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Das Zentrum der Kraft

Dass wir Arm-, Bein- oder Bauchmuskeln regelmäßig trainieren sollten, wissen wir. Doch dass auch der „hinter den Kulissen“ verborgene Beckenboden Achtsamkeit braucht, ist wenig bekannt.


Kombinierte Beckenbodenaktivierung: Legen Sie die Beine auf den Pezziball. Spannen Sie beim Ausatmen den Beckenboden an und heben Sie das Becken hoch. Kurz halten und im Anschluss wieder ablegen. FOTOS: Felicitas Matern

Waschbrettbauch oder stolz gewölbter Bizeps sind aus unserer Fitnesskultwelt kaum wegzudenken, und Schönheit und Potenz dieser gut sichtbaren und relativ leicht zu trainierenden Riesenmuskeln sind vielen Menschen Motivation genug zum Krafttraining. Doch wie sieht es mit der Achtsamkeit auf die „Player hinter den Kulissen“ aus? Kennen Sie zum Beispiel Ihren Beckenboden? Wissen Sie, was er leistet, wie er funktioniert und was er alles für Sie tun kann? Nein? – Dann sind Sie nicht allein, denn die wenigsten wissen darum Bescheid, obwohl sich in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse rund um diese unsichtbare Muskelgruppe angesammelt haben.
So weiß man heute etwa, dass gezieltes Beckenbodentraining bei Harn- und Stuhlinkontinenz, bei Blasenentleerungsstörungen, für die Rückbildung nach Geburten, bei neurologischen Erkrankungen, Kreuz- und Rückenschmerzen und bei sexualmedizinischen Beschwerden hilft und im Sinne der Prävention zum allgemeinen Wohl­befinden beitragen kann.

Neues Beckenbodenzentrum

Eine lange Liste an Positiva also, doch schon der Beckenboden an sich ist ein faszinierender, mehrschichtiger Körperbereich, der drei essenzielle Funktionen hat, erklärt der Facharzt für Gynä­kologie und Geburtshilfe OA Dr. Johannes Barta vom Beckenbodenzentrum im Landesklinikum Korneuburg: „Bei der Frau werden dadurch die Entleerung der Harnblase, der Stuhlgang und die Vorgänge rund um Empfängnis und Geburt eines Kindes gesteuert. Damit diese drei Funktionen aufrechterhalten werden können, ist ein hochkomplexes Zusammenspiel von Nerven, Bindegewebe und muskulären Anteilen notwendig.“ Barta weiß, dass es bei vielen Frauen im fortgeschritteneren Alter zu einer Beckenbodenschwäche kommen kann, die die Funktionen dieses Körperbereichs beeinträchtigt: „Probleme, die daraus resultieren können, sind verschiedene Formen der Harn­inkontinenz sowie Gebärmuttersenkungs­beschwerden, die wir aber im seit 2011 bestehenden Beckenbodenzentrum hier im Landesklinikum Korneuburg gut behandeln können.“ Ebenso fachgerecht behandelt werden auch andere Erkrankungen des Beckenbodens sowie Probleme der Stuhlinkontinenz, Probleme, die laut Experten immer häufiger werden – einerseits weil immer weniger Menschen diese Beschwerden als schicksalshaft hinnehmen wollen, und es andererseits auch durch die Überalterung der Bevölkerung zu einem Ansteigen der Krankheitsfälle kommt.

Einzigartige Betreuung

Freilich gehen laut Johannes Barta vor allem Frauen, die beispielsweise wegen einer Becken-bodenschwäche unter Harninkontinenz leiden, zuvor viele Irrwege, die sie vom Gynäkologen zum Urologen und schließlich oft auf den Tisch eines Operateurs führen, was in vielen Fällen nicht notwendig wäre. „Harnverlust impliziert nicht unbedingt, dass man operieren muss, denn unter Umständen erzielt man mit einer konservativen Therapie einen wesentlich besseren Effekt als mit einer operativen Maßnahme“, so der erfahrene Gynäkologe, der darauf verweist, dass die Implementation des Beckenbodenzentrums im Landesklinikum Korneuburg auch solchen Fehlentwicklungen effektiv entgegensteuern kann. Denn dort arbeiten Gynäkologen, Urologen, Chirurgen, Physikalische und Rehabilitative Mediziner interdisziplinär zusammen, und zudem wird auch begleitende psychosomatische Betreuung angeboten, die in der Behandlung von Beckenboden­störungen eine wesentliche Rolle spielt.

