Leichter leben lernen
Dominik (12) hat’s geschafft: Er hat abgenommen, betreibt nun Sport und lebt einfach gesünder. Das Programm »Durch Dick und Dünn« hat ihm dabei geholfen.
Juni 2013: Dominik ist elf und isst am liebsten Schnitzel mit Pommes. Seine Lieblingsgetränke sind Cola und Eistee. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches. Aber Dominik ist schwer übergewichtig, er bringt bei einer Größe von 159 cm 85 Kilo auf die Waage. In der Schule wird er verspottet und gemobbt – der Leidensdruck steigt, er will gegensteuern. Mama Eva sucht Hilfe und meldet ihren Sohn beim Programm »Durch Dick und Dünn« an (siehe Kasten Seite 22). Auch Dominiks Schwester Lisa macht mit. Die Neunjährige ist (noch) nicht stark übergewichtig, will aber ein paar „angenaschte“ Kilos loswerden.
Juni 2014: Dominik hat einige Kilos abgenommen. Aus dem stämmigen Burschen ist ein ansehnlicher junger Mann geworden. Naschkatze Lisa hat ein Kilo verloren – sie isst nun weniger Süßigkeiten, um nicht wieder zuzunehmen.
Camp als Motivation
Gestartet haben Dominik und Lisa mit dem »Durch Dick und Dünn«-Motivationscamp im Sommer 2013. Hier gibt’s neben Kreativ- und Koch-Workshops viel Bewegung, Klettern, Ballspiele und Schwimmen im Naturfreibad – die Kinder und Jugendlichen lernen hier neue Sportarten kennen und sollen erfahren, wie viel Spaß Bewegung machen kann. Gemeinsam mit Gleichgesinnten fällt der Schritt in ein bewegteres und gesünderes Leben gleich viel leichter. Einige Kilo verliert Dominik im Camp – „danach war ich voll motiviert, weiterzumachen“, freut er sich. Die Geschwister sind begeistert vom Motivationscamp, waren auch im Sommer 2014 dort und wollen heuer unbedingt wieder dabei sein. „Wir haben viele Ausflüge gemacht, zu einer Schlucht, zu einem Biobauernhof, haben ein Elfenhaus gebaut und getöpfert, waren klettern und schwimmen. Und ich habe viele neue Freundinnen gefunden“, zählt Lisa einige ihrer Highlights auf.
Nach dem Camp, im Herbst 2013, beginnen beide mit dem Programm »Durch Dick und Dünn«. Die Teilnahme am Motivationscamp ist übrigens keine Voraussetzung dafür. Zehn Monate lang besuchen Dominik und Lisa einmal in der Woche den Kurs in Mödling; die Familie wohnt in der Nähe, in Mitterndorf an der Fischa. Am Programm stehen abwechselnd Einheiten zu Ernährung, Bewegung und psychosozialen Faktoren. „»Durch Dick und Dünn« bietet eine Lebensstilveränderung an“, erklärt Mag. Sonja Urich. Sie ist Ernährungsberaterin und Teamleiterin von »Durch Dick und Dünn« am Standort Mödling: „Die Kinder und Jugendlichen sollen andere Verhaltensmuster lernen, sich nicht mit Essen belohnen, sondern sich gesunde Ersatzhandlungen angewöhnen.“ Doch dafür braucht es die Unterstützung der Familie. Daher gibt’s parallel zu den Kursen für die Kinder auch welche für die Eltern – mit alltagstauglichen Tipps und Informationen.
