Tägliche Entgiftung
Der menschliche Harn ist weit mehr als ein vernachlässigbares Ausscheidungsprodukt des Körpers.
Prim. Univ.-Doz. Dr. Johann Pidlich, Ärztlicher Direktor und Nephrologe
im Landesklinikum Baden-Mödling
Prim. Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Hübner, Leiter der Urologie im Landesklinikum Korneuburg
Das Thema Urin ist für Sie nichts als eine übelriechende Angelegenheit? Dann lassen Sie sich erzählen, dass man diesen Körpersaft über Jahrtausende zum Beispiel auch als effektives Reinigungsmittel eingesetzt hat – etwa im Alten Rom. Dort stellte man unter Kaiser Vespasian in belebten Straßen amphorenartige Urinale auf, um den von den Wäschern benötigten Urin einzusammeln, und der Kaiser erhob darauf sogar eine spezielle Urinsteuer.
Als sein Sohn Titus ihm daraufhin Vorwürfe machte, aus derart stinkender Angelegenheit monetären Nutzen zu ziehen, soll er diesem eine Münze vor die Nase gehalten haben und „pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht) geantwortet haben.
Der Weg des Harns
Tatsache ist, dass Urin und aus Urin gewonnene Substanzen auch in der Medizin vielfältig eingesetzt wurden – so wurde etwa in Kriegs- und Katastrophenfällen Urin als wirkungsvolles Wunddesinfektionsmittel verwendet. „Urin, ein Ausscheidungsprodukt des Körpers, setzt sich aus Wasser, Kreatinin, Elektrolyten und organischen Stoffen wie etwa Harnstoff, Harnsäure, Aminosäuren, Proteinen und Glucose zusammen“, erklärt Prim. Univ.-Doz. Dr. Johann Pidlich, Ärztlicher Direktor und Nephrologe im Landesklinikum Baden-Mödling. „Harn entsteht in der Niere durch Filtervorgänge aus dem Blut. Dabei bleiben – vergleichbar mit einem Sieb – größere Teile im Blut und damit im Körper, kleinere Teilchen wie zum Beispiel Elektrolyte und auch kleinste Eiweißkörper gelangen in den Urin und werden über das Harnwegsystem ausgeschieden.“
Achten Sie auf die Farbe ...
Im Körper dient Harn der Regulation des Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalts sowie der Ausscheidung von verschiedenen Stoffen und Substanzen. Seine charakteristische Färbung erhält er durch spezielle Farbstoffe, die man Urochrome nennt. „Ein Teil davon sind Stoffwechselprodukte des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin; aber auch viele andere Stoffwechselprodukte, Nahrungsmittel oder Medikamente können die Harnfarbe beeinflussen“, weiß der Experte. Grundsätzlich ist verdünnter Harn hell bzw. hellgelb, zum Beispiel bei Menschen, die viel trinken oder Entwässerungsmedikamente zu sich nehmen. Konzentrierter Harn hingegen ist dunkelgelb und entsteht etwa, wenn man nur wenig trinkt oder stark schwitzt. „Eine Rotfärbung kann durch Blutbeimengung entstehen. Mögliche Ursachen sind Entzündungen der Harnröhre oder Blase bzw. in den Nieren, Nierensteine, Tumore von Harnblase oder Nieren, Polypen oder auch die sogenannte Porphyrie – das ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Biosynthese des roten Blutfarbstoffs Häm gestört abläuft“, erklärt Pidlich. „Eine dunkelgelbe Färbung tritt bei Erkrankungen der Leber und Gallenwege auf. Ursache ist immer eine Bilirubinerhöhung im Blut.“ Bilirubin ist das Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs Hämo-globin.
... und die Menge
Ein gesunder Erwachsener produziert einen bis eineinhalb Liter Urin pro Tag, das sind pro Niere etwa 30 Milliliter pro Stunde. „Die tägliche Harnproduktion ist dabei abhängig von der Flüssigkeitszufuhr. Sie schwankt, je nachdem wie viel jemand trinkt, zwischen durchschnittlich 1.000 bis 1.500 Milliliter pro 24 Stunden. Abweichungen davon werden medizinisch als Anurie und Oligurie (keine oder geringere Harnausscheidung) oder Polyurie (mehr als vier Liter Harnausscheidung täglich) bezeichnet“, weiß der Experte. Eine geringere Harnmenge kann ihre Ursache in verminderter Flüssigkeitszufuhr, oft auch kombiniert mit vermehrter Schweißproduktion (zum Beispiel bei Sport oder schwerer körperlicher Arbeit) haben oder ein Hinweis auf Erkrankungen der Nieren, des Herzens, der Blutgefäße, des Blutdrucks etc. sein. Vermehrte Harnmengen treten hingegen zum Beispiel bei Diabetes mellitus, aber auch bei Hormonstörungen oder neurologischen Erkrankungen auf.
