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Die Angst geht um

Immer mehr Menschen haben Angst. Das hat auch viel mit unserer „schönen, neuen Arbeitswelt“ zu tun. Dazu eine Betrachtung und zwei Buchempfehlungen.


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Angst gehört zum Menschsein wie Freude, Trauer oder Wut. Die Psychologie bezeichnet sie als Grundgefühl oder Basisemotion. Wir alle haben schon erlebt, dass sie bei Gefahr im Verzug eine wichtige Funktion hat, denn sie schärft die Sinne und kann ein der Situation angemessenes Verhalten einleiten. Allerdings hat wahrscheinlich jeder auch schon erfahren, dass zu viel oder unangemessene Angst auch das Gegenteil bewirken, quälend und schwer lebensbeeinträchtigend werden kann.

Das ist heute leider bei immer mehr Menschen der Fall – viele Experten konstatieren eine Zunahme der Angsterkrankungen, die sich paradoxerweise in wissenschaftlichen Studien kaum nachweisen lässt. Trotzdem: Mit fast 15 Prozent aller psychischen Störungen sind sie wohl die eindeutig häufigste Krankheit der Seele, die viele Betroffene aber nicht behandeln lassen, und das ist zugleich eine Erklärung für den fehlenden Niederschlag der Angststörungen in den entsprechenden Untersuchungen. „Angststörungen sind höchstwahrscheinlich noch schambesetzter als Depressionen, denn sie lassen einen die Autonomie verlieren, und das ist für unser Selbstbild höchst bedrohlich“, sagt Dr. Rainer Gross, Leiter der Sozialpsychiatrischen Abteilung im Landesklinikum Hollabrunn. Der Psychiater, Psychotherapeut und Autor schreibt in seinem soeben erschienenen Buch „Angst bei der Arbeit – Angst um die Arbeit“: „Das heutige ‚Erfolgsmodell‘ des Menschen ist der rational-autonome, emotional fast schon autarke Homo oeconomicus, die allseits flexible und belastbare Ich-AG. Das bewusste Erleben von Angst ist in diesem Modell nicht vorgesehen, darf keinen Platz haben.“

Der steigende Druck

Das alles hat auch viel mit unserer „schönen, neuen Arbeitswelt“ zu tun, und dass die diesbezüglichen Belastungen steigen, stellt auch der niederösterreichische Psychologe Dr. Norman Schmid fest. „Die Arbeitsbedingungen haben sich für viele Menschen stark gewandelt, und die mentalen Belastungen, die damit einhergehen, haben – etwa im Gegensatz zu körperlichen Belastungen – die unangenehme Eigenschaft, sich nicht so leicht abschalten zu lassen. Dazu kommt, dass das gesellschaftliche Ideal von Leistung, Erfolg und Geldverdienen noch immer sehr weit verbreitet ist – all das macht enormen Druck auf die Menschen.“
Tatsächlich erfahren wohl viele von uns zunehmend, wie sehr wir in einem Hamsterrad gefangen sind: Die Lebenserhaltungskosten steigen ständig, während Löhne und Gehälter dem kaum angepasst werden, trotzdem sollen wir stets funktionieren um jeden Preis. Flexibilität, Mobilität und ständige Erreichbarkeit sind neue Werte, die manchen vielleicht schon sauer aufstoßen, aber ein Ende dieser „Weltanschauung“ ist nicht in Sicht.

Die große Nervosität

Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings ein Blick in die Geschichte, denn bereits im Zeitalter der Industriellen Revolution litten die Menschen unter ähnlichen Ängsten wie heute. Das hat viel mit der auch damals als zu groß empfundenen Beschleunigung aller Lebensvorgänge und dem gestiegenen Leistungsdruck zu tun.
Spätestens um 1880 wurde die daraus resultierte „Nervosität“ vieler Zeitgenossen unter dem Begriff Neurasthenie zu einer echten Krankheit erklärt, und das Erscheinungsbild wurde mit einer tiefen Erschöpfung der Nervenkraft bei gleichzeitig übersteigerter nervöser Reizbarkeit beschrieben. Zusätzlich litten die Patienten unter Symptomen wie Erröten, abnormem Schwitzen, Herzklopfen, Muskelzittern etc.

