Frühstück bei ihr
Ö3-Sonntags-Talkerin Claudia Stöckl im Interview mit Jungjournalisten der Medienakademie NÖ über ihren Beruf, ihre Leidenschaft, ihr Glück, ihre Kraftquellen und ihre letzten Worte …

Die Jung-Journalistinnen trafen Claudia Stöckl zum „Interview bei ihr“. (v.l.) Johanna Einsiedler, Claudia Stöckl, Anna-Maria Riegler, Gina Christof, Lena Heimberger und Ines Kocevar
Ganz im Zeichen des Interviews steht das heurige Jahr der Medienakademie NÖ, Sparte journalistisches Schreiben. Nachdem die Jungjournalisten in den Seminaren alles Wissenswerte über das Thema gelernt hatten, holten sie sich praktische Tipps bei der wohl bekanntesten sonntäglichen Interviewerin des Landes, bei Claudia Stöckl. Wie? Indem sie die Journalistin zum Interview baten – beim „Frühstück bei ihr“.
Es war zwar kein wirkliches Frühstück, was uns da im Besprechungsraum von Ö3 an der Heiligenstädterlände in Wien von einer sehr gut gelaunten und sehr netten Claudia Stöckl persönlich serviert wurde. Aber auch bei der Ö3-Lady selbst ist es, wie sie erzählt, nicht immer ein Frühstück am Morgen, sondern bei manchem Interview eben auch nur eine Tasse Tee oder Kaffee am Nachmittag oder Abend.
G+L: Die erste Frage, die Sie oft Ihren Interviewpartnern stellen, lautet: „Was beschäftigt Sie gerade?“ Wir wollen wissen: Was schwirrt Ihnen gerade durch den Kopf?
Stöckl: Ich finde tatsächlich, dass man mit dieser Frage den Status quo einer Person erfragen kann. Wo steht sie? Was beschäftigt sie? Was sind ihre wahren Prioritäten im Moment? Ich selbst bin gerade sehr mit meinem Hilfsprojekt ZUKI in Kalkutta beschäftigt und mit der Frage, wie ich 250 Paar Schuhe, die wir gerade von Superfit gespendet bekommen haben, von Graz nach Wien und von Wien nach Kalkutta transportieren können. Ich versuche, eine Leiterin einer Spedition, die ich beim Internationalen Frauentag in der Steiermark auf der Bühne kennengelernt habe, dafür zu gewinnen.
G+L: Sie sind prominent und irgendwie waren wir schon aufgeregt, Sie zu treffen und interviewen zu dürfen. Gibt es das bei Ihnen auch noch – Menschen, die Sie ,,verunsichern“?
Stöckl: Ich muss ganz ehrlich sagen: Es gibt solche Menschen, die mir Respekt einflößen. André Heller ist das beste Beispiel. Er hat so eine herrschaftliche Aura um sich aufgebaut, lebt in so einem bombastischen Palais, da geht man durch die Kunst und hat das Gefühl, man darf ja nichts anrühren und umwerfen. Auf der anderen Seite kenne ich ihn dann wieder auch und weiß, dass er mich schätzt. Da spielt halt auch die Erfahrung eine große Rolle, und vor allem muss man den Menschen auch freundlich begegnen.
G+L: Also keine Angst vor prominenten Gästen?
Stöckl: Ich glaube, dass nur ein Gespräch auf Augenhöhe ein gutes Gespräch sein kann. Ich darf kein
Fan sein. Es bringt nichts, wenn ich sozusagen in meiner Bewunderung, wie zum Beispiel vor Herbert Grönemeyer, erstarre. Für dieses Gespräch sind wir gleichwertig. Ich bin die Fragende und versuche den Menschen kennenzulernen, das ist ja auch eine Art von Respekt-Erbietung. Es geht im Interview auch um die gute Distanz zum Interviewten.
G+L: Wir haben uns gefragt, warum Sie fast immer nur prominente Menschen interviewen. Es gibt so viele unbekannte Menschen, die beeindruckend sind. Wäre es nicht eine gute Idee beispielsweise an einem Muttertag eine ganz ,,normale“ Mutter vors Mikrofon zu bitten?
