Ein guter Ort zum Wachsen
In der frühen Kindheit werden viele Weichen fürs weitere Leben gestellt, dem Kindergarten kommt dabei eine Schlüsselposition zu. Im Projekt „Gesunder Kindergarten“ lernen bereits die Kleinsten auf spielerische Art und Weise alles rund um einen gesunden Lebensstil.
10 Uhr morgens im Kindergarten Strass im Strassertale: Die Kinder sitzen kreisförmig am Boden und blicken neugierig auf die Karten, die in der Mitte verstreut liegen. Darauf sind diverse Lebensmittel abgebildet. „Wer findet die Heidelbeeren?“ „Ich“, ruft Ines und nimmt die Karte. Heidelbeeren, Nüsse, Karfiol, Birnen, Zwetschken, Zwiebel, Mais – diese und viele andere gesunde Leckereien müssen die Kinder erkennen. Die nächste Aufgabe ist schon etwas schwieriger: „Was kommt in einen Obstsalat und was in eine Gemüsesuppe?“ Am Boden liegen zwei Reifen: In den gelben sollen die Kleinen die Zutaten für den Obstsalat geben, in den grünen Reifen für die Gemüsesuppe. Jedes Kind schnappt sich eine Karte und legt sie in einen Reifen. Aufgeregt hüpfen alle herum und ordnen die Kärtchen zu. Am Ende wird kontrolliert, ob alles passt. Nicht ganz – „Wer hat die Zwiebeln in den Obstsalat gegeben?“, schmunzelt Mag. Heidi Bruckner. Die Ernährungsexpertin ist Betreuerin beim Projekt „Gesunder Kindergarten“ (siehe Kasten Seite 34) und hat allerlei Spiele parat, um den Kindern eine gesunde Lebensweise zu vermitteln.
Kochen & experimentieren
Kinder sind für vieles offen und besonders neugierig. Beste Voraussetzungen also, um ihnen gesunde Ernährung häppchenweise näherzubringen, erklärt Ernährungsexpertin Bruckner: „In spielerischer Form eignen sich Kinder das Wissen rund um gesunde Ernährung an. Denn ist der Apfel bereits in der Kindheit der liebste Snack zwischendurch, haben Schokoriegel und Co. auch im späteren Leben nur untergeordnete Bedeutung.“ Im Projekt „Gesunder Kindergarten“ entdecken die Kleinsten, dass gesunde Ernährung schmeckt und auch Spaß macht.
Ein Highlight im Projekt ist das gemeinsame Kochen und Experimentieren mit Lebensmitteln: Die Kinder machen etwa selbst Obst- und Gemüsesaft, putzen und raffeln dafür Karotten, schälen und entkernen Äpfel, schnippeln Bananen. Sogar kleine Gemüsemuffel ließen sich bekehren, sagt die Ernährungsexpertin: „Wenn Kinder die Sachen selbst zubereiten und in einer Gruppe essen, schmeckt es sowieso besser und sie kosten auch Sachen, die sie sonst nie essen.“
Anschaulich & spielerisch
Um zu zeigen, wie viel Obst und Gemüse man pro Tag essen sollte, gibt Heidi Bruckner fünf Kindern ein Stück Obst oder Gemüse in die Hand. Einen Pfirsich, einige Weintrauben, vier Erdbeeren, eine Karotte und einen Paradeiser. „Das sind fünf Portionen Obst und Gemüse. Wer von euch isst das täglich?“, fragt sie. „Mein Bruder nicht“, ruft Jana und steckt sich den Paradeiser in den Mund. „Fünf Hände voll Obst und Gemüse pro Tag ist eigentlich gar nicht so viel“, meint Heidi Bruckner, „das könnt ihr locker schaffen.“ Zustimmendes Kopfnicken.
Mit verschiedenen Kärtchen baut sie nun gemeinsam mit den Kindern eine Ernährungspyramide und zeigt, wovon man viel und wovon man wenig essen sollte. Viel Obst und Gemüse, das wissen die Kleinen nun schon, aber auch viel Brot und Getreide, vorzugsweise aus Vollkorn. Und wenig Fleisch und Süßigkeiten. „Sind die Informationen anschaulich und spielerisch verpackt, können sie sich die Kinder besser einprägen“, weiß Bruckner.
Spiele & Spaß
Der zweite Baustein des Projekts „Gesunder Kindergarten“ ist die Bewegung. Heute ist Bewegungsbetreuerin Claudia Mauß vor Ort, mit lautem Hallo wird sie begrüßt. Die Kinder freuen sich, wenn sie kommt – verheißt das doch einen Vormittag voller Spiele und Spaß. Claudia Mauß befestigt einen grünen Stofftunnel an der Sprossenwand, durch den die Kinder kraxeln sollen. Das ist nur was für die Mutigen. „Ich will zuerst“, „Nein, ich.“ Elias ist schon drin. Kopfüber rutscht er den Stofftunnel runter, mit einem breiten Grinser taucht er unten wieder auf. Geschafft! Einer nach dem anderen darf nun durchrutschen – welch Abenteuer! Anschließend verteilt die Bewegungsexpertin bunte Tücher und sogenannte Zauberstäbe – die Aufgabe: „Werft das Tuch in die Höhe und probiert es mit eurem Zauberstab wieder aufzufangen.“ Die Kinder laufen herum, lachen, gackern und versuchen die Tücher zu fangen. Danach wird der Zauberstab zu einem Pferd umfunktioniert, auf dem die Kinder durch den Turnsaal traben. Allerlei lustige Übungen lassen sich auf dem Pferd anstellen.
