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Ruhe jetzt in meinem Kopf!

Plötzlich ist er da, der Hammer im Kopf! Mit schmerzhaften Schlägen sabotiert er das persönliche Wohlbefinden. Kopfschmerzen haben viele unterschiedliche Gesichter. Ähnlich mannigfaltig müssen auch die individuell passenden Therapiekonzepte sein.


Foto: istockphoto

„Sie hat wieder einmal Migräne!“ Bei dieser Feststellung schwingt oft ein vorwurfsvoller Unterton mit. Auch in der Geschichte galten Kopfschmerzen keineswegs als ernstzunehmende Krankheit, sondern als Einbildung weiblicher Hysterie. Und es geht durchaus noch ein bisschen mysteriöser: Zu Zeiten der Sumerer, der Babylonier und der Assyrer nahm man an, dass der Kopfschmerz das Werk böser Geister war. Um eine Linderung der Beschwerden zu erzielen, musste man die „Störenfriede“ natürlich aus dem Kopf entlassen. Also wurde ein Loch in die knöchernen Bestandteile des Kopfes gebohrt, um den bösen Geistern den Weg in die Freiheit zu ebnen. Nun ja, ein Loch im Kopf ist wahrlich nicht der beste Therapieansatz. Alternative gefällig? Gerne! Es gibt auch ein altbewährtes Rezept aus dem Mittelalter: „Die Knochen vom Kopf des Geiers, eingewickelt in Rehleder, werden jede Art von Kopfschmerzen heilen; sein Gehirn, gemischt mit allerbestem Öl auf die Nase gelegt, wird alle Leiden aus dem Kopf vertreiben.“ Möglicherweise entspricht auch dieses „Hausmittelchen“ nicht ganz Ihrem Geschmack. Zum Glück hat die heutige Medizin  effektivere Therapie­methoden parat.

252 Varianten von Kopfschmerzen

Die Wahrscheinlichkeit, dass böse Geister für das unangenehme Brummen im Kopf verantwortlich sind, ist gering. Doch was passiert bei den Schmerzattacken tatsächlich im Kopf? Fest steht, dass Kopfschmerzen – wie alle anderen Schmerzformen – körpereigene Schutzmechanismen sind. Vielfach kann das „Tuckern“ im Kopf als Ausdruck einer Reizüberflutung verstanden werden. Es signalisiert massive Verspannungszustände und körperliche und/oder seelische Überlastung. Bildlich gesehen können Kopfschmerzen als eine Form der Kontaktaufnahme zu unserem Bewusstsein interpretiert werden. Der Kopf bittet um Ruhe und teilt über das Schmerzempfinden mit: „Hallo, kannst du bitte ein bisschen zurücktreten?“ Wird dieses „Bedürfnis“ missachtet, überflutet sich das Gehirn selbst mit Nervenbotenstoffen. Um diese loszuwerden, startet die graue Substanz eine Entzündungsreaktion. Die Folge: Jeder Pulsschlag fühlt sich wie ein Hammerschlag gegen die Gefäßwände an. Auf diese Weise entsteht der klassische, pulsierende Schmerzcharakter der Migräne.
Doch das Leiden ist weitaus vielfältiger. Kopfschmerzen sind richtige „Sprachtalente“ und kommunizieren auf unterschiedlichste Art und Weise: Hämmern, Pochen, Ziehen, Drücken – die Palette an „Ausdrucksformen“ ist groß. Tatsächlich hat die internationale Kopfschmerzgesellschaft 252 verschiedene Varianten des Kopfschmerzes klassifiziert. Dabei unterscheidet man zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen. Dr. Sabine Eigner, Fachärztin für Neurologie am Landesklinikum Amstetten-Mauer erklärt: „Unter primären Kopfschmerzarten versteht man Schmerzzustände ohne bekannte strukturelle Läsion, zum Beispiel Kopfschmerzarten wie Migräne, Spannungskopfschmerzen oder sogenannte Clusterkopfschmerzen. Sekundäre Kopfschmerzarten sind Symptome anderer Erkrankungen oder äußerer Einflüsse, dazu gehören der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch oder Kopfschmerzen, die etwa auf Infektionen, zerebro­vaskuläre Erkrankungen, Tumorerkrankungen etc. zurückzuführen sind.“
Wissen Sie, was Quaxi, der Wetterfrosch, mit unzähligen Kopfschmerzpatienten gemein hat? Das Gespür für Wetterumschwünge und präzise Wettervorhersagen. Wetterfühligkeit ist demnach keine bloße Einbildung. Die Wissenschaft rätselt seit Jahren an diesem Phänomen und versucht, messbare meteorologische Elemente mit den Schwankungen des menschlichen Befindens in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen. In der Diskussion befanden sich die sogenannten Sferics – das sind elektromagnetische Impulse, die bei bestimmten Wettervorgängen im Gehirn wirken.
Als wirkungsvolle Strategien gegen Wetterfühligkeit gelten alle Methoden, die das Immunsystem stärken und die Kondition erhöhen. Allen voran sind dies Ausdauersport – möglichst im Freien –, Kneippgüsse und Saunaaufenthalte.
Neben dem Wetter drücken auch andere Einflussfaktoren auf die „Kopfschmerzaktivierungs-Taste“. Die detektivische Ursachenforschung führt mitunter in den hauseigenen Kühlschrank, weiß Neurologin Eigner: „Es gibt Hinweise, dass Nahrungsmittel, die sogenannte biogene Amine enthalten, bei empfindlichen Personen unter anderem Kopfschmerzen auslösen können. Diese Substanzen finden sich in größeren Mengen in langsam reifenden Käse- und Wurstsorten, verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, in Schokolade und Wein.“
Auch Schwankungen im Hormonhaushalt können zu Kopfschmerzen führen – ein Grund, weshalb Frauen zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr drei Mal häufiger an den unangenehmen Schmerzen leiden als Männer. Stress und Ängste wirken sich besonders ungünstig auf den Fortbestand von Kopfschmerzen aus. „Bei der chronischen Migräne sind oft auch Depression und Angsterkrankungen zu beobachten. Bei Patienten mit Kopfschmerzen vom Spannungstyp finden sich oft Persönlichkeiten mit sehr enger Tagesstrukturierung, Termindruck und hohem persönlichen Leistungsanspruch“, weiß die Expertin. Daher seien das Erlernen von Entspannungsverfahren und Biofeedbacktherapien wesentliche therapeutische Zugänge.

