Richtig essen im Alter
Wohlbefinden und eine gesunde Ernährung gehören zusammen. Gerade ältere Menschen bekommen aber häufig zu wenig Nährstoffe oder leiden gar an einer Mangelernährung.
Johann geht tagtäglich seine Runden, „schupft“ den Haushalt scheinbar mit links und ist ein äußerst kommunikativer und geselliger Zeitgenosse. Johann ist knapp 90, wird gut 15 Jahre jünger geschätzt und behauptet von sich selbst „pumperlg’sund und glücklich“ zu sein. Sein Beispiel zeigt, dass Alter etwas sehr individuelles, relatives ist – und dass man was für sein Wohlbefinden tun kann.
Ab „50+“ beginnt der Körper, sich zu verändern, noch deutlicher ab dem 70. und 80. Lebensjahr. Der Stoffwechsel arbeitet langsamer, eine schlechtere Sauerstoffversorgung in den Zellen bewirkt eine verminderte Leistungsfähigkeit, der Körper braucht längere Regenerationszeiten. Die inneren Organe tun sich in ihrer täglichen Arbeit etwas schwerer: Die Funktionen von Niere und Leber lassen nach, die Zellen der Bauchspeicheldrüse sind in ihrem Elan beeinträchtigt, was zu „Altersdiabetes“ führen kann. Klingt nicht sehr verlockend. Doch das Beispiel von Johann legt nahe, dass biologische Veränderungen die Lebensqualität nicht unweigerlich mindern müssen.
Mangelernährung im Alter
In den reiferen Jahren bekommt man die Wechselwirkung zwischen der eigenen Lebensführung und dem individuellen Wohlbefinden deutlicher zu spüren. Manche Faktoren können das Essverhalten und damit den Ernährungszustand so negativ beeinflussen, dass die körperliche, aber auch mentale Widerstandsfähigkeit herabgesetzt ist. In diesem Falle spricht man von einer Mangelernährung, die vermehrt ältere Personen betrifft. Dabei unterscheidet man zwischen einer quantitativen Mangelernährung, bei der die Energieversorgung – sei es durch Appetitlosigkeit oder Krankheiten – nicht sichergestellt ist, und einer qualitativen Mangelernährung. Letztere beschreibt einen Mangel an essentiellen Nährstoffen – also vorrangig an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen.
„Im Alter nimmt der Energiebedarf ab, während der Bedarf an Nährstoffen wie z. B. Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen ansteigt“, erklärt Catherine Neuhauser, Diaetologin im Landesklinikum Horn. Eine von vielen möglichen Ursachen für Mangelernährung liegt in falschen Ernährungsgewohnheiten, vor allem in einer einseitigen Ernährung. Etwa, wenn über einen längeren Zeitraum fast nur „leere Kalorien“, wie Zucker, fettreiche Lebensmittel und Weißmehlprodukte den täglichen Speiseplan füllen.
Bei älteren Personen kann, sagt die Diaetologin, auch Appetitmangel ein Grund für Mangelernährung sein, unter anderem weil der Geruchs- und Geschmackssinns schwindet oder Kaubeschwerden entstehen. Depressionen und Vereinsamung hemmen oft die Lust zu essen und zu kochen. Durch Demenz vergessen viele Menschen schlichtweg auf die notwendige Nahrungszufuhr. Ältere Menschen, die durch die Alterung eine schlechtere Grundkonstitution haben, leiden ganz besonders unter den Folgen einer chronischen Mangelernährung, weiß Diaetologin Neuhauser: „Es kann zu
trockener Haut und zu Wundheilungsstörungen kommen. Durch Resorptionsschwäche sind Verdauungsbeschwerden zu beobachten, welche die Angst vor dem Essen verschärfen und damit einen Teufelskreislauf in Gang setzen. Auch Osteoporose kann eine Folge der Unterversorgung mit Mineralstoffen sein, besonders fehlen Kalzium und Vitamin D. Auch der Abbau von Muskelmasse respektive der Funktionsverlust des Muskels (Myopathie) wirken sich besonders negativ aus. Daraus resultiert häufig ein Mobilitätsverlust, der die Selbstständigkeit weiter beeinträchtigt.“
Trinken ist wichtig!
Schon ein Flüssigkeitsverlust von nur zwei Prozent beeinträchtigt die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit deutlich. Koordination und Wahrnehmung werden in Mitleidenschaft gezogen, aber auch sämtliche Körperfunktionen – allen voran der Kreislauf. Da ältere Menschen generell häufig unter Kreislaufproblemen leiden und zudem sturzanfälliger sind, ist für sie eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung besonders wichtig. Auch eher unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit basieren oft auf einem Flüssigkeitsdefizit. „Verwirrtheitszustände sind nicht immer auf Demenz, sondern schlichtweg auf eine zu geringe Trinkmenge zurückzuführen“, weiß
Neuhauser. Sie warnt: „Wer lange zu wenig trinkt, beeinträchtigt die Nierenfunktion.“
Erschwerend ist, dass Senioren oft kein Durstgefühl wahrnehmen oder auf das Trinken schlichtweg vergessen. Manche trinken auch aus Scham zu wenig, weil sie an Harninkontinenz leiden. Dabei sollte man eigentlich noch vor dem Durstgefühl zur Wasserflasche greifen, denn wenn der Körper Durst signalisiert, hat er bereits einen leichten Wassermangel. „Ältere Menschen sollten immer wieder – eventuell auch mit Ritualen – ans Trinken erinnert werden. Stellen Sie die Getränke, die Sie im Laufe des Tages trinken, morgens bereit.“ Gut sei es auch, nach jedem Toilettengang schluckweise ein Glas Wasser zu trinken. „Ziehen Sie am Ende des Tages Bilanz und kontrollieren Sie abends die tatsächlich zugeführte Flüssigkeitsmenge.“
Genussvoll gut versorgt
Eine alte Weisheit besagt: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.“ Was können Senioren und pflegende Angehörige tun, um das Wohlbefinden durch eine bedürfnisgerechte Ernährung zu optimieren? Wichtig ist, dass die Speisen auf den geringeren Energiebedarf abgestimmt sind, gleichzeitig aber alle notwendigen Nährstoffe in ausreichender Menge erhalten: „Wählen Sie wertvolle Lebensmittel, reich an Mikronährstoffen in frischer und abwechslungsreicher Zubereitung“, rät die Diaetologin. Qualität sollte dabei immer vor Quantität stehen. Um den erhöhten Nährstoffbedarf zu decken, kann es sinnvoll sein, auf natürliche Vitamin- und Mineralstoffspender auszuweichen. Gute Quellen sind beispielsweise Sanddornsirup und Hefeflocken – was man eben gut verträgt. Expertin Neuhauser rät zu einer leichten Vollkost.
Ist eine Mangelernährung zu erkennen, braucht man ärztlichen Rat für eine individuelle Ernährungstherapie. Was können Angehörige tun? „Bieten Sie Speisen nach Appetit an, fragen Sie, worauf die betreffende Person Gusto hat. Mehrere kleine Mahlzeiten werden eher akzeptiert als wenige große“, empfiehlt die Diaetologin. Und wie sieht es mit Nährstoffergänzungen aus? „Energieanreicherung ist mit natürlichen Lebensmitteln möglich. Wenn dies nicht ausreicht, hilft hochkalorische Zusatznahrung.“
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