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Schlafen Sie gut!

Schon jeder vierte Niederösterreicher leidet unter einer ernst zu nehmenden Schlaf­störung. Die „Ausgeschlafenen“ unter uns werden also rar, doch guter Schlaf ist unerlässlich für die Erholung unseres Organismus. Sorgen Sie für Ihre ungestörte Nachtruhe!


„Ausgeschlafene“ haben eine deutlich höhere

Prim. Doz. Dr. Harald Stingl, Leiter der Abteilung Innere Medizin am Landesklinikum Melk

OA Dr. Johannes Lechner, stv. Leiter des Schlaflabors im Landesklinikum Melk

Landesklinikum Melk  Krankenhausstraße 11 3390 Melk
Tel.: 02752/9004-0
www.melk.lknoe.at

Wie steht es um Ihren Schlaf? Erwachen Sie morgens stets fit und ausgeruht, bereit, die Herausforderungen des Tages mit Kraft anzunehmen? Gratulation! Sie gehören zu den „Ausgeschlafenen“, die nicht nur erholsame Nächte verbringen, sondern deren Leistungsfähigkeit im Vergleich zu jener ermüdeter Menschen auch deutlich besser ist. „Wissenschaftlich gesehen gibt es zahlreiche Theorien über die Funktion des Schlafs. Zusammenfassend schreiben die verschiedenen Hypothesen dem Tief- und dem REM-Schlaf eine wichtige Erholungsfunktion für den Organismus zu“, sagt Prim. Doz. Dr. Harald Stingl, Leiter der Abteilung Innere Medizin am Landesklinikum Melk. „Außerdem wird insbesondere dem REM-Schlaf eine gedächtnis­fördernde Wirkung zugeschrieben, und auch eine Weiterverarbeitung von Information im Schlaf wird diskutiert. Andere Theorien gehen davon aus, dass im REM-Schlaf wichtige Funktionen und Verhaltensweisen geübt werden.“

Das Wunder Schlaf

Wir glauben also nicht umsonst daran, dass es etwas bringt, wenn wir etwa über eine wichtige Entscheidung noch einmal „drüberschlafen“, und ebenso wenig scheint die Redewendung vom „ausgeschlafenen“ Menschen, der als besonders fit gilt, eine Mär zu sein.
Tatsächlich geschieht im Schlaf, der uns wie ein Nichts zu vergehen scheint, eine ganze Menge in Gehirn und Körper. „Die Herzfrequenz, die motorische Aktivität, der Blutdruck sowie die Körpertemperatur nehmen im Schlaf ab. Das Hormonsystem hingegen zeigt eine erheblich erhöhte Aktivität im Vergleich zum Wachzustand, und zahlreiche Botenstoffe unseres Gehirns zeigen deutlich schlafabhängige Schwankungen in ihrer Ausschüttung“, erklärt OA Dr. Johannes Lechner, der stellvertretende Leiter des Schlaflabors im Landesklinikum Melk ist und Tag für Tag mit schlafgestörten Menschen zu tun hat.

Legionen Schlafgestörter

Derer gibt es viele. Manche Studien weisen darauf hin, dass fast die Hälfte aller Patienten von Allgemeinmedizinern von Schlafstörungen betroffen ist und dass dieses Problem auch schon die Allerjüngsten von uns erfasst. Unter einer sogenannten manifesten, sehr ernst zu nehmenden Störung des Schlafs leidet jedenfalls ein ganzes Viertel der hiesigen Bevölkerung.
Doch was ist eine manifeste Schlafstörung genau, und wann sollte man sich an die Profis wenden? „Wenn man drei Mal pro Woche und länger als einen Monat schlecht schläft, sollte man seinen Arzt aufsuchen“, sagt Lechner. „Der erste Weg sollte wie auch bei anderen Beschwerden zum Hausarzt führen. Dieser wird nach einem entsprechenden Anamnesegespräch die weiteren Schritte einleiten. Bei psychischen Problemen, denen etwa eine Depression, eine Angst- oder Zwangsstörung zugrunde liegen kann, ist der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie zuständig.“ Das ist er oder sie sehr oft, denn die genannten psychischen Erkrankungen stellen die häufigsten Ursachen von Ein- und Durchschlafstörungen dar – rund 70 Prozent der Schlafstörungen sind nichtorganisch, das heißt psychisch bedingt.
Viele Experten, wie auch Stingl und Lechner, schreiben dabei dem zunehmenden Stress in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle zu, denn vor allem wenn diese psychische Belastung chronisch ist oder wird, bringt sie auch zahlreiche Körperfunktionen durcheinander, was massive Gesundheitsprobleme nach sich ziehen kann. Ein sehr häufiges dieser Probleme ist eben die Schlafstörung.  

