„Prävention ist uns sehr wichtig“
Im Interview verrät der Obmann der NÖGKK, KR Gerhard Hutter, warum die Gesundheitsförderung für die Kasse so wichtig ist, weshalb die Menschen in Niederösterreich jetzt um sieben Tonnen leichter sind und warum die NÖGKK als Vorzeige-Kasse in Österreich gilt.
Wie sieht es mit den Gratis-Zahnspangen aus? Die wurde groß angekündigt – wirkt sie?
Hutter: Sie ist ein Meilenstein, das kann ich ohne Übertreibung sagen. Für Eltern ist es eine hohe Belastung, wenn der Sohn oder die Tochter aus medizinischen Gründen tatsächlich eine Zahnspange braucht. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir die Gratis-Zahnspange anbieten können.
Wie viele Kinder werden sie bekommen?
Vorgesehen sind die nötigen Mittel für die Behandlung von hundert neuen Fällen pro Vertragskieferorthopäden und Jahr. Auf unserer Homepage www.noegkk.at gibt es eine Liste unserer 36 Vertragsärzte. Und ich bin sehr froh, dass wir für die nicht ganz so schweren Fälle auch weiterhin den Zuschuss zu Zahnspangen zahlen können – das läuft wie bisher.
Die NÖGKK setzt auf Gesundheitsförderung – von Gesundheitstagen bis zur betrieblichen Gesundheitsvorsorge, von Ernährungs-Workshops bis zu Schnuppertrainings für verschiedene Sportarten. Warum ist das so wichtig für Sie?
Die NÖGKK ist sogar österreichweit spitze beim Thema Gesundheitsförderung. Wir haben eine Fünf-Jahres-Strategie beschlossen, mit einem Budget von 17 Mio. Euro. Pro Kopf und Jahr investieren wir damit mehr in Prävention als alle anderen Krankenkassen. Im Vorjahr haben wir bei 247 Veranstaltungen 18.500 Personen gezählt – das freut mich sehr. Und die NÖGKK evaluiert ihre Programme laufend.
Verraten Sie uns ein paar Ergebnisse?
Spannend finde ich zum Beispiel, was die 1.870 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Langzeit-Abnehmprogramm „Schlank mit der NÖGKK“ geschafft haben: Set der flächendeckenden Einführung 2012-2014 haben sie für ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit insgesamt sieben Tonnen abgenommen. Pro Person sind das im Durchschnitt 4,4 kg sowie 5,9 cm an Bauchumfang – in Summe 93 km. Das ist schon sensationell, spart langfristig Medikamentenkosten, aber ist vor allem wichtig für die persönliche Lebensqualität.
Was gibt es im Bereich Prävention sonst noch an Bewährtem?
Apollonia 2020 zum Beispiel – die flächendeckende Zahngesundheits-Kampagne in den Kindergärten und Schulen, die machen wir gemeinsam mit dem Land Niederösterreich (siehe Seite 16). Oder die Raucherentwöhnung, bei der wir für ganz Österreich das Rauchfrei Telefon betreiben. Wir haben da übrigens wirklich gute Erfolge: Beim Rauchfrei Telefon schaffen es nach einem Jahr rund 30 Prozent, rauchfrei zu sein und zu bleiben. Bei der Ambulanten Raucherentwöhnung bleibt jeder vierte Teilnehmende rauchfrei. Und sehr viele schaffen es, den Zigarettenkonsum deutlich zu reduzieren.
Ein wichtiger Teil der Präventionsarbeit ist die betriebliche Gesundheitsförderung.
Ja, der Zugang zu den Betrieben wird immer besser. Wir arbeiten immer intensiv mit Personalabteilung und Betriebsrat zusammen, ebenso mit der AUVA zur Unfall-Prävention und dem Arbeitsinspektorat. Aus der Befragung sehen wir: 80 Prozent der Betriebe sagen uns, dass sich der Gesundheitszustand der Mitarbeitenden massiv verbessert hat. Was Betriebe in die Gesundheit ihres Personals investieren, kommt laut internationalen Studien im Verhältnis von 1:2,3 bis 1:6 wieder, es lohnt sich also, weil jeder investierte Euro für den Betrieb einen Gewinn bedeutet – und für die Menschen sowieso.
Gibt es da Trends, die Sie beobachten?
Wir haben in Niederösterreich sehr viele Klein- und Kleinstbetriebe. Und ich bin sehr froh, dass wir auch da ansetzen können, denn diese tüchtigen Menschen tragen unsere Wirtschaft sehr wesentlich mit. In der Zielgruppe mit Betrieben mit drei bis fünf Personen, zum Beispiel Frisörbetriebe, sind wir sogar Vorreiter in Österreich.
