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Wenn die Haut spricht ...

Wie es uns geht, zeigt oft unsere Haut. Doch welche Rolle spielen psychische Faktoren tatsächlich bei der Entstehung , Verschlechterung oder Chronifizierung von Hautleiden? Und wie lassen sich diese quälenden Probleme und das damit verbundene Stigma bewältigen?


FOTO: fotolia

Ben, 13, erlebt gerade die Hochblüte seiner Pubertät, und mit all den massiven Veränderungen, die sich jetzt in seinem Körper und seiner Seele auftun, sprießen auch in seinem Gesicht unzählige unschöne Pickel, die er mit verschiedensten Mittelchen verzweifelt und erfolglos zu bekämpfen versucht.
Ariana, 37, hat ihre Scheidung mit Rosenkrieg hinter sich gebracht. Was zunächst aber blieb, waren zahlreiche rote, schuppige Stellen auf ihrer bisher makellosen Haut, die erst nach und nach wieder verschwanden.
Anna, 56, leidet seit ihrer frühen Jugend an einer Hautkrankheit namens Schuppenflechte, die sich regelmäßig massiv verschlechtert, wenn sie zu viel Stress hat. Ihre Haut sondert dann an Händen, Füßen und Kopf silbrig glänzende Schuppen ab, was in der Öffentlichkeit schwer zu verbergen ist, und Anna leidet sehr darunter.
„Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Hauterkrankungen auch durch seelische Faktoren beeinflusst werden können, genauso wie andere Erkrankungen“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Franz Trautinger, Vorstand der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten im Landesklinikum St. Pölten. Beispielsweise bei Neurodermitis: „Psychische Faktoren sind zwar nicht die Ursache, sondern man bekommt die Veranlagung für die Erkrankung vererbt, aber die Psyche spielt sowohl beim Ausbruch der Krankheit als auch bei ihrem Verlauf eine wesentliche Rolle. Psychische Belastungszustände wirken sich negativ auf die Heilung aus.“

Spiegel der Seele

Unsere Haut zeigt oft an, wie es uns geht, sie ist ein hochsensibles und „sprechendes“ Organ: Wenn wir uns freuen oder schämen, erröten wir mitunter; wenn wir Stress haben, bekommen wir vielleicht feuchte Hände; wenn es uns schlecht geht, können Ekzeme oder Fieberblasen zum Blühen kommen.
Nicht umsonst heiße es oft, die Haut sei der Spiegel der Seele, sagt die Hainburger Klinische- und Gesundheitspsychologin, Mag. Elvira Egger: „Unser größtes Organ steht in engem Zusammenhang mit dem Hormonsystem. Man denke nur an Ben, der am Beginn seiner Pubertät steht, und bei dem die Pickel sprießen, weil die Geschlechtsdrüsen ihre Hormonproduktion aufnehmen. Und bei manchen Frauen kann die Akneproblematik sogar bis zu den Wechseljahren bestehen bleiben.“

Von „Stresspickeln“ & Co

Doch es geht nicht nur um diese Zusammenhänge, denn zudem gibt es auch Schnittstellen zwischen dem Hormonsystem und dem Nervensystem. „Der Hypothalamus, ein Teil des Gehirns und oberste Steuerungszentrale des Hormonsystems, steht in enger Verbindung mit der Ausschüttung des Stresshormons Kortisol. Viele kennen die umgangssprachlich als ‚Stresspickel‘ bezeichneten Haut­unreinheiten, andere machen die Erfahrung, dass sie nach einer massiven Veränderung im Leben oder einer deutlichen Erhöhung der beruflichen bzw. privaten Verantwortung rote, schuppige Stellen auf der Haut entwickeln. Im Normalfall verschwinden diese Hauterscheinungen aber so schnell, wie sie gekommen sind“, erklärt erklärt Psychologin Egger.

Ein schweres Stigma

Freilich ist das hochsensible Organ Haut – wie Annas Beispiel zeigt – nicht immer so leicht zum „Schweigen“ zu bringen. Betroffene leiden oft zusätzlich an dem schweren Stigma, das mit Haut­erkrankungen verbunden ist. Das ist übrigens schon seit der Antike so: Vor allem Lepra und Aussatz wurden damals als die Strafe eines allmächtigen rächenden Gottes angesehen, und bis heute sind diese Erkrankungen auch immer noch besonders gefürchtet.

