< vorhergehender Beitrag

Schritt für Schritt zum Glück

Laufen ist der Ausdauersport schlechthin. Laufen macht fit, schlank und glücklich. Eine eigene Wissenschaft sollte man daraus aber nicht machen und auch nicht auf jeden Modetrend aufspringen, findet Österreichs vielseitige Erfolgsläuferin Andrea Mayr.


Foto: ingrid vogl

Abschalten, Abwechslung, Selbstbestätigung, Freiheit, Vergnügen … Wenn Österreichs Paradeläuferin Dr. Andrea Mayr erklärt, was genau Laufen für sie persönlich bedeutet, dann gerät sie schnell ins Schwärmen und könnte vermutlich noch minutenlang weiterreden, ohne sich dabei zu wiederholen. Weit weniger gesprächig ist Mayr allerdings, wenn sie einmal verletzungsbedingt auf ihren geliebten Sport verzichten muss. „Dann bin ich frustriert und wahrscheinlich ziemlich unausstehlich“, gesteht sie. Kein Wunder, spielen doch Sport und Bewegung von Kindesbeinen an schon immer eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Und spielt das Laufen trotz Fulltime-Job als Ärztin nach wie vor. Zwei Trainingseinheiten pro Tag und 200 gelaufene Kilometer pro Woche gehören für die beste rot-weiß-rote Langstreckenläuferin in der Vorbereitungszeit auf einen Marathon zum Alltag. Warum tut sich jemand solche Distanzen an, die manche nicht einmal mit dem Auto schaffen? Und warum opfert man freiwillig morgendlichen Schlaf, um noch vor Arbeitsbeginn eine Stunde trainieren zu können? „Definitiv, weil es mir Spaß macht“, erklärt die Medizinerin.

Vom Turnen zum Laufen

Ihre ersten Laufwettkämpfe bestritt Andrea Mayr schon in jungen Jahren: „Meine Eltern haben ab und zu bei Volksläufen mitgemacht und uns Kinder immer mitgenommen. Wir haben dann – ohne Training natürlich – bei den Kinderläufen mitgemacht. Da hat man gesehen, dass ich halbwegs ein Talent dafür hätte“, erinnert sie sich an ihre Kindheit in Oberösterreich. Ihre sportliche Leidenschaft galt damals dem Turnen, bis zu ihrem 15. Lebensjahr auch wettkampfmäßig. „Das Turnen war für mich eine sehr gute Grundausbildung“, ist sie heute überzeugt. Von einer frühen Spezialisierung auf den Laufsport hält die Athletin des SV Schwechat nämlich nichts, vielmehr setzt sie auf vielseitige und vor allem spielerische sportliche Ausbildung der Kinder. „Bei einem zehnjährigen Mädel zu sagen, dass es einmal eine 10.000-Meter-Läuferin wird und deshalb ein gezieltes Training in diese Richtung zu machen, halte ich für verfrüht. Ich habe bei keinem dieser ‚frühreifen Kinder‘ erlebt, dass sie im Erwachsenenalter wirklich erfolgreich gewesen wären“, warnt Mayr vor übertriebenem Ehrgeiz.
Sie selbst hat als Schülerin auch an Mehrkampf-Meisterschaften teilgenommen. „Es war zwar dann der 800er der einzige Bewerb, den ich gewonnen hab, aber es gibt keine Disziplin, in der ich keine Bestleistung hatte – also auch im Hochsprung, mit der Kugel oder im Speerwurf.“

Rund ein Viertel aller Österreicher läuft

Aber nicht nur Andrea Mayr hat das Lauffieber gepackt. Mit ihr schnüren – laut einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Spectra – etwa eine Million Österreicher regelmäßig mindestens einmal pro Woche die Laufschuhe. Rechnet man jene dazu, die dies seltener tun, kommt man im gesamten Land auf die beachtliche Zahl von 1,6 Millionen Läufern.
Eine derartige Beliebtheit muss einen guten Grund haben. Andrea Mayr kennt ihn – natürlich: „Laufen ist ein günstiger Sport, und ganz einfach praktisch: Du ziehst dir die Laufschuhe an, brauchst sonst nichts und läufst einfach los – und das mehr oder weniger zu jeder Uhrzeit und an jedem Ort.“
Wird trainingsmäßiges Radfahren im Dunkeln oft schwierig, so ist Laufen im Finsteren kein Problem. „Mir ist eigentlich auch noch nie ein Ort untergekommen, wo ich nicht direkt von der Haustür weg hätte laufen können“, setzt die Leistungssportlerin nach. Wer Andrea Mayrs besondere Vorliebe für den Berglauf kennt, der weiß, dass dies für wirklich jeden nur denkbaren Ort in ganz Österreich gilt. Otto Normalverbraucher wird da mit Sicherheit einige Abstriche machen müssen. Aber auch für ihn lässt sich in unmittelbarer Nähe jeder Wohngegend eine passende Laufstrecke finden.
Was man zum Laufen auf jeden Fall braucht, ist gutes Schuhwerk. „Solange man Laufschuhe kauft und nicht mit irgendwelchen Flip-Flops herumläuft, ist es heutzutage fast schon schwierig, schlechte Schuhe zu bekommen“, attestiert Andrea Mayr dem jetzigen Laufschuh-Markt allerbeste Qualität. Zu einem Schuh jenseits der 140 Euro würde sie daher nicht raten. Sie empfiehlt überhaupt immer eher zu den Vorjahresmodellen zu greifen: „Die kosten im Abverkauf nur mehr 50 Prozent und außer der Farbe gibt es keinen Unterschied.“

