Hinein ins Leben!
Babys sind von Anfang an sozial kompetent und dialogbereit. Von den Eltern brauchen sie Zeit für Entwicklungsschritte im eigenen Tempo, das Gefühl wertvoll zu sein – und vielleicht einen kleinen Besen.
Der kleine Jakob: zwei Handvoll Mensch, das Gesicht rosig, die Hände zu Fäustchen geballt. Ein bisschen zerknautscht sieht er aus so kurz nach der Geburt. Jakobs Eltern sind selig und stolz auf dieses neugeborene Kind, das sie mit einem Schlag zu Mama und Papa gemacht hat. Ihr Wunsch für die kommenden Jahre und Jahrzehnte: Sie wollen gute Eltern sein und ihrem Kind das geben, was es braucht, um gut heranzuwachsen, sich geliebt zu fühlen und seinen eigenen, ganz persönlichen Weg zu gehen. Die Herausforderung ist groß, die Unsicherheit auch, denn eine Betriebsanleitung fürs Elternsein gibt es leider nicht. „Elternsein lernt man erst im Tun. Und man lernt dabei sehr viel über das Kind und über sich selbst“, kann die niederösterreichische Kleinkindpädagogin Michaela Auer-Ottenschläger Jakobs Eltern und alle anderen frischgebackenen Mütter und Väter beruhigen. Auer-Ottenschläger ist Seminarleiterin in der vom dänischen Familientherapeuten Jesper Juul gegründeten Einrichtung „familylab“, die Eltern und Familien unterstützt und begleitet.
Babys: keine halben Portionen
Die Pädagogin hält wenig davon, sich beim Umgang mit dem eigenen Baby allein an den Tipps diverser Ratgeber zu orientieren. „Ich muss hinschauen und erspüren, was das Kind braucht.“ Ein Ratschlag, der in den Ohren derer wohl zynisch klingt, die wieder einmal ratlos vor dem brüllenden Baby stehen, das sich weder durch Mamas Busen noch durch Herumtragen oder sanfte Bauchmassage beruhigen lässt. Dahinter verbirgt sich allerdings eine ganz bestimmte Sichtweise auf Babys, die dem widerspricht, was frühere Generationen über ihren Nachwuchs gedacht haben. „Früher ist man davon ausgegangen, dass Kinder egozentrisch auf die Welt kommen und erst zu sozialen Menschen gemacht werden müssen“, erklärt Auer-Ottenschläger: „Babys kommen aber überaus sozial auf die Welt, sind sofort bereit, Dialog aufzunehmen und geben unmittelbar Feedback.“ Kinder sind kompetent und bedürfen nicht erst der Einflussnahme von Erwachsenen, um vollwertige und gleichwürdige Menschen zu werden, drückt es Jesper Juul aus. Wenn also der kleine Jakob seinen Kopf beim Füttern bereits dreimal wegdreht, muss seine Mutter nicht verzweifelt versuchen, ihm noch etwas in den Mund zu schieben. Ihr Sohn zeigt ihr damit vermutlich, dass er satt ist. „Babys wissen um ihre Bedürfnisse, sie brauchen aber die Erwachsenen, um sie zu befriedigen“, sagt Michaela Auer-Ottenschläger. Sie rät, alles, was man wahrnimmt oder tut, in Worte zu fassen. „Du hast wohl keinen Hunger mehr, Jakob. Stimmt’s?“, könnte Jakobs Mutter sagen, und ihr Sohn lernt nach und nach, dass dieses wohlige Gefühl im Bauch bedeutet: „Ich bin satt“. Den Kleinen ihre Bedürfnisse zu erfüllen und sie zu nichts zu zwingen, heißt aber keineswegs, ihnen die Führung zu überlassen. Es müssen immer die Eltern sein, die führen, sonst sind die Kinder überfordert und werden laut und rechthaberisch. „Führen bedeutet: Ich sehe das Kind und erkenne es. Und ich lasse dieses Wissen in meine Führung einfließen“, betont Auer-Ottenschläger.
