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Gegen die Zeit

Schlaganfall ist die zweithäufigste Todesursache in Österreich. Sobald man Symptome spürt, zählt jede Minute, denn die Behandlung sollte innerhalb von viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall erfolgen. Nur: Wie erkenne ich die Symptome?


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Anfall. Unter diesem Wort stellen wir uns etwas Lautes vor. Etwas Stressiges. Etwas Schmerzhaftes. Sobald ein Anfall eintritt, sind alle in Bewegung. Auch der Duden beschreibt den Anfall als Aufwallung, Regung, Ausbruch und Entladung. Bei einem Herzanfall ist diese Auslegung des Begriffes meist richtig. Ein Herzinfarkt tut weh. Man bemerkt ihn häufig sofort und auch die Umwelt merkt: Da stimmt etwas nicht. Bei einem Schlaganfall ist das ganz anders. Den spürt man nicht. Deshalb ist es wichtig, die Symptome sofort zu erkennen und richtig zu deuten. „Viele Leute können sich einen Schlaganfall nicht vorstellen“, meint Prim. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Brainin, Leiter der Klinischen Abteilung für Neurologie am Universitätsklinikum Tulln. Er glaubt, das Gehirn sei ein Tabu-Thema: „Man sagt ‚Wenn du so weitermachst, bekommst du einen Herzkasperl.‘ Aber niemand sagt ‚Wenn du so weitermachst, bekommst du eine Aphasie.‘ Also eine Sprach­störung. Es hat einfach niemand in seinem
Lebensplan, dass ihm das passieren kann. Diese Unvorstellbarkeit ist ein großes Problem.“

Behinderungen

Der Schlaganfall ist in Österreich, genauso wie in den meisten westlichen Ländern, die zweithäufigste Todesursache. Die häufigste stellen Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. Außerdem sind Hirnschläge die Hauptursache für Behinderungen. „Das ist ein besonderes Problem, denn die Last einer Gesellschaft misst sich ja nicht daran, wie viele Leute sterben, sondern wie viele Überlebende danach Probleme haben, bei denen sie Hilfe brauchen“, erklärt der Mediziner. Stellen wir uns eine Gemeinde mit 1.000 Einwohnern vor. Sechs bis sieben Menschen erleiden einen Schlaganfall. Davon sind drei in der Folge schwer behindert. Sie sind angewiesen auf Therapien, gemeindenahe Einrichtungen, Essen auf Rädern und viele andere Dinge. Unzählige Menschen der Gemeinde werden dann für diese Hilfen benötigt. Das Ziel von Primarius Brainin und seinen Kollegen ist, diese Last zu reduzieren und den Patienten ein unbeschwertes Leben zu ermöglichen. Der beste Weg, dies zu tun, liegt in der Vorsorge.

Prävention & Erkennung

Die fünf Risikofaktoren (siehe Auflistung weiter unten) für einen Schlaganfall hängen mit dem Lebensstil zusammen. Bewegung und gesunde Ernährung beugen dem Hirnschlag vor. Der Experte dazu: „Wenn man diese Faktoren schon im jüngeren Alter im Griff hat, kann man einen Schlaganfall zu 80 Prozent vermeiden.“ Ein Restrisiko besteht aber immer. Selbst Kinder und sogar Föten im Mutterleib können Hirninfarkte erleiden. Prinzipiell sind diese aber vorwiegend eine Erscheinung des Alters.
Und wie erkennt man nun, ob man einen Schlaganfall hatte oder nicht? „Alles, was halbseitig ist und plötzlich auftritt, ist verdächtig“, erklärt Brainin: „Halbseitige Wahrnehmungsstörungen, halbseitige Gleichgewichtsstörungen, halbseitige Lähmungen oder Sprach- oder Verständnisstörungen.“ Es treten aber nicht immer Symptome auf. Fünf von sechs Hirninfarkten sind klinisch stumm. Das heißt, man bemerkt keinen Unterschied zu vorher. Wenn man aber mehrere solcher Hirnschläge hatte, kommt es auch zu äußerlichen Symptomen.

