Gehen Sie doch einfach in den Wald!
Mag. Dr. Josef Voglsinger, Bildungsexperte und Psychotherapeut aus Hainburg, weiß sehr genau, wie Lernen richtig gut funktioniert: Wenn Körper und Seele, Herz und Hirn eingebunden sind.
Mag. Julia Gassner
Als Lehrerin am BG/BRG Krems und als Projektmitarbeiterin in der „Gesunden Schule“ bei der Initiative „Gesundes Niederösterreich: Tut gut!“ beschäftigt sie sich mit dem Thema Lernen und Bewegung. „Die Schule braucht mehr Bewegung! Ich selbst habe während des Lernens für Prüfungen Bewegung und Bewegungspausen benötigt, um konzentriert und motiviert zu sein. Bewegung und Lernen sollten in der Schule unbedingt verankert werden.“
G+L: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Themenkomplex „Bewegung und Lernen“. Warum gehören Bewegung und Lernen zusammen?
Voglsinger: Wir wissen heute, dass Lernen weit mehr ist, als vorgegebene Inhalte wiedergeben zu können. Lernen ist ein äußerst aktiver Prozess, der von jedem Einzelnen im selbstständigen Tun vollzogen werden muss. Ein kleines Beispiel: Stellen Sie sich einen Ball vor. Schließen Sie für einen Moment die Augen und lassen Sie Erinnerungen, Gedanken, Bilder, die mit diesem Begriff auftauchen, vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Probieren Sie es jetzt. Waren es emotional besetzte Erinnerungen an Handlungen, positive oder negative Erlebnisse mit Ihrem Ball, die auftauchten? Es ist leicht nachvollziehbar, dass diese Bilder individuell unterschiedlich sind, abhängig von Ihren persönlichen aktiven Erfahrungen, die Sie im Laufe Ihres Lebens gemacht haben. Dieses Beispiel zeigt: Ohne bewegte und bewegende Erlebnisse haben wir keine Vorstellung von dem, was uns umgibt. Nur im aktiven, bewegten Tun erlangen wir Erkenntnis von unserer Welt, lernen wir. Bewegung und Lernen sind eine untrennbare Einheit.
G+L: Das heißt, wir müssen zum Beispiel nur hüpfen, um uns etwas besser merken zu können?
Voglsinger: Der Begriff Bewegung umfasst mehrere Ebenen: Auf der motorischen Ebene, der Körperlichkeit, steht Bewegung im Sinne von „sich bewegen“ für Aktivität und Handlungsfähigkeit. Die psychische Komponente umfasst das „bewegt sein“ mit den Bereichen der Emotion und Motivation. In der kognitiven Dimension ist es das „bewegte Denken“, das vor allem in der Kreativität und Flexibilität zum Ausdruck kommt. Der soziale Aspekt wird sichtbar im „aufeinander zubewegen“, das für Beziehung, Dialog und Kommunikation steht. Lernen wird sehr stark von Emotionalität, Gefühlen und Empfindungen beeinflusst. Je höher die Motivation und das Interesse an einem Inhalt sind, desto nachhaltiger wird dieser gespeichert. Wer Lernprozesse gestalten will, muss Möglichkeiten und Räume schaffen, die Kinder motivieren, sich mit den angebotenen Themen oder Inhalten zu beschäftigen und damit zu lernen.
G+L: Wie können Eltern dieses Wissen im Alltag nutzen?
Voglsinger: Kinder sind von Natur aus neugierig, sie wollen alles untersuchen, alles wissen, alles erforschen. Ständige Verbote wie „nicht angreifen“, „nicht laufen“, „nicht hinaufklettern“, „nicht springen“ hemmen den natürlichen Forschungsdrang und beeinträchtigen die koordinative, kreative und auch kognitive Entwicklung. Durch die Aktivität im frühen Kindesalter wird das Gehirn mit den notwendigen Reizen versorgt, die Nervenverbindungen für die spätere geistige Entwicklung entstehen.
G+L: Wie kann man Bewegung und Lernen gut zusammenbringen?
Voglsinger: Zum Beispiel bei einem Waldausflug, bei dem mehr gelernt wird, als man für möglich hält: Peilen Sie kein vorgegebenes Ziel an – das Erlebnis im Wald ist das Ziel. Verweilen Sie immer da, wo das Kind etwas Interessantes entdeckt, lassen Sie ihm Zeit. Geben Sie Anregungen nur bei Bedarf, in dem Sie selbst beginnen, etwas zu tun,
z. B. balancieren auf Baumstämmen, Moos riechen, Geräusche wahrnehmen,besondere Wurzeln und Steine suchen, Ziel werfen mit Tannenzapfen oder kleinen dürren Aststücken, das Treiben auf dem Waldboden beobachten (vielleicht mit einer Lupe), einen Staudamm bauen. Erinnern Sie sich daran, was für Sie als Kind schön und wichtig war!