Sind Kopfschmerzen gefährlich?

Kopfschmerzen sind der Gute-Laune-Killer schlechthin. Neben der Stimmung mindern sie auch die Konzentrationsfähigkeit. Vom Einfluss auf die Nerven, die einen dazu bringen können, während einer Kopfschmerzperiode den Hut „drauf zu schmeißen“, mal ganz zu schweigen. Fazit: Kopfschmerzen animieren das Gehirn sicher nicht zu Höchstleistungen. Doch wie sieht das eigentlich langfristig aus? Nimmt die Gehirnfunktion bei Menschen mit regelmäßigen Kopfschmerzen schneller ab? Französische Forscher wollten dies wissen und  führten zu diesem Zwecke umfangreiche Forschungen durch. Das beruhigende Ergebnis: Zwar sahen die Mediziner in Kernspinaufnahmen Veränderungen der Hirngefäße. Jedoch scheint es durch die Kopfschmerzen keine negativen Konsequenzen für das Gehirn zu geben. Das Brummen im Kopf gefährdet also nicht den Fortbestand Ihres geistigen Horizontes – sofern die Schmerzen ausreichend abgeklärt sind.
Wobei hier ein wichtiges Stichwort gefallen ist: ärztliche Abklärung. Grundsätzlich sollten Patienten, die an wiederkehrenden Kopfschmerzen leiden, immer einen fachkundigen Arzt konsultieren. Das gilt speziell dann, wenn „plötzliche, in ungewohnter Intensität auftretende Kopfschmerzen bestehen“, betont die Fachärztin. „Abklärungsbedarf besteht auch bei schon länger bestehenden Kopfschmerzen, deren Schmerzintensität oder Schmerzcharakter sich ändert. Kommen neue neurologische Symptome dazu wie Sensibilitätsstörungen, Lähmungserscheinungen, Verwirrtheitszustände oder hohes Fieber, besteht ebenfalls rascher Abklärungsbedarf“, rät Eigner. Dies sei bedeutend, um ernstzunehmende Erkrankungen auszuschließen oder zumindest frühzeitig zu erkennen.

