Mit Sicherheit ans Limit
Klettersteig gehen – ein Sport, der boomt. Mehr und mehr Menschen jeden Alters suchen ihr Glück in den Bergen. Wenig verwunderlich, dass immer mehr Klettersteige aus dem Boden bzw. in den Berg gestampft werden. Oberstes Gebot sollte die Sicherheit sein.

Abenteuer und Sport zugleich: GESUND&LEBEN-Chefredakteurin Riki Ritter-Börner gut gesichert im Klettersteig. Foto: © weinfranz
Das Ziel vor den Augen, der nächste Griff ist schon fest anvisiert. Einmal noch eine Anstrengung und schon ist ein weiterer Schritt zum Etappenziel getan. Kurz einen Blick nach unten riskieren, durchschnaufen und die Aussicht genießen. Dann geht es weiter. Zug um Zug. Bis nach ganz oben. Das ist die Faszination Klettersteig.
Zu Beginn waren die Klettersteige oder „Vie Ferrate“ (ital. „Eisenwege“) ein Hilfsmittel, um diverse Besteigungen fordernder Berge zu erleichtern und sie einer breiten Masse zugänglich zu machen. Mithilfe künstlicher Tritte und Griffe und einem angebrachten Stahlseil zum Sichern sollen Aufwand und Risiko reduziert werden. Von Teilstrecke zu Teilstrecke werden zwei Karabiner mitgenommen und immer
wieder in das nächste Sicherungsseil eingehakt. Dabei gilt zu beachten, dass auch beim Wechsel zwischen den Stahlseilen zuerst nur ein Karabiner umgehängt wird. Erst wenn dieser am nächsten Seil eingehakt ist, wird auch der zweite Karabiner umgehängt. So ist man durchgehend gesichert.
Natur & Abenteuer
Die Erleichterungen des Klettersteiges erlauben es immer mehr Menschen, sich der attraktiven Mischung zwischen Natur und Abenteuer zu stellen. Jung und Alt können sich auf den unterschiedlich fordernden Steigen austoben. Mit den passenden körperlichen Voraussetzungen und der richtigen Ausrüstung. Dabei gilt es jedoch, die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade nicht aus den Augen zu verlieren. Die Unterteilung reicht von A (= leicht) bis E bzw. F (= extrem schwierig, siehe Kasten links). Diese Schwierigkeitsgrade sind eine wichtige Orientierungshilfe für die Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Hält man sich daran, kann man verhindern, dass einem mitten im Berg die Kraft ausgeht. Etwas, das trotz aller Warnhinweise leider immer wieder passiert.
Wichtig: gezielte Vorbereitung!
Von diesen Gefahren berichtet auch Rudi Schneck, Instruktor für Alpines Klettern und Skitouren der Naturfreunde sowie Mitglied des Lehrkaders im Team Alpin: „Vor einigen Wochen hatten wir
leider wieder so einen Fall, wo ein junges Pärchen einige Zeit vor uns in den Klettersteig eingestiegen ist und von uns überholt wurde. Kurze Zeit später hat sich das Mädchen nicht mehr weitergetraut und auch geweint. Wir mussten zurück und sie abseilen. Es war ihr erster Versuch auf einem Klettersteig. Leider passiert so etwas häufiger.“ Kein Einzelfall: Immer wieder gibt es Fälle, bei denen sich unerfahrene Kletterinnen und Kletterer zu viel zumuten. „Ich appelliere ganz klar an die Vernunft jedes Einzelnen. Zu Beginn sollte man unbedingt einen Kurs machen oder mit jemandem mitgehen, der schon Erfahrung beim Klettersteiggehen hat. Außerdem sollte man sich auch dem Schwierigkeitsgrad anpassen und zum Beispiel mit einem A- oder B-Klettersteig anfangen. Die gezielte Vorbereitung ist wichtig, es gibt ja mittlerweile auch genug Literatur über die verschiedenen Steige“, erklärt Schneck. Sicherheitskurse, deren Teilnahme der routinierte Bergsteiger empfiehlt, werden immer wieder angeboten (siehe Kurse für Einsteiger unten).
