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Impfen oder doch nicht?

Was macht eine Impfung im Körper? Und warum sind manche Impfungen so wichtig? Eine junge Krankenschwester wäre als Kind fast an einer Kinderkrankheit gestorben. Ihr Kinderarzt kennt Wirkung und Nebenwirkung – und plädiert klar fürs Impfen.


Primarius Dr. Zdenek Jaros, Doris P. und DGKS Eva Neuhauser, die Doris damals betreuten. FOTO: jana meixner

920 Gramm schwer, 38 Zentimeter lang – Doris P. hatte keinen leichten Start ins Leben, als sie im Dezember 1991 von den Ärzten des Landesklinikums Zwettl geholt werden musste, sieben Wochen zu früh. Das Atmen funktionierte nicht wie geplant, Doris’ Lunge war fehlerhaft entwickelt und sie kämpfte in ihren ersten Jahren immer wieder mit schwerer Bronchitis. Obwohl das Kind angesichts seiner chronischen Lungenerkrankung als Risikopatientin einzustufen war, erhielt Doris keine Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Mit zweieinhalb Jahren wurde sie mit schwerem Husten und Fieber ins Krankenhaus eingeliefert. Sie bekam keine Luft, ihr Blut war nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Diagnose: schwere Lungenentzündung in Folge einer Maserninfektion. Für das ohnehin geschwächte Kind ein lebensbedrohlicher Zustand. „Die Situation war höchst kritisch. Alle intensivmedizinischen Möglichkeiten waren ausgeschöpft, weder Beatmung noch Medikamente konnten ihr mehr helfen“, erinnert sich Dr. Zdenek Jaros. Er leitet die Kinderabteilung im Landesklinikum Zwettl und war damals auch Doris’ behandelnder Arzt.
An den Grenzen seiner Möglichkeiten entschied er, das Kind mittels Helikopter ins AKH Graz zu fliegen, das damals über fortschrittlichere Technik verfügte. „Zuerst wollte uns niemand fliegen, weil der Zustand so instabil war, dann ist uns in Villach auch noch der Sprit ausgegangen und wir mussten zwischenlanden. Es war sehr abenteuerlich“, erzählt Jaros heute. In Graz blieb Doris dann zwei Wochen, auf künstliche Beatmung angewiesen. Schließlich besserte sich ihr Zustand so weit, dass sie wieder nach Hause durfte. „Es ging gut aus“, sagt Jaros, und lächelt Doris an, die ihm beim gemeinsamen Gespräch für GESUND&LEBEN gegenübersitzt, gesund, glücklich und voller Lebensfreude: Die 21-Jährige hat vor ein paar Monaten ihre Ausbildung zur Krankenschwester erfolgreich abgeschlossen.
Leider läuft es nicht immer so, weiß Jaros. Regelmäßig leiden Kinder unter schweren Komplikationen von vermeintlich harmlosen Kinderkrank­heiten, und manche von ihnen erholen sich nicht mehr davon. Von Krankheiten, die leicht vermeidbar wären durch vorsorgliches Impfen.

Was passiert bei einer Impfung?

Wir sind Impfmuffel. Noch nie war diese Art der Vorsorge unbeliebter als heute, das zeigt die Statistik deutlich. Im Internet mehren sich die Seiten von erklärten Impfgegnern, alle möglichen Gerüchte werden in Umlauf gebracht und wieder dementiert. Zum Schluss bleibt Verwirrung und Verunsicherung. Aber was genau passiert eigentlich beim Impfen im Körper?
Wichtig zu wissen ist, dass der Wirkstoff in der Impfung nichts „Chemisches“ oder „Unnatürliches“ ist, das von außen in unser Immunsystem eingreift. Es sind Erreger, die uns im alltäglichen Leben, im Supermarkt und am Kinderspielplatz begegnen. „Impfen schult das Immunsystem, es greift nicht ein“, betont Prof. Dr. Wolfgang Emminger von der Medizinischen Universität Wien. „Sobald man in eine Straßenbahn einsteigt, wird man von viel mehr Keimen bombardiert, als zum Beispiel in einer Sechsfach-Impfung enthalten sind.“
Die verwendeten Erreger werden zum Teil im Labor abgeschwächt oder in ihre Einzelteile
zerlegt, sodass sie nicht mehr in der Lage sind,
Schaden anzurichten. Die Menge, die dem Körper mittels Injektion in einen Muskel zugeführt wird, ist groß genug, um vom Immunsystem wahrgenommen zu werden, und gleichzeitig so klein wie möglich, um nicht krankheitserregend zu wirken. Kursieren die Viren und Bakterien oder ihre Bestandteile im Blut, werden sie vom Immunsystem als potenzielle Gefahr erkannt. Danach passiert das Gleiche wie bei einer Infektion auf natürlichem Weg, allerdings in kontrolliertem, ungefährlichem Rahmen: Antikörper werden gebildet und Gedächtniszellen geschaffen, die sich die Eigenschaften und das molekulare Aussehen des Gegners „merken“. Sollte er wiederkommen, ist der Körper gewappnet und kann den Erreger bekämpfen und eliminieren, noch bevor er Schaden anrichten kann. Wir sind immun.

