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Rangeln & Raufen muss sein

Kräfte messen, sich und den anderen spüren – das lieben Kinder und Jugendliche. Mit klaren Regeln ist es ungefährlich – und tut vor allem in vielerlei Hinsicht richtig gut.


Zwei Jugendliche stehen sich gegenüber, legen die Handflächen aneinander. Zwischen ihnen eine imaginäre Linie auf dem Boden gezogen. Das Ziel: Den anderen dazu zu bringen, seinen Standplatz zu verlassen. Zuerst versuchen es beide mit Druck und Kraftaufwand – einmal sieht es für den einen besser aus, dann für den anderen. Plötzlich lässt der eine nach, der andere stolpert ihm entgegen – und hat verloren.
Dieses Spiel ist typisch für „Raufen und Rangeln“. Kinder wollen sich ausprobieren, sich messen, die eigenen Grenzen austesten und den eigenen Körper kennenlernen. Und sie sollen sich dabei ruhig voll ins Zeug legen, mit aller Kraft. Am besten so, dass nichts passieren kann. Das geht. Und es ist wichtig: Dieses Grundbedürfnis sollen sie ruhig stillen dürfen, Eltern und Lehrer sollten es sogar fördern – und zwar nicht nur bei den Buben, sagt der Pädagoge Prof. Wolfgang Beudels von der Fachhochschule Koblenz. Denn Ringen, Rangeln und Raufen tun Körper und Seele gut.

Partner, nicht Gegner im Ring

Kinder messen sich und tragen Konflikte auch gern handgreiflich aus. Erziehung zu friedlichen Lösung ist wichtig und richtig – in einem Rahmen. Wolfgang Beudels sagt sogar, damit kann man Aggressionen bei der Konfliktaustragung minimieren, denn Kinder und Jugendliche haben so ein geregeltes und anerkanntes Ventil.  
Ringen, Raufen und Rangeln bietet viele Vorteile. Es stärkt die Muskeln und die eigene Körperwahrnehmung. Zug und Druck, Bewegung nach vorne und Nachgeben wechseln sich ab – wie beim Beispiel zu Beginn des Textes. Nähe und Berührung geschehen, man kann seine Kräfte entwickeln und die eigene Selbstwirksamkeit erfahren. Und übt Geschicklichkeit und Gewandtheit. Man lernt, mit unerwarteten Situationswechseln umzugehen und schwierige Situationen selbstständig zu bewältigen. Und man wird – wenn auch nicht aus purer Liebe – in den Arm genommen, gehalten und gedrückt.
Wichtige Grundlage für gelungenes Raufen und Rangeln: Die Beteiligten sehen das Gegenüber nicht als Gegner, sondern als Partner. Und es gibt eine einzige wichtige Regel: Erlaubt ist, was nicht weh tut, und wer genug hat, gibt das verbal oder durch ein vorher vereinbartes Zeichen zu ver­stehen.
Was man noch an Rahmenbedingungen braucht? Schmuck, Piercings und Brillen legt man vorher ab, lange Haare werden zusammengebunden, die Nägel sollten kurz geschnitten sein, und ideal sind lange Hosen und Hemden, wie sie bei Karate und Judo getragen werden – aber das muss nicht unbedingt sein, schon gar nicht, wenn man mit Papa oder Mama rauft – und auch das sollten Kinder dürfen. Besonders die Väter haben damit eine tolle Gelegenheit, Nähe zu erfahren und zu geben, besonders den sonst sehr  kratzbürstigen Vorpubertären oder Teenies.

Dampf ablassen, wen aufs Kreuz legen

Und raufen ist dabei auch relativ. Natürlich kann man dabei auch einmal so richtig Dampf ablassen und sein gegenüber aufs Kreuz legen. Man kann aber auch sehr gesittet einen Daumenkampf ausüben: Die beiden Partner haken sich gegenseitig mit den Fingern fest und probieren dann, den Daumen des anderen zu „unterwerfen“. Lachen ist da fast garantiert. Oder man „kämpft“ nur mit einem Arm, legt den anderen auf den Rücken ... Das Spektrum an Möglichkeiten reicht bis zur Kissenschlacht.