Gefahr der Überschätzung
Oft kann es passieren, dass man schwierige und besonders leicht überhängende Passagen unterschätzt und so sehr schnell an die Belastungsgrenze gelangt. Denn gerade untrainierte und technisch wenig versierte Klettersteig-Neulinge arbeiten zu wenig mit den Beinen und brauchen deshalb zu viel Kraft in den Armen. Diese Erfahrung machte auch GESUND&LEBEN-Chefredakteurin Riki Ritter-Börner beim Fototermin am neuen Naturfreunde-Übungsklettersteig in Trattenbach OÖ): Sie hat Erfahrung im Hallenklettern und einen Klettersteig-Sicherheitskurs absolviert und weiß, dass sie sich Routen der Schwierigkeitsgrade B und C zutrauen kann. Beim Fototermin stellte sie sich der Herausforderung, eine kurze Route im Schwierigkeitsgrad D zu probieren, gesichert und unterstützt durch Instruktor Rudi Schneck. Die Trekking-Schuhe boten wenig Halt am Felsen, schnell war die Kraft in den Armen verbraucht und es kostete sie Überwindung, die Passage zu bewältigen. „Ich wollte einen Klettersteig-Beitrag im Heft, weil ich bei unseren Leserinnen und Lesern das Bewusstsein schärfen möchte, dass man sich nicht überschätzen darf am Berg. Die Bergretter arbeiten ehrenamtlich, und wir sollten alles tun, sie nicht zu überlasten. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass man so schnell an seine Grenzen stoßen kann. Das war eine wirklich spannende und lehrreiche Erfahrung für mich.“
Gesunde Selbsteinschätzung
Neben einer gesunden Selbsteinschätzung gehören zur richtigen Vorbereitung nicht nur die gezielte Auswahl der Strecke, sondern auch die richtige Ausrüstung. Helm sowie Klettersteigset mit Klettergurt und Karabinern sind Pflicht. Der Helm schützt vor herabfallenden Steinen und vor dem Anprall an Fels oder Eisenteilen bei einem Sturz. Dadurch, dass der Helm für den gesamten Klettersteig aufgesetzt bleibt, ist auch der Tragekomfort nicht unwesentlich. Wichtig ist, dass man auf spezielle Bergsporthelme vertraut. Fahrradhelme oder sonstige Helmarten erfüllen die Anforderungen des Klettersteiges nicht. Das Klettersteigset besteht aus einem Fangstoßdämpfer (reduziert die Belastung bei einem Sturz), Karabinern, einer Einbindeschlinge, den Lastarmen (verbinden Karabiner und Bandfalldämpfer) sowie der Rastschlinge. Auch das passende Schuhwerk ist wichtig, wobei die Auswahl stark von der zu bewältigenden Strecke abhängig ist. So kann es sein, dass je nach Klettersteig entweder ein leichter Halbschuh oder ein steigeisenfester Bergschuh die bessere Wahl ist. Im Zweifelsfall empfiehlt sich eine Beratung im Bergsportfachhandel.
Richtige Ausrüstung
Zudem sollten für den Notfall auch Biwaksack, Erste-Hilfe-Paket und eine Stirnlampe bei längeren Klettersteigtouren mit dabei sein. Die Kleidung sollte funktionell und an die Witterung angepasst sein. Um Blasen, die durch den ungewohnten Kontakt mit dem Stahlseil rasch auftreten können, zu verhindern, empfehlen sich spezielle Klettersteighandschuhe. Diese Handschuhe sind mit speziellem Leder gefüttert. Wichtig bei der Auswahl ist die Passform, man muss sicher greifen und die Karabiner problemlos bedienen können. Da es auf dem Markt kein kindergerechtes Klettersteigset gibt (Mindestgewicht meist 50 kg), muss man Kinder immer am Seil sichern, wie beim normalen Klettern, und das auch wirklich beherrschen. Experte Schneck: „Bei kleineren Kinder würde ich mich auch nicht darauf verlassen, dass sie das Klettersteigset richtig bedienen – sie können leicht in Stress geraten oder abgelenkt werden.“ Bei Touren zu zweit, bei denen ein Partner etwas schwächer ist, schadet auch ein Sicherungsseil zum Nachsichern nicht: „Das ist für Anfänger ganz wichtig“, erklärt Schneck. Allerdings sollte man damit so sicher umgehen können, dass es keine große zusätzliche Belastung ist.
Regeln beachten
Hält man sich an diese Tipps und an die zehn Regeln der Klettersteigfibel (siehe Kasten links), sind die Klettersteige ein Erlebnis und es überwiegt ganz klar das Positive. Herausfordernde, steile Stellen zu meistern, sich stetig dem Ziel zu nähern und dabei noch etwas für seinen Körper tun – es gibt wenige sportliche Aktivitäten, die in dieser Hinsicht mit den Bergtouren mithalten können. Mit guter Selbsteinschätzung und der passenden Ausrüstung steht einem Bergvergnügen auf einem der zahlreichen Klettersteige Niederösterreichs und Umgebung nichts mehr im Wege. Dann, wenn es wieder heißt: Zug um Zug. Bis nach ganz oben.
