Einfach lernen in Bewegung
Das Projekt »Bewegte Klasse« bringt neue Impulse, Ideen und Spaß an der Bewegung in Niederösterreichs Schulen – und das bereits seit 20 Jahren.

»Bewegte Klasse«-Tag in der Volksschule Hürm – ein Vormittag voller Spaß und Abwechslung! Foto: Gerald Lechner
Heute ist ein besonderer Tag in der Volksschule Hürm, denn die »Bewegte Klasse«-Betreuer sind da und gestalten mit den Lehrkräften den Vormittag. Da dürfen die Kinder spielen, herumtoben, kraxeln und allerlei lustige Sachen machen, genau nach ihrem Geschmack. Und ganz nebenbei erfahren sie alles rund um einen gesunden und aktiven Lebensstil. Die Unterrichtsstunde beginnt mit einer Sequenz zum Thema Ernährung: Die Erstklassler sitzen im Sesselkreis, in der Mitte verstreut liegen Karten mit diversen Lebensmitteln: Himbeeren, Kohl, Karotten, Karfiol, Äpfel, Zwetschken und viele andere – lauter gesunde Leckereien. „Was davon kennt ihr?“, fragt Mag. Heidi Hell, Betreuerin beim Projekt »Bewegte Klasse«. „Ich kenne alles“, ruft Martin* aufgeregt in die Runde und freut sich über seinen Wissensvorsprung. „Auch das hier?“, fragt Heidi Hell nach und hält ein Kärtchen mit einer Litschi-Frucht in die Höhe. „Weiß jemand, wie das schmeckt?“ „Süß“, sagt Susi, „die habe ich mit meinen Eltern im Urlaub schon mal gegessen. Schmeckt lecker“, sagt sie, fährt sich mit der Zunge über ihre Lippen und hat nun richtig Gusto drauf. Viele weitere Obst- und Gemüsesorten werden besprochen, die Kinder hören neugierig zu, fragen nach, arbeiten eifrig mit.
Rund um gesunde Ernährung
Die Ernährungsexpertin hat noch allerlei andere Spiele parat, um den Kindern häppchenweise alles rund um eine gesunde Ernährung zu vermitteln. Eine Blindverkostung etwa stand schon am Programm, die Kinder haben Tee- und Wassersorten verkostet, gemeinsam Obst- und Gemüsesaft gemacht, dafür Karotten geputzt und geraffelt, Äpfel und Birnen geschält, Zwetschken entkernt – und verschiedene Mixturen probiert. Rosi und Lukas mochten am liebsten Karotten-Apfel-Saft, wohingegen die meisten anderen Kinder Kombinationen mit süßem Obst bevorzugt haben. Doch für jeden Gaumen war etwas dabei, jeder konnte nach seinem Gusto herumexperimentieren.
Essen mit allen Sinnen
Vom Erfolg ist Ernährungswissenschafterin Hell begeistert: „Einige Kinder hatten Berührungsängste mit manchen Obst- und Gemüsesorten, doch sie haben gekostet und es hat ihnen meistens geschmeckt. Und wenn Kinder in einer Gruppe essen, schmeckt es sowieso besser und sie kosten auch Sachen, die sie sonst nie essen.“
Die Kinder nähern sich dem Essen mit allen Sinnen – sehen, tasten, riechen, schmecken und hören. Das macht ihnen großen Spaß und nebenbei erfahren sie, was gesund ist und was nicht. Denn Lernen in der »Bewegten Klasse« ist nichts, was man nur im Sitzen erledigt, vielmehr geht es um einen aktiven, handlungsbezogenen Prozess, bei dem alle Sinne aktiviert und miteinbezogen werden.
Spaß an Bewegung
Der Hauptbaustein des Projekts ist – wie der Name schon sagt – Bewegung. Für die Bewegungseinheiten ist heute »Bewegte Klasse«-Betreuer Mag. Ulrich Pammer vor Ort, die Kinder begrüßen ihn mit einem lauten Hallo. Sie können’s kaum erwarten, dass es losgeht, verheißen die Einheiten mit dem „Uli“ doch immer viel Spaß.
Alle stehen im Klassenzimmer im Kreis, Ulrich Pammer nennt als Aufgabe, einen gelben Ball so schnell wie möglich in der Runde weiterzugeben, ohne dass er auf den Boden fällt. Ein Kinderspiel, in 16 Sekunden ist der Ball wieder am Ausgangspunkt. Nun folgt Schwierigkeitsstufe zwei: Ein kleiner blauer Ball jagt nun den gelben großen – er darf ihn nicht einholen. Die Schülerinnen und Schüler lachen, konzentrieren sich auf den Ball, geben ihn in Windeseile weiter, gackern aufgeregt herum, wenn der blaue Ball sich dem gelben nähert. Sie haben wirklich Spaß und Freude dabei!
