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Gesund groß werden

Sich gesund ernähren und Spaß an der Bewegung haben: Das Programm »Gesunder Kindergarten« vermittelt bereits den Kleinen alles rund um einen gesunden Lebensstil. Ein wichtiger Baustein fürs weitere Leben.


Foto: Nadja Meister

Heute ist viel los im Kindergarten Albertstraße in Berndorf. Eltern und Großeltern sind zu Gast, backen gemeinsam mit den Kindern köstliche Weckerl und spielen mit ihnen. Heute ist Eltern-Kind-Nachmittag zum Abschluss des Programms »Gesunder Kindergarten« (siehe unten): Die Kleinen präsentieren den Großen, was sie in diesem Kindergartenjahr alles gelernt haben. Ernährungsexpertin Mag. Heidi Hell hat einen Teig vorbereitet – halb Weizen- und halb Vollkornmehl, eine gesündere Variante. Aufgeregt tummeln sich alle Kinder um den Tisch, können kaum erwarten, dass es losgeht. Heidi Hell reicht jedem Kind samt Mama, Papa oder Oma ein kleines Teigstück und demonstriert: „Taucht die Hände ins Mehl und rollt vorsichtig den Teig.“ Die fünfjährige Rukaya ist übereifrig und taucht den ganzen Teig ins Mehl. Heidi Hell muss lachen: „Nur die Hände ins Mehl tauchen, nicht den Teig. Das ist ja kein Schnitzerl.“ Die Ernährungsexpertin hat noch viele andere Tricks parat und zeigt vor, wie aus der Teigrolle ein Stern wird. Die Kinder staunen. Celine und Lukas machen es ihr sofort nach, rollen und biegen den Teig, bis ein kleiner Stern draus wird. Stolz blicken sie zu ihren Eltern. Einige Mamas und Papas helfen mit, lassen sich vom Eifer der Kleinen anstecken. Helena macht ein Herz, Rukaya doch kein Schnitzerl, sondern eine Schnecke – viele kleine Kunstwerke entstehen. Verziert werden sie mit verschiedenen Körnern – Sesam, Sonnenblumen oder Kürbiskern, je nach Gusto. Danach schiebt Heidi Hell die selbst gemachten Weckerl bei 180 Grad für etwa dreißig Minuten in den Ofen.

Rund ums Essen

Das Programm »Gesunder Kindergarten« vermittelt Kindern spielerisch alles rund um einen gesunden Lebensstil. Heidi Hell betreut bereits seit vielen Jahren Kindergärten und weiß genau, wie man den Kleinen gesunde Lebensmittel näherbringt: „Die Kinder nähern sich dem Essen mit allen Sinnen – sehen, tasten, riechen, schmecken und hören. Das gefällt ihnen und nebenbei erkläre ich, was gesund ist und was nicht.“ Hilfreich ist auch die kindliche Neugier, weiß die erfahrene Ernährungsexpertin: „Wenn Kinder die Sachen selbst zubereiten und in einer Gruppe essen, schmeckt es sowieso besser und sie kosten auch Sachen, die sie sonst nie essen.“ Viel haben die Kinder gelernt im Rahmen des Programms, kennen nun die Ernährungspyramide und wissen, dass Wasser und stark verdünnte Fruchtstäfte zur gesunden Ernährung dazugehören. Oder was alles zu einem Frühstück dazugehört, das gesund ist und auch schmeckt. Das Highlight war jedoch das gemeinsame Kochen und Experimentieren mit Lebensmitteln: Gemeinsam haben die Kinder Obst- und Gemüsesaft fabriziert, Karotten geputzt und geraffelt, Äpfel geschält und entkernt. Fürs gemeinsame gesunde Frühstück haben sie selber Flocken gequetscht, Butter und Buttermilch selbst hergestellt. Das hat übrigens Lukas besonderen Spaß gemacht: „Die selbst gemachte Buttermilch hat mir am besten geschmeckt. Auch wenn das lange Rühren anstrengend war.“ Seine Mama Bettina staunt, was ihr Sohnemann nun alles kann.

