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Alle Jahre wieder …

… Zeit zu feiern! Ob besinnlich, heimelig oder leutselig: Wir Menschen brauchen die vielfältigen Rituale, die es rund um Weihnachten gibt, denn sie geben Sicherheit und Struktur und fördern die psychische Gesundheit.


Mag. Gabriele Vasak ist Schriftstellerin, mehrfach preisgekrönte Journalistin und seit vielen Jahren Autorin von GESUND&LEBEN.

Ob man es mag oder nicht: Die Zeit, da die Christbäume auf öffentlichen Plätzen im Lichterglanz erstrahlen, da der Duft aus Punschhütten sich über das ganze Land legt und da aus Kaufhäusern allüberall nur mehr Jingle Bells aus den Lautsprechern schallt, ist wieder angebrochen. Das ist das „öffentliche“ Weihnachten. Doch es gibt auch das „private“, das sich vielleicht im Schein von Kerzen auf Adventkränzen hinter Fensterscheiben, den durch die Luft ziehenden Duft von frisch gebackenen Keksen oder in vor Vorfreude glänzenden Kinderaugen manifestiert.

Lustvolle Traditionen

Dem einen dies, dem anderen das, dem dritten beides und dem vierten keines davon. Doch Letzteres ist selten, denn in der Zeit um Weihnachten folgen fast alle Menschen ihren Ritualen, ob sie es nun besinnlich, heimelig oder leutselig mögen. Auch wenn Weihnachten heute für viele den spirituellen Charakter verloren hat – man stimmt sich dennoch ein und feiert: aus Überzeugung, aus Lust am Ritual oder einfach nur, damit die ganze Familie wieder einmal zusammenkommt. Weihnachten ist heute eines der wichtigsten Feste des Jahres, hat wie alle Rituale Symbolcharakter und ist Kürzel für etwas Dahinterstehendes. Es ist ein Fest der Orientierung nach innen, es geht um das Gemeinschaftserlebnis und das Gefühl, zu einer Familie zu gehören und als Familie wiederum Teil einer religiösen Gemeinschaft oder einer bestimmten Kultur zu sein. Beziehung ist denn auch das große Schlagwort der Weihnachtszeit. Man besinnt sich auf familiäre Bindungen, auf Freundschaften, man kommt zusammen – ob zum besinnlichen Singen von Adventliedern oder zum geselligen Punsch bei einem Weihnachtstand auf der Straße.
Für alle, die einsam sind, stellen diese Tage der Gemeinschaftlichkeit eine harte Belastungsprobe dar und eine Zeit, in der sie ihre Einsamkeit besonders schmerzlich empfinden. Dem kann man allerdings auch bewusst entgegensteuern. Wer allein ist, dem empfehlen Psychologen, sich für diese Zeit passende Ersatzrituale zu suchen. Das kann vom ausgedehnten Entspannungsbad bis hin zur Beschäftigung mit einem Fotoalbum alles sein, was man gerne bewusst und allein tut. Eine andere Möglichkeit ist, sich an Menschen zu wenden, die man bisher vielleicht nicht beachtet hat. Es kann auch Freude machen, für sich allein die Wohnung vorweihnachtlich zu schmücken.

Das große Warten

Zurück zum Familienweihnachten, bei dem der typische Schmuck der Vorweihnachtszeit ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Romantisches
Kerzenlicht ist hier zentral, und besonders für die Kleinen haben etwa die Kerzen am Adventkranz noch eine zusätzliche Funktion: Die Woche für Woche mehr entzündeten Kerzen und der Adventkalender, der täglich mit einer neuen kleinen Überraschung gefüllt ist, erleichtern Kindern das Warten auf das große Ereignis des Weihnachtsfests. Für Kinder ist es wichtig und schön, wenn Adventabende festlichen Charakter haben. Man kann gemeinsam Adventgeschichten lesen, musizieren, basteln oder Klanggeschichten und Fingerspiele zur vorweihnachtlichen Thematik für sie erfinden. Sind die Kids schon größer und ist der religiöse Charakter von Weihnachten für sie nicht (mehr) interessant, ist gemeinsames Keksebacken ein altbewährtes, aber immer noch unschlagbares Adventritual, das alle Sinne anspricht und übrigens auch mit erwachsenen Freunden Spaß macht.

