< vorhergehender Beitrag

Ein Apfelkorb ist zu wenig

Die Gesundheit der Angestellten sollte auch dem Arbeitgeber wichtig sein, denn Krankenstände senken die Produktivität im Unternehmen. Eine renommierte Firma in Unterradlberg hat dieses Problem erfolgreich mit verschiedenen Gesundheitsprogrammen bekämpft.


Arbeitsmedizin-Koordinatorin Dr. Gabriela Klamminger (l.) sah sich als Expertin die Situation im Spanplattenwerk an und gewann bei einer Werksführung mit Werksleiter Ing. Andreas Schrefl und Personalleiterin Dipl.-BW (FH) Andrea Schüssler einen positiven Eindruck. Foto: Gerald Brandstetter

Betriebliche Gesundheitsvorsorge wird immer wichtiger, da sich das Pensionsantrittsalter immer weiter nach hinten verschiebt. Betriebe müssen sich darauf vorbereiten, auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Arbeitnehmer einzugehen, weiß Dr. Gabriela Klamminger, Arbeitsmedizin-Koordinatorin der NÖ Landeskliniken-Holding: „Ältere Angestellte können vielleicht körperlich weniger leisten, dafür steigt mit ihnen die Erfahrung im Unternehmen. Es liegt an den Betrieben, diese Ressourcen durch eine gute Positionierung in speziellen Aufgabenbereichen zu nutzen – beispielsweise als Berater oder Begleiter junger Arbeitnehmer.“ Klamminger kennt die Situation in einigen Betrieben in Niederösterreich und weiß: „Es gibt viel Nachholbedarf, was die Gesundheitsvorsorge betrifft. Ein Umdenken ist notwendig. Die Arbeitnehmer sind das Kapital eines Betriebs. Investitionen in die Gesundheitsförderung sind zwar leider nicht sofort in Zahlen messbar, machen sich aber letztendlich für beide Seiten bezahlt.“

In Vorsorge investieren

Davon sind auch Werksleiter Ing. Andreas Schrefl und Personalleiterin Dipl.-BW (FH) Andrea Schüssler vom Egger Spanplattenwerk in Unterradlberg im Norden St. Pöltens überzeugt. Um die Zahl der Krankenstände zu verringern, begann das Unternehmen 2005 damit, in ein nachhaltiges Gesundheitsvorsorge-Programm zu investieren. „Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter auch im fortgeschrittenen Alter einen guten Gesundheitszustand erreichen. Deshalb bieten wir ihnen Vorsorgeuntersuchungen genauso wie spezielle Programme für die Arbeitsstellen, bei denen es zu gesundheitlichen Problemen kommen kann“, erklärt Schrefl. „Wir bewegen pro Tag etwa 1.200 Tonnen Holz durch unsere Anlagen und verarbeiten etwa 250 Tonnen Leim. Mehr als 70 Personen arbeiten allein im Instandhaltungsbereich. Die harte Arbeit unserer Maschinenschlosser macht sich dann natürlich im Alter bemerkbar.“ Die Firma bietet deshalb schon früh spezielle Trainings an, angefangen bei der richtigen Haltung bis hin zur richtigen Arbeitsweise. Physiotherapie-Studenten der FH Wiener Neustadt begleiteten die Egger-Arbeiter mehrere Wochen und entwickelten spezielle Ausgleichs- und Dehnungsübungen, die helfen, den Körper zu schonen.

Gesund & zufrieden

Mittlerweile liegt die Krankenstandsquote in dem Werk in Unterradlberg bei nur 2,7 Prozent. Bei anderen vergleichbaren Betrieben sind es im Durchschnitt etwa zehn Prozent. „Wir setzen uns immer wieder mit den Mitarbeitern zusammen und diskutieren, wie man ihren Arbeitsplatz sicherer und angenehmer machen kann. Das passiert bei uns abteilungsweise, damit wir speziell auf die individuellen Wünsche der verschiedenen Berufsgruppen eingehen können“, erläutert Personalleiterin Schüssler. Die Steuergruppe, bestehend aus Werksleitung, Personalbüro und Betriebsrat, prüft die Vorschläge: Was ist praxistauglich? Was ist finanziell machbar? Und was ist kurz-, mittel- oder langfristig möglich?

