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Mein Schmerz & ich

Chronische Schmerzen belasten den ganzen Menschen. Eine adäquate Schmerztherapie muss psychische Faktoren mitberücksichtigen.


FOTO: Xundheitswelt

Prim. Dr. Johannes Püspök, Ärztlicher Leiter Moorheilbad Harbach

Die stete Pein chronischen Schmerzes begleitet unzählige Menschen und beeinträchtigt deren Lebensqualität oft massiv. Der Leidensweg der Betroffenen beginnt häufig mit akuten Schmerzen wegen einer Verletzung oder Krankheit. Aus ihnen können sich mit der Zeit chronische Schmerzen entwickeln, die auch nach Heilung der ursächlichen Gewebeschädigung bestehen bleiben – die Schmerzen sind dann zu einer eigenständigen Erkrankung geworden.

Enormer Leidensdruck

Im Moorheilbad Harbach, wo seit rund zwei Jahren ein eigenes Schmerztherapiezentrum besteht, weiß man um diese Zusammenhänge und versucht, Betroffene mit umfassenden Strategien zu behandeln. „Etwa zwanzig Prozent unserer Patienten leiden an chronischen Schmerzen. Wir wissen, dass diese Menschen oft unter enormem Leidensdruck stehen, schwer in ihrem Leben und Alltag beeinträchtigt sind, häufig auch psychische Probleme entwickeln und oft sogar in die soziale Isolation rutschen“, erklärt der Ärztliche Leiter Prim. Dr. Johannes Püspök. „Chronischer Schmerz bedeutet für die Betroffenen meist dauerhaften Stress, gepaart mit Angst, Frustration, Verzweiflung und depressiver Verstimmung, und diese Emotionen verstärken den Schmerz in der Regel weiter.“ Auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen mittlerweile auf, dass psychosoziale Faktoren eine große Rolle spielen.

Mit Schmerz umgehen lernen

Nicht zuletzt deshalb steht im Moorheilbad Harbach neben einer hoch qualifizierten Schmerztherapeutin ein ganzes Team aus Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Allgemeinmedizinern und Psychologen zur Diagnostik und Behandlung der quälenden Pein bereit. Sie kümmern sich nicht nur auf medizinischer Ebene umfassend um diese Patienten, sondern behandeln etwa auch Begleiterkrankungen wie Schlaf- oder Angststörungen und Depressionen, die durch psychologische sowie medikamentöse Begleittherapie positiv beeinflusst werden können.
„Neben der gesamten Bandbreite der individuellen Physiotherapie werden spezielle Entspannungs-, Selbstwert- und Achtsamkeitstrainings sowie ein individuell abstimmbares psychologisches Programm entwickelt, mit dem es den Patienten möglich wird, mit ‚ihrem‘ Schmerz umgehen zu lernen. Denn für viele Betroffene geht es neben der Schmerzbehandlung ganz vorrangig auch darum, sich nicht aufzugeben, Bewältigungsstrategien zu erlernen, wieder Lebensfreude zu gewinnen“, sagt Püspök. Er räumt allerdings auch mit der Illusion auf, dass chronische Schmerzen einfach wieder zu beseitigen wären: „Chronischen Schmerz kann man in den meisten Fällen nur lindern, aber wir wissen, wie positiv etwa eine Verbesserung um einige Punkte auf der Schmerzempfindungsskala wirken kann.“

Nicht warten!

Die Sache jedenfalls nicht anstehen lassen, ist eine wichtige Botschaft des Experten: Wenn Schmerzen länger als vier bis sechs Wochen andauern, sei es jedenfalls höchste Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Und wenn der Schmerz tatsächlich chronifiziert, also länger als drei bis sechs Monate besteht, sich in die Betreuung eines kompetenten Schmerzmediziners, einer Schmerzambulanz oder eines Schmerzzentrums zu begeben. Letzteres ist unter anderem auch deshalb wichtig, weil gerade chronische Schmerzen manchmal Erscheinungsformen entwickeln, die mit herkömmlichen Schmerzmedikamenten nicht mehr beherrschbar sind, sondern erst mithilfe der Expertise erfahrener Schmerzmediziner gelindert werden können. Trotzdem werden vielfach einfache Analgetika gegeben. Viele Patienten neigen in dieser Hinsicht auch zur Selbstmedikation und so kommt es dazu, dass nicht wenige Betroffene oft jahrelang sinnlos Medikamente einnehmen, die ihnen gar nicht helfen können.

Paroli bieten!

Was hingegen hilft, ist selbst das Ruder in die Hand zu nehmen, denn das Furchtbare am Schmerz ist auch der Kontrollverlust, weiß Püspök: „Man erlebt sich dann nicht mehr in der Rolle desjenigen, der sein Leben kontrollieren und bestimmen kann, sondern hat das Gefühl, dieses Kommando habe der Schmerz übernommen. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, sich wieder als selbstwirksam erleben zu können.“ Tun Sie es. Nehmen Sie Ihren Schmerz ernst und bieten Sie ihm Paroli.