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Durchblick haben

Früh erkannt können viele Augenerkrankungen noch behoben werden. Daher sind Augenuntersuchungen bei Kindern besonders wichtig.


Die Orthoptistin Brigitte Gsellmann untersucht mit kindgerechten Hilfsmitteln die Augen der Kinder. - FOTOS: Felicitas Matern/feelimage.at

Die sechsjährige Anna-Marie hält einen E-Haken in der Hand. Sie dreht ihn so lange, bis er ausschaut wie auf dem Bild, das Brigitte Gsellmann hält. „Bravo“, ruft ihr diese lächelnd zu. Brigitte
Gsellmann ist Orthoptistin – so heißen die Schielspezialisten in der Fachsprache – aus dem Landesklinikum Wiener Neustadt. Heute ist sie zu Besuch im Kindergarten Schrattensteingasse in Wiener Neustadt und macht Sehtests mit den Kindern. Der E-Haken dient als Ersatz für Buchstaben und Ziffern. Danach muss Anna-Marie dem Licht einer kleinen Taschenlampe nachschauen – damit prüft die Orthoptistin die Augenbeweglichkeit. Ein Auge wird abgedeckt, um etwaiges Schielen zu erkennen. Dauer der Untersuchung: drei bis vier Minuten, Anna-Marie hat alle Übungen bravourös gemeistert, alles in Ordnung, nun kommt das nächste Kind dran.

Alle zwei Jahre kommen die Orthoptistinnen der Landeskliniken Wiener Neustadt und St. Pölten für diese Reihenuntersuchungen in alle niederösterreichischen Kindergärten. Spielerisch führen die Spezialistinnen einige Tests durch, die speziell auf Kinder abgestimmt sind – denn ein Kind kennt noch nicht den Unterschied von scharf oder unscharf, und kann daher nicht sagen, dass es schlecht sieht. Brigitte Gsellmann erklärt, wie wichtig diese Untersuchungen sind: „Sehstörungen und Augenschäden, die rechtzeitig erkannt werden, lassen sich oft noch korrigieren. Denn ab dem 6./7. Lebensjahr ist die Sehentwicklung abgeschlossen. Beispielsweise kann sich die Sehschärfe nicht normal entwickeln, wenn Sehfehler oder Schielen im Kleinkindalter unerkannt bleiben.“ Häufige Ursachen einer Sehstörung sind Kurz- und Weitsichtigkeit (Myopie und Hyperopie), Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) oder Schielen. Auch der graue Star (Linsentrübung) kann bei Kindern vorkommen.
Je älter ein Kind ist, umso schwieriger wird eine erfolgreiche Behandlung. Wird die Sehschwäche eines Auges zum Beispiel erst im Schulalter entdeckt, gelingt eine vollständige Rückbildung meist nicht mehr. Da das Gehirn nicht gelernt hat, die Sehinformationen des betroffenen Auges zu verarbeiten, bleibt das Auge dann lebenslang sehschwach. Ein weiterer wichtiger Faktor: Das Sehen funktioniert durch das Zusammenspiel zwischen Auge und Gehirn. Somit ist auch das störungsfreie Sehen ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung von Kindern. Sieht ein Kind nicht richtig, muss es sich sehr anstrengen, eine Aufgabe zu erfüllen. Das kann wiederum zu Problemen bei der Konzentration führen – vor allem in der Schule.

Karin Schrammel

 

Auch Sehen muss man lernen

  • Im 1. Monat sehen die Augen des Neugeborenen noch nicht besonders scharf, aber es kann Helligkeit erkennen.
  • 2. Monat: Das Baby kann schon Umrisse wahrnehmen.
  • Im 3. und 4. Monat lächelt es den Eltern ins Gesicht.
  • 5. Monat: Jetzt sieht es seine Eltern ganz genau. Heimliches Davonschleichen aus dem Zimmer provoziert lautstarken Protest.
  • 6. Monat: Das gezielte Greifen nach Gegenständen beginnt.
  • 7. Monat: Jetzt gelingt es schon ganz gut, einen Gegenstand in die Hand zu nehmen, ihn zu drehen und zu wenden.
  • 8. Monat: Das Baby ist in der Lage, bekannte und fremde Gesichter zu unterscheiden.
  • 9. Monat: Daumen und Zeigefinger werden aktiv. Sie picken kleinste Gegenstände präzise auf.
  • 11. Monat: Auf die Frage „ Wo ist Papa?“ wendet das Kind den Kopf, um ihn zu suchen.
  • 12. Monat: Am Ende des ersten Lebensjahres gibt das Kind den Eltern ganz gezielt Gegenstände in die Hand. 


Auf Alarmzeichen achten


Suchen Sie einen Augenarzt auf, wenn Sie bei einem Baby oder Kleinkind Folgendes entdecken:

  • Schielen
  • Augenzittern
  • zwanghaftes Schiefhalten des Kopfes
  • auffallend große Augen
  • Lichtscheue oder keine Reaktion auf Licht
  • getrübte Hornhaut
  • weißliche Pupillen oder gelbliches Aufleuchten der Pupille bei direkt einfallendem Licht
  • ständiges Reiben mit den Fingern an den Augen und Grimassieren
  • große, starre Pupillen auch bei Lichteinfall
  • Verdrehen der Augen, ohne etwas anzuschauen
  • vorbeigreifen

Bei älteren Kindern sind folgende Auffälligkeiten oft ein Zeichen von Sehschwäche und Augenkrankheiten:

  • häufiges Stolpern oder Stoßen an Möbeln
  • zunehmende Sehschwierigkeit bei Dämmerung und Dunkelheit
  • plötzliche Verschlechterung der Schulnoten
  • Unlust am Lesen
  • sich absondern von anderen Kindern