Begrüßen und Verabschieden

Ein Ritual zu Beginn und zum Ende der Begegnung schafft einen guten Rahmen, besonders wenn man eine ganze Horde unternehmungslustiger Kinder vor sich hat. Beim Beispiel des Daumenfangens kann das zum Beispiel sein, dass jeder mit dem Daumen dreimal rechts und links „winkt“, oder man nimmt sich ein Beispiel an Kampfsportarten mit einer wertschätzenden Verbeugung zur Begrüßung und als Dank.
Wolfgang Beudels spricht beim Ringen, Rangeln und Raufen gern von einem Dialog, den diese Art der Begegnung darstellt: „Ich habe zwei Brüder, bei uns war das ein Dauerthema. Kinder suchen den Körperkontakt, und zwar auch den heftigen – nach dem Motto: Jetzt kämpfen wir aber einmal richtig. Man will den anderen spüren, halten, verbindlich agieren. Die Grenze ist, dass man sich nicht demütigt.“ Beudels betont auch, dass Vertrauen zwischen den Rangel-Partnern nötig ist: Vertrauen, dass sich der andere an die Regeln hält, dass man jederzeit stopp sagen kann. „Das Miteinander ist nämlich sehr wichtig für ein freudvolles Gegeneinander.“

Foto: bildagentur waldhäusl

 

Buchtipp

(vor allem, aber nicht nur für Pädagogen):
Wolfgang Beudels, Wolfgang Anders: Wo rohe Kräfte sinnvoll walten: Handbuch zum Ringen, Rangeln und Raufen in Pädagogik und Therapie
288 Seiten
ISBN 978-3-86145-251-5
23,20 Euro
Zu bestellen unter
www.gesundheitsbuch.at

Bewegte Klasse

Was hat das Thema Ringen, Rangeln Raufen mit der »Bewegten Klasse« Klasse zu tun? Es kann ein wertvoller Aspekt in der Bewegungspädagogik sein und nicht zuletzt zur Zufriedenheit und Ausgeglichenheit der Kinder und Jugendlichen in der Schule beitragen.
Die Initiative »Tut gut!« setzt einen Schwerpunkt auf das Thema Schule. Das Projekt »Bewegte Klasse« gibt es für die 1. bis 4. Schulstufe, die Grundschule, und für 5. bis 8. Schulstufe, die Sekundarstufe 1. Dabei soll Schule zum Bewegungs- und Begegnungsraum werden und mehr Bewegung in den Schulen Einzug halten:

  • Bewegen im motorischen Bereich – mit mehr Bewegungsangeboten 
  • Bewegen im Sinne von Bewegtmachen im emotionalen Bereich – Grenzen erspüren und respektieren
  • Bewegen im Sinne eines aktiven und handlungsbezogenen Lernens
  • Bewegen im Sinne von Gemeinschaft erleben

Das Programm bietet konkrete Hilfen für Grundschullehrer und sieht sich als Fortbildung für Lehrer.
Eines der Angebote dazu ist das »Bewegte Klasse«-Symposium, das im Jänner in Krems angeboten und von zahlreichen Lehrkräften genutzt wurde. Neben dem Thema „Rangeln und Kämpfen als psychomotorisches Angebot“ konnten die Lehrer das Thema unter Anleitung von Prof. Dr. Wolfgang Beudels ausprobieren und haben es sichtlich genossen – ging es um viele weitere Bewegungsthemen, die gut in der Schule genutzt werden können.

Informationen: www.noetutgut.at

Birgit Amenitsch-Freiberger

Die Tanz- und Motopädagogin ist fachliche Leiterin der  »Bewegten Klasse« in der Grundstufe. Sie ist auch selbst als Betreuerin der »Bewegten Klasse« an den Schulen unterwegs. Ihr großes Anliegen ist es, auf die untrennbare Verknüpfung von Wahrnehmungsprozessen und Bewegungshandlungen als Basis für Lernen und Verhalten hinzuweisen. Sie weiß aus ihrer Erfahrung in den Schulen, aber auch aus der Erfahrung mit ihren sechs Kindern, wie sehr Lernen mit und in Bewegung nicht nur das individuelle Wohlbefinden des Einzelnen, sondern auch die Lernatmosphäre in der Klasse verbessert, die wiederum Voraussetzung für Lernmotivation, für Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit ist.

Herbert Wojta-Stremayr

Leitet das Programm »Bewegte Klasse« in der Grundstufe und in der Sekundarstufe und ist Mitglied des Fachbereiches Bewegung bei der Initiative »Tut gut!«. Bewegung ist in seinen Augen ein zentrales Element in der Entwicklung unserer Kinder. Gerade in unserem momentanen „bewegungsfeindlichen“ Umfeld ist es wichtig, das Element Bewegung auch als zentrales Element im Schulalltag zu verankern. „Doch Bewegung sollte nicht nur als rein motorische Komponente gesehen werden. Bewegung findet in vielen Dimensionen statt, und neueste wissenschaftliche Studien beweisen, dass Bewegung auch einen wesentlichen Beitrag auf die Lernleistung hat. Ein aktiver und handlungsbezogener Unterricht sollte deshalb fixer Bestandteil in der pädagogischen Arbeit sein“, so Herbert Wojta-Stremayr.