Das Ohr – die Straße zum Herzen
Das Gehör ist unser wichtigstes Kommunikationsorgan, es hat Warnfunktion, ermöglicht uns die Orientierung und den Spracherwerb. Doch wir beachten es meist erst, wenn eine Hörstörung entstanden ist. Zu Unrecht, wie Experten meinen.
„Das Ohr ist die Straße zum Herzen“, sagte schon der französische Schriftsteller Voltaire, und heutige Hals-, Nasen- und Ohrenfachärzte wie auch Hörpsychologen geben ihm recht. Denn das Hören hat viele soziale und psychologische Funktionen: Es erlaubt uns, Informationen aufzunehmen, uns zu orientieren und zu kommunizieren. Wir können dadurch Emotionen, die in der Stimme mitklingen, wahrnehmen und vor Gefahren gewarnt werden. Und ohne Hörvermögen kann der Mensch keine Sprache entwickeln. Wer nicht gut hört, wird unsicher, hat das Gefühl, die Dinge nicht mehr zu verstehen, an Gesprächen nicht mehr teilnehmen zu können, und viele Betroffene ziehen sich zurück. Dadurch können Einsamkeit und Ängste, in der Folge manchmal auch Depressionen entstehen.
Laute Welt
Die moderne Medizin kennt aber Mittel und Wege, einer Hörstörung beizukommen, denn tatsächlich sind zehn bis 15 Prozent der Österreicher hörgeschädigt, weiß der Leiter der
Hals-Nasen-Ohren-Ambulanz im Landesklinikum St. Pölten, Prim. Univ.-Prof. DDr. Klaus Böheim. Er sagt, dass rund die Hälfte der über 65-Jährigen an mehr oder weniger stark ausgeprägter Altersschwerhörigkeit leidet. Böheim nennt als eine der Hauptursachen dafür den Lärm, der ein Leben lang auf uns einwirkt. In der Tat sind unsere Ohren in der heutigen Welt einer Dauerlärmkulisse ausgesetzt: Handygeklingel, Discovibes, Motorendröhnen, Maschinenlärm und
vieles mehr – wir leben in einer lauten Welt.
„Ab etwa 80 bis 85 Dezibel kommt es zu einer Schädigung der Sinneszellen im Innenohr, wobei dies abhängig von der Dauer der Einwirkung des Lärms ist: Gibt man dem Ohr immer wieder die Chance, sich zu erholen, so kommt es nur zu einer vorübergehenden Hörstörung, aber Dauerschall von mehr als 85 Dezibel führt zu einer anhaltenden Hörschädigung“, sagt der Experte.
Lärm ist ungesund für die Psyche
Die Realität sieht freilich so aus, dass beispielsweise in Discos ein Lärmpegel von etwa 110 Dezibel herrscht, MP3 Player, die bei normaler Lautstärke noch nicht gesundheitsgefährdende
65 bis 75 Dezibel produzieren, werden oft stundenlang auf Anschlag und damit auf etwa 100 Dezibel aufgedreht, und auch bei scheinbar harmlosen Bastelarbeiten im Eigenheim kommt es mitunter – etwa durch den Einsatz einer Kreissäge – zu einer Belastung von 100 oder mehr Dezibel. Wer keinen Hörschaden riskieren möchte, sollte dabei – wie übrigens auch beim Verwenden von lauten Haushaltsgeräten wie Mixer, Staubsauger, Rasenmäher oder Schneefräsen – einen Gehörschutz tragen.
