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Leselust statt Lesefrust

Lesen macht Abenteuer im Kopf – Leseratten wissen das und verschlingen ein Buch nach dem anderen. Doch wie bringt man kleine Lesemuffel zum Lesen?


„Harry Potter“ stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten: Hunderte Seiten voller Spannung, tausende Seiten in allen Bänden werden von Jung und Alt verschlungen – kaum jemand, der noch keinen „Potter“ gelesen hat. Oder der Sensationserfolg „Twilight“: Dicke Buchbände, die von Girlies rund um den Globus schnell ausgelesen werden. Bei so viel Begeisterung für Bücher ist es kaum verständlich, wie sich die dramatischen Zahlen der Nichtleserinnen und -leser generieren. Kann es sein, dass diese Menschen in ihrer Kindheit einfach zu wenige Möglichkeiten bekommen haben, die spannende Welt der Literatur kennenzulernen? Ja, es kann. Denn der Schlüssel zum Leseverhalten wird bereits im Kleinkindalter gelegt.

Lesenlernen ist schwer

Bis Kinder zu guten und begeisterten Leserinnen und Lesern werden, ist es ein langer Weg. Dieser Weg beginnt bereits vor dem Schuleintritt. Kinder interessieren sich für Symbole, beschäftigen sich mit Buchstaben, lassen sich Wörter vorlesen und spüren, dass es etwas Besonderes ist, lesen zu können. Die Beschäftigung mit Sprache vor der Schulzeit bereitet gut auf das Lesen- und Schreibenlernen vor. Mit Schulbeginn erlernen die Kinder das Lesen systematisch und unter Anleitung.
Lesen zu lernen ist kompliziert: Ein Kind
benötigt dazu mindestens ein halbes, manchmal sogar bis zu zwei Jahren. Ein Erstklässler muss beim Lesenlernen zu ihm bisher unbekannten
Zeichen (= Buchstaben) eine Übersetzung finden (= die dazu passenden Laute). Erst nach und nach kann er aus den einzelnen Buchstaben Wörter zusammensetzen. Die Freude ist groß, wenn aus den ersten Wörtern ganze Sätze werden und aus Sätzen ganze Geschichten.

Projekte rund ums Lesen

Wenn ein Kind flüssig und betont vorlesen kann, ist schon viel erreicht. Wenn es den Inhalt verstanden hat, ist es am Ziel des Lesenlernens. Doch dieses Ziel erreichen immer weniger: Jeder fünfte 15-Jährige in Österreich kann nicht sinnerfassend lesen, jeder zehnte ist de facto ein Analphabet. Mehr als die Hälfte aller Männer lesen nie zum reinen Vergnügen. Diese alarmierenden Tatsachen bieten für die Lese-Initiative „Zeit Punkt Lesen“ (siehe Kasten) genug Grund, um immer wieder unkonventionelle Leseprojekte zu entwickeln, die Kindern und Jugendlichen Lust aufs Lesen machen – wie etwa „Leos Lesepass“ (Lese-Gewinnspiel für Volksschule), „LOL. Loslesen!“ (Lese-Gewinnspiel für Sekundarstufe I), „ausgeboxt“ (Lehrmaterialien für lernschwache Jugendliche), das Generationenspiel „Von App bis Zinnober“ und viele mehr.

Lesen ist ansteckend

Dr. Petra Müller, Leiterin von „Zeit Punkt Lesen“, hat einfache Tipps parat, um Kindern das Lesen schmackhaft zu machen: „Lesen ist ansteckend.
Wenn Eltern gerne Bücher lesen, tun es die Kinder früher oder später auch.“ Und ganz wichtig: „Zwingen Sie Ihr Kind nicht zu lesen, sondern machen Sie Lust drauf, etwa beim gemeinsamen Lesen. Beachten Sie auch die unterschiedlichen Vorlieben von Burschen und Mädchen: Buben lesen eher kurzfristig konsumierbare Dinge wie Zeitschriften und Comics. Mädchen lesen gern erzählende Geschichten, etwa über Beziehungen und andere Menschen. In der Schule werden meistens erzählende Geschichten zum Lesen gegeben, deshalb entsteht bei Burschen oft Abwehr.“

TV und Internet: Richtig einsetzen!

