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Helfen tut der Seele gut

Eine Welle der Hilfsbereitschaft begegnet den zehntausenden Kriegsflüchtlingen, die durch Österreich ziehen und teilweise hier bleiben. Helfen zu können ist eine Win-win-Erfahrung.


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Psychologin Mag. Christine Stöger-Knes

„Helfen zu können macht uns zu Menschen“ lautet der Slogan der Caritas, einer der vielen engagierten Hilfsorganisationen in Österreich. Er formuliert, was man in den letzten Monaten beobachten konnte: Zehntausende Menschen helfen spontan und nach Kräften den Flüchtlingen, die aus den Kriegsgebieten durch und nach Österreich kommen. Sie packen dort zu, wo es gerade nötig ist, selbst wenn sie zu Beginn skeptisch waren. Viele wachsen über sich hinaus, viele stehen bereit und arbeiten dann bis zur Erschöpfung, wenn es darum geht, durchreisende Flüchtlinge zu versorgen. Sie plündern ihre Kleiderschränke, Dachböden und Keller, um Hilfe möglich zu machen. Sie spenden Zeit, Kraft und Geld. Sie besorgen Wasserflaschen, Obst, Nüsse und Hygieneartikel. Und nutzen den privaten Pkw, um ihre Spenden dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Und sie nehmen – und das ist langfristig wichtig – Menschen auf: in ihren Gemeinden, in leerstehenden Wohnräumen, und helfen ihnen, anzukommen, sich einzurichten in einem neuen Leben und sich zu integrieren.

Wichtig für die eigene Gesundheit

„Anderen Menschen zu helfen liegt uns im Blut“, sagt die Psychologin Mag. Christine Stöger-Knes. „Wenn jemand hinfällt, werden wir hineilen und der Person aufhelfen. Wenn sich jemand verletzt, werden wir Hilfe holen. Selbst Kleinkinder helfen intuitiv und erkennen, wann jemand Hilfe braucht.“ Helfen wir anderen, so bekommen wir „dafür“ Freude, ein Sinnerleben, Zufriedenheit und werden mit einem Gemeinschaftsgefühl belohnt, erklärt die Psychologin, die unter anderem beim NÖ Krisentelefon arbeitet.
Stöger-Knes weiß aus ihrer Krisenarbeit, wie stark belastende Erlebnisse das weitere Leben eines Menschen beeinflussen können. Sie empfiehlt, sich bewusst zu machen, was Flüchtlinge erlebt haben müssen, um ihre Heimat und ihr gesamtes bisheriges Leben hinter sich zu lassen: „Sie flüchten, weil es ein Kriegs- und Krisengebiet ist, weil sie beschossen werden, weil sie um ihr Leben und um das ihrer Familie bangen müssen und keine Lebensgrundlage mehr in ihren Ländern haben.“ Menschen, die traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren, brauchen dringend das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, um das Erlebte zu verarbeiten, weiß Stöger-Knes. Und sie ermutigt zu helfen, um den erschreckenden Bildern von Krieg und Flucht etwas entgegensetzen zu können.

Die Angst bewusst anschauen

Auf der anderen Seite, weiß Stöger-Knes, „assoziieren wir beim Anblick von Menschen aus anderen Kulturen Bilder, die durch Erzählungen, Glaubenssätze und Erlebnisse gespeist werden. Unangenehme  Bilder in unseren Köpfen können sich auf unsere angelegte Hilfsbereitschaft auswirken“, erklärt sie. „Wir sind auch mit Themen wie Aggression, Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert.“ Sie macht Mut, genauer hinzuschauen, denn meist verschwinden die Bedenken, wenn man die einzelnen Menschen kennenlernt: „Wichtig ist, dass wir uns klarmachen, woher die Bilder der Verunsicherung kommen, um ihnen ihre Kraft zu nehmen. Auch wenn wir unsicher sind, können wir anderen Menschen die Hand reichen.“

Gebrauchte Handys für Flüchtlinge

Smartphones ermöglichen nicht nur die Kommunikation mit Angehörigen und Freunden, sondern unterstützen auch beim Übersetzen von Texten. Deshalb setzt Mayer EDV Services, Mitgliedsbetrieb im Reparaturnetzwerk, gebrauchte Smartphones sowie Tablet-PCs und Notebooks instand und gibt sie an Hilfsorganisationen weiter.
Die Geräte bitte in einem frankierten Packerl senden an: Mayer EDV Services, Kennwort „Flüchtlingshilfe“, Marktstraße 17, 2331 Vösendorf
Wer Namen und E-Mail-Adresse mitsendet, wird darüber informiert, welche Organisation das Gerät erhalten hat.

