„Ich bin heute ein glücklicherer Mensch“
Fritz Frauenberger, ein aktiver Mittvierziger, stand als Vollblut-Journalist der NÖN-Redaktion in Baden mitten im Leben. Ein Tumor in seinem Oberschenkel veränderte alles.

Fritz Frauenberger ist langsam wieder am Weg der Besserung. Die letzten eineinhalb Jahre waren von Chemotherapie und zwei schweren Operationen bestimmt. Ein bösartiger Weichteiltumor veränderte sein Leben grundlegend. Trotzdem fühlt er sich heute zufriedener. FOTO: Sandra Sagmeister
„Seppl“ hat er ihn getauft, seinen Monstertumor. 16 Zentimeter war er groß und hat sich in seinem linken Oberschenkel breitgemacht. Dass er eine Beziehung zu seinem bösartigen Tumor aufgebaut hat, hat ihm geholfen, mit der fatalen Diagnose Krebs umzugehen. Den Rest hat sein Unterbewusstsein erledigt. Das stand in regem Kontakt mit seinem Bewusstsein – der beste Weg für Fritz Frauenberger (45), mit seiner Erkrankung umzugehen, die ihn nun schon über eineinhalb Jahre in Atem hält.
Horrordiagnose Sarkom
Angefangen hat alles mit einer Meniskusoperation am rechten Knie. Vor diesem – im Nachhinein betrachtet – läppischen Eingriff hatte der ehemalige Hypochonder große Angst. Deshalb schob er auch die Ursache eines kleinen Dippels am linken Oberschenkel auf eine Muskelverspannung, wegen der Überbelastung des gesunden Beines. Als der Dippel immer größer wurde, ging er dann doch zum Arzt. Als dieser ihm die böse Nachricht mitteilte, stand er völlig neben sich, setzte sich ins Auto und fuhr wie in Trance durch die Straßen: „Ich bin über zwei rote Ampeln gefahren, ohne es zu merken, ich habe die Welt rund um mich nicht mehr wahrgenommen“, erinnert sich Fritz Frauenberger vage an die ersten Stunden seines „neuen“ Lebens. „Alles und nichts geht einem in einer solchen Situation durch den Kopf, die Gedanken sprudelten durcheinander“, sagt er.
Von einer Million Menschen erkranken gerade einmal drei an einem Sarkom, einem Weichteiltumor. „Besser als Lungenkrebs“, dachte er sich, die Heilungschancen bei einem Lungenkrebs sind weit geringer als bei seinem „Seppl“. Fritz entschied sich fürs Kämpfen. Vor der ersten großen Operation war er völlig ruhig. Seine mentale Rettung war sein Unterbewusstsein, das dem Bewusstsein gesagt hat, wie es sich zu verhalten habe.
Vom medizinischen Fortschritt profitiert
Über 40 Jahre lang hat Fritz zwar gewusst, dass es Krankenhäuser gibt, gebraucht hat er aber nie eines. Nun ist er dankbar, dass es diese medizinische Versorgung in Österreich gibt, mit all der Technik und dem wachsenden Wissen: „Vor zehn Jahren hätte man mir noch das Bein abgenommen“, weiß er. Verändert hat sich seine gesamte Lebenseinstellung, „als gesunder Mensch weiß man nicht, wie zufrieden man sein kann, sein sollte“. Man ist ständig getrieben und unzufrieden „dabei ist man doch frei, kann machen, was man will, und ärgert sich trotzdem ständig.“ Heute ist für ihn ein schöner Tag, wenn er sich die Zähne putzen kann, Dinge tun kann, die er vor ein paar Wochen noch nicht tun konnte. „Man stellt sich auf jede Situation ein, und ich war immer bestrebt, meine Situation wieder zu verbessern.“ Fritz war immer einer, der durchgehalten hat, als Student bei Prüfungen auf der Uni, auch wenn er schon längst fertig war, blieb er bis zum Ende sitzen und kontrollierte das Ergebnis, kämpfte bis zum Schluss und hat so immer gewonnen. Auch in der NÖN-Redaktion war er immer der Letzte, der nach Hause ging, erledigte seine Aufgaben gewissenhaft bis zum Schluss.
Glücklicher und zufriedener
Es wäre ihm natürlich lieber gewesen, hätte er diese Krankheit nicht vorgesetzt bekommen, aber „ich bin heute ein glücklicherer und zufriedenerer Mensch, habe meine Erwartungen und Emotionen heruntergeschraubt, habe mich auf das Wesentliche reduziert“, sagt Fritz heute, der sich wieder an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen kann. „Man setzt sich im Leben zu wenig Grenzen, ist nie mit weniger zufrieden“, zum Beispiel beim Fenster hinausschauen, einen Baum sehen und einen Hund bellen hören. „Wir wollen immer mehr, mehr Geld, einen besseren Job, mehr konsumieren – wozu?“, fragt Fritz, der leidenschaftlich alte Eisenbahnen sammelte. Statt immer mehr Eisenbahnen haben zu wollen, freut er sich heute an denen, die er hat. Klingt resigniert, aber das ist es keineswegs, sondern einfach besonnener und ruhiger.
Nichts wird mehr so wie vorher
Die Krankheit hat ihn massiv gefordert, hat sein altes Leben beendet und ihn vor ein neues Leben gestellt. Viele Untersuchungen musste er über sich ergehen lassen, zwei sechsstündige Operationen hatte er zu überstehen, bei der ersten wurde der Tumor entfernt. Davor hatte er monatelang eine kräfte-zehrende Chemotherapie zu ertragen. Muskeln und Knochen mussten entfernt werden, damit auch ja nichts übrig bleibt vom bösen „Seppl“. Die zweite Operation ist erst ein paar Wochen her, da wurde ein Stück vom Wadenbein herausgetrennt und im Oberschenkel wieder eingesetzt. Ein Stück fremder Knochen verstärkt den Oberschenkel, um das Bein bestmöglich wieder herzustellen. Die nächsten sechs Monate muss er in eine Orthese eingezwängt verbringen, die vom Oberkörper bis zum Knöchel reicht, um das Bein völlig ruhigzustellen.
Frauenberger, der als Journalist über 20 Jahre lang von einem Termin zum nächsten gesaust ist, muss in der Orthese jetzt die meiste Zeit im Bett zubringen, aufstehen ist eine Prozedur, die ewig dauert. Die einfachsten Dinge des Lebens, wie auf die Toilette gehen, werden zu einer übermäßigen Anstrengung. Aber er beißt sich durch, hat die Hoffnung nicht verloren, setzt sich kleine Ziele. Er verzweifelt nur selten, weil es nie mehr so werden wird, wie es einmal war. Er setzt sich „kleine Ziele“, wie
einmal wieder mit dem Auto fahren. „Davor muss ich aber wieder Stiegen steigen können.“ Und statt Schi fahren möchte er langlaufen. „Ich trauere den Dingen nicht hinterher.“
Unwichtiges wird wichtig
Sieht er seine Krankheit als Chance? „Es hätte auch anders ausgehen können und ich hätte dem Leben schon früher baba sagen müssen. Ich sehe es als eine zweite Chance, es ist für mich wie eine Generalsanierung meines Lebens. Ich nehme nichts mehr als selbstverständlich hin und das vormals Unwichtige ist für mich wichtig.“ Und obwohl das heute zwar unangenehm ist, „gestern war es noch viel unangenehmer.“