Übergewicht belastet
Zu viele Kilos können Kinder ziemlich belasten, sie zu Außenseitern machen. Die Ursachen dafür, dass immer mehr Kinder an Übergewicht leiden, sind vielfältig. Sie reichen von psychischen und gesellschaftlichen Faktoren bis hin zu genetischer Veranlagung. „Ein wesentlicher Punkt sind die geänderten Essgewohnheiten“, weiß Ernährungsberaterin Urich, „mit immer mehr Fast Food und weniger Obst und Gemüse. Zudem bewegen sich Kinder und Jugendliche heutzutage generell weniger als früher. Mehrere Faktoren spielen hier zusammen. Auch Einsamkeit, Sich-ungeliebt-Fühlen und Langeweile können dazu führen, dass Essen eine Ersatzbefriedigung wird.“
Kindgerecht & spielerisch
Mindestens so gefährlich wie das seelische Leid sind aber die Gesundheitsfolgen: Aus kleinen Wonneproppen mit viel Babyspeck werden in den meisten Fällen übergewichtige Jugendliche und dicke Erwachsene. Die überzähligen Kilos sind von Beginn an eine Belastung für die Gelenke, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sowie Stoffwechselstörungen wie erhöhte Blutzucker-, Cholesterin- und Harnsäurewerte können auftreten. Daher appelliert Sonja Urich an die Eltern: „Viele Eltern empfinden ihr Kind als nicht zu dick, doch überschüssige Kilos wachsen sich nicht einfach aus. ‚Durch Dick und Dünn‘ bietet Unterstützung an, gemeinsam in der Gruppe fällt der Weg ins gesündere Leben leichter.“
Dominik und Lisa profitieren enorm von »Durch Dick und Dünn«. Sie übernehmen nun Verantwortung für ihren Körper und werden in Zukunft besser auf ihn achten. Sie wissen, was ihm gut tut und was ihm schadet: „Wir haben viel gelernt, zum Beispiel wo wie viel Fett und Zucker drin ist“, erklärt Dominik. Er schaut nun genau darauf. Mama Eva muss lachen, wenn sie vom ersten Einkauf mit dem gesundheitsbewussteren Sohnemann erzählt: „Drei Stunden waren wir im Supermarkt, weil Dominik bei jedem Lebensmittel die Zutatenliste genau durchgelesen hat. Mittlerweile sind wir geübt darin und Gott sei Dank schon schneller.“
Dominik isst nun viel weniger und ausgewogener als früher, hält sich ganz bewusst an Portionsgrößen. Für den Hunger zwischendurch gibt’s Obst oder Joghurt. Gemüse mag er zwar immer noch nicht so richtig gerne, aber er kann nun damit leben, wenn Mama Eva es ins Essen schmuggelt. Viele Rezepte aus den Kursen hat die Familie zuhause schon nachgekocht: Hirseauflauf, Spinatknödel, Couscous, Gemüsesuppe oder Erdäpfelcurry. Ab und zu ist auch Naschen erlaubt, aber die Menge macht’s – nur mehr ein Stück Schoko und nicht die ganze Tafel. Auch Schnitzel und Pommes sind noch erlaubt, sollten aber nur mehr selten am Speiseplan stehen. Lisa haben besonders die Bewegungseinheiten gefallen: „Das Turnen war lustig. Wir sind Trampolin gesprungen, haben Situps gemacht und verschiedene Sportarten ausprobiert.“ Die Informationen machen den Kids einfach Spaß, weil sie kindgerecht aufbereitet sind und spielerisch vermittelt werden.
Dominiks Fazit: „Ich fühle mich nun wohler, tue mir leichter beim Sport und habe mehr Kondition beim Fußballspielen. Und ich wiege nun weniger als der Bub, der mich damals wegen meines Übergewichts gehänselt und gemobbt hat“, grinst er. Diese Genugtuung hat er sich verdient und hart erarbeitet.
Mag. Sonja Urich, Ernährungsberaterin und Teamleiterin von »Durch Dick und Dünn« am Standort Mödling
Ist Ihr Kind zu dick?
Die aussagekräftigste Formel, um zu bestimmen, ob Ihr Kind übergewichtig ist, ist der Body-Mass-Index (BMI). Er kann ermittelt werden, indem man das Körpergewicht durch die Körpergröße zum Quadrat dividiert.
Beispiel: Ein 12-jähriges Mädchen ist 1,60 m groß und wiegt 62 kg.
