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Leben mit Dauer-Schmerzen

Fast immer kann man was gegen Schmerzen tun – Bewegung hilft meist, aber auch der richtige Umgang mit dem Schmerz kann das Leben leichter machen.


FOTO: Xundheitswelt

Dr. Johannes Püspök, Ärztlicher Leiter im Gesundheits- und Rehabilitationszentrum Moorheilbad Harbach

Schmerzen sind wichtige Warner und Mahner. Würden wir keinen Schmerz spüren, wäre das absolut lebensgefährlich. „Schmerzen bedeuten Alarmzustand, sie zeigen uns, dass es eine Funktionsstörung im Körper gibt“, erklärt Dr. Johannes Püspök, Ärztlicher Leiter im Gesundheits- und Rehabilitationszentrum Moorheilbad Harbach. „Das Problem ist: Wenn diese Alarmierung über eine gewisse Zeit anhält, kann sie chronisch werden.“ Dann kann zum Beispiel die Verletzung schon ausgeheilt sein, der Schmerz hat sich davon entkoppelt und hält einfach weiter an. Für Betroffene bedeutet dieses „Schmerzgedächtnis“ genannte Phänomen eine enorme Belastung.
1,5 Millionen Menschen in Österreich leiden an chronischen Schmerzen – also an Schmerzen, die länger als drei Monate andauern. Für sie bedeutet dieser Zustand eine massive Einschränkung der Lebensqualität, weiß Johannes Püspök, der im NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) tätig ist. „Das kann bis hin zum Lebensüberdruss gehen.“
Ein weiteres Problem am Dauerschmerz: Betroffene neigen dazu, den Körper zu schonen statt sich zu bewegen. Die Muskeln werden schwächer, der Körper damit anfälliger für Schmerzen. Denn in den allermeisten Fällen wäre mehr Bewegung hilfreich im Kampf gegen den Schmerz.

Maßgeschneiderte Therapie

Wichtig für alle Schmerzgeplagten ist eine adäquate Therapie. Was dem Einzelnen tatsächlich hilft, ist sehr individuell. Oft dauert es lange, bis man die richtige Behandlung findet. Püspök teilt chronische Schmerzen in zwei Gruppen: nozizeptive (Knochen-)Schmerzen und neurogene (Nerven-)Schmerzen. „Nozizeptive Schmerzen entstehen durch Verletzungen. Mit fortschreitender Heilung klingen diese Schmerzen meist ab. Das Nervensystem ist bei nozizeptiven Schmerzen intakt, kann aber bei anhaltenden Beschwerden aktiviert werden und zur Schmerzchronifizierung führen. Beispiele: Arthroseschmerz, Rückenschmerzen, Schmerzen nach Knochenbrüchen, Prellungen. Der neurogene oder neuropathische Schmerz wird durch direkte Schädigung von Nervengewebe oder Nervenfunktionsstörungen ausgelöst. Die Nervenschädigungen verursachen nicht nur Kurzzeitschmerzen, sondern haben auch teilweise schwerwiegende Langzeitschäden zur Folge. Für jede der beiden Arten bieten sich andere Behandlungen an.“ Eine Reihe anderer Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen: Außer dem Schmerzauslöser sind das etwa die sonstige Allgemeinverfassung, das Thema Stress, psychische Belastungen oder finanzielle Sorgen und vieles mehr. Österreichische Forscher arbeiten gerade an einer Methode, das Gehirn umzuprogrammieren, damit chronische Schmerzen auch wieder verschwinden. Für viele Menschen gibt es heute aber noch keine Möglichkeit, wieder ganz schmerzfrei zu werden. Doch trotzdem lässt sich sehr viel gegen den chronischen Schmerz tun, beruhigt Püspök: „Es geht darum, einen dauerhaften Zustand zu schaffen, der die Lebensqualität verbessert und die Belastung durch die Schmerzen reduziert. Das ist meist eine Mischung aus physiotherapeutischen und psychologischen Themen, medizinisch-therapeutischen Anwendungen und gezielten Anregungen, wie man mehr Entspannung und Bewegung ins Leben bringen kann. Mehr Lebensqualität lässt sich für die meisten Schmerzpatienten erreichen“, weiß der Mediziner.
Schwierig ist das für Patienten, weil es nur wenige spezialisierte Schmerzzentren gibt. Wer sich auf die Suche nach Hilfe macht, braucht einen speziell für Schmerztherapie ausgebildeten Arzt oder eine Schmerzambulanz. Auch im Moorheilbad Harbach findet man ein multiprofessionelles Spezialisten-Team.

Was kann man gegen Schmerzen tun? 

Bleiben Sie aktiv und bauen Sie Bewegung, wie spazieren gehen, in den Alltag ein. Respektieren Sie aber Ihre körperlichen Grenzen und passen Sie sich der eingeschränkten Leistungsfähigkeit an. Versuchen Sie, Stress durch Entspannungsübungen abzubauen – das tut auch dem Rücken gut!

  • Gehen Sie sofort zum Arzt und warten Sie nicht zu!
  • Hüten Sie sich vor Selbstmedikation – Medikamente, die ohne Rezept erhältlich sind, sind deshalb nicht frei von Nebenwirkungen.
  • Ablenkung hilft: Hobbys, die eine hohe Konzentration erfordern wie Lesen, Malen oder das Spielen eines Musikinstruments, lenken von Schmerzen ab und wirken positiv auf die Psyche.
  • Pflegen Sie Kontakte: Vermeiden Sie den sozialen Rückzug und nehmen Sie sich Zeit für Freunde und Bekannte. Auch Selbsthilfegruppen können helfen.
  • Holen Sie sich Unterstützung: Die soziale und emotionale Unterstützung von Familie, Freunden und Bekannten ist wichtig für die Motivation bei therapeutischen Maßnahmen.
  • Entspannen Sie bewusst: Probieren Sie eine Entspannungstechnik wie Meditation, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung aus.
  • Nur kein Mitleid: Übermäßige Besorgnis oder Mitleid verschlimmern die Situation. Sie verstärken Schmerzverhaltensweisen oft in ungünstiger Art und Weise.
  • Nehmen Sie ein kleines Heft zur Hand und fertigen Sie ein AktivitätenProtokoll an. Machen Sie sich darin eine Tabelle mit folgenden Spalten: Schmerzintensität, Art der Bewegung, Temperatur, vorherrschende Stimmung, anwesende Personen usw. Tragen Sie in diesem Heft täglich ein, was Sie unternommen haben und wo Sie den Schmerz weniger wahrgenommen haben. Je mehr Faktoren Sie inkludieren, desto besser lernen Sie Ihren Schmerz kennen. So werden Sie mehr und mehr über Ihren Schmerz lernen und individuelle Einflussmöglichkeiten darauf finden.

Quelle: Moorheilbad Harbach