Krebs: Wissen gegen die Angst
Moderne Entwicklungen in der Medizin haben der Krankheit den Schrecken genommen: Verbesserte Diagnose und Therapie sowie eine akribische interdisziplinäre Zusammenarbeit schenken den Menschen oft sehr gute Lebensqualität und wesentlich mehr Jahre als früher

Das Tumorboard im Landesklinikum St. Pölten: (v.l.) OA Dr. Gerhard Kopetzky (Onkologe), OÄ Mag. Dr. Eva Unfried (Pathologin), OA Dr. Reinhard Brustbauer (Nuklearmediziner), OA Dr. Ralph Greiner (Chirurg), OA Dr. Robert Sauer (Radiologe), Simone Rixinger (Sekretärin) – FOTO: Gerald Lechner
Für Hippokrates (400 v. Chr.) war der Überschuss von „schwarzer Galle“ die Ursache eines bösartigen Karzinoms. Heilbar wäre dieses Leiden, wenn die Geschwulst frühzeitig mit Glüheisen behandelt werde. Paracelsus lehnte um 1530 Glüheisen und Messer kategorisch ab, die „chymische Therapie“ mit besonderen Essenzen sollte den Krebs heilen. Über diese Ansätze kann die moderne Medizin nur lächeln. Um Krebs zu heilen, gibt es verschiedene Behandlungen – von der Operation über die Chemo- bis hin zur Strahlentherapie.
Was ist Krebs?
Was wir umgangssprachlich als Krebs bezeichnen, sind im medizinischen Sinn bösartige Tumore, die durch das unkontrollierte Wachstum entarteter Zellen entstehen. Während gesunde Körperzellen eine Art „innere Uhr“ in sich tragen, die Wachstum, Reife und Teilung, aber auch ihr Altern und Sterben bestimmen, ist bei Krebszellen dieser Mechanismus gestört. Sie entwickeln sich autonom, wuchern und bilden einen Verband entarteter Zellen, die Mediziner als Tumore bezeichnen.
Unterschiedliche Tumore
Man unterscheidet gutartige Tumore – diese sind lokal vorhanden, kapseln sich jedoch vom umliegenden Gewebe ab. Bösartige (maligne) Tumore sind wuchernde Zellen, die sich nicht mehr den üblichen Regelmechanismen unterwerfen. Sie dringen auch in das benachbarte Gewebe ein und zerstören es. Entartete Zellen, also genetisch mutierende Zellen, können auch in Lypmh- und Blutbahnen eindringen und sich an anderen Stellen des Körpers festsetzen. In diesem Fall spricht man von Metastasen oder Tochtergeschwülsten.
Tumore werden im Laufe der Zeit dem ursprünglichen Gewebe immer unähnlicher – man unterscheidet drei Gruppen: Erstens Sarkome (sie entstehen im Bindegewebe, am Nervengewebe, an Knochen oder in Blutgefäßen), zweitens Karzinome (entstehen in Organen, Drüsengewebe oder an der Haut) sowie drittens Leukämie und Lymphome, die blutbildende Organe (Milz, Knochenmark) betreffen.
Warum entarten Zellen?
Warum Zellen entarten und wie daraus Krebs entstehen kann, ist Gegenstand unzähliger wissenschaftlicher Untersuchungen. Dazu kommt es, wenn die DNA, die Trägerin der Erbinformation in der Zelle, beispielsweise durch freie Radikale, also aggressive Moleküle, beschädigt wird. Üblicherweise können Zellen sich wieder „selbst reparieren“.
Wird die DNA jedoch ständig angegriffen und dauerhaft geschädigt, kommt es zu einer Mutation – also einer Veränderung des Erbguts. Die Ursachen dafür, dass Zellen entarten können, sind unterschiedlich. So tragen etwa falsche Ernährung, übermäßiger Alkoholkonsum, Rauchen, ungesunder Lebensstil, UV-Strahlung oder Viren (wie z. B. humane Papillomaviren, Verursacher von Gebärmutterhalskrebs) dazu bei, dass eine Krebserkrankung entstehen kann.