Rechnung: 1,60 x 1,60 = 2,56; 62 dividiert durch 2,56 = 24,2.
In der Tabelle liegt der ideale BMI bei 22; das Mädchen liegt über diesem Wert und ist somit übergewichtig. Liegt der BMI Ihres Kindes über dem BMI-Wert, der dem Alter entspricht, ist es übergewichtig und Sie sollten das Gespräch mit Ihrem Arzt suchen.
Durch Dick und Dünn
Eine Kooperation der Initiative »Tut gut!« und den Kinder- und Jugendabteilungen der NÖ Kliniken
Das Gesundheitsprogramm »Durch Dick und Dünn« unterstützt übergewichtige Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern bei der Änderung von Ernährungsgewohnheiten. Gleichzeitig wird in den Kursen ein aktiveres Freizeitverhalten gefördert, um Körper- und Selbstbewusstsein zu stärken. Qualifizierte Fachleute aus den Bereichen Kinder- und Jugendmedizin, Ernährung, Bewegung und Psychologie betreuen auf dem Weg zu einem neuen Lebensgefühl.
Wer kann teilnehmen? Alle niederösterreichischen Kinder und Jugendlichen. Voraussetzungen sind ein positives Aufnahmegespräch und eine Untersuchung zur Abklärung der Gesundheitsparameter.
Kurskosten: 220 Euro (+ 130 Euro Kaution). Die Kaution bekommt man bei Teilnahme an mindestens 75 Prozent der Termine zurück. Laufzeit: ein Jahr, 60 betreute Einheiten für Kinder und 60 parallele Einheiten für deren Eltern
Motivationscamp: 6. bis 19. Juli 2015 in Gaming. Jeden Sommer steht allen ehemaligen und aktuellen Teilnehmenden der Programme das Motivationscamp offen.
Anmeldung:
- Baden, Verein „In motion“: Mag. Karin Gerbautz, Tel.: 0699/11962956
- Landesklinikum Hollabrunn: OA Dr. Alexander Grill, Tel.: 02952/9004-95301
- Uniklinikum Krems: Kinder- und Jugendabteilung, Tel.: 02732/9004-2801
- Landesklinikum Mistelbach: OÄ Dr. Anna-Maria Schally-Strebl, Tel.: 02572/9004-9403
- Landesklinikum Mödling: Mag. Sonja Urich, Tel.: 0664/4167032
- Uniklinikum St. Pölten: Mag. Sabine Simhandl-Wagner, Tel.: 02742/9004-13599
- Landesklinikum Zwettl: OA Dr. Peter Schermann, Tel.: 02822/9004-6302
VORSORGEaktiv
Programm zur nachhaltigen Lebensstiländerung für Erwachsene (ab 18 Jahre)
Das Programm VORSORGEaktiv der Initiative »Tut gut!« hilft, langfristig die eigene Gesundheit aktiv zu verbessern. Dabei werden sie von Ärzten, Sport- und Ernährungswissenschaftern, Physiotherapeuten, Diaetologen, Gesundheitspsychologen und Psychotherapeuten unterstützt.
Wer kann teilnehmen? Alle Niederösterreicher über 18 Jahre, bei denen bei der Vorsorgeuntersuchung ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt wird. Der Arzt kann diesen Patienten das Programm VORSORGEaktiv vorschlagen und so über die medikamentöse Behandlung hinaus die Risikofaktoren behandeln. Mehr als 5.000 Personen haben das Programm bereits erfolgreich absolviert.
Ablauf: Die Teilnehmenden werden über einen Zeitraum von bis zu neun Monaten betreut. Sie absolvieren regelmäßig Einheiten zu den Themen Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit. Am Beginn und am Ende des Programms durchlaufen die Teilnehmenden einen Check, um so den individuellen Erfolg messbar zu machen. Kurse starten jederzeit in Ihrer Nähe.
