Fadenspiele, keine faden Spiele!
Hirntraining, Geschicklichkeit, feinmotorische Herausforderung, Entspannung pur und jede Menge Spaß: Mit schlichten Fäden kann man zahlreiche Fähigkeiten gleichzeitig trainieren.
Für Helena ist heute ein besonderer Tag in der Schule: Die Betreuerin der »Bewegten Klasse« hat ihnen heute Fadenspiele beigebracht. Helena kennt zwar schon einige dieser Fadenfiguren, die hat ihr die Mama beigebracht – aber das, was sie heute gelernt hat, ist doch etwas Neues: Figuren, die man alleine, ohne Partner, machen kann. Den Eiffelturm zum Beispiel – sogar in 3D! Oder den Hexenbesen. Und eine Figur hat es Helena ganz besonders angetan: eine Figuren-Abfolge mit einem Spruch dazu.
Und Helena hat heute auch gelernt, dass diese Fadenspiele sehr nützlich sein können als Auflockerung zwischendurch an einem anstrengenden Schultag. Sie ist so begeistert, dass sie es gleich ihrer Tante Maria zeigen will. Und da sie bei ihr zu Besuch im Büro ist, zeigt sie ihr einige dieser Figuren. Tante Maria ist gleich Feuer und Flamme – sie kennt diese Spiele noch aus ihrer Kindheit. Und nach und nach fallen ihr auch wieder so einige Figuren ein. Bei den Abnehm-Spielen übernimmt man mit verschiedenen Fingerhaltungen den Faden vom Spielpartner – da fallen der Tante gleich wieder einige Griffe und Abläufe ein, die Helena noch nicht kennt. Und auch ein Zaubertrick mit dem Faden fällt Maria wieder ein. Voller Begeisterung spielen die beiden und haben mächtig Spaß.
Fadenspiele als Kulturgut
Fadenspiele findet man in allen Kulturkreisen. Die Fadenspiele der Aborigines und Inuit wurden sogar Anfang des 19. Jahrhunderts geschichtlich erforscht. Überall auf der Welt gibt es unterschiedliche Muster und Figuren – mit Sprüchen, zu zweit oder allein. Vermutlich wurden die Spiele durch Seefahrer verbreitet, die sich auf ihren langen Reisen die Zeit damit vertrieben. Die Figuren wurden von Generation zu Generation weitergegeben. In den vergangenen Jahren sind diese Spiele teilweise in Vergessenheit geraten. Eigentlich schade – wenn man bedenkt, welch eine Rolle Fadenspiele neben der als Kulturgut auch für die persönliche Entwicklung der Spielenden haben.
Feinmotorik & Fingerfertigkeit
Fadenspiele finden immer mehr Anwendung als fördernde Maßnahmen in der Pädagogik und auch der Geragogik, also beim fördernden Betreuen der Senioren. Neben dem Training der Merkfähigkeit und der Serialität durch das Lernen der einzelnen Schritte in der richtigen Reihenfolge mit Ursache und Wirkung haben die Fadenspiele noch viele weitere fördernde Aspekte für die Gehirnentwicklung. So wird etwa durch das ständige Überkreuzen der sogenannten vertikalen Mittellinie, die unseren Körper in rechts und links unterteilt, die Vernetzung der rechten und linken Gehirnhälfte angeregt. Bei Babys und Kleinkinder erfolgt dieses wichtige Überkreuzen durch die Krabbelbewegungen. Diese sogenannte Bilateral-Integration ist Voraussetzung für das Lesen- und Schreiben-Lernen und in weiterer Folge generell für das Lernen. Durch Fadenspiele kann ein „Nachreifen“ einer unvollständigen Krabbelphase unterstützt werden.
Ein wichtiger weiterer fördernder Aspekt und Voraussetzung für den schulischen Alltag ist die Fingerfertigkeit. Durch das Aktivieren jedes einzelnen Fingers reift die Feinmotorik aus, das unterstützt die sogenannte Graphomotorik – die Motorik des Schreibens und Malens. Diese Motorik zählt zu den feinsten Koordinationsleistungen des Menschen. Und ganz nebenbei wird auch die Beweglichkeit jedes einzelnen Fingers trainiert.