Auch mit Bedacht ausgewählte Fernsehsendungen und Computerspiele können den Wissensdrang Ihres Kindes wecken. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen allerdings: Je mehr Zeit Kinder vor dem Fernseher sitzen, desto schwerer fällt es ihnen, gute Leistungen in der Schule zu erbringen. Deshalb ist es wichtig, dass die tägliche Fernseh- und Computerzeit beschränkt wird und Fernsehsendungen mit Sorgfalt ausgewählt werden, um anschließend mit dem Kind über das Gesehene zu sprechen. „Das Internet kann – richtig eingesetzt – beim Lesenlernen und -üben hilfreich sein. Oder kaufen Sie Computerspiele, die auf Sprache aufgebaut sind. Auch E-Books können mehr Lust aufs Lesen machen, besonders bei technik­affinen Jungs“, weiß Lese-Expertin Müller. Machen Sie sich also auch die neuen Medien zunutze – vielleicht wecken Sie so die Lust am Lesen bei Ihrem Kind.

FOTO: bildagentur waldhäusl

Zeit Punkt Lesen

Die Initiative „Zeit Punkt Lesen“ der NÖ Landesakademie, eine Initiative von LH-Stv. Mag. Wolfgang Sobotka, fördert Kinder im Leselernprozess und stärkt Jugendliche im Leseverhalten. Im Vordergrund steht daher die Entwicklung von einfach umsetzbaren Projekten, die Lesemotivation aktivieren und so zu einem selbstverantwortlichen Leseverhalten führen. „Zeit Punkt Lesen“ möchte mit seinen Aktionen zeigen, wie viel Freude Lesen machen kann.

Informationen: www.zeitpunktlesen.at

8 Tipps rund ums Lesen

  1. Machen Sie Ihr Kind jeden Tag neugierig aufs Lesen. Wer von klein auf vorgelesen bekommt und mit interessanten, spannenden Büchern aufwächst, der entwickelt auch den Wunsch, selber lesen zu können. Schon Einjährige lieben es, Bilderbücher anzusehen. Sie können oft gar nicht genug davon haben und genießen es, daraus erzählt zu bekommen.
  2. Kurze tägliche Leseeinheiten von zehn Minuten, bei denen Sie sich gemütlich mit Ihrem Kind auf dem Sofa aneinander kuscheln, können eine Oase im Alltagsstress sein. Dabei liest Ihr Kind nur so viel, wie es möchte.
  3. Lassen Sie Ihr Kind an Ihren eigenen Lese­erlebnissen teilnehmen. Lesen Sie ihm aus der Tageszeitung vor, sehen Sie sich Kataloge an, betrachten Sie gemeinsam Werbeplakate oder erklären Sie ihm den Busfahrplan.
  4. Schenken Sie ab und zu ein Buch, auch wenn Ihr Kind nicht in Jubelrufe ausbricht. Irgendwann ergibt sich bestimmt die Gelegenheit, das Buch aus dem Regal zu ziehen. Spätestens wenn ein krankes Kind sich den Tag über im Bett langweilt, sollte ein schönes Buch zur Hand sein, um es abzulenken.
  5. Bücher haben etwas Geheimnisvolles und Unerforschtes. Besuchen Sie mit Ihrem Kind Flohmärkte, durchwühlen Sie Bücherkisten nach verborgenen Schätzen. Und bestimmt ist es ein besonderes Erlebnis, einen Comicladen gründlich unter die Lupe zu nehmen. Je mehr spannende und interessante Kontakte Ihr Kind mit Büchern hat, desto stärker wächst sein Interesse daran.
  6. Wenn Ihr Kind partout nicht lesen will:
    Bieten Sie Alternativen – vom Comic bis zum Sachbuch. Machen Sie auch gemeinsame Lesezeiten aus.
  7. Wenn Ihr Kind beim Lesenlernen hinterherhinkt: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Frühförderung in Anspruch zu nehmen oder beraten Sie sich mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer. Auch Schulpsychologen und –psychologinnen sind wichtige Ansprechpartner. Bleiben Sie dran!
  8. Lesespiele helfen beim Lesenlernen, z. B. „Scrabble“, „Wortzüge“, „Wort-Memory“. Sei es als Brettspiel oder im Internet.