Der ist auch in zahlreichen Bereichen der Arbeitswelt von großer Bedeutung für die Prävention von Lärmschwerhörigkeit. Denn: Obwohl man heute immer mehr darum bemüht ist, dem vorzubeugen, steht Lärmschwerhörigkeit nach wie vor an der Spitze der Berufskrankheiten, warnt der Leiter der Hals-, Nasen- und Ohren-Abteilung im Landesklinikum Krems, Prim. Dr. Heinz Jünger: „Zu hohe oder dauernde Lärmbelastung kann auch andere gesundheitliche Bereiche – und hier vor allem die Psyche –
stören. Nicht selten kämpfen Betroffene mit Schlafstörungen, Blutdruck-Veränderungen, Konzentrationsschwächen und ähnlichen Beschwerden. Andauernder Lärm ist auch ungesund für die Psyche.“
Vielfältige Hörstörungen
Trotzdem beachten die meisten Menschen ihren Hörsinn erst, wenn eine Schädigung eingetreten ist, doch diese sind häufig und können äußerst vielfältig sein, wie der Experte Jünger betont: „Wir unterscheiden angeborene frühkindliche Hörstörungen, die meist Innenohrschäden sind und häufig bei ‚Risikokindern‘ wie Frühchen auftreten, weiters die große Gruppe der durch chronische Mittelohrentzündungen hervorgerufenen Hörstörungen, bei denen es zur Zerstörung von Trommelfell und Gehörknöchelchen kommt. Ferner die ebenfalls häufige, durch eine Verknöcherung des Steigbügels hervorgerufene Hörstörung, bedingt durch die Erkrankung Otosklerose, sowie die durch degenerative Prozesse bedingte Altersschwerhörigkeit, die unterschiedlichste Ausprägungen aufweisen kann.“
Volkskrankheit Tinnitus
Zudem leiden heute auch immer mehr Menschen unter der Volkskrankheit Tinnitus, berichtet HNO-Facharzt Böheim: „Tinnitus ist mit Schwerhörigkeit assoziiert, und es kommt dabei zu den typischen sogenannten Phantomgeräuschen, die von den Betroffenen in den meisten Fällen als sehr bedrohlich erlebt werden. Oft befürchten diese Menschen, dass sich ein Tumor dahinter verbirgt – zu Unrecht, und nicht zuletzt deshalb ist umfassende Aufklärung bei Tinnitus, besonders wichtig und gewissermaßen schon einen Teil der Behandlung.“
Tinnitus kann in vielen Fällen sehr gut behandelt werden, selbst bei als unerträglich empfundene Hörstörungen, beruhigt Böheim: „Bei Patienten, die unter quälendem Tinnitus und gleichzeitiger Taubheit auf dem betreffenden Ohr
leiden, erzielen wir beispielsweise mit Elektrostimulation durch ein Cochlea-Implantat sehr gute Erfolge.“
Erfolgreich können in vielen Fällen auch andere Hörstörungen behandelt werden, jedenfalls dann, wenn man rechtzeitig den HNO-Facharzt aufsucht. „Wichtig ist zunächst die exakte Diagnose: Handelt es sich um eine Mittelohrschwerhörigkeit, kann man durch eine Operation Heilung oder jedenfalls eine Verbesserung erzielen. Bei einer Alters- oder Hochton-Innenohrschwerhörigkeit können Hörgeräte entscheidend helfen“, erklärt Böheim.
Das leidige Hörgerät?
Die häufige und harmlose Schwerhörigkeit macht vielen Betroffenen große Sorgen und Probleme – oft auch deshalb, weil sie das Tragen eines Hörgeräts aus unterschiedlichsten Gründen ablehnen. Tatsächlich ist ein Hördefekt in unserer Gesellschaft oft noch mit einem Stigma verbunden: Wer nicht gut hört, wird oft schnell auch als „dumm“ angesehen, und das Tragen eines Hörgeräts offenbart nun einmal diesen „Makel“.