Regelmäßige Harnuntersuchung
Es ist daher wichtig, sowohl auf die Menge als auch auf die Farbe des Urins zu achten und ihn regelmäßig untersuchen zu lassen, erklärt der Leiter der Urologie im Landesklinikum Korneuburg, Prim. Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Hübner: „Ein gesunder Erwachsener sollte dies einmal jährlich im Rahmen der Gesunden-Untersuchung tun. Wer unter bestimmten Erkrankungen leidet, muss seinen Harn nach Absprache mit dem Arzt jedoch in kürzeren Abständen untersuchen lassen.“ Als Basisuntersuchung wird ein sogenannter Harnstreifentest durchgeführt. Damit wird getestet, ob rote und/oder weiße Blutkörperchen oder Bakterien auftreten, ob Nitrit und Eiweiß vorhanden sind, ob Zucker enthalten ist und ob Ketone (Azeton) vorhanden sind.
Hinweise auf Erkrankungen
Wichtig dabei ist, den Harn für die Untersuchung mit möglichst wenig Keimen zu verunreinigen. „Daher dürfen nur Gefäße, die vom Arzt oder aus der Apotheke stammen, verwendet werden, und man sollte zuerst etwas Wasser in die Toilette ablassen, erst dann bis etwa zur Mitte in das Gefäß urinieren und den restlichen Harn wieder in die Toilette lassen. So verunreinigen nur wenige Keime die Harnprobe“, erklärt Hübner. Er weist auch darauf hin, dass diese Harnstreifentests erste Aussagekraft darüber haben, ob grundsätzlich alles in Ordnung ist bzw. ein gesundheitliches Problem vorliegt. „Es ergeben sich dadurch Hinweise etwa auf Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus oder Entzündungen von Harnröhre, Blase oder Niere.“
Bei Bedarf werden weitere Untersuchungen durchgeführt, zum Beispiel die Harnkultur zur Bestimmung der Bakterienart und -menge, die Untersuchung von Sammelharn (Harn wird einen ganzen Tag gesammelt) oder die mikroskopische Harnuntersuchung.
Der menschliche Harn hat also viel Aussagekraft und ist wohl alles andere als ein vernachlässigbares Ausscheidungsprodukt des Körpers – beachten Sie ihn daher gut und nehmen Sie die Harnuntersuchung im Rahmen der Gesunden-Untersuchung regelmäßig in Anspruch!
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Achtung: Blasenentzündung!
Häufiger Harndrang und Schmerzen beim Wasserlassen sind typische Symptome der vor allem bei Frauen weit verbreiteten Blasenentzündung (Harnwegsinfektion). Je nachdem, welcher Bereich der Harnwege betroffen ist, wird bei der unteren Harnwegsinfektion zwischen einer Entzündung der Harnröhre (Urethritis) und einer Blasenentzündung (Zystitis) unterschieden. Bei der oberen Harnwegsinfektion ist das Nierenbecken betroffen, man spricht daher von einer Nierenbeckenentzündung.
Selten können Pilze oder Viren einem Harnwegsinfekt zugrunde liegen; der bei weitem häufigste Auslöser sind aber Bakterien: Diese werden meist vom Darmausgang – wo sie natürlicherweise vorkommen – in die an sich keimfreien Harnwege verschleppt, breiten sich dort aus, und es kommt zu einer Entzündung.
Eine unkomplizierte Entzündung der unteren Harnwege lässt sich gut behandeln und heilt bei rechtzeitiger Therapie ohne Folgen aus.
Anders liegt der Fall bei der sogenannten Interstitiellen Cystitis (IC), einer nicht bakteriellen chronischen Entzündung der Harnblase, die für Betroffene mit schweren Einschränkungen der Lebensqualität einhergeht (ständiger Harndrang, häufiges Wasserlassen und oft starke Schmerzen im Unterbauch, im fortgeschrittenen Stadium Geschwüre, Schrumpfblase). Da bei dieser seltenen Krankheit keine Krankheitserreger zu finden sind, wird bei den Betroffenen häufig eine Reizblase vermutet und das eigentliche Krankheitsbild übersehen. IC wird oft als kausal nicht behandelbar eingestuft, es existieren jedoch neben den symptomatischen Therapiemaßnahmen eine Reihe an individuellen Therapiemöglichkeiten mit nachgewiesenem Erfolg. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser ist der Therapieerfolg.
Selbsthilfegruppen bieten Hilfe an im Umgang mit der Krankheit, geben Tipps zur Verringerung der Schmerzen und zur Verbesserung der Lebensqualität.
Kontakt & Auskunft in NÖ: Barbara Blauensteiner, Tel.: 0664/2603474, oder Susanne Melchus, Tel.: 0676/9362765. Die Selbsthilfegruppe trifft sich viermal im Jahr im Universitätsklinikum St. Pölten.
Termine: www.ica-austria.at (oder telefonisch erfragen).