Stöckl: Wir haben ein ganz klares Format für „Frühstück bei mir“: Entweder ist der Name groß oder das Thema ist groß. Als die Atomkatastrophe von Fukushima passierte, habe ich den Risikoforscher Wolfgang Kromp eingeladen, der jetzt nicht so bekannt ist – aber Fukushima war eben so ein bombastischer Anlass.
G+L: Ist es leicht, Gäste für Ihre Sendung zu bekommen?
Stöckl: Es gibt zwei Modelle: Manchmal laden wir Menschen aufgrund der Aktualität sehr kurzfristig ein – wie zum Beispiel Marcel Hirscher. Und wir haben eine Langfristliste von Menschen, die wir einladen wollen. Ich weiß, dass sehr bekannte Manager oder große Stars oft zwei, drei, vier Monate Vorlaufzeit haben. Manche gelingen auch gar nicht. Eine Michelle Hunziker habe ich unzählige Male angefragt. Einen Thomas Gottschalk auch. Es gibt viele, gerade deutsche Stars, die Radio nicht wichtig finden und die eine ganz klare Prioritätenliste haben, und die fangen nicht bei einer Million Hörer an, die ,,Frühstück bei mir“ hat und die für Österreich ganz fantastisch ist, sondern die sind halt Talkshows gewöhnt und dass sie zehn Millionen Seher haben. Wir leben in einer sehr professionellen Medienwelt, in der sehr genau abgeschätzt wird: Was bringt mir das?
G+L: Gibt es umgekehrt Anfragen von Leuten, die kommen wollen?
Stöckl: Ja, das ist auch ein Teil meiner Arbeit, die ganzen Anfragen zu beantworten. Ich bringe alle mit in die Redaktionssitzung, auch wenn ich weiß: Der kommt nicht infrage, der Name ist zu unbekannt. Aber man muss immer eine Antwort haben.
G+L: Wie bereiten Sie sich vor?
Stöckl: Ich bereite mich sehr intensiv vor. Es ist wichtig, dass man viel weiß, dass man Zeitungsartikel liest, Bücher von oder über diesen Menschen, oder wenn man jemanden kennt und diesen anruft und sich vorher informiert. Da kommen so viele Beobachtungen dazu.
G+L: Hat Ihnen schon einmal eine Frage leidgetan?
Stöckl: Eher umgekehrt. Es hat mir leidgetan, dass ich eine Frage nicht gestellt habe. Es gibt auch Situationen, wo ich eine Frage bewusst nicht gestellt habe, weil ich mir gedacht habe, da könnte die Situation kippen. Da ist es wichtig, ein Gespür für Grenzen zu haben. Wie zum Beispiel beim Interview mit Hans-Peter Haselsteiner, als wir über sein uneheliches Kind gesprochen haben und seine Frau daneben saß. Ich habe mir gedacht, wenn ich jetzt noch die Geschichte über seine Geliebte ausbreite, dann ist das der Frau gegenüber nicht fair und das tut sicher sehr weh, auch wenn sie gelassen tut. Und ich muss auch sagen, dass manche Fragen einfach unnötig sind – bei Krankheiten oder bei gewissen Entscheidungen, die nicht so relevant sind und wo es nur darum geht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen.
G+L: Gibt es in Interviews auch „Grenz-Situationen“ für Sie persönlich?
Stöckl: Es gibt schon Momente, wo man sich denkt, wie beim Interview mit Ben Becker, muss ich mir das gefallen lassen? Beim Interview mit Karl Wlaschek tut es mir leid, dass ich nicht viel schärfer reagiert habe, als er in seiner privaten Kosten-Nutzen-Rechnung sagte: ,,Eine junge frisst so viel wie eine alte. Also nehm ich mir lieber eine junge Frau“. Einen größeren Machospruch gibt es gar nicht und da war ich viel zu freundlich, da hätte ich in Wahrheit viel schärfer reagieren müssen und das haben mir auch viele Frauen übel genommen.