Mitarbeiter äußern Wünsche

Die Wünsche der Mitarbeiter können ganz banal ausfallen, es ging etwa auch um die Pausenraumgestaltung, erklärt Werksleiter Schrefl: „Die Aufenthaltsräume wurden grün-gelb ausgemalt, weil diese Farben beruhigend auf die Mitarbeiter wirken und so in den Pausen etwas Ruhe einkehren kann. Auch Blumen findet man dort mittlerweile.“ Nicht alle Wünsche können erfüllt werden, wie etwa eine Klimaanlage in der Beschichtungshalle – das war aus wirtschaftlichen Gründen einfach nicht möglich, bedauert der Werksleiter: „Was allerdings umgesetzt wurde, war ein Sonnenschutz vor einigen Fenstern, da die Strahlen zu einer gewissen Tageszeit genau auf einen bestimmten Arbeitsplatz fielen und der Mitarbeiter dadurch geblendet war.“

Weniger Krankenstände

„Seit dem Start unserer Gesundheitsprogramme im Jahr 2005 ist die Zahl der Krankenstände extrem zurückgegangen“, freut sich Werksleiter Schrefl. „Die Leute waren anfangs etwas verunsichert, weil wir damit begonnen haben, Rückkehrgespräche nach den Krankenständen zu führen. Mittlerweile haben die Kollegen aber verstanden, dass es nur darum geht, zu erfragen, ob der Krankenstand etwas mit den Arbeitsbedingungen zu tun hatte und es an uns liegt, etwas zu verändern.“
Ein gutes Beispiel für die Bedeutung dieser Gespräche: Erst dadurch erfuhren die Verantwortlichen, dass die Schichtschlosser zumindest ein oder zwei Mal im Jahr wegen Verkühlungen zu Hause bleiben mussten, weil sie im Winter großen Temperaturunterschieden ausgesetzt waren: In einer Halle hat es im Winter fast 30 Grad; wenn sie anschließend sofort bei minus 15 Grad auf einem Silo arbeiten, brauchen sie Schutzkleidung, die sie schnell wechseln können. Mittlerweile haben die Schlosser entsprechende Jacken und sind sehr zufrieden damit.
Gesundheit und Sicherheit gehen hier Hand in Hand. „Wenn man im Sicherheitsbereich nichts verbessert, ist es sinnlos, im Gesundheitsbereich etwas zu tun“, erklärt Personalchefin Schüssler. „Wenn der Mitarbeiter vom Stapler springt, fällt das in beide Themenbereiche. Doch das eigene Verhalten zu verändern, ist immer schwierig, man muss hier ja nur an Diäten denken. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter verstehen, dass sie selbst einen Nutzen daraus ziehen und durch unsere Angebote und Tipps lange gesund bleiben
können.“

Vorträge, Aktionen & Co

Das Gesundheitsmanagement gehört bei der Firma Egger administrativ in die Personalabteilung; für die drei Standorte in Österreich gibt es ein Gesundheitsmanagementteam, das sich aus einer Vertretung des Produktionsbereichs, des Betriebsrats und der Personalabteilung zusammensetzt. „Wir treffen uns einmal im Jahr und entscheiden, welche Schritte im nächsten Jahr umgesetzt werden. Danach erstellen wir eine sogenannte Gesundheitsfibel, ein etwa 24 Seiten starkes Heft, in dem die Mitarbeiter das komplette Gesundheitsangebot einsehen können und mehr Informationen darüber erhalten“, erzählt Schüssler. Und das Angebot kann sich sehen lassen: Von Vorträgen über richtige Ernährung oder Stressmanagement zu Gedächtnistrainings, Raucherentwöhnung bis hin zum Tanzkurs findet man darin alle Gesundheitsaktivitäten. Zusätzlich gibt es Impfaktionen im Werk selbst, Gehörschutz­aktionen oder Augenuntersuchungen. „Auch der mobile Gesundheitsbus der Arbeiterkammer kommt alle zwei Jahre, unsere Mitarbeiter können während der Arbeitszeit einen Gesundheitscheck machen“, so die Personalleiterin.

