Farben der Seele
Die Seele spricht in Bildern, und mit kreativer Beschäftigung kann man sie entschlüsseln. Die Kunsttherapie zeigt auf, wie es geht.
Kunst kann heilen. Das weiß etwa die deutsche Schriftstellerin Gabriele Wohmann, die ihr Schreiben einmal explizit als „Psychotherapeutikum“ bezeichnete. Neben ihr haben sich auch viele andere Künstler aller Sparten zum heilenden Potenzial ihrer jeweiligen Kunst bekannt. Ist diese therapeutische Kraft der Kreativität nur den Malern, Schriftstellern oder Musikern vorbehalten? Nein, heute weiß man, dass schöpferische Kraft in uns allen steckt und dass sie – ausgelebt – unsere Gesundheit fördern und im besten Fall seelische Wunden und mitunter auch körperliche Beschwerden heilen kann.
Eine, die darüber bestens Bescheid weiß, ist die unter anderem im niederösterreichischen Gerasdorf tätige Kunsttherapeutin Susanne Wolfsohn, die selbst einen langen Weg ging, bevor sie in der Kunsttherapie zu jenem Beruf fand, der ihr Wege zu ihrem Selbst öffnete und ihr jetzt größte Freude und Erfüllung bereitet: „Ich habe mich schon als Kind und Jugendliche immer intensiv mit Malen und Zeichnen beschäftigt. Auch später habe ich mich immer wieder künstlerisch betätigt, besuchte verschiedene Mal- und Töpferkurse und beteiligte mich an Ausstellungen. Ein Schlüsselerlebnis aber hatte ich, als ich einmal einen Seidenmalkurs für Kinder abhielt und bemerkte, dass einige Kinder ganz anders malten als die anderen: Sie verwendeten fast nur dunkle Farben und viel Schwarz. Als mir bestätigt wurde, dass sie psychische Probleme hatten, begann ich, nach einer für diese Kinder passenden Therapierichtung zu forschen und stieß auf die Kunsttherapie.“
Unbewusste Themen ans Licht
Schon die allerersten Informationen und Vorträge über diese Form der Therapie begeisterten Susanne Wolfsohn so sehr, dass sie schließlich die Ausbildung zur Kunsttherapeutin an der renommierten Wiener Schule für Kunsttherapie absolvierte und für sich selbst schon früh das große Potenzial dieser Therapierichtung erkannte: „Mir wurde Stück für Stück klar, dass durch das künstlerische Ausagieren und Tun innere Themen, die vorher unbewusst waren, endlich zum Vorschein kommen können, und durch das therapeutische Gespräch über die Arbeit, die man geschaffen hat, wird oft klar, warum man was wie gestaltet hat.“
Kein Kramen in der Vergangenheit
Was man in der Kunsttherapie wie gestaltet, hat naturgemäß sehr viel mit dem eigenen Selbst zu tun, und um die Erfahrung dieses Selbst im Hier und Jetzt geht es. Dabei wird nicht interpretiert und auch nicht in der Vergangenheit gekramt, sondern im Gespräch zwischen Klient und Kunsttherapeut geht es darum, gemeinsam zu schauen, was entstanden ist, welche Bilder, Formen, Farben, Symbole und Gestaltungen aufgetaucht sind und was das alles mit der eigenen momentanen Befindlichkeit zu tun haben könnte. „Natürlich kann dabei mitunter auch ein Problem aus der Vergangenheit auftauchen, und in diesem Fall wird das auch bearbeitet, doch anders als in manchen anderen Therapierichtungen wird das Problem in die Gegenwart gehoben, denn die Kunsttherapie arbeitet prozessorientiert, systemisch, aber auch auf Basis der Tiefenpsychologie“, so Wolfsohn.
Konkretes Tun schafft Erkennen
Was diese Form der Therapie noch von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass vieles nicht über das Gespräch stattfindet (oder stattfinden muss), sondern eben über das konkrete Tun. Das kommt vielen Menschen, die sich mit der Verbalisierung ihrer Probleme schwer tun, sehr entgegen. „Für Kinder und Jugendliche, aber etwa auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist die Kunsttherapie ideal“, ist Susanne Wolfsohn überzeugt, und tatsächlich zeigt diese Therapierichtung auch bei Menschen mit mehr oder weniger schwerwiegenden psychischen Problemen gute Erfolge.