Unterdrückt oder alleingelassen?

Wenn das alles an heute sehr Bekanntes erinnert und man unschwer die Angst als darunter liegende „Weltanschauung“ erkennen kann, so werden in unterschiedlichen Zeitaltern jedoch unterschiedliche Ängste gesellschaftlich mehrheitsfähig und dominant. „Während in der ‚Ordnungsgesellschaft‘ in den Sechziger und Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch klaustrophobe Ängste dominierten – Ängste vor Unterdrückung, vor dem Gefängnis verinnerlichter Verbote –, hat sich das Bild geändert“, schreibt Rainer Gross. „Heute beschreiben viele Menschen ihre Ängste als Angst vor Exklusion: Sie fürchten abgehängt und allein zurückgelassen zu werden, fühlen sich jetzt überfordert durch ein Zuviel an Autonomie und Freiheit.“ Gross konstatiert eine daraus resultierende zunehmende Sehnsucht nach Sicherheit und Aufgehobensein in einer kleinen überschaubaren Gemeinschaft. Er schreibt: „Ein Grundgefühl von zu wenig Sicherheit und zu viel Angst führt bei vielen Menschen dazu, dass ihnen auch kleine Entscheidungen zunehmend schwerer fallen, dass sie immer vorsichtiger und defensiver im Bekannten verharren und jegliche Veränderung vermeiden. Eine solche Haltung aber mindert die beruflichen wie auch die privaten Chancen in unserer Multioptionsgesellschaft, die ja Entscheidungsfreudigkeit (…) und Flexibilität als zentrale Qualitäten des dynamischen Arbeit­nehmers idealisiert.“

Kontraproduktive Positivbotschaften

Ein Teufelskreis also, und kein Wunder, dass die psychischen Reaktionen darauf mitunter schillernde Blüten treiben. Denn wenn wir von Arbeit und Angst sprechen, so meinen wir nicht nur handfeste Existenzängste, sondern auch soziale Ängste wie etwa die Angst vor Konkurrenz und Mobbing oder vor mangelnder Wertschätzung und Anerkennung, sowie Leistungs- und Versagensängste, die sich durch Stress und heute so gängige Positiv­botschaften wie „Jede Krise ist auch eine Chance“ oder „Wer sich genügend anstrengt, wird auch Erfolg haben“ oft nur weiter potenzieren.
Angesichts dessen nimmt es nicht wunder, dass so viele von Angststörungen Betroffene ihr Leiden nicht so sehr als seelische Erkrankung, sondern als Schicksal, mit dem sie selbst zurechtkommen
müssen, empfinden. Von Angst gequälte Menschen versuchen manchmal, in Eigenregie mit Alkohol oder Beruhigungstabletten gegen die Angst anzukämpfen. Vielleicht auch eine Art der Verdrängung von Angst.

Was Verdrängung kann

Es stellt sich die Frage, ob Verdrängung in dieser Hinsicht ein gangbarer Weg ist. „Wie so oft dürfte das Maß an Verdrängung als Bewältigungsmechanismus entscheidend sein“, sagt Rainer Gross. „Wenn Verdrängung der vorherrschende oder gar einzige Mechanismus im Umgang mit negativen Ereignissen ist, dann erhöht dies das Risiko, körperlich zu erkranken – zum Beispiel an Bluthochdruck.“ Auf der anderen Seite aber „kann Verdrängung auch für die Opfer massiver Traumata einen gangbaren Weg des Umgangs mit dieser Belastung darstellen.“ Und: „Je nach individueller Persönlichkeit (aber auch je nach Art des Traumas) kann ein konsequentes ‚Schwamm drüber‘ genauso gut funktionieren wie die schmerzliche Aufarbeitung mit psychologischer Hilfe.“
Entscheidend scheint jedenfalls die Eigenschaft der Resilienz zu sein, über die manche Menschen von vornherein verfügen und die eine Sozialwissenschaftlerin einmal so zusammenfasste: „Ich HABE, ich BIN, ich KANN. Ich habe Menschen, die mich lieben und mir helfen. Ich bin liebenswert und zeige Respekt anderen gegenüber – aber auch mir selbst gegenüber. Ich kann meine Probleme lösen, kann mein Leben im Wesentlichen selbst bestimmen.“ Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist, dass man Resilienz ein Leben lang nachbessern kann.