Was wünschen Sie sich von den Betrieben?
Wir haben seit 2003 bis Ende 2014 gezählte 459 Betriebe beraten und sind sehr geübt darin, optimale Angebote zu machen. Deshalb wünsche ich mir, dass die Betriebe uns anrufen und unsere Angebote in Anspruch nehmen – sie sind ja kostenlos. Unsere BGF-Betreuerinnen und –Betreuer sind ständig unterwegs und reden mit den Menschen vor Ort. Natürlich ist ein BGF-Programm in einem Betrieb ein gewisser Aufwand. Aber unterm Strich rentiert es sich immer. Ich weiß beispielsweise als Betriebsratsvorsitzender der voestalpine Traisen, dass unser Programm manchen Mitarbeitern im wahrsten Sinn des Wortes das Leben gerettet hat.
Viele Studien belegen, dass wir in Österreich eher Sportmuffel sind – was setzen Sie dem entgegen?
Viel, wie Workshops oder Schnuppertrainings, damit die Menschen sehen, dass Bewegung Spaß macht. Denn Bewegung ist das beste „Medikament“, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall vorzubeugen. Wir motivieren die Menschen auch deshalb, weil Menschen durch diese Folgeerkrankungen viele Medikamente einnehmen müssen und es wissenschaftlich erwiesen ist, dass regelmäßige Bewegung einiges an Medikamenten unnötig macht.
Ist das nicht etwas, was man einfach als Kind lernen sollte?
Ja, so ist es, wer sich als Kind gern bewegt, behält das eher bei oder fängt als Erwachsener leichter wieder an. Deshalb liegen mir sämtliche Projekte für Kinder ganz besonders am Herzen. Ich freu mich jedes Mal, wenn ich sehe, wie toll diese Projekte angenommen werden, wie zum Beispiel der „Bewegungskaiser“ mit den Komponenten Bewegung und Ernährung für Kinder und ihre Eltern – die vielen strahlenden Augen zeigen mir, dass Themen wie gesunde Jause und Spaß an der Bewegung wirklich ankommen.
Ist Prävention nicht in Summe Gießkannen-Politik? Für alle ein bisschen was?
Natürlich schauen wir, dass wir für alle Altersgruppen was anbieten, zum Beispiel auch mit der Seniorenmesse. Aber Gießkannen-Politik ist das sicher nicht. Im Gegenteil: Wir schauen sehr genau, was welche Menschen brauchen. Bei den Senioren kümmern wir uns gerade besonders um die Sturzprävention. Wir engagieren uns mit der „Babycouch“ für Migrantinnen. Und bei der Diabetes-Betreuung haben wir mit „Therapie Aktiv“ einen echten Meilenstein im Programm. Wenn Sie mich nach der Wirksamkeit der Programme fragen, zum Beispiel die breite Werbung für Bewegung oder die Kinder- und Schulprojekte – ob sich das lohnt, kann man erst in 15 bis 20 Jahren sehen. Wir arbeiten eben schon jetzt für unsere künftigen Budgets.
Ein gutes Stichwort – wie sieht denn die Bilanz der NÖGKK aus?
Die Konjunktur hat zwar in letzter Zeit nicht so mitgespielt, was sich natürlich auf die Beitragszahlungen auswirkt. Aber wir haben es geschafft, seit 2009 immer ein positives Ergebnis vorzulegen, obwohl 2014 ziemlich durchwachsen war. Die Lage bleibt aber sehr angespannt. Wir haben gut mit den Ärzten verhandelt und viele Maßnahmen gesetzt und tun das weiterhin. Die nächsten beiden Jahre werden auf jeden Fall schwierig. Ich freue mich, trotzdem sagen zu können: Wir sind eine Vorzeige-Kasse in Österreich.
Woran kann man das als Versicherter sehen?
Wie gesagt, zum Beispiel auch am umfangreichen Präventionsprogramm. Aber auch an vielen konkreten Maßnahmen. So ist zum Beispiel in Niederösterreich der Zugang zu Psychotherapie für Kinder und Jugendliche völlig unlimitiert. Wer also Hilfe braucht, bekommt sie. Das ist keineswegs selbstverständlich, noch dazu, weil wir bei den Erwachsenen trotzdem nicht sparen: Das bisherige Kontingent bleibt, hat aber mehr Plätze, weil die Kinder und Jugendlichen daraus ja nicht mehr versorgt werden müssen. Das ist nur eines von vielen Beispielen.