Vorurteile & Berührungsängste

Wenn es auch nicht immer so dramatisch ist – ein schlechtes Hautbild steht in der Öffentlichkeit heute noch für „Kranksein“. Die Vorurteile und Ängste, die man Betroffenen entgegenbringt, reichen von Ungepflegtsein bis hin zur Angst vor  Ansteckungsgefahr. „Außenstehende empfinden oft nicht nur Berührungsängste, sondern auch Hilflosigkeit im Umgang mit den Betroffenen“, erklärt Psychologin  Egger. Mit oft gravierenden Folgen für die Betroffenen: Viele entwickeln Minderwertigkeitsgefühle, ziehen sich zurück, manche vereinsamen, andere entwickeln Depressionen bis hin zu Suizidgedanken. Nicht selten leiden Betroffene auch unter Ängsten, Essstörungen oder Sucht­erkrankungen.

Erster Weg: zum Hautarzt

Was also tun? Primarius Trautinger empfiehlt, als Allererstes zum Hautarzt zu gehen: „Wenn rein körperliche Ursachen ausgeschlossen wurden und die Symptome den Alltag beeinträchtigen oder mit einem Leidensdruck einhergehen, sollte man sich zusätzlich zur medizinischen Therapie um professionelle psychologische Beratung oder psychotherapeutische Behandlung kümmern.“ Er verweist auch auf das noch weitgehend unterschätzte Fachgebiet der Psychodermatologie, das sich mit den Wechselwirkungen von Haut und Psyche beschäftigt. Hautärztinnen und -ärzte können sich bei der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie in diesem Bereich fortbilden. „Leider gibt es noch kein flächendeckendes Angebot an Psycho­dermatologen“, bedauert der Experte.

Was helfen kann

Letztlich geht es für Betroffene darum, seelische Folgeerkrankungen zu vermeiden oder – wenn sie schon bestehen – ihre Verschlechterung zu verhindern. Psychologie und Psychotherapie können in der Tat nicht nur bei der Bewältigung von Depression und Co effektiv sein, mitunter können sie auch helfen, quälende Hautsymptome zu lindern. Dabei kommen verschiedenste Techniken wie etwa Körperwahrnehmungsübungen, Entspannungstechniken oder Verhaltenstherapie zum Einsatz. Vor allem bei weit verbreiteten Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Schuppenflechte: Sie sind oft mit heftigem Juckreiz verbunden, der unweigerlich dazu führt, dass der Patient kratzt, was das ursprüngliche Problem weiter verstärkt. Hier wirken verhaltenstherapeutische Behandlungsprogramme sehr gut, das konnte wissenschaftlich belegt werden. Dabei kennt man mehrere Techniken: Wenn man beispielsweise Juckreiz am linken Bein verspürt, dann aber die entsprechende Stelle am rechten Bein kratzt, so verschwindet der ursprüngliche Juckreiz. Eine andere effektive Möglichkeit: die ganze Handfläche auf den betroffenen Bereich auflegen.
Die genauen Wirkmechanismen dieser oft sehr effektiven Techniken werden gegenwärtig erst erforscht, und ob und wie etwas wirkt, hängt auch vom Zustand der Haut ab. „Die Behandlung muss immer individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt werden. Auch Gespräche zur Ursachenfindung, Training zur Stressbewältigung
und anderes können mögliche Wege sein“, weiß Psychologin Egger.

Selbstwert wiederfinden

Nicht zuletzt geht es bei der psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung auch darum, Auslöser bzw. Faktoren zu finden, die immer wieder dazu
führen, dass ein Krankheitsschub oder eine Verschlechterung der Krankheit auftritt. Und natürlich geht es auch um die Bewältigung des Stigmas, das
mit Hauterkrankungen verbunden ist, weiß Elvira Egger: „Dabei ist unter anderem wichtig, die Krankheit selbst verstehen zu lernen und Selbstwert und Lebensfreude wiederzufinden.“ Kein Leichtes, wenn die Gesellschaft mit ihren Vorurteilen der Sache entgegenläuft, und deshalb fordern Experten auch mehr und umfassendere allgemeine Aufklärung über Hauterkrankungen.

Unsere Haut – die Fakten

Mit einer Fläche von 1,6 bis 2 m2 ist die Haut das größte Organ des Körpers und erfüllt vielfältige Funktionen.

