„Ohne Bewegung hätte ich heute einen Buckel“
Wer sich nicht bewegt, wird bewegungslos – so einfach ist das für die in Perchtoldsdorf lebende Ingrid Turkovic-Wendl. Bewegt war ihr Leben seit Kindheitstagen – als Eiskunstläuferin, Sportkommentatorin, Politikerin oder jetzt als „LeBe“-Turnerin.
Mit Übungen wie dem Heiligenschein, dem Katzenbuckel (ja, der ist immer noch aktuell) oder dem Storch schafft es Ingrid Turkovic-Wendl auch mit 72, sich beweglich zu halten. Und wenn die ehemalige Eiskunstläuferin Fingerklavier zu spielen beginnt oder sich wie ein Baum im Wind wiegt, dann macht sie immer noch ihre Übungen: „Am liebsten mache ich Bewegung an der frischen Luft“, sagt Wendl, der man ihre 72 Jahre nicht glauben möchte – manch neidische Frau ist verleitet zu sagen, „die sagt ja nur, dass sie so alt ist, weil sie ein Kompliment bekommen möchte …“ Aber so ist es nicht!
Wendl ist ein bewegendes Beispiel dafür, wie Sport und regelmäßige Bewegung jung halten: „Ich mache schon vor dem Aufstehen Bewegung“, dann liegt sie neben ihrem Mann, dem Dirigenten und Fagott-Solisten Milan Turkovic, im Bett und beide haben die Beine in der Höhe und fahren in der Luft Rad, „manchmal macht mein Mann dann auch noch den buckligen Maikäfer.“
Austricksen gehört dazu
Es sei „ein tägliches Austricksen, damit man sich bewegt“, gibt Wendl zu. „Ich brauche auch meine Zeit, bis ich ins Rollen komme, aber geht nicht, gibt’s nicht, und nachher fühle ich mich immer um 100 Prozent besser“, gesteht sie. Nach ihrem Radausflug im Bett „gehe ich riechen“ – dann springt Wendl in ihre Kleidung und geht 30 bis 40 Minuten in die Natur hinaus, noch vor dem Frühstück, „ich gehe so lange, bis ich ins Schwitzen komme“. Positiver Nebeneffekt ihrer Schwitzattacken: „Mir passt mein Gewand noch, das ich vor 30 Jahren gekauft habe.“ Wenn sich aber doch mal ein Kilo zu viel an ihre Hüften klammert, dann gibt es striktes „Dinner cancelling“. Das geht nur mit Disziplin, und die hat sie als Profisportlerin von Kindesbeinen an gelernt. Zur Eiskunstläuferin wurde sie eigentlich „nur wegen der Musik, Eislaufen war für mich damals die einzige Möglichkeit, dass ich mich zur Musik bewegen konnte“, erinnert sich Wendl, der kein Baum zu hoch und kein Wettrennen zu anstrengend war: „Diese Bewegungsfreiheit fehlt den Kindern heute, aber leider gibt es diese Idylle nicht mehr, die wir Kinder damals hatten.“
Was man kaum glauben möchte: Die Wendl war ein schüchternes Mädchen, „ich habe sehr leise gesprochen, wollte lieber im Hintergrund stehen, aber ich habe immer gewusst, was ich konnte, und habe gelernt, mich durchzubeißen, mich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Sport lehrt einen, nicht wehleidig zu sein und immer einen Weg zu finden: 30 Mal fällst du auf die Nase, aber beim 31. Mal funktioniert es.“
„Der Körper war wie ein Instrument“
Nach einem eisernen, eisigen zehnstündigen Training war ihre Motivation, eine halbe Stunde zur Musik am Eis zu laufen – nein, zu tanzen, „das war meine seligste Zeit, das war Euphorie pur, über meinen Körper Musik auszudrücken, mein Körper war wie ein Instrument, auf dem ich spielte.“ Wendl war dann in ihrer ganz persönlichen Balance, die eine Mischung aus Glückseligkeit und Anstrengung war, „ich habe keine andere Tätigkeit in meinem Leben gefunden, wo ich so ich war.“
Ihre ersten Eisrunden dreht sie am Wiener Eislaufverein. Mit 15 Jahren (1956) war sie Europameisterin und zählte in den 50er Jahren zu den
besten Eiskunstläuferinnen der Welt. Bei den Olympischen Winterspielen 1956 holte sie die Bronzemedaille und bei den Weltmeisterschaften 1956 und 1957 wurde sie jeweils Dritte. Ihre Amateurkarriere beendete sie 1958 mit der Vize-Weltmeisterschaft und ging dann zur Wiener Eisrevue. 1971 zog sie sich aus dem Sportzirkus zurück und ging 1972 zum ORF. Von 2002 bis 2006 war sie ÖVP-Abgeordnete im Nationalrat.