Organische Schlafstörungen

Doch es gibt auch sogenannte organische Schlafstörungen. Die wichtigste davon ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom. „Dabei kommt es durch einen Verschluss der oberen Atemwege zu häufig wiederholten Atempausen während des Schlafs. Unbehandelt stellt dieses Krankheitsbild einen ernsten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzrhythmusstörungen dar und ist mit einer erhöhten Sterblichkeit belastet“, warnt Experte Lechner (siehe Kasten Seite 26).
Bei Verdacht auf Schlafapnoe wie auch andere schlafbezogene Atemstörungen gilt zunächst einmal Abklären. Erster Schritt kann eine ambulant durchgeführte Untersuchung (Polygraphie) beim Facharzt für Pulmologie, Innere Medizin oder HNO sein. „Eine endgültige Abklärung benötigt jedoch eine voll­ständige kardiorespiratorische Polysomnographie in einem Schlaflabor. Dabei werden zeitgleich Parameter des Schlafs, der Atmung und des Kreislaufs aufgezeichnet und anschließend in einem aufwändigen Verfahren ausgewertet“, erklärt Experte Lechner.

Was Sie tun sollten

Wie wird eine ernsthafte Schlafstörung am besten behandelt? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn nach der neuesten internationalen wissenschaftlichen Klassifikation für Schlafstörungen werden mehr als hundert verschiedene Krankheitsbilder unterschieden. Eine klare Diagnosestellung muss ganz am Anfang des Problems stehen, betonen daher die Experten. „Die weitere Therapie richtet sich dann nach dem einzelnen Krankheitsbild und kann von einer Psychotherapie über eine medikamentöse Therapie bis hin zu einer nächtlichen Beatmungstherapie über eine fest aufsitzende Maske auf der Nase oder auf Nase und Mund reichen“, erklärt Stingl. Der Facharzt betont übrigens auch, dass Medikamente insbesondere in der Schlafmedizin primär oft nicht zu empfehlen sind, und dass es auch kein optimales Schlafmedikament gibt: „Für einen Teil der Schlafstörungen, wie zum Beispiel die schlafbezogenen Atemstörungen, gibt es überhaupt keine Medikamente. Eine bei anderen Arten von Schlafstörungen eventuell notwendige medikamentöse Behandlung muss immer auf das einzelne, zuvor klar diagnostizierte Krankheitsbild abgestimmt werden. Grundsätzlich sollte jede Therapie immer an der Wurzel des Problems ansetzen.“  

Was Sie lassen sollten

Vorsicht mit Schlafmedikamenten gilt natürlich besonders im „Selbstversuch“. Lassen Sie lieber die Hände weg von den kleinen bunten Pillen (von denen manche übrigens auch sehr schnell abhängig machen können) und versuchen Sie es lieber mit „natürlichen“ Methoden (siehe dazu Kasten Seite 24). Strategien wie etwa „Vorschlafen“ oder eine kurzfristige „Schlafkur“ im Urlaub bringen in dieser Hinsicht allerdings nichts. Denn was die Schlafkur betrifft, so kann man im Urlaub zwar einen chronischen Schlafmangel abbauen und den Schlafdruck verringern. Bis dorthin wird man aber müde sein, und wenn man nach dem Urlaub wieder in die früheren Schlafgewohnheiten verfällt, wird auch die Müdigkeit mit Sicherheit wieder zurückkehren. Und Vorschlafen geht laut Experten gar nicht: Wenn man seinen persönlichen Schlafbedarf gedeckt hat, wacht man auf und liegt ab dann im Wesentlichen wach im Bett.  

Machen Sie sich keinen Stress

Grundsätzlich sollte man sich mit dem Schlafen nach Möglichkeit auch keinen Stress machen, und es gibt auch keine eindeutigen Regeln, wie viele Stunden man schlafen sollte. Experte Lechner weiß: „Die Schlafdauer ist beim einzelnen Individuum sehr stabil, kann bei verschiedenen Menschen aber sehr unterschiedlich sein. Und es gibt auch eine Altersabhängigkeit des Schlafs: Neugeborene benötigen etwa 16 Stunden Schlaf, Kleinkinder zwölf Stunden. Im Erwachsenenalter besteht üblicherweise ein Schlafbedarf von etwa sieben bis acht Stunden, mit dem Alter nimmt dieser etwas ab.“ Entscheidend ist, dass jeder Mensch täglich seinen ganz persönlichen Schlafbedarf deckt, um nicht müde zu sein. In diesem Sinne: Schlafen Sie gut!

Was in der Nacht geschieht

In einer Nacht durchläuft man für gewöhnlich mehrere Schlafzyklen, in denen Non-REM- und REM-Phasen einander ablösen. (REM bedeutet „Rapid Eye Movement“ und ist gleichbedeutend mit einer Phase leichteren Schlafs, in der die Augäpfel bei geschlossenen Lidern schnell hin- und herbewegt werden, Herzfrequenz, Gehirndurchblutung und andere Körperfunktionen gesteigert sind, und in der in der Regel viel geträumt wird. Die Non-REM-Phasen hingegen beinhalten Dämmerschlaf-,  mitteltiefe und tiefe Schlafphasen, in denen eher nicht geträumt wird.)
REM und Non-REM wechseln einander in vier bis fünf Zyklen pro Nacht ab.
Generell ist der Schlafrhythmus durch lange Tiefschlaf- und kurze REM-Phasen zu Beginn und kurze Tiefschlaf- bzw. mitteltiefe Schlafstadien und lange REM-Phasen gegen Ende der Nacht gekennzeichnet.
Um von gesundem Schlaf sprechen zu können, muss auch die Leistungsfähigkeit während des Tages berücksichtigt werden. Das heißt, dass man in der Früh ausgeruht und fit sein sollte.