Weiter geht’s mit dem nächsten Spiel: Alle gehen im Kreis. Zeigt Ulrich Pammer mit den Fingern 2, 3 oder 4 an, müssen die Kinder entweder in Zweier-, Dreier- oder Vierergruppen zusammengehen. Einige schleichen langsam herum, manche laufen – aber aus den Augenwinkeln haben alle den Betreuer im Visier, schließlich will dann keiner allein dastehen. Mit solchen und noch vielen anderen Spielen bleiben die Kinder ständig in Bewegung.
Ziele der »Bewegten Klasse«
Das ist neben vielen anderen eines der Ziele der »Bewegten Klasse«, sagt Projektleiter Mag. Herbert Wojta-Stremayr: „In erster Linie wollen wir den Kindern Freude an der Bewegung vermitteln. Zusätzlich sind in diesen Spielen aber noch jede Menge Übungen versteckt, etwa für eine bessere Koordination, einen besseren Gleichgewichtssinn; die ganze Motorik wird trainiert. Zudem können sich die Kinder besser konzentrieren, wenn sie sich während des Unterrichts bewegen.“ Das Projekt basiert auf dem mehrdimensionalen Bewegunsgbegriff (siehe Kasten rechts). Zugleich gibt es aber auch Raum für Entspannung, Ruhe und Rückzug.
Einige wissenschaftliche Studien belegen es: Ein „bewegter“ Unterricht wirkt sich äußerst positiv auf die Kinder aus: Sie sind selbstbewusster, kritischer und gesünder, weil sie mehr Freude an der Schule haben, zeigen mehr Leistungsbereitschaft und sammeln im sozialen Bereich viele positive Erfahrungen.
Anregungen für Lehrkräfte
Das Projekt setzt sich zum Ziel, Lehrkräften
konkrete Impulse für die Unterrichtsgestaltung zu geben. Es ist Fortbildung vor Ort und will zum Besuch weiterer Fortbildungsveranstaltungen anregen. Besonderer Wert wird bei der »Bewegten Klasse« darauf gelegt, dass alle Spiele und Übungen ohne aufwendige Materialien auskommen, verwendet werden nur Alltagsmaterialien (Zeitungspapier, Kluppen usw.), damit die Pädagoginnen und Pädagogen die Spiele auch nach Projektende einfach nachmachen können.
Impulse von außen
In der Volksschule Hürm ist der Funken schon lange übergesprungen, Bewegung im Unterricht hat bereits einen fixen Platz, sagt Schuldirektorin Eva Wojta-Stremayr: „Wir setzen die Anregungen weiterhin um, auch nach Projektende. In der Konferenz besprechen wir etwa, welche Übungen wir mit unseren Schülern gemacht haben und geben das Wissen an die anderen Lehrkräfte weiter.“ Im Projekt können nur zwei Klassen pro Schule betreut werden, daher ist es wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen sich austauschen. Die Direktorin schätzt den Impuls von außen, der Schwung in den Schulalltag bringt.
Lernen fürs Leben
Ruhiger geht es in der 1. Klasse zu: Ulrich Pammer macht mit den Kindern zum Abschluss eine Entspannungsübung. Alle liegen am Boden, die Augen geschlossen – bis auf Bernd, der ständig blinzelt. Die Aufgabe lautet: Die Kinder müssen erraten, womit der Bewegungsbetreuer sie berührt. Langsam geht er zwischen den Kindern herum, streicht sanft mit einer großen roten Feder über Hände und Füße. „Hihi, das kitzelt“, glucksen einige, während andere die Berührung als sehr angenehm empfinden. „Das ist eine Feder“, wissen dann einige.
Mit dieser Sequenz endet ein abwechslungsreicher und bewegter Vormittag, an dem Lernen mit allen Sinnen im Vordergrund stand. Was die Kinder heute gelernt haben, wird sie ihr Leben lang begleiten. Genauso wie bereits tausende Kinder vor ihnen, denn das Erfolgsprojekt läuft mittlerweile seit 20 Jahren.
»Bewegte Klasse«
Ein Programm für Grundschulen und Sekundarstufe I
Mit der »Bewegten Klasse« bringt die Initiative »Tut gut!« Bewegung in die Schulen:
- Bewegen im motorischen Bereich – durch vermehrte Bewegungsangebote der „Sitzschule“ entgegenwirken
- Bewegen im Sinne von bewegt machen im emotionalen Bereich – Grenzen erspüren und respektieren
- Bewegen im Sinne eines aktiven und handlungsbezogenen Lernens
- Bewegen im Sinne von Gemeinschaft erleben, denn Lernen mit und in Bewegung schafft eine positive Lern- und Lehratmosphäre, steigert die Aufmerksamkeit und Konzentration, fördert Motivation, Fantasie und Kreativität, verbessert das Sozialverhalten, ist ein wesentlicher Beitrag zur Gesundheit von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften
Das Projekt sieht vor:
- zweijährige Begleitung durch den »Bewegte Klasse«-Betreuer (zehn Unterrichtseinheiten/Schuljahr + Vorbesprechung und Reflexion)
- vier Nachmittags-Lehrerfortbildungen zu folgenden Themen: Aktives Lernen, Bewegung und Sport, Ernährung und Pause, Körpererfahrung und Tanz
- ein Elternabend pro Schuljahr
- ein »Bewegte Klasse«-Symposium an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems am Campus Krems-Mitterau (vormals PÄDAK) am 23. Jänner 2015. Es dient als Ergänzung und Vertiefung der Inhalte der laufenden Betreuung. Die Teilnahme ist für alle NÖ Pädagoginnen und Pädagogen möglich und wird besonders allen »Bewegte Klasse«-Lehrkräften empfohlen.