Auch das feine Zusammenspiel der einzelnen Finger mit den Augen – die sogenannte Auge-Hand-Koordination – wird trainiert. Dieser komplexe Vorgang ist eine große Herausforderung für die Konzentrationsfähigkeit. Bei den Fadenspielen sind beide Hände gleichermaßen in Aktion. Zusätzlich wird auch die Orientierung in den Raumrichtungen trainiert. Es geht bei Fadenspielen ständig um rechts und links, oben und unten. Fäden müssen übereinander gelegt werden, von links nach rechts übergeben und so weiter. Gerade in unserer heutigen reizüberfluteten und schnelllebigen Umwelt ist es wichtig, sich auf etwas fokussieren zu können und Störendes rundherum auszublenden. Neben all den fördernden Aspekten wird außerdem noch die Fantasie und Kreativität geweckt. Und auch das soziale Lernen kommt nicht zu kurz. Ob generationenübergreifend wie in unserem Beispiel, zwischen den Geschwistern oder im Freundeskreis – Fadenspiele machen gemeinsam am meisten Spaß und fördern Kommunikation und soziale Umgangsformen. Und zu guter Letzt fördern Fadenspiele die Integration: Helena erzählt der Tante auch, dass ein Junge aus einer Flüchtlingsfamilie in ihrer Klasse bei diesen Spielen aufgeblüht ist und den anderen Kindern ganz viele neue Figuren beigebracht hat. Helena hat ihren Faden jetzt immer eingesteckt. Ob bei Autofahrten oder in der Pause – der Faden eignet sich perfekt als Zeitvertreib.
»Bewegte Klasse«
Das Projekt »Bewegte Klasse« der Initiative »Tut gut!« ist eine Fortbildung für Pädagoginnen und Pädagogen der Grundstufe und Sekundarstufe 1 in Form praktischer Arbeit mit der Klasse vor Ort im Lebensraum Schule (Klasse, Turnsaal, Pausenraum, Schulhof), um vermehrt Bewegung im umfassenden Sinn in die Schule zu bringen.
Informationen: www.noetutgut.at
Buchtipps
Lothar Walschik:
Fadenspiele sind mehr: Fadenfiguren spielen und Geschichten erzählen
ISBN: 978-3-7800-5825-6, 20,60 Euro
Christel Dhom:
Fadenspiele – Mit Freude Hände und Gehirn
trainieren
ISBN: 978-3-7725-2296-3, 20,50 Euro
Spiele mit großer Wirkung
Mag. Alexandra Benn-Ibler leitet den Fachbereich Bewegung der Initiative »Tut gut!« und ist dort Leiterin des Bereichs Schule.
Gerne erinnere ich mich an meine Kindheit zurück, wo ich mit meinen großen Schwestern häufig einen Wollfaden zusammengebunden habe und wir viel Freude beim Spielen unterschiedlichster Fadenspielfiguren hatten. Da gab es den Hexenbesen, ein Schiff, eine Tasse, den Kleiderbügel, den Eiffelturm, eine
Leiter (auch als Indianerstirnband bekannt), den Zug und natürlich auch Tricks, wie „der Kopf in der Schlinge“ und vieles mehr. Wie groß war die Freude, wenn diese Figuren gelungen sind!
Dieses gemeinsame Tun und die Weitergabe von Kulturgut von einer Generation zur nächsten spricht die soziale Kompetenz an. Das Spiel regt zum Dialog, zum Ausprobieren und Nachahmen an.
Diese einfachen Spiele haben große Wirkung:
- Damit wir eine Figurenfolge spielen können, müssen die einzelnen Schritte in der richtigen Reihenfolge gespielt werden, was unsere Merkfähigkeit schult.
- Durch das Arbeiten mit beiden Händen wird die Vernetzung beider Gehirnhälften angeregt.
- Für viele alltägliche Tätigkeiten wie Schuhe binden oder einen Stift halten brauchen wir Feinmotorik und Fingerfertigkeit.
- Weitere wichtige Teilbereiche wie Konzentration, Auge-Hand-Koordination und auch die Orientierung im Raum werden durch diese scheinbar einfachen Spiele angesprochen.
- Durch das Führen des Fadens in unterschiedliche Richtungen wird auch in einem gewissen Ausmaß die Orientierung im Raum geübt – eine wichtige Voraussetzung auch dafür, sich in einem Heft oder Buch orientieren zu können.
Diese Spiele sind wunderbar gegen Langeweile, bei langen Autofahrten und vor allem auch, wenn Eltern und Großeltern mit den Kindern gemeinsam spielen.





