene Nuancen des Essens erleben lassen.“
Zum Schluss sei noch auf eines verwiesen: Etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle kündigen sich durch sogenannte transitorische bzw. vorübergehende ischämische Attacken (TIA) an. Diese äußern sich häufig in plötzlicher halbseitiger Schwäche, vorübergehendem Taubheitsgefühl im Gesicht oder Arm, jeweils halbseitig, das heißt eine Körperhälfte betreffend, oder Sprachstörungen, die oft nur wenige Minuten, selten auch einige Stunden andauern können – wegen der raschen Besserung wird dies fälschlich liebevoll „Schlagerl“ genannt. Und: Viele tun derartige Symptome ab, denken an andere harmlosere Ursachen wie Migräne oder Kreislaufprobleme oder interpretieren die Beschwerden als altersbedingt. „In Wirklichkeit ist das so harmlos klingende ‚Schlagerl‘ ein sehr ernstes Warnzeichen für einen drohenden Schlaganfall“, erklärt Experte Brainin. „Unbehandelt können die Betroffenen kurz darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Schlaganfall mit bleibenden Ausfällen erleiden.“ Auch deshalb gilt: „Schlagerl“ ebenso wie „Schlaganfall“ ist Notfall, wo sofort  gehandelt werden muss. Nur umgehender ärztlicher Einsatz kann jetzt helfen. Niederösterreichs Landeskliniken sind dafür gerüstet.

FOTOS:  Felicitas Matern

Woran erkennt man einen Schlaganfall?

  • Plötzliche Schwäche oder Lähmung einer Körperseite: Ein Bein und/oder Arm gehorchen nicht mehr und sind kraftlos. Auch das Gesicht kann betroffen sein. Der Mundwinkel hängt unnatürlich herab – oft ohne, dass es dem Betroffenen selbst auffallen muss. 
  • Sprachstörung: Die Sprache des Betroffenen ist schwer verständlich oder unverständlich. Falsche Wörter werden verwendet oder sinnlose Sätze gebildet. Auch das Sprachverständnis kann in Mitleidenschaft gezogen sein, und der Betroffene kann beispielsweise einfachste Anweisungen nicht befolgen.
  • Sehstörungen: Eine Raumhälfte wird nicht mehr oder nur unzureichend wahrgenommen. Beim Lesen oder Fernsehen ist plötzlich eine Hälfte des Buches bzw. des Bildes verschwunden, man stößt immer wieder auf Hindernisse, die man nicht sieht.
  • Taubheitsgefühl einer Körperhälfte 

Sofort die Rettung rufen!

Schlaganfall – die Fakten

Jährlich erleiden ungefähr 20.000 Österreicher einen Schlaganfall, das bedeutet ein Schlaganfall alle sechs Minuten! Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache in Österreich: Bei Frauen gehen rund 15 Prozent der Todesfälle auf einen Schlaganfall zurück, bei Männern sind es rund zehn Prozent.

Die Sterblichkeit durch Schlaganfall hat in den letzten 30 Jahren drastisch abgenommen: Starben 1970 noch jährlich 258 von 100.000 Personen an den Folgen eines Schlaganfalles, so waren es 1998 nur mehr 158 Personen. Die Sterblichkeitsrate hat in diesem Zeitraum um 55,7 Prozent abgenommen, sie ist aber immer noch vier- bis fünfmal höher als in den USA, wo die Sterblichkeitsrate 1996 26,5 pro 100.000 Einwohner betrug. Auch im Vergleich zu den meisten anderen westeuropäischen Ländern hat die Sterblichkeit in Österreich geringer abgenommen.

Zwei Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen im Alter zwischen 45 und 54 Jahren sind von Schlaganfall betroffen, im Altersbereich von 65 bis 74 Jahren sind es sechs Prozent, bei den über 75-Jährigen über zehn Prozent der Bevölkerung. Durch die Zunahme des Anteils älterer Personen an der Bevölkerungsstruktur ist mit einem Anstieg der Schlaganfallerkankungshäufigkeit in den nächsten Jahren zu rechnen. Da die Sterblichkeit an Schlaganfall bei den höheren Altersgruppen um ein Vielfaches höher ist, werden besondere Anstrengungen nötig sein, um die Sterblichkeitsrate weiter zu senken.

Eine wissenschaftlich gut dokumentierte Strategie zur Senkung der Schlaganfallsterblichkeit stellt die Errichtung von Schlaganfallüberwachungseinheiten (Stroke Units) dar. Damit kann die Sterblichkeitsrate um weitere zehn Prozent gesenkt werden. Die Stroke Unit stellt damit das bisher effektivste Mittel zur Senkung der Schlaganfallmortalität dar.

Quelle: Österreichische Schlaganfallgesellschaft