Krebs ist kein Todesurteil mehr
Krebs ist zwar die zweithäufigste Todesursache in Österreich, doch hat er dank der guten diagnostischen und therapeutischen Entwicklungen längst an Schrecken verloren. In Niederösterreich erkranken etwa 7.000 Menschen jährlich an Krebs.
Die höchste Sterblichkeitsrate hat Brustkrebs bei Frauen und Lungenkrebs bei Männern. Doch die Mortalitätsraten sind rückläufig, weil die Diagnosen früher gestellt und die Therapien immer besser werden. So hat sich die Zahl der Neuerkrankungen bei Brustkrebs in den letzten zehn Jahren um fünf Prozent verringert (Statistik Austria 2012). Männer erkranken, statistisch gesehen, am häufigsten an Prostatakrebs, sterben aber am häufigsten an Lungenkrebs.
Krebs ist zu einer chronischen Erkrankung geworden, so die Conclusio der European Society of Medical Oncology (ESMO). Vor allem bei Brust-, Nieren- und Dickdarmkrebs hat sich die Überlebensrate in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt bzw. sogar verdreifacht.
Interdisziplinarität rettet Leben
Steht die Diagnose fest, muss eine individuelle Behandlungsstrategie erarbeitet werden. Je nach Lage, Größe und Art des Tumors gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Seit 2006 haben NÖ Landeskliniken begonnen, mit dem Tool eines Tumorboards zu arbeiten: In einer wöchentlichen Sitzung berät ein interdisziplinäres Experten-Team über Therapieoptionen für Betroffene (siehe Interview unten).
Eine wichtige Säule in der Therapie ist die Operation. Dabei versucht der Chirurg, den Tumor zu entfernen und möglichst viel des umliegenden Gewebes zu erhalten. Bei der Radio- oder Strahlentherapie werden hochenergetische Strahlen an den Tumor geleitet, diese zerstören das Erbgut der Krebszellen, sodass diese absterben. Vor allem Brust-, Prostata-, Darm- oder Hodenkrebs wird mit diesem Verfahren behandelt. Bei der Chemotherapie werden die Wirkstoffe, die Krebszellen zerstören (Zytostatika), in das Körpersystem eingebracht.
Vorsorge ist der beste Schutz
Eine gezielte Prophylaxe ist die beste Therapie: Internationale Studien zeigen etwa, dass 35 Prozent aller Krebserkrankungen ernährungsbedingt sind.
Eine balancierte Kost mit reichlich Obst und Gemüse ist eine Vorsorgemaßnahme, die leicht und täglich machbar ist – ebenso ein entsprechender Lebensstil mit Sport und Bewegung: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in ihrem Bericht „Physical Activity Guidelines“ nachgewiesen, dass tägliche moderate Bewegung das Krebsrisiko um 30 Prozent senken kann.
Bei 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle ist das Rauchen schuld. Ein Rauchstopp gilt als wesentlicher Beitrag zur Vermeidung von Krebs. Darüber hinaus hat die moderne Medizin, aber auch eine gezielte Diagnostik, dem Krebs seinen Schrecken genommen.
Neues aus der Wissenschaft
Neue Einsichten in zelluläre Schlüsselprozesse liefern die Forschungsarbeiten von Prof. Dr. Angelika Amon – der Wissenschafterin wird im Mai 2013 der Ernst-Jung-Preis für Medizin verliehen. Amon hat die Auswirkungen eines inkorrekten Chromosomensatzes untersucht – Mediziner bezeichnen diesen Zustand als „Aneuploidie“, ein Zustand, der typisch für den Krebs ist. 90 Prozent aller menschlichen Tumore sind aneuploid.
www.jung-stiftung.de
Informationen: Krebserkrankungen – Statistik Austria
www.statistik.at/web_de/statistiken/gesundheit
NÖ Krebshilfe
www.krebshilfe-noe.or.at
100 Jahre Österreichische Krebshilfe
www.100jahrekrebshilfe.net
Gebündeltes Wissen
Bei Tumorboards beraten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen über die besten Behandlungsmöglichkeiten für Krebspatienten. Prim. Univ.-Doz. Dr. Paul Christian Hajek, Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Wiener Neustadt, über Abläufe, Chancen und Möglichkeiten dieses interdisziplinären Instruments
G&L: Wie agiert das Tumorboard am Landesklinikum Wiener Neustadt?