Baustein Bewegung

Der zweite Baustein des Programms »Gesunder Kindergarten« ist die Bewegung. Bewegungsbetreuerin Karin Holzer bringt mit lustigen Spielen viel Abwechslung und neue Ideen in den Kindergartenalltag. Für den heutigen Eltern-Kind-Nachmittag hat sie einiges vorbereitet, etwa ein Spiel mit Luftballons: Es wird bunt – sie schmeißt rote, blaue, gelbe Luftballons in die Höhe, die nicht den Boden berühren dürfen. Die Kinder laufen durch den Saal und stupsen die Ballons immer wieder nach oben. Es wird laut, sie kichern und gackern. Einige Elternteile machen mit, haben genauso viel Vergnügen daran wie die Kleinen. Mit solchen und anderen Spielen bleiben die Kinder in Bewegung und haben jede Menge Spaß, erklärt Karin Holzer: „In erster Linie sollen die Kinder Freude dran haben. Aber mit den Spielen schulen sie auch die Koordination, den Gleichgewichtssinn und vieles andere. Sie trainieren die ganze Motorik und stärken die Eigenwahrnehmung – die Grundlage für die Konzentrationsfähigkeit. Mit dem Luftballonspiel lernen die Kleinen etwa, ihre Kraft zu dosieren und ein gutes Timing zu entwickeln.“ Bei einem weiteren Spiel tun sich Kinder und Eltern zu zweit zusammen: Einer ist der Schatten und muss dem Vordermann alles nachmachen. Einige Kinder fordern ihren Schatten ganz schön heraus und lassen sich witzige Verrenkungen einfallen. Kurzum: Alle haben Spaß, laufen herum, lachen gemeinsam. Eins ist sicher: Diese Spiele werden einige auch zuhause öfter spielen, samt Eltern oder Geschwistern.

Einfache Spiele

Nach dieser eher lauten Sequenz lässt die Bewegungsexpertin wieder Ruhe einkehren und holt einen Faden heraus, den sie kunstvoll um ihre Hände wickelt. Lustige Figuren entstehen, die Kinder sind begeistert. Das Fadenspiel lockt auch eine Oma aus der Reserve, die nun eifrig ihrer Enkelin Emily die richtigen Handgriffe zeigt. Was zu Omas Zeiten jedes Kind gespielt hat, gerät heute in Vergessenheit. Emilys Schwester Celine schaut neugierig zu, welch tolle Figuren Oma mit ein paar kleinen Fingerbewegungen zaubern kann. „Das will ich auch können“, murmelt sie. Das Beste an Spielen dieser Art: Sie kommen ohne aufwendige Materialien aus, sagt Karin Holzer: „Wir verwenden nur Alltagsmaterialien, damit die Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen oder die Eltern die Spiele ohne viel Aufwand nachmachen können.“

Positives Resümee

Ein verführerischer Duft dringt in den Bewegungsraum: Die selbst gemachten Weckerl sind fertig! Perfektes Timing, die Kleinen haben schon Hunger. Nach dieser aufregenden Bewegungseinheit geht’s nun ab in die Küche. Neugierige Kinderaugen schauen ins Backrohr. „Das ist meins!“, ruft David. Er hat sein Weckerl entdeckt. Heidi Hell nimmt das Blech heraus, „wir müssen sie noch kurz auskühlen lassen, dann darf jeder sein Weckerl essen.“ Manche Weckerl haben durchs Backen leicht die Form verändert, aber nach kurzem Hin und Her hält jeder sein selbst gemachtes Kunstwerk in Händen. Lukas kann’s kaum erwarten, macht einen großen Bissen – „mmmh, schmeckt super“, freut er sich. Auch die Mamas und Papas sind von den Backkünsten ihrer Sprösslinge beeindruckt. Mit Liebe selbst gemacht – und mit Gesundheitsbonus, weil viel Vollkorn drinsteckt.
Der Eltern-Kind-Nachmittag zum Programmabschluss hat Spaß gemacht, gestärkt und fröhlich gehen alle nach Hause. Die Berndorfer Kindergartendirektorin Barbara Siegel und ihre Kolleginnen ziehen ebenfalls ein positives Resümee: „Die Kinder haben wirklich viel gelernt und hatten zudem großen Spaß dabei. So werden sie sich lange an den gesunden Input erinnern und ihn hoffentlich verinnerlichen.“ Denn aus Hänschen soll ja schließlich ein gesunder Hans werden.

