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Die Klinik kommt nach Hause

Das Landesklinikum St. Pölten hat ein Projekt entwickelt, bei dem schwerkranke Patienten die Dialyse in den eigenen vier Wänden durchführen lassen können – und sich so viele Strapazen ersparen.


Den Golden Helix Award erhielt das Projekt der mobilen Dialyse im Rahmen der weltgrößten Medizinmesse Medica in Düsseldorf: (v.l.) Mag. Dr. Bernhard Kadlec (Kaufmännischer Direktor LK St. Pölten-Lilienfeld), Christa Stelzmüller (Regionalmanagerin NÖ Mitte), OA Dr. Martin Wiesholzer, DGKS Michaela Mittelstrasser und Michaela Winkelhofer (alle LK St. Pölten), interimistische Pflegedirektorin Michaela Gansch, MSc, und Ärztlicher Direktor Dr. Andreas Schneider (LK St. Pölten-Lilienfeld) – FOTO: © Weinfranz

Montag, 8:30 Uhr: Krankenschwester Michaela Mittelstrasser vom Landesklinikum St. Pölten betritt das Haus von Karl Ziegler in Furth bei Göttweig. Sie wird schon erwartet: „Servus Michi, schön, dass du da bist.“
Seit mittlerweile einem Jahr kommt Michaela Mittelstrasser oder eine ihrer Kolleginnen vom Peritonealdialyseteam täglich heim zu dem 79-Jährigen. Karl Ziegler ist schwerkrank: Er ist Diabetiker, hat Herzprobleme und verlor als junger Mann bei einem Motorradunfall ein Bein. Seit zwei Jahren leidet er zusätzlich an terminaler Niereninsuffizienz und muss täglich dialysiert werden.
Müsste er die Behandlung im Spital durchführen, wäre er großen Strapazen ausgesetzt, schon alleine durch den Transport – zwei Pfleger müssten ihn mit der Rettung von zuhause abholen, auf eine Bahre heben, ins Landesklinikum bringen, dann kämen die Wartezeit, vier- bis fünfstündige Behandlung, Nachbetreuung und wieder der anstrengende Heimweg hinzu. Eine beschwerliche Tortur für einen alten, kranken Mann, die sich mindestens drei Mal pro Woche und Monat um Monat wiederholen würde.  

Humane Form der Dialyse

Doch für Fälle wie Karl Ziegler gibt es Hilfe: Die 1. Medizinische Abteilung im Landesklinikum
St. Pölten unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Balcke hat ein mobiles Dialyseprojekt (assistierte Peritonealdialyse) entwickelt. Oberarzt Dr. Martin Wiesholzer, Leiter des Homecare-Dialyse­teams, erklärt die Beweggründe für dieses Modell: „Wir wollten schwerkranken Patienten einfach eine humane Form der Dialyse bieten, ohne sie noch zusätzlich zu ihrem Leiden zu belasten.“
In der täglichen Umsetzung funktioniert das so: Die spezialisierten Pflegefachkräfte unter der Leitung von Michaela Mittelstrasser besuchen die Patienten in der Früh an ihrem Wohnort und bereiten das Cyclegerät vor, das die Flüssigkeit im Bauchraum austauscht. Etwa 45 Minuten ist Michaela Mittelstrasser beim jeweiligen Patienten, wie jetzt bei Karl Ziegler, misst Blutdruck und Blutzucker, wechselt den Verband an der Katheteraustrittsstelle, hält alles streng nach Vorschrift in einem Dialyseprotokoll fest. Die Aufzeichnungen werden von Oberarzt Wiesholzer immer genau kontrolliert.
Am Abend beim Zubettgehen schließt sich der Patient durch wenige einfache Handgriffe selbst ans Dialyse-Gerät an, und nun beginnt die Dialyse. Während er schläft, wird die Flüssigkeit ausgetauscht. In der Früh schließt er sich wieder ab.
Dann beginnt’s wieder von vorn: Jemand vom Dialyseteam kommt, überprüft den Erfolg der Behandlung und bereitet das Gerät wieder für den Abend vor. Bei Patienten, die das Anschließen ans Gerät nicht selbstständig schaffen, erfolgt ein zweiter, abendlicher Besuch zu Beginn der Behandlung. Bei etwaigen Problemen während der Behandlung steht via Hotline Hilfe rund um die Uhr zur Verfügung. Derzeit fährt täglich eine Dialyseschwester zu den fünf Patienten, die ins Projekt aufgenommen sind, und legt dabei etwa 170 Kilometer im Raum St. Pölten und Krems zurück.

