Gute Laune aus dem Kochtopf
Eine bewusste Ernährung wirkt sich förderlich auf die Gesundheit aus. Doch beeinflusst Essen auch die Seele? Gibt es tatsächlich Nahrungsmittel, die glücklich machen? GESUND+LEBEN hat recherchiert.
Für den einen ist es das Stückchen Nuss-Nougat-Schokolade, für den anderen ist es das saure Gurkerl aus dem Glas, wieder andere greifen zum Chips-Sackerl. Bei Kummer und Stress wählen viele eine ganz bestimmte Speise, die Trost spenden und das Gemüt besänftigen soll. Leider schürt zu viel Süßes und Fettiges erst recht die Unzufriedenheit beim Blick auf die Waage. Andererseits zeigen solche instinktiven Verhaltensmuster doch ganz klar auf, dass es einen Zusammenhang zwischen Nahrung und Seele gibt. Und auch die Wissenschaft nimmt sich dieser Thematik zunehmend an. „Die Ernährung scheint eine von den vielen verschiedenen Umständen zu sein, die darüber entscheiden, ob es jemandem psychisch gut oder schlecht geht“, weiß Emran Mayer, Professor an der Universität Kalifornien.
Essen mit allen Sinnen
„Hm, wie das herrlich duftet. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.“ Alleine beim Gedanken an ein gutes Essen entstehen positive Emotionen. „Vorlieben für bestimmte Geschmacksrichtungen lernen wir bereits im Mutterleib“, erklärt Prof. Gabriele Karner, Studiengangsleiterin für Diaetologie an der FH St. Pölten. „Die Aromastoffe in der Ernährung von Stillenden gehen in die Muttermilch über und prägen so die Geschmackspräferenzen des Säuglings. Außerdem werden Essgewohnheiten durch Vorbildwirkung – primär durch die Eltern, später durch Peer-Groups, die Gruppe der Gleichaltrigen – weitergegeben.“
Vieles sei aber auch auf Konditionierungsprozesse zurückzuführen. „Essen spielt sich definitiv im Kopf ab“, so Karner. „Wenn Ihnen von einer Speise einmal schlecht geworden ist, dann ist sie automatisch negativ besetzt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie diese nicht mehr essen. Anders erzeugt der Duft und der Geschmack von Vanillekipferl bei vielen automatisch ein Wohlbehagen – eben weil positive Assoziationen damit verbunden sind.“ Warme Speisen lösen ein Gefühl von Wärme, Vertrauen und Geborgenheit aus. Ein schönes Mundgefühl und ein guter Geschmack sorgen augenblicklich für gute Laune. Die Liste lässt sich vermutlich endlos erweitern. Doch die Quintessenz daraus ist: Essen ist an Gedanken und Bilder geknüpft. Umgekehrt wirken sich Emotionen auch auf die Nahrungsaufnahme aus. „Positive Gefühle können den Geschmack der Nahrung verstärken, während negative das Essvergnügen drosseln“, meint die Diaetologin. Schauen wir uns dazu einmal an, wie Emotionen überhaupt entstehen …
Die körpereigene Glücksfabrik
Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt? Die meisten machen sich über ihre vorherrschende Stimmung keine weiteren Gedanken und ordnen sie einfach der jeweiligen Tagesverfassung zu. Einmal ist man eben gut aufgelegt, ein anderes Mal weniger. Hinter unseren alltäglichen Launen verbirgt sich jedoch ein komplexes Geflecht an unterschiedlichen Hormonen und Botenstoffen, die ihrerseits perfekt miteinander kommunizieren. Während Sie über das Tor Ihrer bevorzugten Fußballmannschaft jubeln, sind bestimmte Areale in Ihrem Gehirn besonders aktiv. Das bedeutet, sie weisen eine erhöhte Konzentration von Neurotransmittern auf. Neurotransmitter sind Botenstoffe, die dafür sorgen, dass die Verbindung zwischen Gehirnzellen entweder beschleunigt oder verlangsamt wird.