Die Säule Beckenbodentraining

Unter Beckenbodenstörungen leiden – zwar seltener, aber doch – auch Männer. Zum Beispiel nach Prostatakrebsoperationen, die vielfach Harn­inkontinenz als Folge mit sich führen. Doch nach Beckenbodentraining ist bei rund 90 Prozent der Operierten eine Wiederherstellung oder zumindest deutliche Besserung der Kontinenz zu erreichen. Beckenbodentraining ist daher eine wichtige Säule des Therapieprogramms im Beckenbodenzentrum Korneuburg. Es zu erlernen und gezielt weiter zu üben ist allerdings für die meisten anfangs etwas schwierig. Jelica Kojic, Leiterin der Abteilung Physiotherapie im Landesklinikum Korneuburg: „Der Beckenboden ist eine unsichtbare Muskelgruppe, die keine Gelenke, sondern Weichteile bewegt und tief in unserem Becken liegt. Oft fehlen den Menschen die Wahrnehmung und der Bezug zu dieser Muskulatur. Doch mit Biofeedback-Darstellung kann man sehen, ob sich der richtige Muskel anspannt und wieder entspannt.“
Anspannen, entspannen und reflektorisch gegenhalten sind nämlich die drei Hauptfunktionen des Beckenbodens. Anspannen ist wichtig zur Sicherung der Kontinenz. Dabei unterstützt die Beckenbodenmuskulatur maßgeblich den unteren Teil der Harnröhre, die Schließmuskeln der Harnblase und den Anus. Entspannung des Becken­bodens findet beim Wasserlassen, beim Stuhlgang, bei der Frau beim Geschlechtsverkehr, beim Mann bei einer Erektion statt. Und reflektorisch gegen­halten muss der Beckenboden etwa beim Husten, Niesen, Lachen, Hüpfen oder Tragen schwerer
Lasten, sonst kann es zu Urinverlust kommen.  

Den Körper wahrnehmen lernen

All das sollte man wissen, wenn man effektiv Beckenbodentraining machen will, denn: „Die wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Training sind eine gute Körperwahrnehmung, die Aufklärung über Aufbau und Funktion des Beckenbodens, ein individuell angepasstes Trainingskonzept sowie Motivation und konsequentes Üben“, betont Jelica Kojic. Außerdem sollte man rechtzeitig mit dem Training beginnen, regelmäßig trainieren und die Fortschritte immer wieder von Profis kontrollieren lassen. In Korneuburg werden die Übungen in Einzel- und Gruppentherapie angeboten, und für den Alltag wird Verhaltenstraining empfohlen.
Biofeedback und Einzeltherapie bei einer erfahrenen Therapeutin helfen, die so wichtige Wahr­nehmungsfähigkeit in Bezug auf den Beckenboden zu schulen, und die Experten empfehlen auch immer, das Übungsprogramm gemeinsam mit einer darauf spezialisierten Physiotherapeutin zu erarbeiten und es erst in weiterer Folge selbstständig und regelmäßig zu Hause durchzuführen. „Dann aber sind beispielsweise Übungen zur bewussten Aktivierung des Beckenbodens in der stehenden und sitzenden Lage sowie Balanceübungen, die man sehr leicht in den Alltag einbeziehen kann, höchst effektiv“, sagt Kojic (siehe Übungen).

Besserer Sex

Richtig und regelmäßig durchgeführtes Beckenbodentraining ermöglicht die Stärkung und Straffung der Beckenbodenmuskulatur und führt daher nicht nur zu positiven gesundheitlichen Effekten, sondern stärkt auch die Empfindungen im Sexualbereich – bei Frauen und Männern.
So hat schon Arnold E. Kegel, der Erfinder des Beckenbodentrainings, die diesbezügliche Behandlung von vorzeitiger Ejakulation beim Mann systematisch untersucht und die Erfolge dokumentiert. Und einzelne Studien sowie zahlreiche Erfahrungen aus der Praxis stützen die weit verbreitete These, dass Beckenbodentraining positive Wirkung auf die Orgasmusfähigkeit der Frau hat. Dies bestätigt auch die Physiotherapeutin Kojic: „Beckenboden und Geschlechtsorgane sind anatomisch und funktionell eng miteinander verbunden. Ein gut trainierter Beckenboden kann den Orgasmus intensivieren, und im Gegensatz dazu kann ein schwacher Beckenboden die Lust auf Sexualität reduzieren. Viele Frauen berichten über diesen positiven Nebeneffekt nach einem intensiven Beckenbodentraining.“
Lust bekommen? Die Mühe zahlt sich wohl in mehrfacher Hinsicht aus!

Training für den Rücken

Beckenboden- und Rückenmuskulatur arbeiten direkt zusammen und sind deshalb stark voneinander abhängig. Eine Beckenbodenschwäche verursacht häufig Rückenschmerzen und umgekehrt kann eine Schwäche und Fehlhaltung des Rückens den Beckenboden und die Bauchmuskulatur schwächen. Beckenbodentraining entlastet die Wirbelsäule und verbessert die Körperhaltung, wodurch Rückenschmerzen verhindert und vermindert werden.

 

OA Dr. Johannes Barta, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Beckenbodenzentrum Landesklinikum Korneuburg

Jelica Kojic, Leiterin der Abteilung Physiotherapie im Landesklinikum Korneuburg

Landesklinikum Korneuburg
Wiener Ring 3–5
2100 Korneuburg
Tel.: 02262/9004-0
www.korneuburg.lknoe.at