Anmeldung: Bei Ihrem Arzt oder VORSORGEaktiv-Regionalkoordinator
Informationen: »tut gut«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at
Von übergewichtig zu fettleibig
Manchmal ist das Übergewicht so enorm, dass der eigene Körper zur lebensbedrohlichen Last wird.
Leichtes Übergewicht ist bereits Zeichen dafür, dass mehr Energie mit der Nahrung aufgenommen als verbraucht wird. Oft wird dann weiter überschüssiges Fettgewebe angesammelt und das Übergewicht geht in eine Adipositas (Fettleibigkeit) über. Hauptgrund ist vor allem unsere Ernährung: zu viel, zu fett, zu hochkalorisch. Daneben zu wenig Bewegung, um die überschüssigen Kalorien zu verwerten. Damit wird die Energie nicht verbrannt, sondern für schlechte Zeiten eingelagert – seit vielen Jahrtausenden ein überlebenswichtiger Mechanismus. Nur dass diese in Zeiten von Supermärkten nie kommen und damit
die Fettspeicher wachsen. „Adipositas führt zu zahlreichen Folgeerkrankungen und einer kürzeren Lebenserwartung“, warnt Prim. Dr. Franz Hoffer, Leiter des Adipositas-Zentrums im Landesklinikum Hollabrunn. Hier werden Betroffene individuell und effizient behandelt.
Am besten ist es, so früh wie möglich anzusetzen, damit es erst gar nicht so weit kommt. Hilfe bieten etwa die niederösterreichischen Gesundheitsprogramme »Durch Dick und Dünn« (für Kinder und Jugendliche, siehe Seite 22) oder VORSORGEaktiv (für Erwachsene, siehe Seite 23). Besteht bereits eine Adipositas, steht bei der Behandlung primär das konservative (nicht operative) Vorgehen im Vordergrund, bei dem Ärzte, Diätassistenten, Psychologen, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten miteinbezogen werden. Kann damit nicht ausreichend an Gewicht abgenommen werden, wird bei einem Body-Mass-Index (BMI) von über 40 oder, wenn Begleiterkrankungen vorliegen, bereits bei einem BMI von über 35 eine Operation am Magen in Erwägung gezogen. Dadurch sollen körperliche und/oder psychische Beeinträchtigungen verhindert werden.
„Es erfordert von den Betroffenen großen Mut, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Denn die meisten haben schon viele gescheiterte Diätversuche hinter sich und sind verzweifelt.
Die Operation ist die letzte aller Möglichkeiten, um Gewicht zu reduzieren“, sagt Chirurg Hoffer.
Je nach individueller Ausgangslage wählen er und sein Team das passende Verfahren, wie etwa Magenbypass oder Schlauchmagen.
Doch nur mit der Operation ist es nicht getan, und sie ist auch nicht der bequeme Weg, betont Hoffer: „Keines der Operationsverfahren reicht allein aus, um dauerhaft die Gesundheit schwer Übergewichtiger zu verbessern. Der Patient muss willens und bereit sein, sein Leben umzustellen. Immerhin ändern sich durch den Eingriff Anatomie und Verdauung enorm. Der Operierte kommt also gar nicht umhin, seine Essgewohnheiten und seinen Lebensstil zu verändern. Und ein derartiger Eingriff birgt gewisse Risiken, darüber muss man sich im Klaren sein.“ Der Adipositas-Experte hat einen Vergleich parat: „Die Patienten bekommen mit der Operation ein Fahrzeug geschenkt, aber fahren müssen sie schon selber.“
Prim. Dr. Franz Hoffer, Leiter des Adipositas-Zentrums im Landesklinikum Hollabrunn
Landesklinikum Hollabrunn
Robert-Löffler-Str. 20 2020 Hollabrunn
Tel.: 02952/9004-0, www.hollabrunn.lknoe.at
Adipositas-Chirurgie wird in Niederösterreich in den Landeskliniken Hollabrunn, Amstetten und Korneuburg durchgeführt.