Für das Glücksempfinden sind zwei dieser Botenstoffe besonders bedeutsam: Dopamin regt das Belohnungszentrum im Gehirn an und sorgt für ein euphorisches Hochgefühl, Serotonin fördert die Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Beide Neurotransmitter sind die hauptverantwortlichen, körpereigenen „Gute-Laune-Aktivatoren“. Sie sitzen in der Glücksfabrik quasi auf dem Chefsessel. Daneben gibt es noch „leitende Angestellte“. Zum Beispiel Endorphine, die auch als körpereigene Opiate bezeichnet werden. Ähnlich wie Drogen setzen sich Endorphine auf bestimmte Rezeptoren, die die Übertragung von Schmerzsignalen blockieren und in unserem Körper für sofortige Schmerzstillung und vermehrtes Glücksempfinden sorgen. So viel zu den biochemischen Prozessen. Interessant ist, dass die „Glücksgefährten“ einerseits durch geistige Prozesse wie Freude und als Folgereaktion von positiven Erlebnissen entstehen. Andererseits können sie durch Bewegung, Sonnenlicht und nicht zuletzt durch Nahrung beeinflusst werden.
Stimmung und Verdauung
„Wenn ich lange nichts gegessen habe, bin ich total schlecht gelaunt.“ Kommt Ihnen diese Aussage bekannt vor? Tatsächlich verschlechtert sich die eigene Stimmung im Hungerzustand, sofern er unfreiwillig herbeigeführt wurde und andauert, drastisch. Und das kommt nicht von ungefähr. Zum einen ist die Gereiztheit infolge der Nahrungsabstinenz auf einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel zurückzuführen. Zum anderen besteht zwischen Darm und Gehirn quasi eine Daten-Autobahn. Die Nervensysteme, die das Gehirn steuern, sind ähnlich aufgebaut wie jene, die das Geschehen in Magen und Darm koordinieren. Der Vagusnerv, der vom Kopf bis zum Verdauungstrakt verläuft, bildet die Schaltzentrale. Über ihn können Informationen zwischen dem Gehirn und dem Darm ausgetauscht werden – ähnlich wie bei einer Telefonkonferenz.
Das Spannende dabei: Die meisten Botschaften haben ihren Ursprung gar nicht im Gehirn. Etwa
90 Prozent aller Signale werden vom Darm aus in die Hirnareale weitergeleitet. Studien belegen, dass die Verbindung zwischen Gehirn und Verdauungstrakt eine Schlüsselrolle für die Entstehung von Emotionen spielt. Und genau bei dieser Kommunikation zwischen Darm und Gehirn funken die Neurotransmitter mit. Bestimmt kennen Sie die Aussage: „Das Serotonin in der Schokolade macht glücklich.“ „Diese Behauptung hat sich als falsch erwiesen“, weiß
Gabriele Karner, „Die enthaltene Serotonin-Menge reicht nicht aus, einen Effekt zu erzielen. Außerdem verhindern komplexe Mechanismen, dass das Serotonin in der Nahrung direkt an den Wirkungsort gelangt.“ Konkret könnte die Substanz die sogenannte Blut-Hirn-Schranke nicht überbrücken. Das bedeutet: Das in Nahrungsmitteln enthaltene Serotonin bringt in punkto Glücklichsein ziemlich wenig.
Glücklicherweise hat das Serotonin einen wohlgesinnten Kooperationspartner namens Tryptophan – eine essentielle Aminosäure, die der menschliche Körper nicht selber produzieren kann. Tryptophan hat quasi eine „Zugangsberechtigung“, die ihm eine Überquerung des „Kontrollschranken“ ermöglicht. Doch Ihren Speiseplan künftig mit Lebensmitteln zu bestücken, die einen hohen Tryptophan-Gehalt haben, führt leider auch nicht zum Stimmungshoch, denn Aminosäuren sind „Gruppentiere“. Das bedeutet: Tryptophan taucht meist in Gegenwart seiner „Aminosäuren-Geschwister“ auf. Im Gegensatz zu Tryptophan haben diese aber keinen „Passagierschein“ für die Blut-Hirn-Schranke, wodurch das Tryptophan auf seinem Weg behindert wird. Fakt ist: Der Mechanismus ist insgesamt sehr diffizil. Zudem spielen bei der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit noch andere Prozesse eine wichtige Rolle.