Behandlung

Ein Schlaganfall ist eine Durchblutungsstörung im Gehirn. Pro Minute sterben dabei etwa zwei Millionen Gehirnzellen ab, da sie nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden. Deshalb spielt Zeit bei der Behandlung eines Hirnschlags eine bedeutende Rolle. Möglichst schnell muss eine Thrombolyse, also eine Auflösung der Blutverdickung im Gehirn, erfolgen, bevor sich der Schaden ausbreiten kann.
Seit etwa einem Jahr können Thromben (Blutverdickungen), die sehr groß sind, auch mechanisch entfernt werden: Man führt einen Katheter in die Leiste ein und dringt damit bis ins Gehirn vor, um den Blutklumpen mit einem Netz zu entfernen. Diese sogenannte Thrombektomie soll nun etabliert und rund um die Uhr angeboten werden.
Es genügt aber nicht, ein Gefäß nur zu rekanalisieren, also wieder frei zu machen. Man muss nach einem Schlaganfall auch die entstandenen Schäden behandeln, indem man dem Betroffenen das Gehen wieder beibringt, Sprachstörungen wegtrainiert oder halbseitige Lähmungen behandelt. Diese Trainings müssen sofort beginnen, weiß der Experte: „Wenn man Zeit verstreichen lässt, dann ist die Erfolgsaussicht, dass sich das Gehirn wieder erholt, viel geringer.“

Stroke-Units

Michael Brainin ist einer der führenden Schlag­anfall-Spezialisten der Welt. Derzeit ist er Vize-Präsident der „World Stroke Organization” (Welt-Schlaganfall-Organisation), von 2018 bis 2020 wird er ihr Präsident sein. Im Jahr 1997 hat er mit seinem Team die erste Stroke-Unit in Österreich eingerichtet. Stroke-Units sind Schlaganfall-Spezialstationen, in denen extra geschulte Neurologen, Therapeuten und Pflegepersonen ausschließlich Patienten mit akuten Schlaganfällen behandeln. Das Modell hat sich durchgesetzt, inzwischen gibt es 34 solcher Stroke-Units in Österreich. „Das typische Szenario: Ein Patient wird zu uns gebracht, sofort im Computertomographen (CT) untersucht und wir schauen, wo das Problem liegt. Im Idealfall beginnen wir mit der Thrombolyse noch im CT. Denn wenn man den Blutklumpen innerhalb von 90 Minuten nach dem Schlaganfall entfernen kann, ist das Ergebnis für den Patienten am besten“, erzählt Brainin.
Nicht immer ist eine Blutverdickung der Grund für einen Gehirninfarkt. Auch wenn ein Blutgefäß platzt und eine Blutung entsteht, kann das zu einem Schlaganfall führen. In einem solchen Fall ist oft eine Operation notwendig. „Meist kann man das aber nicht operieren“, weiß Brainin, „dann muss man den Patienten speziell lagern, ihm Flüssigkeit zuführen und warten, bis sich die Blutung selbst aufsaugt.“

Schnell handeln

Wichtig ist, die Symptome an sich und bei anderen zu erkennen, um richtig handeln zu können. Dafür wurde der FAST-Test entwickelt (siehe Kasten unten). Auch hier gilt: Je schneller die Rettung gerufen wird, desto besser. Und auch Fehleinschätzungen sind erlaubt, beruhigt Brainin: „Zehn Prozent der Notfalleinweisungen, bei denen ein Schlaganfall vermutet wird, sind gar keine. Das ist völlig in
Ordnung. Meistens sind es neurologische Krank­heiten wie Migräne, epileptische Anfälle oder bloß eine Unterzuckerung. Besser, man war einmal zu oft bei uns als einmal zu wenig.“

Schlaganfall erkennen  

Mit dem FAST-Test können Sie leicht überprüfen, ob Ihr Gegenüber einen Schlaganfall hatte:
FAST steht für Face, Arm, Speech und Time.
Face: Schauen Sie in das Gesicht des Betroffenen. Symptome sind eine halbseitige Gesichtslähmung, oder wenn die Person Speichel verliert.
Arm: Der Betroffene soll die Arme nach vorne strecken. Wenn ein Arm absinkt, ist das ein Symptom.
Speech: Sprechen Sie mit dem Betroffenen. Wenn seine Sprache unverständlich ist oder er Sie nicht versteht, ist das ein Symptom.
Time: Handeln Sie schnell und rufen Sie sofort die Rettung an!
Dieser Test wird von Rettungssanitätern in der ganzen Welt eingesetzt.

Risikofaktoren

Diese fünf Risikofaktoren begünstigen einen Schlaganfall:

  • hoher Blutdruck
  • hoher Cholesterinspiegel (LDL-Cholesterin vermeiden)
  • Nikotinmissbrauch
  • wenig Bewegung (weniger als eine halbe Stunde Sport am Tag)
  • Übergewicht (nach dem Body-Mass-Index)

Universitätsklinikum Tulln
Alter Ziegelweg 10
3430 Tulln
Tel.: 02272/9004-0
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