Gesunder Kindergarten 

Im Jahr 2008/2009 startete das Programm »Gesunder Kindergarten«, bisher haben 160 Kindergärten daran teilgenommen. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Bewegung und Ernährung. Zu Beginn findet in jedem Kindergarten ein Erstgespräch statt, in dem Ablauf, Organisatorisches, Ziele und Termine besprochen werden. Anschließend kommen Bewegungs- und Ernährungsexperten der Initiative »Tut gut!« insgesamt jeweils acht Stunden in den Kindergarten und gestalten spielerische Einheiten, um die Kinder gemeinsam mit den Pädagoginnen und Pädagogen an eine gesunde Lebensweise heranzuführen. Das Programm dient als Fortbildung der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen. Sie erhalten neue Impulse, Ideen und Vorschläge, damit sie nach Programmende die Inhalte weiter umsetzen können. Die Termine sind über das Kindergartenjahr verteilt, damit die Kleinen ganzjährig und kontinuierlich betreut werden. Nach den praktischen Einheiten gibt es am Jahresende ein Abschlussgespräch mit dem gesamten Kindergartenteam. Auch die Eltern werden durch einen Elternabend oder -nachmittag ins Programm integriert.
Informationen: »tut gut«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at

Gesundheitswissen multiplizieren

Die Initiative »Tut gut!« unterstützt Kinder, Eltern und Kindergarten-Teams dabei, sich mit Freude einen gesünderen Lebensstil anzugewöhnen.

Worum geht es im Programm »Gesunder Kindergarten«?
Mag. Julia Ziegelwanger-Gassner: Um Gesundheitsförderung für die Kleinsten, Bewusstseinsbildung bei Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie um Sensibilisierung für Gesundheit und Prävention. Das Programm dient zur Fortbildung der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen in ihrem täglichen Arbeitsumfeld: Sie erhalten neue Impulse für die Gestaltung des Kindergartenalltags in den Bereichen Bewegung und Ernährung, unterstützt durch Expertinnen und Experten der Initiative »Tut gut!«. Sie tragen die Inhalte weiter in andere Kindergartengruppen, damit möglichst viele Kinder erreicht werden und davon profitieren.

Was ist das Ziel des Programms?
Zum einen wollen wir die Kindergärten in der Arbeit mit Kindern zum Thema Gesundheitsförderung stärken und nachhaltig gesundheitsförderliche Strukturen schaffen, etwa mit regelmäßigen Bewegungseinheiten. Zum anderen wollen wir die Eltern als Experten für ihre Kinder zu einem gesunden Lebensstil anregen, damit sie beispielsweise verstärkt auf gesunde Jause achten, Bewegung im Alltag verankern und vieles andere.

Warum muss man mit Gesundheitsförderung bereits bei den Kleinen ansetzen?
In der Kindheit werden viele Weichen fürs weitere Leben gestellt. Bereits in jungen Jahren wird beispielsweise festgelegt, wie sich ein Mensch sein Leben lang ernährt und ob er Spaß an Bewegung hat. Setzt man bereits im Kindesalter an, kann man motorischen Entwicklungsdefiziten, Koordinationsstörungen oder einem problematischen Ernährungsverhalten vorbeugen.

Warum und wie werden die Eltern eingebunden?
Eltern sind immer ein Vorbild für ihre Kinder. Ideal wäre, wenn das, was die Kinder beim
Programm »Gesunder Kindergarten« lernen, auch zuhause weitergelebt wird. In Elternabenden oder Eltern-Kind-Nachmittagen transportieren wir die Inhalte des Programms, um die Eltern dafür zu sensibilisieren. Denn Gesundheit ist ein wertvolles Gut, das man nicht leichtfertig verschenken sollte.

Mag. Julia Ziegelwanger-Gassner, Programmleitung »Gesunder Kindergarten«