< vorhergehender Beitrag

Modegag oder Schmerzkiller?

Ihre Wirkung ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Trotzdem schwören viele Profi- und Hobbysportler auf Kinesiotapes. Die bunten Klebestreifen sollen Schmerzen lindern. Das richtige Kleben will aber gelernt sein.


FOTO: istockphoto

Dr. Matthias Zaloudek, Arzt für Allgemeinmedizin und Sportarzt, ist Mitarbeiter des
von OÄ Dr. Andrea Podolsky geleiteten Instituts für Präventiv- und angewandte Sportmedizin (IPAS) am Landesklinikum Krems.

Ein Muster aus dünnen blauen Klebestreifen auf den Bäuchen von Beachvolleyballerinnen, pinkfarbene Streifen auf den Knien so mancher Fußballer, schwarze Tapes an den Achillessehnen  zahlreicher Laufsportler oder dezente hautfarbene Klebepflaster an den Schultern diverser Tennisspieler. Kein Zweifel, die bunten Kinesiotapes haben die Herzen von verletzungsanfälligen Sportlern im Sturm erobert. Zu Recht oder nicht? Das sollte jeder für sich selbst herausfinden. Denn wissenschaftlich bewiesen ist die angeblich heilende Wirkung der Klebestreifen nicht.
Auch wenn die Erfolgsgeschichte der Kinesiotapes von der Schulmedizin kritisch hinterfragt wird, werden die Therapeuten und Mediziner immer mehr, die die bunten Klebestreifen bei ihrer Behandlung einsetzen. Einer davon ist Dr. Matthias Zaloudek vom Institut für Präventiv- und angewandte Sportmedizin (IPAS) am Landesklinikum Krems, der seit zwei Jahren mit den bunten Bändern arbeitet – und das nicht nur bei Sportlern. „Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Das Feedback der Patientinnen und Patienten in allen Altersgruppen ist sehr positiv und auch ich selbst habe den Effekt gespürt“, vertraut der Allgemeinmediziner und Sportarzt, der seine Kinesiotape-Ausbildung beim Orthopäden Dr. Ramin Ilbeygui in Wien absolvierte, auf die Wirksamkeit der Tapes.

Wie eine ständige Massage

Wie lässt sich die Wirkung der baumwollenen Klebestreifen erklären und was bewirken sie konkret bei den Trägern? „Die Arbeitshypothese geht davon aus, dass das auf der Haut aufgeklebte Tape die darunter liegenden Strukturen wie Binde­gewebe, Faszien, Fettgewebe und Muskelgewebe beeinflusst. Im Prinzip kann man den Effekt mit einer ständigen Massage oder Lymphdrainage vergleichen“, erklärt Zaloudek die Wirkungsweise der Kinesiotapes. Je nach Beschwerdebild gibt es unterschiedliche Anlagetechniken (Muskel-, Ligament-, Faszientechnik), mit denen unterschiedliche Wirkungen erzielt werden.
Um den erwünschten Massageeffekt zu erreichen, werden die in Längsrichtung elastischen Tapes etwa unter Spannung auf einen Muskel, der gedehnt wird, angelegt. Vermindert man die Dehnung des Muskels, hebt das Kinesiotape die Haut in der beklebten Region wellenförmig an. Dadurch werden bei jeder Bewegung die Haut- und Bindegewebeschichten gegeneinander verschoben, was wie eine leichte Massage wirkt und die oberflächlichen Lymphgefäße anregt. Außerdem verringert sich durch das Anheben der Haut der Druck auf die darunterliegenden Schmerzrezeptoren, was zu einer Linderung der Schmerzen führt.
Voraussetzung dafür, dass das Tape seine positiven Wirkungen entfalten kann, ist die richtige Klebetechnik. Daher sollte man nicht selbst Hand anlegen, sondern das Kleben einem Fachmann überlassen. „Man muss auf jeden Fall wissen, was man tut und die Anatomie gut kennen. Ein Laien sollte sich nicht selbst tapen, weil Beschwerden auch schlimmer werden können oder der gewünschte Effekt nicht eintritt“, warnt Matthias Zaloudek. Besonders bei starken Beschwerden sollte eine ärztliche Begutachtung erfolgen.