Entwicklung im eigenen Tempo
Jakob – mittlerweile sieben Monate alt – hat es das erste Mal geschafft, sich aufzusetzen, und strahlt über das ganze Gesicht. Für seine Eltern ist es faszinierend zu sehen, wie rasant sich ihr Sohn entwickelt, und das im Grunde ohne ihr Zutun. „Es ist alles in den Kindern angelegt. Sie wollen Neues lernen. Das Wesentliche ist: Nicht immer vorgreifen!“, sagt Auer-Ottenschläger. Wer sein Baby aufsetzt, bevor es das von sich aus geschafft hat, nimmt ihm ein wichtiges Erfolgserlebnis und die Erfahrung: ‚Das kann ich schon selbst!‘ Außerdem entwickeln Kinder, die ihre Entwicklungsschritte in ihrem Tempo machen dürfen, eine größere Sicherheit, weil sie Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewinnen und gut wissen, was sie können. „Wenn man dem Kind hilft, aufzustehen, wird es wackeln und wackeln. Wenn es aufsteht, sobald es das von sich aus kann, hat es einen sicheren Stand.“
Als Jakob zehn Monate alt ist, besucht er mit seiner Mutter wöchentlich eine Spielgruppe. Angesichts der zahlreichen Angebote an Kursen für Babys war es für Jakobs Eltern gar nicht so einfach, sich zu entscheiden: Babyschwimmen, musikalische Früherziehung oder doch die Krabbelgruppe mit dem ausgefeilten pädagogischen Konzept? Was braucht das Kind, damit es optimal gefördert wird? Wird das musikalische Talent des Kindes für immer unentdeckt bleiben, wenn man nicht den entsprechenden Kurs im zarten Babyalter besucht? Die Kleinkindpädagogin findet das breite Kursangebot, aus dem Eltern wählen können, nicht schlecht, warnt aber davor, sich selbst und die Kinder zu überfordern. „Babys brauchen nicht so viel Anregung. Aber wenn’s die Eltern gut finden, wird es auch das Baby gut finden.“
Kinder wollen dazugehören
Jenseits aller möglichen Kurse finden Babys und Kleinkinder das am interessantesten, was die Erwachsenen rundherum machen. „Da nehmen sie teil am Leben. Kinder wollen dazugehören“, erklärt Auer-Ottenschläger. Räumt Papa die Waschmaschine aus, ist Jakob zur Stelle und hilft mit, deckt Mama den Tisch, will Jakob auch einen Teller tragen. „Der Alltag ist deswegen so interessant, weil das Sinn macht.“ Im Sinne des Grundgedankens der Montessori-Pädagogik „Hilf mir, es selbst zu tun“ hält Auer-Ottenschläger es für wichtig, die Umgebung kindgerecht zu gestalten. Nämlich so, dass Kinder möglichst viel selber machen können. Ein eigener Haken für die Jacke in der Höhe des Kindes, ein kleiner Besen, mit dem es kehren kann, ein Stockerl, damit sich das Kind im Bad alleine die Hände waschen kann. „Kinder wollen nicht mit tausend Spielsachen alleine im Kinderzimmer sitzen.“ Apropos Spielzeug: weniger ist mehr. Was das Spielen betrifft, legt Auer-Ottenschläger Eltern ans Herz, täglich dreißig Minuten mit ihren Kindern zu spielen. Was sich nicht so viel anhört, ist für die meisten Erwachsenen schwierig. „Nicht ich, sondern das Kind gibt dabei vor“, so die Pädagogin, „auch wenn das Kind zum hundertsten Mal Vater-Mutter-Kind spielen möchte.“ In dieser Spielzeit sollen sich Eltern zurücknehmen und nicht belehren oder unterrichten.
Kinder wollen wertvoll sein
„Papa, schau!“, ruft Jakob oft am Spielplatz, wenn er die Leiter zur Rutsche hinaufgeklettert ist und sich aufs Runterrutschen vorbereitet. Kinder haben das Bedürfnis, gesehen zu werden, sagt Jesper Juul, sie wollen für andere Menschen wertvoll sein, ohne sich verstellen oder etwas leisten zu müssen. „Das Selbstwertgefühl wird wachsen können durch Eltern, die zeigen: ‚Du bereicherst mein Leben‘“, bestätigt Auer-Ottenschläger. Jakobs Papa könnte zu seinem Sohn hinaufschauen, ihm zuwinken und rufen: „Hallo Jakob! Du bist ja schon oben angekommen!“ Der kleine Jakob, der mit seinen zwei Jahren inzwischen eigentlich schon ein ziemlich großer Bub geworden ist, würde ein Stück weit mehr erahnen: Mein Papa sieht mich, und ich bin wichtig für ihn.
Michaela Auer-Ottenschläger,
Kleinkindpädagogin
Informationen:
www.familylab.at
Buchtipps
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ISBN: 978-3499625336, € 10,30
Monika Aly: Mein Baby
entdeckt sich und die Welt. Kindliche Entwicklung achtsam begleiten nach Emmi Pikler
Die Pädagogik der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler erfreut sich wachsender Beliebtheit. Sie steht für die aufmerksame und respektvolle Begleitung des Kindes von Geburt an. In diesem Buch erfahren Sie alles zu den grundlegenden Pikler-Prinzipien für die ersten 18 Monate.
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Maria Montessori: Zehn Grundsätze des Erziehens. Das Montessori-Buch für Eltern
Ingeborg Becker-Textor stellt zehn herausragenden Erziehungs-Prinzipien der großen Pädagogin vor. Die bahnbrechende Einsicht Maria Montessoris ist: Kinder fordern von Erwachsenen: „Hilf mir, es selbst zu tun!“
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