Der Umgang mit Schmerzmitteln

Zugegeben, vor einer wichtigen Besprechung ist nichts unangenehmer als ein hyperaktiver Hammer im Kopf. Für viele liegt die Lösung im Griff zur Schmerztablette. Gegen das Pochen im Kopf stehen unterschiedliche Wirkstoffe zur Verfügung. Die bekanntesten Vertreter sind die Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen und Paracetamol. Jeder Wirkstoff hat spezielle Eigenschaften und eignet sich deshalb in unterschiedlichen Fällen am besten.
Sie agieren frei nach dem Motto: „Schmerz­lindernde Tabletten sind rezeptfrei erhältlich und können insofern nichts anrichten“. Dieser Mythos hält sich eisern und wird von der Werbeindustrie zusätzlich gestützt. Doch sind Schmerztabletten tatsächlich so harmlos, wie sie scheinen? Expertin Eigner gibt zu bedenken, dass „ein übermäßiger Schmerzmittelkonsum neben Organschäden auch zu einem eigenständigen Kopfschmerzsyndrom führen kann, das die ursprüngliche Kopfschmerzsymptomatik überlagert.“ Ein bitteres Resultat zu häufigen Schmerzmittelkonsums: „Diese Patienten benötigen unter Umständen sogar eine Entzugsbehandlung.“
Schmerztabletten müssen nicht immer das Mittel erster Wahl sein. Bei leichten bis mittelschweren Kopfschmerzen können gezielte Entspannungsmaßnahmen und moderate Bewegung in der freien Luft schnelle Abhilfe schaffen. Auch Pfefferminzöl, auf Stirn und Schläfen aufgetragen, verspricht eine schmerzlindernde Wirkung. Wissenschaftliche Studien messen dem ätherischen Öl eine ähnliche Effektivität bei wie konventionellen Schmerzmitteln –  bei weitaus weniger Nebenwirkungen.
Nun wäre es ein Fehler, Schmerztabletten generell zu verurteilen, zumal sie die Lebensqualität von Kopfschmerzpatienten verbessern können – sofern sie ordnungsgemäß dosiert werden. Grundsätzlich gilt bei der Einnahme von Schmerzmitteln die Faustregel: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Konkret bedeutet dies, dass rezeptfreie Schmerzmittel in der Selbstmedikation nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als an zehn Tagen pro Monat eingenommen werden sollen. Achten Sie bei der Einnahme von Schmerztabletten auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr, damit die Wirkstoffe rasch aufgenommen werden. Nehmen Sie in Eigenregie nie mehrere Schmerzmittel gleichzeitig, da dies zu unberechenbaren Wechselwirkungen führen kann. „Bei einem akuten Migräneanfall spielt auch die Art der Verabreichung eine Rolle“, erklärt Eigner. „Günstiger sind in so einem Fall lösliche Tabletten oder Infusionen.“ Eine ärztliche Beratung über die optimale Medikation sei daher unbedingt zu empfehlen.

Damit sich im Kopf „nichts zusammenbraut“

Schmerzen lassen sich eindämmen. Besser ist es jedoch, dem Kopfschmerz von vornherein keine Chance zu geben. Ein Kopfschmerztagebuch ist eine probate Möglichkeit, um auslösende Faktoren zu entlarven und in Folge gezielt dagegenzusteuern: Tragen Sie in Ihr persönliches Kopfschmerzprotokoll sowohl die Intensität der Kopfschmerzen als auch die Dauer, den Schmerzcharakter und die etwaige Einnahme von Schmerzmitteln ein. Parallel dazu machen Sie Angaben zu Ihren aktuellen Lebensumständen. Bei Verdacht auf Unverträglichkeitsreaktionen sollten Sie auch Ihre Nahrungsmittel notieren. Auf diese Weise erhalten Sie ein aussagekräftiges Bild über Ihre Kopfschmerzen und können Ihr individuelles „Präventionspaket“ schnüren.
Bei vielen Kopfschmerzpatienten ist Stress ein mitauslösender Faktor. Ein besonderes Augenmerk sollte daher der eigenen Lebensweise gelten. Moderater, aber regelmäßiger Ausdauersport stabilisiert das sensible Nervensystem und fördert gleichzeitig die Durchblutung. Während Sie kraftvoll in die Pedale treten oder zügig vor sich hintraben, werden in Ihrem Körper zudem Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin freigesetzt. Dopamin regt das Belohnungszentrum im Gehirn an und sorgt für das euphorische Hochgefühl nach dem Sport. Glückskumpane Seratonin steigert die Zufriedenheit und Ausgeglichenheit.
Entspannung ist ein wesentlicher „Präventionsbaustein“ im Kampf gegen Kopfschmerzen. Auto­genes Training und Progressive Muskelrelaxation nach Jakobson sind erfolgsversprechende Methoden, um den Stresspegel dauerhaft im unteren Bereich zu halten. Auch Akupunktur und Biofeedback können die Kopfschmerzhäufigkeit reduzieren.
In jedem Fall ist es wichtig, auf einen geregelten Tagesablauf mit festen Schlaf- und Essenszeiten zu achten. Denn auch Schlafmangel und ein niedriger Blutzuckerspiegel können den Hammer im Kopf animieren. „Wenn die Patienten im Alltag und in ihrer Lebensführung ausgesprochen stark durch Migräne- oder Clusterkopfschmerzattacken beeinträchtigt sind, kann auch eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll sein“, weiß die Expertin.
Nicht zu vergessen die „Liebe auf Rezept“: Mediziner der Uniklinik Dresden haben herausgefunden, dass ein liebevoller, einfühlender und unterstützender Partner einen positiven Einfluss auf das Schmerzempfinden hat. Vielleicht sollten Sie das Ihrem Liebsten bei Gelegenheit mitteilen.