G+L: Haben Sie ein Ziel im Interview?
Stöckl: Das kommt auf den jeweiligen Gast an. Bei dem ehemaligen Fußball-Bundestrainer Josef Hickersberger – da haben wir uns vorher schon gedacht, dass er nach der EURO eigentlich rücktrittsreif war. Es hat dann schon geheißen: Schau, dass du ihn soweit bringst, dass er sagt: „Ich will nicht mehr“. Im Interview bin ich dann immer wieder darum herum gekreist, bis er gesagt hat: „Mir reicht es“.
G+L: Und welche Ziele haben Sie für die Hörer?
Stöckl: Also weg vom reinen Journalismus ist es schon so, dass die Sendung für die Hörer eine Bereicherung sein soll. Dass man, wenn man um 11 Uhr abdreht, etwas klüger geworden ist, dass man berührt ist – dass das Interview nicht vorbeizieht, als wäre nichts gewesen.
G+L: Wie sehr stresst Ihr Beruf?
Stöckl: Ich habe eine antizyklische Woche und arbeite von Mittwoch bis Sonntag – in der Theorie. In der Praxis ist es so, dass ich auch an meinem freien Tag oft arbeite. Manchmal bleibt es nicht bei der Nachbearbeitung mit Podcast oder Backseller, oft mache ich für den Ö3-Wecker am Montag noch Geschichten über das Frühstück oder wir ,,ziehen“ etwas weiter. Es gibt körperliche Grenzen. Ich muss auch viel in der Nacht arbeiten, oft ist es so, dass ich die Interviews erst in der Nacht zum Sonntag schneiden kann. Ich mache meine Arbeit gerne und es macht mir eigentlich nichts aus, aber es zehrt schon. Am Montag bin ich oft recht müde.
G+L: Es ist unüberseh- und hörbar – trotz Stress lieben Sie Ihren Beruf. Warum?
Stöckl: Ich glaube, das hat viel mit Begeisterung zu tun. Ich kann so viel verändern und bewegen durch meine Sendungen. Es gibt Feedback. Ich merke, ich sende für viele Menschen, denen das was bedeutet. Ich habe deshalb auch ein Buch geschrieben, damit man sich noch mehr vertiefen kann. Und es ist ganz toll, was sich oft durch Sendungen tut.
G+L: Was hilft Ihnen, mit diesem Stress umzugehen?
Stöckl: Meine Kraftquelle ist meine Familie, meine Freunde. Ich bin viel in der Natur, mache Joga – und meine Aufgabe als Ehrenamtliche von ZUKI gibt mir sehr viel.
G+L: Was ist der Antrieb für ZUKI?
Stöckl: Ich habe so viel Leid gesehen auf dieser Welt. Wir halten hier bei uns so vieles für so selbstverständlich. Ich war in Burkina Faso und bin sehr krank geworden. Ich hatte aber ein Antibiotikum und konnte mir helfen – so viele haben das nicht. In Kalkutta war das anfangs nur so eine spontane Hilfeleistung – heute haben wir dort 90 Angestellte, von Betreuern angefangen, über Psychologen bis hin zum Koch und Gärtner. Jeder von uns kann so viel bewirken.
G+L: Sie fragen das immer wieder Ihre Gäste – daher nun diese Frage zum Abschluss an Sie: Was wären Ihre letzten Worte?
Stöckl: Ich würde schon Danke sagen. Ich habe ein so abwechslungsreiches, spannendes und erfüllendes Leben. Senta Berger sagte, dass für sie Glück sei, wenn man seinen Talenten gemäß eingesetzt wird. Das stimmt auch für mich.
Journalistinnen der NÖ Medienakademie, Sparte journalistisches Schreiben, Leitung: Sonja Planitzer
Kreativakademie NÖ
Ein Angebot der NÖ Landesakademie
Mach was aus deinem Talent!
Teilnahmealter 12 bis 19 Jahre
Informationen: http://kreativakademien-noe.at/de.php/journalistenakademie
Anmeldung unter: Julia.schweighofer
noe-lak.at
oder
Tel.: 02742/294-17466