„Ich rieche den Schnee“
Das bewusste und intensive Riechen lernte sie also beim Eislaufen, „die Luft roch für mich immer anders, entweder roch sie kalt oder nach Wind, ich roch auch, wenn Schnee kam.“ Das Riechen war auch eine Art Konzentrationsübung, sich auf das Wesentliche fokussieren, im Inneren ruhig werden und die Umgebung trotzdem bewusst wahrnehmen – und diese Aufmerksamkeit behielt sie sich bei. Wendl strahlt Lebensfreude und Lebenslust aus, und wenn man ihr die Hand gibt, spürt man diesen Lebensfunken. „Wenn man sich ein bisschen mag, dann geht man auf sich ein und bewegt sich.“ Und Sport muss ja nicht gleich extrem betrieben werden, „Sport ist was Lustvolles, es genügen ein paar leichte Dehnungsübungen, die gegen Muskelverkürzungen helfen und das Leben ungemein erleichtern.“ Trotzdem weiß Wendl, die für das Sport- und Bewegungsprojekt „LeBe“ ältere Menschen zu Bewegung motivieren will und für den Anleitungsfolder vor der Kamera stand, dass der Antrieb, sich zu bewegen, aus einem selbst kommen muss, „ich werde nie wen dazu drängen, weil ich weiß, dass ich selber Druck nicht mag. Ich will mir aussuchen, was ich will, wir sind im Alltag eh viel zu sehr ‚gemusst‘.“ Was Wendl aber möchte, ist die Wahrnehmung wecken, seiner selbst und seiner Bedürfnisse, und auch das maßvolle Überschreiten der eigenen Grenzen, „und das in jedem Alter, sonst kommt man zum Stillstand. Hätte ich mich mein Leben lang nicht so viel bewegt, hätte ich heute sicher einen Buckel“, lacht Wendl, die als Großmutter bedauert, dass die Kinder heutzutage sich zu wenig bewegen, „es ist schon gut, wenn man seinen Enkeln ein Sparbuch schenkt, aber noch besser wäre es, wenn man mit ihnen ihre Muskeln aufbaut – das ist eine Investition fürs Leben.“ Wenn man Muskeln bewegt, werden sie ganz schnell mehr – was man vom Geld am Sparbuch ja nicht behaupten kann …
Sport- und Bewegungsprojekt „LeBe“
Mitte April 2013 startet in 80 Orten in Niederösterreich das Sport- und
Bewegungsprojekt „LeBe“ für Senioren. Seit 2007 gibt es dieses spezielle Programm für mehr Freude an der Bewegung von Sportland Niederösterreich in Zusammenarbeit mit den drei Sportdachverbänden ASKÖ, ASVÖ und Sportunion sowie dem Kneippbund. Eine Studie über die Nachhaltigkeit des Projekts „LeBe“ im Vorjahr ergab unter anderem, dass zwei Drittel aller Teilnehmer weiterhin aktiv bei ihrem „LeBe“-Partnerverein sind und sich ihr subjektives Wohlbefinden seither verbessert hat. Initiatorin Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: „Wir wollen helfen, den inneren Schweinehund zu überwinden und Bewegung in den Alltag zu bringen. Denn Bewegungsarmut bedeutet ein erhöhtes gesundheitliches Risiko und wird dann meist mit zunehmendem Alter spürbar. Schon ein geringes Maß an Sport und Bewegung kann kleine Wunder wirken und das individuelle Wohlbefinden verbessen.“
Informationen & Anmeldung: www.sportlandnoe.athttp://www.sportlandnoe.at