Gute „Glückskumpanen“
„Ein Vitaminmangel wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus“, weiß Karner. „Müdigkeit, Abgeschlagenheit und erhöhte Reizbarkeit können die Folgen sein. Um sich körperlich wohl zu fühlen, ist eine ausgewogene, gesunde Ernährung wichtig.“ Es stellt sich die spannende Frage: Haben essentielle Nährstoffe einen Einfluss auf das seelische Gleichgewicht? Karner: „Hier ist es wichtig, zwischen Stimmung und Emotionen und der kognitiven (geistigen) Leistungsfähigkeit wie der Gedächtnisleistung oder der Konzentrationsfähigkeit zu unterscheiden.“ Körperliches Wohlbefinden beeinflusst das seelische Wohlbefinden und umgekehrt. Wenn man also vor lauter Energie Bäume ausreißen könnte, steigt unweigerlich auch die Stimmungskurve. Für die Gehirnleistung und die Nerven besonders relevant sind u. a. speziell die B-Vitamine, die im Übrigen auch an der Bildung von Neurotransmittern, wie beispielsweise Serotonin, beteiligt sind. Auch Vitamin C hat einen ähnlichen Wirkmechanismus: Neben seiner antioxidativen Wirkung ist das Vitamin an der Umwandlung von Tryptophan in eine Vorstufe des Serotonins beteiligt. Es gibt sogar Studien, die den Mangel an bestimmten Vitaminen mit Depressionen in Zusammenhang bringen.
Und Mineralstoffe und Spurenelemente? Auch sie machen nicht zwangsläufig glücklich, aber ein Mangel kann bewirken, dass wir uns träge und deprimiert fühlen. Ein gutes Beispiel ist Magnesium. Dieser „Entspannungs“-Mineralstoff hemmt die Freisetzung der Hormone Adrenalin und Noradrenalin, die bei Stress vermehrt produziert werden. Er hilft uns, in hektischen Situationen nicht die Nerven zu verlieren. Auch sein Gegenspieler – das Kalzium – spielt bei der Informationsübertragung der Nerven eine große Rolle. Ein Experiment, bei denen die Probanden entweder ein Placebo oder eine Kombination aus Kalzium und Vitamin D bekamen, lieferte ein erstaunliches Ergebnis: Die Stimmung wurde einmal zu Beginn der Studie, vor der Einnahme der Tabletten, und dann noch einmal vier Wochen später untersucht. Tatsächlich fand man heraus, dass der Zusatz von Kalzium, verglichen mit der Placebogruppe, die Stimmung wesentlich verbesserte.
Wichtig ist: Es macht keinen Sinn, Mineralstoffe und Vitamine vor allem in isolierter Form – etwa als Nährungsergänzungsmittel – aufzunehmen. Erst die natürliche Kombination mit anderen Substanzen wie z. B. sekundären Pflanzenstoffen macht daraus einen „Kraftstoff“. Ernährungs-Fachfrau Karner rät: „Versuchen Sie sich an die 5-a-day-Regel zu halten. Essen Sie über den Tag verteilt fünf Portionen Obst und Gemüse – und bevorzugen Sie hierbei saisonal und regional verfügbare Sorten. Auch Hülsenfrüchte und Nüsse sind empfehlenswert, um die geistige Leistungsfähigkeit zu stärken.“ Das beste Rezept zum Glücklichsein ist also ein bunter Speiseplan aus frischen und nährstoffreichen Zutaten – möglichst in Kombination mit einem gesunden Lebensstil. Dann laufen Sie mit Ihrem Glück – im wahrsten Sinne des Wortes – Hand in Hand.