Sich selbst und andere schützen

Die Immunisierung erfolgt mittels Lebend- oder Totimpfstoff. Bei ersterem werden abgeschwächte, aber lebendige vermehrungsfähige Erreger verabreicht, in Mengen, in denen das Immunsystem sie in Schach halten kann. Lebendimpfstoffe bergen ein Risiko für unerwünschte Wirkungen, bewirken aber in der Regel eine lebenslange, sichere Immunität. Lebend injiziert werden zum Bespiel Masern, Mumps, Röteln und Windpocken (Feuchtplattern).  Abgetötete, in Einzelteile zerlegte und vermehrungsunfähig gemachte Bakterien und Viren werden in Totimpfstoffen verwendet. Sie lösen eine nicht so starke Immunantwort aus wie Lebendimpfstoffe, das Immunsystem „merkt“ sie sich also nicht so gut. Sie müssen daher regelmäßig aufgefrischt werden, um den Schutz zu gewährleisten. Beispiele dafür sind die Impfung gegen Frühsommermeningitis (FSME), Tetanus, Polio oder Hepatitis B. Impfungen wie die Influenza-Impfung müssen sogar jedes Jahr neu hergestellt und verabreicht werden, da sich das Virus rasch verändert, um das Immunsystem „auszutricksen“. Mit einer Impfung schützen wir uns selbst, aber auch andere: Je höher die Durchimpfungsrate in der Bevölkerung ist, desto geschützter sind auch diejenigen, die nicht immun sind. Die Erreger können sich nicht ungehindert ausbreiten, die Geimpften bilden sozusagen eine Barriere. Neugeborene oder Menschen, deren Immunsystem nicht funktioniert (z. B. bei Immunsuppression oder HIV) werden so „mitgeschützt“. Dieses Phänomen bezeichnet man als „Herden-Immunität“.

Ohne Sorge keine Vorsorge

Leider werden die klassischen „Kinderkrankheiten“ von vielen Eltern unterschätzt, beklagt Kinderarzt Jaros. Das mag mitunter daran liegen, dass sie, dank der Erfolge von Impfungen, in den letzten Jahren immer seltener geworden sind. Wer sich keine Sorgen macht, sorgt auch nicht vor. Was eine enorme Errungenschaft der Medizin ist, zeigt nun plötzlich einen unerwünschten Effekt: Die Krankheiten haben ihren Schrecken verloren. Immer weniger Menschen lassen sich impfen und Erreger, die im Begriff waren, auszusterben, flammen erneut auf.
So hatte die WHO zum Beispiel den Plan, die Masern bis zum Jahr 2015 auszurotten. „Das ist jetzt hinfällig“, bedauert Kinderarzt Jaros. „Dafür müssten mindestens 98 Prozent der Menschen geimpft sein, zurzeit sind es nur ungefähr 80 Prozent.“ Kein Aus für die Masern also. Was bei den Pocken durch konsequente Impf-Konzepte schon gelang – seit 1980 gilt die Welt als pockenfrei – scheint bei den Masern durch die herrschende Impfmüdigkeit in der Bevölkerung ein aussichtsloses Unterfangen. Dass die meisten von uns den Kontakt mit Spritzen scheuen, ist zugegeben verständlich, vor allem, wenn Infektionskrankheiten nicht mehr bedrohlich erscheinen. Wir sehen die moderne Medizin jeden Tag Wunder vollbringen, seit der Einführung des Antibiotikums werden bakterielle Erreger, die ehemals die Menschen nur so dahinrafften, in wenigen Tagen abgeschüttelt. Fakt ist jedoch, dass die moderne Medizin bei den meisten Viruserkrankungen trotz ihrer Fortschritte noch immer ohnmächtig ist: Ist die Krankheit einmal ausgebrochen, ist sie kaum mehr therapierbar. Aber man kann vorbeugen, betont Emminger: „Wir haben keine Medikamente dagegen, aber wir haben ein Mittel zur Vorsorge und damit ersparen wir uns tödliche Krankheiten.“