Schwierigkeitsgrade (Schall-Skala)
- A – leicht
Einfache, gesicherte Wege; angelehnte (längere) oder senkrechte (kurze) Leitern, Geländer und Eisenklammern. Einzelne Stellen können bereits ausgesetzt sein, sind aber einfach zu begehen; allgemein für trittsichere und schwindelfreie Bergsteiger ohne Klettersteig (KS)-Sicherung möglich. Für Anfänger gut geeignet. - B – mäßig schwierig
Bereits steileres Felsgelände mit teilweise kleintrittigen, ausgesetzten Passagen. Senkrechte, längere Leitern, Eisenklammern und Tritte. Kann schon anstrengend und kraftraubend sein. Auch routinierte Bergsteiger verwenden eine Sicherung. Kletterschwierigkeit: ca. II–III. - C – schwierig
Steiles bis sehr steiles Felsgelände, größtenteils kleintrittige Passagen, die fast immer ausgesetzt sind. Schon leicht überhängende Leitern möglich. Eisenklammern und Tritte können auch etwas weiter auseinander liegen. Teilweise sehr kraftraubend. Kletterschwierigkeit: ca. III–IV. - D – sehr schwierig
Senkrechtes, oft auch überhängendes Gelände. Klammern und Stifte liegen oft weit auseinander. Meist sehr ausgesetzt und oft nur mit Stahlseil gesichert. Große Armkraft, gute Steigtechnik und ein guter Trainingszustand sind Voraussetzung. Manchmal in Kombination mit leichter Kletterei (I–II) ohne Sicherung. - E – extrem schwierig
Meist überhängende Felsgelände. Extreme Anforderungen an Kraft, Steigtechnik, Geschicklichkeit, Mut und Moral. Nur für erfahrene Klettersteig-Profis. Optimaler Trainingszustand erforderlich. Rastschlinge zu empfehlen! Alle Anforderungen wie bei D in nochmals erhöhtem Ausmaß. - F – maximal schwierig
Einige wenige Sportklettersteige werden inzwischen mit E/F bzw. F bewertet.
Quelle: Klettersteigfibel vom Kuratorium für alpine Sicherheit
Klettersteige in Niederösterreich
- Karl Kantner und Bismarck (Raxgebiet, A/B)
- Pittentaler Klettersteig (Türkensturz/Bucklige Welt, C/D)
- Mödlinger Klettersteig (B/C)
- HTL Klettersteig und Blutspur (Hohe Wand, D/E)
- Hinternasswald-Bärenlochsteig-Habsburghaus-Seehütte-Ottohaus-Raxseilbahn (Hinternasswald, A/B)
- Vogelbergsteig (Dürnstein, A)
- Flatz Klettersteig (Flatz, B/C)
- Hanselsteig (Hohe Wand, B)
- Gebirgsvereinssteig (Hohe Wand, D)
- Teufelsbadstubensteig (Raxgebiet, A/B)
- Weichtalklamm (Höllental, B)
- Völlerin (Hohe Wand, A)
Quelle: www.bergfex.at/sommer/niederoesterreich/touren/klettersteig,www.bergsteigen.com/klettersteig/niederoesterreich
Die 10 Klettersteig-Regeln
- Sorgfältig planen! Planung ist der Schlüssel für sichere und genussvolle Klettersteigtouren.
- Das Ziel den persönlichen Voraussetzungen anpassen!
- Vollständige, normgerechte Ausrüstung verwenden!
- Bei Gewittergefahr nicht einsteigen!
- Drahtseil und Verankerungen kritisch prüfen!
- Partnercheck am Einstieg!
- Ausreichende Abstände einhalten!
- Klare Absprache beim Überholen!
- Achtung Steinschlag!
- Natur und Umwelt respektieren!
Kurse für Einsteiger
- Sicherheitstag
Klettersteig, Hohe Wand: 13. September 2014. Naturfreunde Nieder-österreich, Martin Ruhnau (0664/8011725567), niederoesterreich
naturfreunde.at, www.niederoesterreich.naturfreunde.at - Klettersteig-Grundkurs: 6. und 7. September 2014, Hohe Wand. Österreichischer Alpenverein, www.gebirgsverein.at
- Klettersteig-Kurse, Hohe Wand: Österreichischer Touristenklub, www.oetk.at