Immer in Bewegung
Mit solchen und anderen Spielen bleiben die Kinder in Bewegung – sie laufen, tollen herum und haben jede Menge Spaß. „Die Kinder sollen in erster Linie Freude an der Bewegung haben, aber mit diesen Spielen bekommen sie auch eine bessere Koordination, einen besseren Gleichgewichtssinn und vieles mehr. Die ganze Motorik wird trainiert und die Eigenwahrnehmung gestärkt – die Grundlage für die Konzentrationsfähigkeit“, erklärt Claudia Mauß. Besonderer Wert wird beim Projekt darauf gelegt, dass alle Spiele und Übungen ohne aufwendige Materialien auskommen: „Wir verwenden nur Alltagsmaterialien, damit die Kindergartenpädagogen die Spiele auch nach Projektende ohne viel Aufwand nachmachen können.“
Erfolgreiches Projekt
Die Strasser Kindergartenleiterin Ingrid Landstätter ist begeistert vom Projekt „Gesunder Kindergarten“. Immer wieder probiert sie mit ihrem Team Neues aus, holt Fachleute ins Haus, macht Projekttage, pflanzt mit den Kindern Obst und Gemüse und vieles mehr: „Wir haben viele Anregungen und Ideen bekommen, mit denen wir in Zukunft weiterarbeiten können.“ Auch die Eltern standen dem Ganzen offen gegenüber und arbeiten mit, betont sie: „Einige Eltern bringen Obst und Gemüse, ein Vater – er ist Bäcker – hat mit den Kindern gebacken, eine Mutter Mus gemacht und allerlei anderes.“ Was sie besonders freut: „Durch das Kosten verschiedener, auch vorher unbekannter Lebensmittel haben die Kinder sensiblere Geschmacksnerven bekommen. Vorher war alles ‚gut‘ oder ‚nicht gut‘, nun können sie süß, sauer, salzig, bitter unterscheiden.“ Ein weiteres Indiz für den Erfolg des Projekts, an dem jährlich zehn NÖ Landeskindergärten teilnehmen.
Gesunder Kindergarten
Im Jahr 2008/09 wurde das Projekt „Gesunder Kindergarten“ der Initiative »Tut gut!« gestartet, aktuell nehmen jährlich zehn NÖ Landeskindergärten teil. Die Schwerpunkte des Projekts liegen in den Bereichen Bewegung und Ernährung. Zu Beginn findet in jedem Kindergarten ein Erstgespräch statt, in dem Ablauf, Organisatorisches, Ziele und Termine besprochen werden. Anschließend kommen Bewegungs- und Ernährungsexperten der Initiative »Tut gut!« insgesamt jeweils acht Stunden in den Kindergarten und gestalten spielerische Einheiten, um die Kinder gemeinsam mit den Pädagoginnen und Pädagogen an eine gesunde Lebensweise heranzuführen. Das Projekt „Gesunder Kindergarten“ dient der Fortbildung der Kindergartenpädagogen. Sie erhalten von den Experten neue Impulse, Ideen und Vorschläge, damit sie nach Projektende die Inhalte weiter umsetzen können. Die Termine sind über das Kindergartenjahr verteilt, damit die Kleinen ganzjährig und kontinuierlich betreut werden. Nach den praktischen Einheiten gibt es am Jahresende ein Abschlussgespräch mit dem gesamten Kindergartenteam. Auch die Eltern werden durch einen informativen Elternabend ins Projekt integriert.
Informationen: »Tut gut!«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at
Gesundheitsvorsorge für die Kleinsten
Mag. Sonja Lugbauer, Leiterin des Projekts „Gesunder Kindergarten“ bei der Initiative »Tut gut!«
G&L: Worum geht es beim Projekt „Gesunder Kindergarten“?
Lugbauer: Um Gesundheitsvorsorge für die Kleinsten, denn damit kann nicht früh genug begonnen werden. Zusätzlich geht es um die Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung von Eltern und Pädagoginnen und -pädagogen hinsichtlich der Bedeutung von Gesundheit
und Prävention. Grundsätzlich liegt das Hauptaugenmerk auf einer entsprechenden Fortbildung der Kindergartenpädagogen, die durch das Projekt sinnvolle, praktische Hilfestellungen und neue Impulse für den Kindergartenalltag bekommen sollen.
Expertinnen und Experten der Initiative »Tut gut!« kommen in regelmäßigen Abständen in den Kindergarten und bringen Kindern auf spielerische Weise bei, wie gut Gesundes schmeckt und wie lustvoll und wichtig Bewegung ist. Im Bereich Ernährung lernen die Kinder etwa, welche Lebensmittel für den Körper wichtig sind, welche sie eher selten essen sollten, wie lecker selbst gemachte Speisen schmecken, wie viel Spaß das Zubereiten macht und vieles mehr. Spielerisch werden sie zu einer bewussten Ernährungsweise motiviert. Ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, denn bereits in der Kindheit wird weitgehend festgelegt, wie sich ein Mensch sein Leben lang ernährt. Zusätzlich erfahren die Kinder, wie viel Spaß und Freude es macht, sich zu bewegen – die Neugierde und Bereitschaft zur Aktivität wird geweckt.
Werden auch die Eltern ins Projekt integriert?
Ja, in Elternabenden versuchen wir die Eltern für die Inhalte des Projekts zu sensibilisieren, denn sie haben natürlich Vorbildfunktion. Das, was die Kinder beim „Gesunden Kindergarten“ lernen, sollten sie auch zuhause weiterleben und in ihren Alltag einbringen.