Welche professionelle Hilfe es gibt

Das alles heißt auch, dass es neben den exogenen Faktoren der Arbeitswelt, die unbedingt ernstgenommen werden sollten, auch intrapsychische Belastungsfaktoren gibt, an denen man selbst oder mit professioneller Hilfe von Psychiatern, Psychologen oder Psychotherapeuten arbeiten kann. Letzteres werden viele brauchen, die hilflos erlebt haben, wie es sich anfühlt, wenn die Angst sich verselbständigt und übermächtig wird. „Bei den meisten Ängsten kommt es im Sinne eines Teufelskreises zur Aufschaukelung von Angstgefühlen, negativen Gedanken und körperlicher Anspannung mit Symptomen wie Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel etc. Bei der Therapie ist es wichtig, dem Patienten eine Erklärung für die Ängste zu geben. Das gemeinsame Reflektieren des individuellen Teufelskreises gemeinsam mit dem Psychologen oder Therapeuten ermöglicht eine Einsicht in die eigene Angst und eröffnet damit Wege zur Angstbewältigung“, sagt Psychologe Norman Schmid, der bei Angstpatienten häufig mit Kognitiver Therapie und Entspannung arbeitet.
Bei der Kognitiven Therapie geht es darum, bestimmte negative Gedanken, die bei Angstpatienten häufig sind, festzustellen und auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen, und es ist wichtig, Möglichkeiten zu erarbeiten, aus diesen negativen Gedanken auszusteigen und selbst zu lernen, aus der Angst herauszufinden. Die Entspannung ist eine weitere wichtige Strategie bei der Bewältigung der Angst. „Angst und Entspannung sind einander entgegengesetzt. Wenn man sich entspannt, nimmt die Angst ab, und verschiedene Entspannungs­verfahren wie Progressive Muskelentspannung, Biofeedback, Autogenes Training oder Meditation können dafür gut eingesetzt werden“, so Norman Schmid. Er betont, dass die Entspannung am besten unter professioneller Anleitung erlernt werden sollte.

Was Achtsamkeitstraining bewirkt  

Eine neue Methode der Selbsthilfe, die sowohl Psychiater Gross als auch Psychologe Schmid in seinem Buch „abschalten & auftanken. 52 Übungen für Achtsamkeit & Co“ empfehlen, ist das auf jahrtausendealten buddhistischen Meditationspraktiken basierende und nach neuen wissenschaftlichen Untersuchungen als wirksam bestätigte Konzept der Achtsamkeit. Jener Achtsamkeit, die wir alle kennen, wenn wir ganz in den Augenblick versunken sind, zum Beispiel bei einer großartigen Landschaftserfahrung oder im intensiven Liebesspiel. Achtsamkeitstraining will nichts anderes, als diese Fähigkeit auch für den Alltag nutzbar zu machen.
Tatsächlich geht es beim Achtsamkeitstraining, das sich laut Rainer Gross „auch für pragmatische Realisten, denen der philosophische Überbau gleichgültig ist“, eignet, darum, einen Zustand zu erreichen, in dem wir unsere Gedanken und Empfindungen ganz auf das Hier und Jetzt konzentrieren, ohne sofort zu bewerten, aber auch ohne uns gefühlsmäßig mitreißen zu lassen. Und laut
Norman Schmid kann „durch eine achtsame Grundhaltung bereits der Weg zur Arbeit ein besonderes Erlebnis werden, wenn durch die bewusste Aufmerksamkeit Dinge wahrgenommen werden, die vielleicht jahrelang unbemerkt geblieben sind. So kann das Alltägliche den Zauber des Neuen gewinnen“, und es wird auch möglich, den achtsamen Umgang mit Stress zu erlernen.

Landesklinikum Hollabrunn
Robert-Löffler-Straße 20 2020 Hollabrunn
Tel.: 02952/9004-0
www.hollabrunn.lknoe.at

Buchtipps

Rainer Gross: Angst bei der Arbeit – Angst um die Arbeit Psychische Belastungen im Berufsleben.
ISBN: 9783456854014

Norman Schmid: abschalten & auftanken 52 Übungen für Achtsamkeit und Co.
ISBN: 9783990020036