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Offene Augen und doch weit weg

Im Landesklinikum Hochegg werden Wachkomapatienten und ihre Angehörigen beeindruckend gut und liebevoll betreut.


„Für jeden Patienten das Beste erreichen und die Angehörigen optimal betreuen“ – das starke Team rund um OA. Dr. Nikolaus Steinhoff leistet hervor­ragende Arbeit. FOTO: Gerald Lechner

Thomas, 32 Jahre, erfolgreich als selbständiger Computertechniker, verheiratet mit Sabine, die halbtags arbeitet. Die zwei kleinen Kinder, 5 und 3 Jahre, gehen in den Kindergarten. Ein schönes Haus, zwei Autos und als Hobby ein Motorrad. Es ist der letzte sonnige Herbsttag, das ideale Motorradwetter. Die Höhenstraße bei Wien lockt. Eine scharfe Kurve, rutschiges Laub – Thomas verliert die Kontrolle und stürzt schwer, blutet aus Nase und Ohr, ist bewusstlos. Hubschrauberbergung, Transport ins Krankenhaus. Sofort in den Operationssaal, Blutung im Gehirn, Druckanstieg. Hirnschädigung als Folge des Unfalls – Thomas wacht nicht mehr auf, fällt ins Wachkoma. Er liegt in seinem Krankenbett, die Augen sind offen, und doch ist keine Kommunikation mit ihm möglich. Schockzustand bei der Familie, das Leben von einer Sekunde auf die nächste nicht mehr das, was es war. Zu den menschlichen Problemen kommen finanzielle Sorgen. Eine negative Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen.
Ein fiktives Beispiel, das aber wesentliche Punkte enthält, die alle Wachkomapatienten teilen: Das Ereignis passiert plötzlich und unerwartet, es greift massiv ins Leben des Patienten und der Angehörigen ein, und es verändert schlichtweg den ganzen Lebensplan.

Wenn alles plötzlich anders ist

Die erste Zeit nach dem Krankheitsbeginn, die „Akutphase“, verbringt der Patient im Krankenhaus, in das er eingeliefert wurde. Kommt es zu einem Auf­wachen aus dem Koma, wird er in ein Rehabilitationszentrum überstellt. Zeigen sich aber keine Anzeichen, dass mit einer baldigen Änderung des Zustandes zu rechnen ist, wird er zur weiteren Therapie ins Landesklinikum Hochegg überstellt. Und mit ihm die ganze Hoffnung, aber auch die Sorgen und Ängste der Angehörigen. Hier wird nun in den kommenden Wochen alles daran gesetzt, doch noch eine Änderung des Zustandes zu erreichen und gleichzeitig den Angehörigen beizustehen, die neue Situation zu bewältigen.
In den ersten Tagen nach der Aufnahme wird jedem Patienten eine „Bezugspflege“ zur Seite gestellt, die während des ganzen Aufenthalts für ihn und die Angehörigen da ist. Gleich zu Beginn gilt es, möglichst viele Informationen über den Patienten zu sammeln, erklärt Tageskoordinatorin DGKS Daniela Binder: „Mit einem Biografiebogen versuchen wir, möglichst viel von den Eigenheiten, den Hobbys und Vorlieben herauszufinden. So können wir im Pflegealltag Reize auswählen, die exakt für diesen Menschen passen. Das kann ein bestimmtes Musikstück ebenso sein wie ein gewisser Geruch.“ Die Thera­peuten können auf dieses Wissen zugreifen und es in die Planung der Therapie einfließen lassen.

Immer weiter hoffen

Der Umgang mit Wachkomapatienten ist auch für das Krankenhauspersonal eine besondere Herausforderung. Gerade für neue Mitarbeiter ist es eine extreme Erfahrung, mit Patienten zu arbeiten, die zwar mit offenen Augen im Bett liegen, aber nicht auf die Kommunikationsversuche reagieren, erklärt Tageskoordinatorin Binder: „Es ist schon eine Umstellung, wenn man keine Rückmeldung bekommt. Wir arbeiten aber immer so, als würde der Patient auf uns reagieren.“ So wird vor dem Betreten des Zimmers angeklopft, auch wenn kein „Herein“ folgt. Ebenso erklären die Mitarbeiter den Patienten die Tätigkeiten, die sie gerade durchführen und sprechen mit ihnen – ein liebevoller und wertschätzender Umgang, der von allen Berufsgruppen mitgetragen wird. So ist es auch für das Reinigungspersonal selbstverständlich, sich vorzustellen und zu erzählen, was sie hier machen.