  • Sie schützt den Körper gegen Kälte, Hitze und UV-Strahlung.
  • Sie bietet Schutz gegen Druck, Stoß und Reibung.
  • Über die Haut erreichen uns Sinnesreize wie Berührungen, das Gefühl von Wärme, Kälte oder Schmerz.
  • Die Haut ist an der Regulierung von Temperatur- und Wasserhaushalt beteiligt.
  • Sie hindert Schadstoffe und Krankheitserreger daran, in den Körper ein­zudringen.
  • Die Haut ist auch unser Kontaktorgan. Sie verbindet uns mit der Umwelt und grenzt uns gleichzeitig von ihr ab. Physisch und psychisch reguliert sie das Verhältnis von Nähe und Distanz zu unseren Mitmenschen.

Selbsthilfe Haut & Psyche

Selbsthilfegruppen (SHG) helfen, sich mit anderen Betroffenen über persönliche Erfahrungen und praktische Tipps auszutauschen sowie sich gegenseitig zu unterstützen und motivieren. Welche Angebote es in Niederösterreich gibt und wo Sie weitere Informationen finden:

  • Dachverband der NÖ Selbsthilfegruppen: www.selbsthilfenoe.at
  • Selbsthilfe in Österreich & nützliche Infos: www.selbsthilfe.at
  • Alles zum Thema Hauterkrankungen: www.hautinfo.at
  • Hautambulanz Landesklinikum St. Pölten: Mo.–Fr. 07:30–11:30 Uhr, Psoriasis-Ambulanz: Dienstagnachmittag, Terminvereinbarung: Tel.: 02742/9004-12021, www.stpoelten.lknoe.at
  • SHG „Kind und Neurodermitis“, Anita Hadrigan, Tel.: 0664/1751732 und Wolfgang Hadrigan, Tel.: 0664/4154120, www.kratzdi.net, NÖGKK Korneuburg (Warteraum des Kontrollarztes), Bankmannring 22, 2100 Korneuburg
  • SHG Psoriatriker (Schuppenflechte)
    Ernst Wolfinger, Niederhollabrunn, Tel.: 02269/2514

Die häufigsten Hauterkrankungen

 

  • Akne vulgaris: Akne entsteht durch eine vermehrte Talgdrüsen-Aktivität. Die Folge sind Pickel und Mitesser. Die Intensität der Erkrankung kann sehr unterschiedlich sein. Meist klingt Akne nach der Pubertät von selber wieder ab, doch es gibt auch eine Akne des Erwachsenenalters, bei der neben hormonellen Störungen auch psychische Faktoren eine Rolle spielen können. 
  • Schuppenflechte (Psoriasis): Durch eine Störung des Immunsystems kommt es zu chronisch-entzündlichen Prozessen. Hauptsymptom sind entzündete, schuppende Stellen an Körper und Kopfhaut. Es können aber auch Gelenke, Finger- und Zehennägel betroffen sein. Die Symptome treten meist schubhaft auf, wobei die Dauer und die Stärke der Schübe individuell stark variieren.
  • Neurodermitis (Atopische Dermatitis): Neurodermitis ist eine fast immer chronisch verlaufende Ekzemerkrankung der Haut, die sehr oft schon im Kindesalter auftritt. Die Krankheit verläuft in Schüben. Das charakteristische Krankheitsmerkmal ist starker, anfallsartiger Juckreiz, auf den der Patient unwillkürlich mit Kratzen reagiert.
  • Nesselausschlag (Urtikaria): Der Nesselausschlag tritt plötzlich auf und verschwindet ebenso plötzlich wieder. Oft geht er mit Schwellungen und so gut wie immer mit quälendem Juckreiz einher. Es gibt allergisch und nichtallergisch bedingte Formen dieser Störung. Die Krankheit kann akut oder chronisch verlaufen.
  • Juckreiz ohne Ursache (Pruritis sine materia): Mit Pruritis bezeichnen Mediziner einen wiederkehrenden Juckreiz, der manchmal ohne erkennbare organische Ursache auftritt. Pruritis entsteht oft wegen psychischer Konfliktsituationen und ist manchmal auch Ausdruck einer „versteckten“ Depression.

Landesklinikum St. Pölten

Propst-Führer-Straße 4, 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/9004-0
www.stpoelten.lknoe.at