Zufriedene Patienten

„Die mobile Peritonealdialyse funktioniert hervorragend“, bestätigt Patient Karl Ziegler, „es gab noch nie Schwierigkeiten damit.“  
Diese mobile Dialyse kommt für ältere, schwerkranke Menschen in Frage, für die die Behandlung im Dialyse-Zentrum eine unzumutbare Belastung wäre oder eine Hämodialyse (siehe Kasten Seite 35) aus medizinischen Gründen nicht möglich ist. Einige der Patienten leben zu Hause, manche in Pflegeheimen.
Eine von ihnen war auch Elisabeth Mayr (56) aus Spitz in der Wachau. Sie bekam im August eine neue Niere, ist nun nicht mehr darauf angewiesen, aber sie ist voll des Lobes für diese Art der Dialyse: „Alles hat bestens funktioniert, obwohl ich blind bin. Davor habe ich drei Jahre lang die Hämodialyse bekommen, aber mit der mobilen Dialyse hatte ich viel mehr Lebensqualität. In der Nacht lief die Dialyse, und untertags hatte ich frei.“  

Weniger Krankenhausaufenthalte

Wiesholzer freut sich neben der verbesserten Lebensqualität auch über generell weniger Krankenhausaufenthalte für die Patienten: „Die Schwestern erfahren sofort, wenn es medizinische Probleme gibt oder eine Infektion besteht, und wir können sofort reagieren.“ Ist die mobile Bauchfelldialyse der herkömmlichen Dialyse qualitativ ebenbürtig? „Ja“, meint Wiesholzer, „die Behandlung ist jener im Krankenhaus gleichzusetzen.“ Das Homecare-Dialyseteam hat bereits mehrere tausende Behandlungen geschafft – und mittlerweile über die Landesgrenzen hinweg Nach­ahmer und großes Interesse gefunden, wie zahlreiche Anfragen, Besuche und Einladungen von Nephrologischen Zentren des deutschsprachigen Raumes zeigen. In Vorarlberg wird die assistierte Peritonealdialyse bereits nach dem St. Pöltner Modell flächendeckend angeboten.

Hohe Auszeichnung

Im November dieses Jahres gab es sogar eine besonders hohe Auszeichnung für das innovative Projekt: den europäischen Golden Helix Award. Dies ist der älteste Qualitätspreis für das Gesundheitswesen im deutschsprachigen Raum. Er wird alljährlich vom Verband der Kranken­hausdirektoren Deutschlands vergeben. Mit dem Preis werden seit 1992 Projekte ausgezeichnet, die bei gleichzeitiger Begrenzung der Kosten der Erhöhung der Qualitätsstandards im Gesundheitswesen dienen. Wesentliche Kriterien sind der Nutzen für die Patienten und die Übertragbarkeit des Projekts auf andere Gesundheitseinrichtungen und Organisationen. Belegt werden muss außerdem quantitativ, dass durch das
Projekt die Versorgungsqualität tatsächlich verbessert wurde.
Das Team des Landesklinikums ist also auf dem richtigen Weg. Bleibt zu hoffen, dass bald noch wesentlich mehr Menschen von derartigen Projekten profitieren können.