X-mas for Youngsters

Grundsätzlich empfehlen Psychologen, die Weihnachtsrituale immer für die jeweilige Generation zu adaptieren. Die Wünsche der Jungen sollen miteinbezogen werden, denn Rituale ohne innere Anteilnahme wirken sinnentleert und kontraproduktiv. So kann man etwa pubertierenden Jugendlichen anbieten, den Christbaum nach ihren Vorstellungen aufzuputzen oder das Festmenü selbst zu gestalten. Apropos Festmenü: Ohne ein ganz besonderes Festessen ist Weihnachten irgendwie eine halbe Sache. Das besondere Essen und Trinken vor oder nach der Bescherung wertet das „Ereignis Weihnachten“ auf. Einerseits entspricht man mit dem Weihnachtsmenü oft der Tradition, andererseits werden auch meist Speisen zubereitet, die man im Alltag nur selten isst. Auch dass meist zu Hause gegessen wird, hat Symbolcharakter: Die Familie ist bei sich und man isst, was gemeinsame Tradition hat. Ganz besonders wichtig: Lieber einen Gang herunterschalten, als sich zu viel Stress zu machen.

Der Wert von Geschenken

Tiefe Bedeutung kommt auch den Geschenken zu. Sie stärken Beziehungen und Bindungen und sind Symbol für Zuwendung, Aufmerksamkeit, Nähe und Interesse, mitunter auch Indikator für die Stärke der Zuwendung. Dabei spielen einerseits der materielle und andererseits der emotionale Wert eine Rolle. Beim Aufreißen der bunten Päckchen geht es uns also sowohl darum zu sehen, wie viel wir bekommen, als auch darum zu erfahren, wer mit wie viel Wertschätzung an uns denkt, wer wie viel Herzblut in ein Geschenk investiert hat.
Eines ist sicher: Die vielen Rituale rund um die Weihnachtszeit machen den Menschen Spaß. Und sie können sogar gesundheitsfördernd wirken.
US-amerikanische Forscher haben dazu mehr als 30 Studien der vergangenen 50 Jahre ausgewertet und herausgefunden, dass Rituale von Familien Auswirkung auf die physische und emotionale Gesundheit haben. Da sie Sicherheit vermitteln, ordnen und strukturieren, Identität stärken und Übergänge markieren, beeinflussen sie die mentale Gesundheit positiv und sind eine Hilfe bei der Bewältigung von Krisen. Ganz besonders gilt das für Kinder.

Welche Rituale brauchen Sie?

Sinn machen rituelle Bräuche allerdings nur, wenn auch Bewusstsein dahinter steht. Ob es im eigenen Leben zu viele oder zu wenige Rituale gibt, kann man für sich selbst entscheiden. Man kann neue erfinden, vorhandene Rituale an eigene Bedürfnisse anpassen, „sinnlose“ verwerfen. Je nach Typ können bestimmte Rituale besonders wertvoll und nützlich sein, wenn einem nach einem unerwarteten Ereignis das psychische Gleichgewicht abhanden gekommen ist. Manche Psychologen meinen, dass flexible Menschen als Ergänzung Halt, Sicherheit, Ruhe und Regelmäßigkeit und damit Feste zum Nachdenken und solche im wiederkehrenden Jahresrhythmus brauchen. Den treuen, verlässlichen Typen wiederum tun Feste der „Enthemmung“ gut, bei denen sie locker sein dürfen. Gut tut vielleicht aber auch die Abwechslung, und die bieten die kommenden Tage ganz sicher: Genießen Sie den Advent, das besinnlich-ruhige Weihnachten und lassen Sie Ihrer ausgelassenen Silvesterstimmung zum funkensprühenden Jahreswechsel freien Lauf.