Tiefgehende Arbeit mit Ton
In ihren Ateliers arbeitet Wolfsohn übrigens mit einer ganzen Fülle von Materialien, aus denen ihre Klienten selbständig auswählen können, womit sie werken wollen. Da gibt es Acryl- und Temperafarben, Ölkreide, Zeichenkreide, Filzstifte, Buntstifte, Bleistifte, aber auch Ton, Steine, Holz, Muscheln, Sand und auch Glitzerkram und diverseste bunte Gegenstände, zu denen vor allem die Kleinen gern greifen.
Apropos Ton: Er ist ein zentrales Element für eine wichtige Methode der Kunsttherapie, die sich Primäre Prozessarbeit nennt. Dabei arbeitet der Klient mit geschlossenen Augen an einer Kugel Ton, die er nach seinen Impulsen gestaltet und formt. Susanne Wolfsohn: „Diese Arbeit ist sehr tiefgehend und kann vieles lösen, denn die Hände, die dabei so direkt und unmittelbar in und mit dem Material des Tons arbeiten, sind extrem feinfühlig und leiten Impulse, die sie empfangen, an den ganzen Körper weiter.“ Zudem hätten auch die Bewegungen und natürlich das schließlich gestaltete Objekt sehr viel mit der Person, die es gestaltet hat, und deren inneren Bewegungen zu tun.
Bei der Primären Prozessarbeit wie auch bei anderen Methoden der Kunsttherapie wird zum Abschluss noch gemeinsam ein Name für die gestaltete Arbeit gefunden, und dieser fungiert dann im weiteren Leben oft als Anker. „Wenn Menschen etwas gestalten, verbinden sie oft ein angenehmes Gefühl damit. Damit dieses Gefühl bei Bedarf immer wieder hervorgeholt werden kann, ist der Anker des Namens für ein Werk ein gutes Hilfsmittel“, sagt Susanne Wolfsohn.
Malen mit den Füßen
Eine andere, spannende Methode, die die Kunsttherapeutin manchmal einsetzt, ist das Malen mit den Füßen. Dabei werden ein großes Tuch und eine Plastikplane auf den Boden gelegt, darauf wird das Papier geklebt, der Klient kann sich zunächst auf einer Palette jene Farben vorbereiten, mit denen er malen will, und anschließend taucht er oder sie die Füße oder auch nur die Zehen in die Farben und bringt sie auf dem Papier auf. „Diese Methode eignet sich besonders gut für Menschen, die sehr kopflastig sind und „die Füße schwer auf die Erde bekommen“. Oft habe ich erlebt, dass Menschen, die das ausprobiert haben, sich nachher viel leichter fühlen, und auch körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Rückenprobleme lassen sich mitunter so lösen“, sagt Susanne Wolfsohn.
Es muss nicht „schön“ sein
Übrigens – und das ist allen Kunsttherapeuten sehr wichtig zu betonen – bei der Gestaltung von kleinen Kunstwerken oder Werkstücken mit Ton, Farben etc. geht es überhaupt nicht darum, dass das Objekt „schön“ oder „künstlerisch wertvoll“ wird. Nur das, was man fühlt, denkt und empfindet, soll in die Arbeit einfließen, und dabei ist es gänzlich egal, ob man zum Beispiel zueinander passende Farben wählt oder ansprechende Formen gestaltet.
Therapeutisch gesehen ist es freilich nicht ganz ohne Belang, welche Materialien man wie gestaltet hat, denn im Gespräch mit dem Kunsttherapeuten geht es dann etwa auch darum herauszufinden, mit welchen Farben es am besten gelungen ist, einen Ausdruck für die eigene Befindlichkeit zu finden, wie man eine bestimmte Farbe oder ein bestimmtes Material grundsätzlich empfindet oder was für eine Bedeutung dies für einen hat. Auch dabei wird vom Therapeuten nicht gewertet und interpretiert, denn auch wenn jemand etwa nur sehr dunkle Farben für seine Arbeit verwendet hat, muss das nicht zwingend auf eine schlechte Befindlichkeit hinweisen: Verschiedene Farben haben für verschiedene Menschen oft ganz unterschiedliche Bedeutungen, und auch dem wird in der Kunsttherapie Rechnung getragen.