Was Sie tun können

Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen. „Helfen wie wir“, eine Initiative des ORF gemeinsam mit NGOs für Kriegsflüchtlinge in Österreich, hilft, die entsprechenden Kontakte herzustellen und bringt die hilfswilligen Österreicherinnen und Österreicher mit den professionellen Hilfsorganisationen zusammen. Sie können Wohnraum, Sach- und Geldspenden sowie persönliche Hilfestellung anbieten.
Bis einschließlich 31. Oktober können Sie Ihre Sachspende für Flüchtlinge auch kostenlos in jeder Postfiliale und bei jedem Post Partner aufgeben.
Alles, was Sie tun müssen: ein Paket mit Sachspenden packen – und mit #willkommenspaket 
1005 Wien beschriften. Auch viele andere Organisationen bieten Hilfsaktionen an. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Informationen: „Helfen wie wir“-Infohotline: 0800 66 55 77, www.helfenwiewir.at, www.caritas.at, www.roteskreuz.at, www.diakonie.at, www.samariterbund.net, www.wirsinddabei.at

Was Helfende motiviert

Michaela Fried, Ärztin (Ärzte ohne Grenzen) und engagierte Unterstützerin der Initiative „Willkommen Mensch“ in Seitenstetten, steht als Ärztin syrischen Familien zur Seite: „Als Ärztin ohne Grenzen bin ich viel unterwegs, die Probleme sind aber mittlerweile vor der Haustür angelangt. Man kann die Augen davor nicht mehr verschließen. Ich würde es nicht aushalten, nichts zu tun. Ich habe auch Ängste, aber das ist keine Entschuldigung, nichts zu unternehmen und zu helfen.“

Gregor Panis, aus Wiesmath, sammelt in seinem Wiener Lokal für Flüchtlinge in Traiskirchen: „Helfen ist für mich eine Selbstverständlichkeit, gehört einfach zum Leben dazu. Ich sehe es als Privileg an, in einem sicheren Land geboren zu sein und will möglichst viel weitergeben.“

Walter Wagner, pensionierter Deutschlehrer aus Seitenstetten, hält im Bildungszentrum St. Benedikt kostenlose Deutschkurse für Flüchtlinge aus der Region: „Ich finde, dass Helfen das natürlichste menschliche Bedürfnis ist, wenn man sich dazu in der Lage fühlt. Zu helfen gibt mir außerdem das Gefühl der Vitalität und Lebensfreude – es ist wie ein Lebenselixier.“

Irene Tanzer, Strengberg, organisierte eine Sachspendensammlung für Flüchtlinge in Traiskirchen: „Der Spruch ‚Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest‘ war ausschlaggebend dafür, dass ich mich engagiere. Mir ist klar, dass es in der Bevölkerung Ängste und Unsicherheiten gibt. Deshalb ist es wichtig, dass sich jeder darauf beruft, wie er selbst behandelt werden möchte.“

Hari Gonaus, Lichttechniker aus St. Pölten, gründete eine Facebook-Gruppe, um Kleidung und Hygieneartikel für Traiskirchen zu sammeln: „Die Reaktion der Bevölkerung auf meine Facebook-Seite ‚St. Pölten hilft Traiskirchen‘ war so groß, dass ich meine Idee einer kleinen Sammelaktion nicht mehr durchziehen konnte. Ich musste größer denken. Die Kulturbühne Freiraum hat mir die Halle zur Verfügung gestellt, und innerhalb weniger Stunden war sie voll. Wir haben dann mehrere Einrichtungen beliefert – Traiskirchen, Samariterbund Wien, Caritas und Diakonie St. Pölten. Der direkte Kontakt mit den Flüchtlingen war sehr beeindruckend. Sehr liebe, dankbare Menschen. Ich hoffe, dass die Politik schnell eine Lösung findet, wie man diesen vielen Menschen helfen kann.“

Karin Malloth aus Lichtenegg hilft am Wiener Westbahnhof dort aus, wo sie gerade gebraucht wird – sei es beim Sortieren im Caritas-Lager, beim Verteilen von Obst am Bahnsteig oder beim Spendensammeln: „Helfen macht süchtig – hätte ich keine Kinder, wäre ich rund um die Uhr vor Ort, um zu helfen. Ich habe am Westbahnhof auch einige negative Reaktionen von Passanten zu spüren bekommen, das spornt mich noch mehr an. Denn der Dank, der von den hilfesuchenden Menschen zurückkommt, ist so bewegend, dass man immer weitermachen muss. Ich hoffe, die momentane Welle der Hilfsbereitschaft hält noch lange an.“Florian Schuh, Student, Ambach: „Für unsere Familie war es logisch, dass wir das leerstehende Haus auf unserem Grundstück, das in vorbildlichem Zustand ist, als Unterkunft zur Verfügung stellen. Seit April hat hier eine sechsköpfige Familie aus Damaskus ein neues Zuhause und wir unterstützen sie bestmöglich. Mittlerweile sehen wir sie für uns als eine große Bereicherung in Bezug auf Menschlichkeit und auf den Austausch der Kulturen.“