Laute Welt
Werden Alltagsgeräusche und leise Töne zur Qual, sprechen die Experten von Hyperakusis. Oft geht diese Geräuschüberempfindlichkeit mit anderen Erkrankungen wie etwa Tinnitus einher.
Für manche Menschen sind schon Geräusche wie das Klingeln einer Türglocke, Autolärm oder eine lautere Unterhaltung eine Qual. Sie reagieren oft nervös oder aggressiv und kriegen deshalb mitunter sogar Herzrasen, höheren Blutdruck oder Schweißausbrüche. „Das Phänomen tritt vor allem bei Schwerhörigen auf und beginnt bereits ab 30, 40 Dezibel, also sehr leisem Schall“, sagt der Leiter der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung im Landesklinikum St. Pölten, Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Sprinzl. „Diese Patienten können zwar noch leiseren Schall nicht hören, nach Überschreiten der Hörschwelle nimmt jedoch die Lautheitsempfindung viel rascher zu als beim Normalhörigen, und es kommt zu einer ‚Übersteuerung‘ der Töne, sodass bei höheren Pegeln der Schall als unangenehm oder gar unerträglich empfunden wird.“
Normalerweise unterscheidet das menschliche Gehirn wichtige von unwichtigen Geräuschen und blendet letztere aus. So ist eine Mutter beispielsweise anlässlich des kleinsten Tönchens ihres Babys hellwach, während sie bei Straßenlärm oft friedlich weiterschlafen kann. Bei Menschen mit Hyperakusis scheint dieser Mechanismus nicht zu funktionieren.
Die Geräuschüberempfindlichkeit kann auch unterschiedlich ausgeprägt sein, und manche Betroffene leben in ständiger Angst vor lauten Geräuschen. Die Folge ist nicht selten ein Rückzug aus Öffentlichkeit und Gesellschaftsleben, und: Sehr oft versteht die Umwelt das Problem nicht, was die Sache noch verschlimmern kann.
Grunderkrankungen ausschließen
Zudem geht Hyperakusis oft mit anderen Krankheiten einher, viele Betroffene leiden auch unter Tinnitus. „Leider gibt es dafür keine wirklich kausale Therapie, und diese Phänomene sind oft schwer in den Griff zu bekommen“, erklärt Sprinzl. „Wichtig ist daher in erster Linie eine gute Beratung der Patienten, wobei auch ursächliche Grunderkrankungen wie zum Beispiel Multiple Sklerose oder ein Akustikusneurinom (ein gutartiger Tumor des Hör- und Gleichgewichtsnervs) ausgeschlossen bzw. behandelt werden müssen.“ Sehr gute Erfolge erzielen die Experten heute bei Patienten, die auf einem Ohr taub sind und ein Ohrgeräusch (Tinnitus) haben: Werden sie mit einem Cochlea-Implantat versorgt, so können sie zum einen wieder besser hören, zum anderen mindert sich auch der Tinnitus.
Ein Hörgerät hilft oft
Doch auch wenn jemand „nur“ unter Hyperakusis leidet, ist er oder sie gut beraten, sich an Fachleute zu wenden, die zunächst eine intensive Ursachenforschung betreiben – zum Beispiel in der HNO-Abteilung im Landesklinikum St. Pölten, die zu den größten Fachabteilungen Österreichs zählt. „Sind andere Ursachen ausgeschlossen, so empfehlen wir diesen Patienten, laute Geräuschsituationen, in denen sie leiden, zu meiden, und sich frühzeitig mit einem Hörgerät versorgen zu lassen. Denn wie gesagt betrifft Geräuschüberempfindlichkeit vor allem Schwerhörige, und wenn die Hörstörung adäquat behandelt wird, so bessert sich auch das Phänomen Hyperakusis entscheidend“, sagt Experte Sprinzl.
Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Sprinzl,
Leiter der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung im Landesklinikum St. Pölten
Landesklinikum St. Pölten
Propst-Führer-Straße 4, 3100 St. Pölten
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