Kein Kinderspiel

Tödlich sind Masern, Mumps und Co. an sich nicht – wenn sie komplikationslos verlaufen. Leider gibt es regelmäßig Kinder wie auch Erwachsene, bei denen die Kinderkrankheiten nicht problemlos wieder abklingen. Gerade Masern, Mumps und Röteln können schwere, nicht kurierbare Folgeerkrankungen nach sich ziehen. Im Falle der Masern wären das zum Beispiel Enzephalitis (Hirnentzündung) oder – wie bei Doris P. – Lungenentzündung. Die gefürchtetste Spätfolge ist die zwar seltene, aber in jedem Fall tödlich verlaufende sogenannte Subakute Sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine Entzündung des Gehirns, die erst Jahre nach der eigentlichen Infektion auftreten kann und einen schleichenden Tod zur Folge hat. Auch die Kinderstation Zwettl hat eine junge Patientin auf diese Weise verloren.
Die Impfung gegen Mumps bannt die Gefahr einer Hoden- bzw. Eierstockentzündung, die zu Unfruchtbarkeit führen kann, und gegen Röteln sollten besonders Mädchen vor Beginn der Geschlechtsreife immunisiert werden, um vor einer Erkrankung während der Schwangerschaft geschützt zu sein. „Im Fall einer Infektion während der Schwangerschaft besteht eine Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent, dass das Ungeborene irreversible Schäden wie Taubheit, Blindheit oder geistige Behinderung erleidet“, warnt Emminger.
Ein weiterer Erfolg in der Medizingeschichte ist die Impfung gegen Rotaviren. Sie sind die Hauptverursacher von schweren Durchfallerkrankungen, besonders bei Säuglingen, bei denen Brech-Durchfälle lebensbedrohlich sein können. Der Sieg über den Rotavirus konnte die Spitalsaufnahmen von unter Zweijährigen um 75 Prozent reduzieren. „Seit es diesen Impfstoff gibt, haben wir deutlich weniger dehydrierte Kinder mit Durchfällen und viel weniger Intensivstationsaufnahmen“, berichtet Mediziner Emminger aus eigener Erfahrung.

Hat die Sache einen Haken?

Gerüchte über Zusammenhänge zwischen Impfung und Folgeerscheinungen wie Allergien, Asthma, Infektanfälligkeit und sogar psychischen Problemen sind jedem schon zu Ohren gekommen. Sie machen Angst und mehren das Misstrauen. Das Internet tut den Rest. Immer mehr Eltern sind verunsichert, entscheiden sich bewusst gegen die Impfung oder wollen ihre Kinder die Infektionen einfach „auf natürliche Art“ durchmachen lassen. „Dass Schlafstörungen, Allergien und ähnliches vom Impfen kommen könnten, ist reine Spekulation und nicht erwiesen. Dabei wird auf diesem Gebiet unheimlich viel geforscht!“, betont Jaros, der in seinem Leben schon unzählige Kinder behandelt hat.
Wie alle anderen Arzneimittel können natürlich auch Impfstoffe Nebenwirkungen zeigen. Das können lokale Rötungen an der Einstichstelle sein, leichtes Fieber oder auch Überempfindlichkeitsreaktionen gegen einen der Inhaltsstoffe. Da teilweise aktive, vermehrungsfähige Erreger verwendet werden, kann es auch passieren, dass der Impfling kurzfristig abgeschwächte Symptome der Krankheit entwickelt, gegen die er geimpft wurde. All diese Symptome sind aber in der Regel harmlos und verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Von echten Impfschäden spricht man, wenn eine nachweislich durch die Impfung verursachte langfristige gesundheitliche Beeinträchtigung entsteht, was ausgesprochen selten passiert: In den letzten zehn Jahren sind in Österreich 17 offizielle Impfschäden verzeichnet worden. Im Vergleich dazu wurden über acht Millionen Kinder geimpft (Quelle: Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz). Und Jaros berichtet: „In dreißig Jahren habe ich noch keine Impfkomplikation mit Behinderung als Folge erlebt. Höchstens lokale Rötungen oder ein bisschen Fieber.“
Aber Komplikationen von Kinderkrankheiten habe er viele gesehen, auch Todesfälle, fügt der Primarius mit einem Seitenblick auf Doris P. hinzu. Die junge Frau hat einen schweren Weg hinter sich. Aber sie hat ihn gemeistert – und ihre Berufung gefunden, arbeitet seit kurzem als Krankenschwester. Dass sie als Kind sehr viel Zeit im Spital verbringen musste, hat ihren Lebensweg beeinflusst, da ist sie sicher. „Besonders die Kinderintensivstation hat mich interessiert, weil ich einfach wissen wollte, wo und wie ich damals behandelt wurde“, lächelt die sympathische, junge Frau. „Ich kann mir auch gut vorstellen, einmal auf einer Kinderstation zu arbeiten.“ Auf der Kinderstation Zwettl hat sie sogar ein Praktikum absolviert, Seite an Seite gearbeitet mit den Menschen, die vor zwanzig Jahren so hartnäckig um ihr Leben gekämpft hatten. Geblieben ist lediglich der Husten, der sich manchmal zurückmeldet, die Lunge ist noch immer eine kleine Schwachstelle. Ansonsten ist sie kerngesund. „Nur Rauchen darf ich nicht, aber damit habe ich kein Problem!“, lacht sie.

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