In anderen Ländern wie etwa den USA oder Skandinavien tragen viele ihr Hörgerät sogar mit Stolz, bei uns aber regieren neben dieser Angst vor dem Stigma oft auch ästhetische Bedenken. Dabei sind die modernen Hörgeräte meist winzigklein und kaum zu sehen, aber – und das gestehen auch die Fachleute zu – oft passt die Ersteinstellung nicht exakt, und Betroffene haben das Gefühl, mit dem neuen Hörgerät noch schlechter zu hören als zuvor. Deshalb sollte man sich seinen Hörgeräteakustiker sehr genau aussuchen. Böheim dazu: „Ein Hörgerät muss sehr sorgfältig und mit Einfühlungsvermögen angepasst werden. Niemand sollte sich mit einer suboptimalen Erstanpassung zufrieden geben, denn es gibt sehr viele Möglichkeiten, die Einstellung so zu adaptieren, dass man mit dem Hörgerät dann auch wirklich gut hört.“
Abgesehen davon sollte man zum Hörgerät stehen, betont auch Heinz Jünger: „Ein Hörgerät kann und soll man ruhig sehen, dann weiß die Umwelt Bescheid, und das ist oft wichtig, denn auch mit dem besten Gerät kann es zum Beispiel Probleme geben, wenn mehrere Leute gleichzeitig sprechen.“ Stellt sich noch die Frage, was man selbst tun kann, um einer Hörstörung vorzubeugen. HNO-Facharzt Böheim empfiehlt, schon im jugendlichen Alter darauf zu achten, iPod und Co auf höchstens 85 Dezibel zu beschränken und in der Disco oder beim Popkonzert nicht bei den Lautsprechern zu stehen – und wenn doch, dann wenigstens Ohrstöpsel zu tragen. „In fortgeschrittenerem Alter sollte man dem Abbau der Sinneszellen des Ohrs vorbeugen, indem man ausgewogene Kost, eventuell zusätzlich Multivitaminpräparate mit Antioxidanzien, Spurenelementen und Magnesium zu sich nimmt“, rät der Experte, und sein Kollege Jünger plädiert für regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim HNO-Facharzt. Was unseren Ohren noch sehr gut tut, sind Pausen vom Lärm und wenigstens hin und wieder echte Stille. So kann man zum Beispiel auch einmal einen Tag lang bewusst darauf achten, sich nur leisen Tönen auszusetzen, denn wir sind ständig von akustischen Einflüssen umgeben, und es geht für den Einzelnen auch darum, herauszufiltern, was davon ihm zuträglich ist und was nicht. Ruhephasen brauchen wir auch speziell nach größeren Belastungen. Das alles hilft unseren Ohren, sich wieder zu regenerieren, denn wir brauchen den Gehörsinn mehr, als wir vielleicht glauben: „Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören können von den Menschen“, sagte schon der Philosoph Immanuel Kant.
Der Hörvorgang
Der Schall wird von der Ohrmuschel gebündelt und in den Gehörgang geleitet, wo er auf das Trommelfell trifft und es in Schwingungen versetzt. Diese Schwingungen werden über die Gehörknöchelchen auf die Außenhaut der Schnecke übertragen, von dort setzt sich die Schwingung als Welle der Flüssigkeit innerhalb der Schnecke fort. Die äußeren Haarzellen nehmen die Wellenbewegungen auf und geben sie an die inneren Haarzellen weiter.
Diese Sinneszellen wandeln nun die Bewegung in elektrische Signale um, die von den Nerven der Hörbahn in die Hörzentren des Gehirns geleitet werden. Erst dort wird das Gehörte durch Vergleich mit erlernten Mustern „verstanden“.
Das menschliche Ohr
Das Gehörsystem des Menschen umfasst das äußere Ohr, das Mittelohr und das Innenohr, die Hörbahnen sowie die im Großhirn und im Stammhirn
liegenden auditiven Reizverarbeitungszentren.
Das Außenohr wird von der Ohrmuschel und dem äußeren Gehörgang gebildet. Dieser enthält Haare zur Insektenabwehr und die Zerumendrüsen, die das Zerumen (Ohrenschmalz) produzieren, das mit seinem sauren pH-Wert vor Bakterien und Pilzbefall schützt.
Zum Mittelohr gehören das Trommelfell, die Gehörknöchelchen, die Ohrtrompete, die Paukenhöhle und der Warzenfortsatz. In der Paukenhöhle befindet sich das erste der drei Gehörknöchelchen, der Hammer, danach folgen der Amboss und der Steigbügel. Zwei Muskeln variieren die Spannung des Trommelfells und den Abstand des Hammers zum Trommelfell, jeweils in Abhängigkeit von der Stärke der Schallübertragung. Die Gehörknöchelchen sind nur wenige Millimeter groß und die kleinsten Knochen des Menschen. Von der Paukenhöhle führt die Ohrtrompete in den Rachenraum. Über diese Verbindung ist ein Druckausgleich möglich.
Das Innenohr besteht grob betrachtet aus Schnecke und Gleichgewichtsorgan. Die Schnecke ist in drei mit Flüssigkeit gefüllte Kammern geteilt. In der mittleren Kammer sitzt das Cortische Organ, das aus drei Reihen äußerer und einer Reihe innerer Haarzellen sowie der Deckmembran besteht.
Die äußeren Haarzellen dienen einerseits aktiv der Steuerung des Innenohrs und haben andererseits eine Verstärkerfunktion. Die eigentlichen Sinneszellen sind die inneren Haarzellen. Sie sind über die Hörbahn mit den Hörzentren des Gehirns verbunden.