„Egger läuft“

Stolz ist Werksleiter Schrefl auf die Aktion „Egger läuft“: Nimmt ein Mitarbeiter an einem öffentlichen Lauf teil, spendet die Firma pro gelaufenem Kilometer fünf Euro für einen guten Zweck. In Unterradlberg sind im letzten Jahr etwa 4.000 Kilometer zusammengekommen, also 20.000 Euro. Jeder Läufer kann Vorschläge einbringen, an wen das Geld gehen soll, am Ende stimmen alle darüber ab. „Wichtig ist uns“, betont Schrefl, „dass wir Projekte in der Region fördern. Letztes Jahr ging ein Teil des Geldes an einen Mitarbeiter, der ein behindertes Kind hat.“ Mittlerweile hat sich schon eine richtige Laufgruppe formiert. Ein besonderes Service: Die Personal­abteilung zahlt das Startgeld, ein Erfrischungs­getränk und stellt Egger-Laufkleidung zur Ver­fügung. Die drei Mitarbeiter mit den meisten gelaufenen Kilometern erhalten am Ende des Jahres als Dankeschön einen Sportartikelgutschein.

Befragung der Mitarbeiter

Egger-Personalleiterin Andrea Schüssler erhebt die Zufriedenheit der Belegschaft mittels Fragebogen – bei der letzten Befragung mit 97 Prozent Rücklauf; 87 Prozent der Befragten gaben an, sie seien mit den Arbeitsbedingungen zufrieden.
Eine große Herausforderung für das Gesundheitsmanagementteam ist, dass das Spanplattenwerk an 365 Tagen im Jahr im Vier-Schicht-Betrieb produziert. Gesundheitsveranstaltungen müssen daher an zumindest zwei oder drei Terminen angeboten werden, damit jeder Angestellte die Möglichkeit hat, teilzunehmen. „Wir versuchen, die Projekte immer wieder ins Gedächtnis zu rufen oder in regelmäßigen Abständen zu wiederholen, damit das Erlernte auch im Bewusstsein bleibt“, erklärt Schüssler.

Bei den Jungen ansetzen

Eine große Herausforderung ist, junge Mitarbeiter, zum Beispiel die Lehrlinge, mit ins Boot zu holen: „Mit zwanzig Jahren springt man noch fünfzig Mal am Tag vom Stapler, ohne Schmerzen zu haben, und denkt sich nichts dabei, im Winter ohne Jacke schnell über den Hof in eine andere Halle zu gehen. Auf Dauer kann das aber zu Problemen führen.“ Das bestätigt auch Expertin Gabriela Klamminger: „Bei meinen Betriebsbesuchen beobachte ich oft, dass Arbeiter ihre Schutzkleidung nicht tragen, mit der Begründung, dass sie das immer schon so gemacht hätten. Deshalb ist es wichtig, schon bei den jungen Menschen anzusetzen, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

Ganzheitliches Programm

Eines der größten regelmäßigen Projekte bei Egger ist der Gesundheitstag. Alle zwei Jahre wird ein großer Teil der Verladehalle geräumt und es werden Kojen errichtet – eine sogenannte „Ärztestraße“. Dort werden Bluttests, EKG-Messungen oder Gang- und Laufanalysen angeboten, aber auch Traditionelle Chinesische Medizin und vieles mehr. Der Gesundheitstag findet immer an einem Sonntag statt, sodass die Angestellten mit ihren Familien vorbeischauen und sich von Kopf bis Fuß durchchecken lassen können. Für die Kinder gibt es ein nettes Rahmenprogramm mit Bastelecke, Hüpfburg und Ponyreiten.
„Es ist uns nicht genug, bloß einen Apfelkorb aufzustellen“, fasst Personalchefin Schüssler zusammen, „bei uns geht es um die Ganzheitlichkeit in der Gesundheit. Natürlich darf man die Kollegen nicht überstrapazieren. Wir sind ein sehr soziales Unternehmen und bieten viel in dieser Richtung an. Wir sind auf einem guten Weg.“