Vorreiter in Österreich

OA Dr. Martin Wiesholzer, Leiter des Dialyseteams, LK St. Pölten

G+L:  Für wen ist die mobile Dialyse geeignet?
Wiesholzer: Für betagte und gebrechliche Menschen, für die der tägliche Transport ins Klinikum zur Dialyse eine schwer zumutbare Belastung wäre. Durch die Zusammenarbeit eines dichten Netzwerkes, bestehend aus Dialysepflegekräften, Nierenfachärzten, Hausärzten, Pflegeheimpersonal, mobiler Hauskrankenpflege und Angehörigen – haben wir eine patientenorientierte Lösung gefunden, um schwerkranken Menschen eine Nierenersatz­therapie in zumutbarer Form zukommen zu lassen.

G+L: Seit wann gibt es die mobile Dialyse?
Wiesholzer: Seit November 2007, das Landes­klinikum St. Pölten war Vorreiter in ganz Österreich. In Europa wird die mobile Dialyse flächendeckend nur in Frankreich angeboten, denn dort gibt es seit Jahren ein Refundierungssystem. Wir mussten die Finanzierung selbst auf die Beine stellen: Das Personal wird vom Landesklinikum zur Verfügung gestellt, für die Verbrauchsmaterialien, wie z. B. die Flüssigkeitsbeutel, kommt wie bei allen anderen Peritonealdialysepatienten die Gebietskrankenkasse auf, ein Auto, mit dem die Dialysefachkräfte unterwegs sind, hat ein Sponsor zur Verfügung gestellt. Für die Ausrollung auf andere NÖ Landeskliniken gibt es bereits Pläne.

G+L: Ist die mobile Dialyse viel teurer als eine andere Form der Dialyse?
Wiesholzer: Laut unserer Analyse sind die Kosten der mobilen Dialyse im Landesklinikum St. Pölten gleich denen der Hämodialyse im Zentrum – wegen der niedrigen Komplikationsrate, den seltenen Krankenhausaufenthalten und dem Wegfall der Patiententransporte. Die Grundidee war aber keine wirtschaftliche, sondern eine humane Überlegung – eine kostenneutrale Therapie mit hoher Qualität unter besonderer Berücksichtigung der Lebensqualität unserer schwerkranken Patienten anzubieten.

G+L: Wo wird diese Art der Dialyse momentan angeboten?
Wiesholzer: Derzeit nur im nördlichen Sektor der Region St. Pölten.

Arten der Dialyse

Man unterscheidet zwei verschiedene Arten:

  • Bei der Hämodialyse, der häufigeren Form, wird der Blutkreislauf mit einem Schlauch über das Dialysegerät umgeleitet und dort per Filter gereinigt. Danach wird das Blut wieder in den Körper zurückgeleitet. Dafür müssen die Patienten üblicherweise drei Mal pro Woche für etwa vier Stunden ins Klinikum kommen.

  • Eine weitere Form der Nierenersatztherapie stellt die Peritoneal­dialyse dar (auch „Bauchfelldialyse“ oder „Bauchdialyse“ genannt). Dabei fließt eine Dialyselösung durch einen Katheter
    in die Bauchhöhle, der in einer kleinen Operation in die Bauchdecke eingepflanzt wird.
    An diesen Katheter werden die Beutel mit der Lösung angeschlossen. Während die Flüssigkeit in der Bauchhöhle verweilt, findet die Dialyse statt. Wasser und Schlackenstoffe wandern vom Blut durch das Bauchfell in die Dialyseflüssigkeit, die nach einigen Stunden ausgewechselt wird.
    Diese Dialyse kann manuell oder automatisch erfolgen. Bis vor wenigen Monaten erhielten nur jene Menschen die Peritonealdialyse zu Hause, die diese selbständig durchführen konnten. Andernfalls musste man nachts für die automatische Dialyse in die Klinik, um sie mit der Maschine durchführen zu lassen.
    Bei der mobilen Dialyse wird die automatische Peritonealdialyse zum Patienten gebracht, wodurch dieser sich den Weg ins Krankenhaus erspart.