Hajek: Beim Tumorboard treffen sich jeden Mittwoch und Donnerstag die Experten der Fachrichtungen Radioonkologie, Radiologie, Pathologie, Onkologie und das jeweilige behandelnde Fach, also Gynäkologie, Urologie, HNO usw., in einem Sitzungssaal. Außerdem ist ein Pharmazeut unserer Apotheke anwesend, um allfällige Nebenwirkungen von Behandlungen im Vorfeld beurteilen und entsprechend entgegenwirken zu können. 48 Stunden zuvor erhalten die Teilnehmer eine Information, welche Patienten besprochen werden, mit expliziten Fragestellungen und Angaben über Vortherapien und den Allgemeinzustand des Patienten. Während des Tumorboards stellt der Case-Manager (meist der Arzt, der die Erstdiagnose erstellt hat, Anm. d. Red.) den Patienten vor und die Gruppe bespricht den Befund. Abschließend wird eine gemeinschaftliche Empfehlung für einen Behandlungspfad ausgesprochen und in das Krankenhaus-Informationssystem eingegeben.
G&L: Welche Möglichkeiten bieten Videokonferenzen, wie sie an allen NÖ Landeskliniken möglich sind?
Hajek: Diese Videokonferenzen helfen besonders da, wo Fachrichtungen nicht an allen Häusern vorhanden sind. So gibt es Radioonkologien z. B. nur an den Landeskliniken in Wiener Neustadt und Krems, die Fachärztinnen und -ärzte können sich so zu den anderen Tumorboards dazuschalten und müssen nicht hin- und herfahren. Bei Tumorboards über das Videokonferenz-System kommt die entsprechende Fachrichtung in den Sitzungssaal und wählt, wie bei einem Telefonat, das entsprechende Krankenhaus an. Das andere Krankenhaus übermittelt über das System entsprechendes Bildmaterial und Befunde, das unser Facharzt parallel zur Fallbesprechung beurteilen kann.
G&L: Welche Patienten werden bei Tumorboards
vorgestellt?
Hajek: Dazu gibt es genaue Richtlinien der NÖ Landeskliniken-Holding. Grundsätzlich werden
Inzidenzfälle, also Neuerkrankungen, vorgestellt
sowie Rezidiv-Fälle, also wenn die Erkrankung wieder auftritt. Wir besprechen auch Patienten, bei denen die Therapie nicht erfolgreich war oder wegen Unverträglichkeiten gewechselt werden muss.
G&L: Wie viele Befunde beurteilen Sie auf diese Weise?
Hajek: Im Jahr 2012 wurden im Landesklinikum Wiener Neustadt 2.497 Fälle besprochen. Samt Videokonferenzen waren es 3.815 Patienten, das sind wöchentlich etwa 61 Befunde und Behandlungsempfehlungen. Unser Videokonferenzsystem ermöglicht Mehrfach-Teilnahmen, wir können mit bis zu vier Kliniken konferieren. Das tun wir in Niederösterreich mit den Landeskliniken Hochegg, Baden und Mödling, vor allem im Bereich der Strahlentherapie. In anderen Bundesländern konferieren wir mit den Kliniken in Eisenstadt und Oberwart, auch hier in der Strahlentherapie, sowie mit der Uniklinik Graz im Bereich der Dermatologie. Was früher undenkbar war, ist heute klinische Routine: Experten beraten an einem virtuellen Tisch und bündeln so Erfahrungen, Wissen und langjährige Expertise zum Wohle des Patienten – und lernen dabei sehr viel voneinander.