Hilfe, wenn es zwickt und zwackt

Haupteinsatzgebiet der Kinesiotapes ist der Bewegungsapparat; die Beschwerden können sowohl akut als auch chronisch sein. „Bei Nackenverspannungen, klassischen Kreuzschmerzen, Überlastungssyndromen oder Sehnenbeschwerden habe ich die besten Erfahrungen gemacht“, fasst der Allgemeinmediziner zusammen. Auf den Einsatz der Tapes verzichten sollte man bei frischen Thrombosen, akuten oder chronischen Hauterkrankungen, frischen Wunden bzw. Allergien auf Pflaster oder Kleber.
Matthias Zaloudek selbst behandelt nur Patienten mit bestehenden Beschwerden. Die Tapes kommen aber auch bei beschwerdefreien Menschen zum Einsatz. Nämlich bei Sportlern. Haben sie bei Verletzungen positive Erfahrungen mit den Kinesiotapes gemacht, lassen sich viele prophylaktisch zukleben. Eine sinnvolle Aktion? „Dazu fehlen die wissenschaftlichen Hintergründe“, betont der Mediziner. Es spricht also nichts dafür – aber auch nichts dagegen. Wer sich mit einem Tape sicherer fühlt, der sollte nicht darauf verzichten. Wie in vielen anderen Bereichen ist auch beim Kinesiotaping der psychische Faktor nicht zu unterschätzen – ob das Tape als Prophylaxe oder als Schmerzkiller dienen soll. Das bestätigt auch Matthias Zaloudek: „Bei jeder Therapie kommt ein gewisser psychischer Effekt hinzu, aber ich würde es nicht darauf reduzieren. Ich habe auch schon große Skeptiker behandelt, die mittlerweile darauf schwören.“

Rot = Blau, oder doch nicht?

Bei den Kinesiotapes fällt die große Farben­vielfalt auf. Rot, pink, blau, schwarz, grün, hautfarben, orange … Zu jedem Outfit scheint es die passende Farbe zu geben. Sind die unterschiedlichen Farben Modegag und optischer Hingucker oder ist jede Farbe einem bestimmten Beschwerdebild zuzuordnen? „Zwischen den bunten Tapes besteht kein Unterschied bezogen auf Dicke, Dehnbarkeit oder Kleberstärke“, weiß der Kremser Mediziner. Angeblich unterschiedliche Wirkungen werden auf die Farbenlehre zurückgeführt. Demnach wird etwa den roten Tapes eine durchblutungsfördernde und energiezuführende Wirkung zugeschrieben, während die blauen Tapes eher eine Verengung der Blutgefäße bewirken und Energie entziehen sollen. Diese Auffassung ist in Fachkreisen aber sehr umstritten.
Eines ist jedoch unumstritten: Auch wenn die Tapes trotz fehlender wissenschaftlicher Untermauerung wirken und Schmerzen lindern,
können sie bei gravierenderen gesundheitlichen Problemen eine medizinische Therapie nur ergänzen, aber nicht ersetzen.

Wissenswertes zum Kinesiotape


Als Erfinder des Kinesiotapes gilt der japanische Chiropraktiker Kenzo Kase, der in den 1970er Jahren eine neue Technik für die Behandlung von Sportverletzungen entwickelte. Dazu benötigte er ein geeignetes Hilfsmittel: das Kinesiotape. Die bunten Tapes bestehen aus Baumwolle, haben auf der Rückseite einen Poly-Acrylatkleber und sind in Längsrichtung dehnbar. Sie wirken schmerzlindernd und abschwellend, sie fördern Durchblutung und Stoffwechsel. Die Kinesiotapes sind luft- und schweißdurchlässig und können gut eine Woche lang auf der Haut bleiben. Anwendung finden die Tapes vor allem bei Beschwerden des Bewegungsapparats. Die unterschiedlichen Farben spielen eine untergeordnete Rolle. Bezogen auf Dicke, Dehnbarkeit oder Kleberstärke besteht nämlich kein Unterschied.

Landesklinikum Krems
Institut für Präventiv- und angewandte Sportmedizin (IPAS)
Mitterweg 10
3500 Krems
Tel.: 02732/9004-0
www.krems.lknoe.at