Technik muss nicht immer sein

Sparen lässt sich nach Mayrs Ansicht auch bei der in den letzten Jahren selbst bei Laufanfängern groß in Mode gekommenen Leistungsdiagnostik: „Es wird vermittelt, dass jeder Mensch, bevor er seinen ersten Kilometer läuft, zuerst einmal eine Pulsuhr braucht und einen Laktattest absolviert haben muss. Das ist, wenn wir von gesunden Leuten reden, meiner Meinung nach absolut unnötig.“ Sie selbst ist eher eine Gegnerin sämtlicher technischer Hilfsmittel. Dauerläufe mit Stoppuhr gibt es bei Andrea Mayr nicht, mit Pulsuhr läuft sie so gut wie nie, Laktattests absolviert sie nur, wenn ihr Trainer darauf besteht. Viel hält sie davon aber nicht: „Wenn dir ein Sportwissenschafter die aerobe und anaerobe Schwelle erklärt, dann kann er das auf fünf verschiedene Arten tun, weil es fünf verschiedene Ansätze in diese Richtung gibt. Für mich ist das alles ‚Pi mal Daumen‘ und viel zu ungenau, aber eben ein gutes Geschäft“, spart die Ärztin nicht mit Kritik. Berechnungen wie, ob ein Beginner den Kilometer in sechs Minuten vierzehn läuft oder doch lieber in ausgetesteten sechs Minuten zehn laufen sollte, findet Mayr schwer übertrieben. Nicht nachvollziehbar ist für sie auch, dass manche Hobbyläufer liebend gerne mit Pulsuhren Wettkämpfe bestreiten. „Was sollst du machen, wenn du während des Laufens siehst, dass du 176 statt 180 Puls hast? Was ist dann? Kannst du deshalb schneller laufen?“, schüttelt sie verständnislos den Kopf.
Wer aber gerne mit Pulsuhr laufen möchte und sich damit sicherer und wohler fühlt, der sollte es tun. „Es soll jetzt aber niemand glauben, dass es nur so geht“, will Mayr zumindest erwähnt wissen. Bevorzugt man das Laufen mit Pulsuhr, dann ist eine Leistungsdiagnostik aber unerlässlich. Denn nur, wenn man seine persönlichen Pulswerte kennt, macht Trainieren mit Pulsuhr auch wirklich Sinn. Formeln zur Ermittlung der maximalen Herzfrequenz wie etwa „220 minus Lebensalter“ oder gar „180 minus Lebensalter“ sollte man getrost vergessen. Sie sind nämlich viel zu wenig aussagekräftig, viel zu fehlerhaft und keinesfalls allgemeingültig. So wie die Haarfarbe oder die Körpergröße von Person zu Person verschieden ist, variiert nämlich auch das individuelle Pulsverhalten.

Aller Anfang ist schwer

Wichtiger als die genauen Pulswerte ist zu Beginn einer Laufkarriere ohnehin der Spaß an der Bewegung. Und der stellt sich üblicherweise erst Schritt für Schritt ein. Schließlich muss man dem Körper ermöglichen, sich nach und nach an die ungewohnte Belastung zu gewöhnen. „Ich glaube nicht, dass Laufen ganz zu Beginn, wenn man noch keine Kondition hat, wirklich Spaß machen kann. Laufen ist anfangs sicher mühsam, aber man muss durchhalten, bis die kleinen Fortschritte kommen und dann wird’s immer besser“, appelliert Andrea Mayr an alle, nicht zu früh aufzugeben, warnt aber gleichzeitig auch vor allzu großer Euphorie bei den ersten Laufeinheiten.
Dass der Frust jedoch schnell zur Lust wird und ein ambitionierter Hobbyläufer rasch Gusto auf mehr bekommt, beweist die immer größer werdende Zahl an Marathonläufern. Aber eignet sich gerade der Marathonlauf wirklich zum Volkssport? Können mehr als 42 Kilometer auf hartem Asphalt wirklich noch gesund sein? „Ich glaube schon, dass allein das Ziel, einen Marathon zu laufen, ganz gut ist, weil man dadurch verleitet wird, in diese Richtung zu trainieren und das Training auf jeden Fall gut ist. Was ich absolut keinem empfehlen würde, ist völlig ohne Training einen Marathon zu laufen, nur weil man eine Wette verloren oder das bei einer Wette beschlossen hat. Das wäre grob fahrlässig“, gibt Österreichs Marathon-Rekordhalterin zu bedenken.
Viele Läufer stürzen sich auf die Marathondistanz, um das vielgepriesene „Runners High“ endlich am eigenen Leib zu verspüren. Diesem absoluten Glücksgefühl, bei dem der Körper große Mengen an Endorphinen ausschüttet, laufen viele aber oft ihr ganzes Läuferleben lang vergebens hinterher. Kennt Andrea Mayr die Wirkung der berühmten Glückshormone? „Ich weiß echt nicht, ob ich das während dem Laufen schon einmal gehabt habe“, überlegt sie. Was sie jedenfalls kennt, ist die absolute Euphorie, wenn man einen Marathon geschafft hat. So geschehen beim Wien-Marathon 2009. „Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich zwei Wochen lang in einer absoluten Manie war. Ich hab irgendwie keinen Schlaf mehr gebraucht, das Laufen ist dermaßen leicht gegangen. Es war echt genial. Ich wollte, dass dieser Zustand ewig anhält“, erinnert sie sich gerne an ihren Siegeslauf zurück.