Für alle offen
Stellt sich zum Schluss noch die Frage, für wen Kunsttherapie grundsätzlich geeignet ist und ob entschiedene „Antikünstler“ davon ausgeschlossen sind. Susanne Wolfsohn: „Ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwo in sich selbst kreatives Potenzial hat, somit ist Kunsttherapie für alle offen. Wie in der Kunst selbst gibt es auch hier keine Grenzen. Wer das Bedürfnis verspürt, auf diese Weise mehr in Kontakt zu sich selbst zu kommen oder ein Problem kreativ zu lösen, ist mit der Kunsttherapie bestens bedient.“
Fotos: Nadja Meister
Was ist Kunsttherapie?
In der Kunsttherapie wird mit Mitteln der bildenden Kunst wie Zeichnen, Malen, skulptureller Arbeit, Performance, Installation, Video und Fotografie oder Land Art gearbeitet. Der wesentliche Unterschied zu anderen Therapieformen ist der, dass – zusätzlich zum Gespräch über die Befindlichkeit und über das, was gestaltet wird – die Gestaltung selbst und die Beziehung zwischen Klient–Therapeut und dem Werk des Klienten Form annimmt.
Durch das Gestalten entsteht ein Dialog zwischen Therapeut und Klient über das Werk. Dabei geht es nicht um Interpretation, sondern vielmehr um das Erkunden einer künstlerisch gestalteten inneren Landschaft der Seele, die in Form von Bildern und anderen Gestaltungen Ausdruck findet. Die
kreativen Prozesse des Unbewussten fördern dadurch die seelische Gesundung. Die Kunsttherapie arbeitet prozessorientiert, systemisch und auf Basis der Tiefenpsychologie und entwickelt durch den Einsatz künstlerischer Methoden den Ausdruck eigener Kreativität und die Entfaltung der Persönlichkeit. Die eigenen Selbstheilungskräfte werden gestärkt.
Wann wird Kunsttherapie eingesetzt?
Kunsttherapie wird zur therapeutischen Begleitung, Weiterentwicklung und Persönlichkeitsentfaltung eingesetzt. Durch ihren spezifischen Zugang weckt sie die schöpferischen Kräfte im Menschen und schafft neue Lebensmöglichkeiten und Sichtweisen, deckt im Verborgenen schlummernde Lösungsmöglichkeiten auf und kann Probleme in einem neuen Licht zeigen. Kunsttherapeuten begleiten den Prozess der Selbstgestaltung mit einer fundierten Kenntnis der inneren Dynamik der Psyche, der gestalterischen Prozesse und ihrer sinnlich sinnhaften Ausformungen.
„Den Individuationsprozess unterstützen“
Kunst- und Gestaltungstherapeutin Rachel Gitterle-Deutsch
G+L: In welcher Form und für welche Patienten wird Kunsttherapie im Landesklinikum Amstetten-Mauer eingesetzt?
Gitterle-Deutsch: Kunsttherapie ist eine von vielen therapeutischen Maßnahmen, die den Patienten unserer Klinik zur Verfügung steht. Wir setzen sie in der Abteilung für Kinder und Jugendliche, in der Drogenentzugsstation, der Tagesklinik und der Psychosomatischen Abteilung ein, und bieten sie unter anderem Patienten mit den Diagnosen Persönlichkeitsstörung, Essstörung, Angststörung, Burnout oder Suchterkrankung an.
G+L: Welche Erfahrungen machen Sie dabei? Was bringt diese Form der Therapie?
Gitterle-Deutsch: Einerseits haben wir immer wieder mit Patienten zu tun, die dieser Behandlungsform anfangs mit einer gewissen Skepsis gegenüberstehen, weil sie meinen, sie können nicht gut zeichnen, malen oder gestalten. Bei anderen hingegen steht die Neugier im Vordergrund, und diese Patienten sind sehr offen dafür, Neues zu entdecken. Grundsätzlich ermöglicht es diese Form der Therapie, sich nicht nur über die Sprache mitzuteilen, sondern auch darüber hinaus. Kunsttherapie erlaubt den Menschen, ihr schöpferisches Potenzial zu entfalten und sich bildnerisch auszudrücken, und ein Ziel dieser Methode ist es auch, den sogenannten Individuationsprozess zu unterstützen, also dass man ganz man selbst sein kann.
G+L: Welche Erfolge erzielen Sie mit der Kunsttherapie?
Gitterle-Deutsch: Ich glaube, dass die gestalterische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Materialien zur geistigen Bereicherung des Menschen beiträgt, und auch die neuen zwischenmenschlichen Erfahrungen, die in der Kunsttherapie gewonnen werden, spielen eine wesentliche Rolle im Ablauf des Heilungsprozesses.