- die »Bewegte Klasse«-Homepage
Grundangebot:
Die »Bewegte Klasse« sieht sich als Fortbildung für Lehrkräfte vor Ort und
setzt in Form von praktischer Arbeit mit den Kindern (in der Klasse, in der
Pausenhalle, im Turnsaal, im Schulhof, auf dem Sportplatz etc.) Impulse für:
- einen prozessorientierten Unterricht
- die Integration der bewegten Inhalte in den pädagogischen Alltag
- fächerübergreifende, themenzentrierte Ansätze
- die Teamentwicklung in der Schule
- den Transfer der bewegungspädagogischen Inhalte in das Elternhaus
Kosten:
Die Initiative »Tut gut!« stellt kostenfrei das Grundangebot und den Betreuer zur Verfügung, etwaige Zusatzangebote sind gegen einen geringen Tarif von der Schule zu zahlen. Die Elternabende und die Lehrerfortbildungen sind auch kostenlos, sie werden in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule NÖ angeboten.
Informationen: »tut gut«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at
20 Jahre »Bewegte Klasse«
Was ist das Ziel der »Bewegten Klasse«?
Das Projekt versteht sich als Fortbildung vor Ort und bietet Lehrkräften konkrete Hilfestellungen und Impulse für den Schulalltag an. Es geht in erster Linie um Gesundheitsförderung für die Kinder, denn damit kann man nicht früh genug beginnen. Expertinnen und Experten aus den Bereichen Bewegung und Ernährung bringen Kindern spielerisch und einfach bei, wie gut Gesundes schmeckt und wie lustvoll und wichtig Bewegung ist. Bewegung soll nicht nur im Sportunterricht Platz haben, sondern in der Klasse in den Unterricht integriert werden.
Warum ist Bewegung für Schülerinnen und Schüler so wichtig?
Bewegung und Lernen gehören zusammen, denn Bewegungsaktivitäten fördern die gesamte Durchblutung des Körpers, besonders des Gehirns, und regen den Stoffwechsel an.
Aus den Neurowissenschaften wissen wir, dass körperliche Aktivität die Kapazität des Gehirns erhöht und unter anderem für die Entstehung dauerhafter Lerneffekte verantwortlich ist.
Zudem ist Bewegung einfach eine wichtige Grundvoraussetzung für die körperliche, kognitive und seelische Entwicklung unserer Kinder.
Diesen Erkenntnissen trägt das Projekt »Bewegte Klasse« schon seit fast 20 Jahren Rechnung.
Was hat sich in den 20 Jahren geändert?
Das Angebot wurde ausgeweitet: Die »Bewegte Klasse« läuft seit einigen Jahren als zweijähriges Betreuungsprojekt. Es hat sich gezeigt, dass die zweijährige Betreuung nachhaltiger und effektiver ist. Zudem läuft das Projekt sehr erfolgreich seit dem Schuljahr 2007/08 auch in der Sekundarstufe I.
Wie viele Klassen haben bisher teilgenommen?
Die Bilanz kann sich sehen lassen: In der Grundstufe wurden bisher 3.300 Klassen betreut. In der Sekundarstufe gibt es das Projekt seit sieben Jahren – hier wurden bisher 573 Klassen betreut.
Wie werden die Lehrkräfte eingebunden?
Pro Schule können zwei Klassen am Projekt teilnehmen, die Lehrkräfte sind bei allen betreuten Einheiten dabei und machen mit. Neben der Betreuung am Vormittag, gemeinsam mit den Kindern, werden in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, Nachmittagsfortbildungen für Pädagoginnen und Pädagogen angeboten. Ziel ist es, die Inhalte zu vertiefen.
Werden auch die Eltern ins Projekt integriert?
Natürlich. Gerade in dieser Altersgruppe spielen die Eltern eine wichtige Rolle, sind Vorbild. Das, was die Kinder bei der »Bewegten Klasse« lernen, sollte im besten Fall auch zuhause weitergelebt werden. In Elternabenden werden die Inhalte der »Bewegten Klasse« den Familien vorgestellt, praktisch erlebbar gemacht und sollen so im familiären Umfeld weiterwirken. Die Eltern
sollen sensibilisiert werden, denn schließlich geht es um die Gesundheit ihrer Kinder.
GESUND&LEBEN wünscht viel Erfolg für die nächsten 20 Jahre.