Natur pur genügt vollkommen

Basenpulver, Magnesiumtabletten, Power-Riegel, isotonische Durstlöscher: Die Ernährung eines Läufers kann ins Geld gehen. Muss sie aber nicht. „Ich bin kein Zusatzernährungstyp. Ich glaube nicht, dass ich mich ungesund ernähre, aber ich mache auch keine Wissenschaft daraus“, belehrt Andrea Mayr alle Verfechter von Nahrungsergänzungsmitteln eines Besseren. „Ich bin keine, die sich jetzt keine Butter mehr aufs Brot schmieren oder kein Weißbrot mehr essen traut. Ich esse eigentlich alles, zwar schon viel Gemüse, aber auch eine Packung Kekse, denn ich hab ja den Vorteil, dass ich die dann auch wieder verbrenne.“ Der richtige Weg für eine, die trotz normaler Ernährung kein Gramm Fett zu viel am Körper hat. Und ein äußerst erfolgreicher Weg noch dazu.

Ingrid Vogl

 

Andrea Mayr

geboren am 15. Oktober 1979, ist die erste österreichische Leichtathletik-Weltmeisterin der Geschichte und als dreifache Weltmeisterin (2006, 2008, 2010) die derzeit beste Bergläuferin der Welt. 2008 siegte sie zudem beim Obudu-Berglauf in Nigeria, dem höchstdotierten Bergrennen weltweit.
Die gebürtige Oberösterreicherin, die für den SV Schwechat startet, ist aber auch eine der vielseitigsten Läuferinnen. Bei ihrem Marathondebüt (2009) lief sie mit 2:30,43 Stunden auf Anhieb neuen österreichischen Rekord. Mayr ist 36-fache Staatsmeisterin, u. a. im Halbmarathon, über 10.000 Meter, 3.000 Meter Hindernis und im Crosslauf.
Den Treppenlauf im Empire State Building in New York gewann Mayr dreimal in Folge und hält noch immer den Damen-Streckenrekord. Dreimal hintereinander gewann sie auch in Taipeh den Lauf auf den Taipei 101, damals das höchste Gebäude der Welt, wo es 2.046 Stufen – verteilt auf 91 Stockwerke – und 390 Höhenmeter zu überwinden galt. 2004 und 2006 kürte sich die Ausnahmeathletin zur österreichischen Rad-Meisterin im Bergfahren, 2004 belegte sie Platz vier bei der Duathlon-WM.
Andrea Mayr ist promovierte Ärztin, arbeitete nach Ende ihres Studiums als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Nuklearmedizin im Wiener AKH und absolviert seit 2009 – nach zwei Jahren als reine Profisportlerin – ihre Turnusausbildung im Wiener Heeresspital. Mayr ist unter allen aktiven heimischen Sportlern die aktivste Anti-Doping-Kämpferin.

14. Internationaler Wachau-Marathon am 17./18. September

Laufen im niederösterreichischen Weltkulturerbe: Alljährlich Mitte September wird die Wachau zum Nabel der österreichischen Sportwelt, wenn so wie im Jahr 2010 mehr als 8.500 Teilnehmer einen der mittlerweile sechs Bewerbe des Events in Angriff nehmen. Heuer verspricht der Wachau-Marathon sogar ein Lauf der Rekorde zu werden: Veranstalter Michael Buchleitner spekuliert wegen der vielen Voranmeldungen mit 10.000 Aktiven und somit einem neuen Teilnehmerrekord.
Neben dem Coca Cola Junior Marathon am Samstag (ab 15 Uhr) gibt es am Sonntag die Möglichkeit, beim Viertel-, Halb- oder dem ganzen Marathon an den Start zu gehen. Die Marathondistanz von 42,195 Kilometern kann heuer erstmals als Staffel mit zwei, drei oder vier Läufern absolviert werden. Der Start des Viertelmarathons in Dürnstein wurde auf 9:30 Uhr vorverlegt, Halbmarathon und Marathon starten um 10 Uhr in Spitz bzw. Emmersdorf. Zieleinlauf für alle Bewerbe ist in Krems.
+ Informationen: www.wachaumarathon.com