So schlafen Sie gut: Regeln zur Schlafhygiene

  • Das Bett und die unmittelbare Schlafumgebung sind als Ruhezone für den Schlaf reserviert. Fernsehen, Essen, Lesen, Grübeln, Streiten und Telefonieren sollten gedanklich nicht mit dem Bett assoziiert werden und haben deshalb im Schlafzimmer nichts verloren.
  • Ihr Schlafzimmer sollte eine angenehme Atmosphäre haben: Es soll licht- und lärmfrei sein, die richtige Einschlaf-Temperatur von 14 bis 18° C haben und vor dem Schlafengehen gut gelüftet werden.
  • Je regelmäßiger Ihr Schlaf-Wachrhythmus ist, desto einfacher ist das Einschlafen für Ihren Körper. Deshalb immer möglichst um die gleiche Zeit zu Bett gehen.
  • Drei Stunden vor dem Schlafen gehen sollten Sie keine größeren Mengen essen oder trinken, denn wenn Magen und Darm beschäftigt sind, wird der Schlaf oberflächlicher und unruhiger.
  • Sorgen Sie für Müdigkeit: Sport ist wichtig für die Gesundheit und macht müde. Auspowern am Abend ist jedoch tabu, weil der Körper dadurch über Stunden in Leistungsbereitschaft versetzt wird.
  • Kommen Sie zur Ruhe: Lassen Sie den Tag langsam ausklingen und vermeiden Sie zwei Stunden vor dem Schlafengehen anstrengende geistige und körperliche Tätigkeiten.

Schlafapnoe: ernsthaftes Gesundheitsrisiko

Nicht für jeden ist der erholsame Schlaf eine Selbstverständlichkeit. So bleibt etwa für Menschen, die unter Schlafapnoe leiden, der Erholungseffekt aus, weil es durch das Erschlaffen der Rachenmuskulatur im Schlaf zu einem Verschluss der oberen Atemwege kommt. Der Atemstillstand kann von zehn Sekunden bis zu einer Minute dauern, und diese Pausen beeinträchtigen nicht nur die Befindlichkeit der Betroffenen am Tag, sondern können unter anderem auch zu extremer Erschöpfung und Müdigkeit, Kopfschmerz, Depressionen oder Schwindelattacken führen. Übergewicht gilt als die wichtigste Ursache des Schlafapnoe-Syndroms. Zudem tragen diese Patienten ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sind sehr häufig vom Problem Bluthochdruck betroffen. Seit kurzem vermutet man weiters, dass vor allem eine bestimmte, leichtere Form der Schlafapnoe, die obstruktive Schlafapnoe – kurz OSAS – auch mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes einhergeht. Denn auf jeden Atemaussetzer reagiert der Körper mit einer Art Weckalarm: Er setzt bestimmte Hormone in erhöhten Mengen frei – und das viele Male während des Schlafes. Dies habe zusammen mit dem gestörten Schlaf eine abnehmende Insulinwirkung zur Folge und könne langfristig einen Typ-2-Diabetes begünstigen, schrieb kürzlich der Spiegel online im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über den diesjährigen internationalen Expertenkongress für Schlafforschung „Sleep 2013“ in Baltimore. Danach sah sich die amerikanische Gesellschaft für Schlafmedizin sogar veranlasst, Patienten mit Typ-2-Diabetes oder Bluthochdruck aufzufordern, sich auf Schlafapnoe untersuchen zu lassen.
Einer, der das Problem aus der Praxis kennt und sich durch diese Kongressergebnisse bestätigt sieht, ist der Gruppenleiter der Selbsthilfegruppe Schlafapnoe Österreich, Josef Hoza: „Auch in unserer Gruppe gibt es einen hohen Anteil an Diabetikern“, betont er. Er weiß: „Schlafapnoe betrifft in Österreich rund 400.000 Personen. Laut Krankenkasse sind jedoch nur 30.000 von ihnen in Therapie. Die fehlenden 370.000 suchen wir und wollen sie über diese Erkrankung aufklären.“

Schlafapnoe Österreich

Das Schlafapnoe-Syndrom zählt zu den medizinisch bedeut­samen Schlafstörungen. In der Selbsthilfegruppe finden Betroffene oder Angehörige Hilfe und Tipps, mit Schlafapnoe umzugehen und haben die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen.
Kontakt: Gruppenleiter Josef Hoza
Tel.: 0664/1508627
(Mo.–Fr. 09:00–16:00 Uhr),
kontakt(at)schlafapnoe-shg.at, www.schlafapnoe-shg.at