Alle Chancen nutzen

Alles wird daran gesetzt, den Patienten zum Auf­wachen zu bewegen. Eine Fülle an Therapien von Physio- und Ergotherapie über Logopädie bis hin zu Musiktherapie versucht Kontakt herzustellen und die Genesung des Patienten optimal zu fördern. Eine Besonderheit in Hochegg ist die Tiertherapie. Einmal in der Woche kommt ein Therapiehund, ein kleiner Labradormischling, vorbei. Der Tierkontakt zauberte schon so manches Lächeln in ein Patientengesicht. Ein Patient ist Binder besonders in Erinnerung geblieben: Nie konnte er seine gelähmte Hand auch nur irgendwie bewegen. Als die Therapeutin diese Hand über das Hundefell bewegte, spürte sie plötzlich, dass der Patient aktiv mithalf.

Gemeinsam freuen über jeden kleinen Schritt

Die Wachkomastation am Landesklinikum Hochegg ist eine europaweit einzigartige Station, berichtet
OA Dr. Nikolaus Steinhoff stolz. Die Kommunikations- und Stimulationseinheit ist eine der Besonderheiten: Mit einem Monitor und einem Computer werden verschiedene Reize in Form von Bildern, Musik oder Sprache gesetzt. „Wir können dann über das EEG sehen, ob und wann es Reaktionen im Gehirn gibt“, erklärt Steinhoff. Und so genau da ansetzen, wo Hoffnung besteht, den Patienten doch noch „aufzu­wecken“.
Auch eine Besonderheit: der Funktionsruheraum, in dem alle zusammenkommen können – Personal, Patienten und die Angehörigen. Diese Begleitung und Betreuung der Angehörigen ist ein weiterer Punkt, der Hochegg wirklich auszeichnet. Sie werden auf die Bewältigung der veränderten Zukunft so gut wie möglich vorbereitet und in allen Bereichen unterstützt. Das Personal in Hochegg sieht sich – gemeinsam mit den Angehörigen – als großes Team, das an einem Strang zieht und sich gegenseitig unterstützt. Gemeinsam möchte man in Hochegg das Beste schaffen, für jeden Patienten, jeden Tag. Und gemeinsam erfreut man sich auch an den Fortschritten, und wenn sie noch so klein sind. „Man kann wirkliche Erfolge sehen, man muss nur genau hinschauen, aber das lernt man hier!“, bringt es Steinhoff auf den Punkt.
Für die Angehörigen ist es extrem schwierig, mit diesem völlig veränderten Leben zurechtzukommen, irgendwo zwischen Leben und Tod der geliebten Person: „Die Chance, dass diese Menschen noch aufwachen, ist meist gering, aber vorhanden, und sie sinkt mit der Dauer des Zustands. Hochegg ist für die Angehörigen doch noch eine Chance, dass es passiert“, erklärt Steinhoff. Der Zustand Wachkoma kann sehr lange dauern und endet irgendwann mit dem Tod. Wacht ein Mensch aus dem Wachkoma auch in Hochegg nicht auf, kommt er langfristig ins Pflegeheim oder in Heimpflege. Und wenn er aufwacht? „Dann hat er meist schwere neurologische Ausfälle und bedarf zwar auch einer intensiven Pflege, aber man kann mit ihm wieder kommunizieren“, warnt Steinhoff vor allzu großen Erwartungen.

Wachkoma

In Österreich leben etwa 800 bis 1.000 Menschen im Wachkoma, auch als apallisches Syndrom bekannt. Es handelt sich dabei um eine der schwersten mit dem Überleben gerade noch zu vereinbarenden Schädigungen des Gehirns. Wachkoma ist ein Krankheitsbild in der Neurologie, das durch schwerste Schädigung des Gehirns hervorgerufen wird. Dabei kommt es zu einem funktionellen Ausfall der gesamten Großhirnfunktion oder größerer Teile, während Funktionen von Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark erhalten bleiben. Dadurch wirken die Betroffenen wach, haben aber aller Wahrscheinlichkeit nach kein Bewusstsein und nur sehr begrenzte Möglichkeiten der Kommunikation.