Luchsohr & Adlerauge
Seh- und Hörprobleme können zu gravierenden Entwicklungsstörungen führen. Die frühe Kontrolle und Therapie – bereits im Baby- und Kleinkindalter – ist daher das Um und Auf.
Gut zu sehen und zu hören ist eine Grundvoraussetzung, um die Welt erfassen und mit ihr kommunizieren zu können. Gerade bei Kindern ist das besonders wichtig, damit sie sich gesund und altersadäquat entwickeln können, betont die Klinische und Gesundheitspsychologin Mag. Svenja Wasicek-Beinlich aus Kaltenleutgeben: „Werden Seh- oder Hörprobleme nicht erkannt, kommt es häufig zu Entwicklungs- oder Sprachentwicklungsverzögerungen, die Kinder reagieren oft mit sozialem Rückzug.“
Regelmäßig untersuchen lassen
Tatsächlich sind viele Kinder im Vorschulalter weitsichtig, und in den Industrienationen entwickelt sich wegen des immer häufigeren „Nahschauens“ auf Bildschirme aller Art auch die Kurzsichtigkeit zu einem wachsenden Problem. Für Eltern ist es allerdings gar nicht so einfach, Fehlsichtigkeiten zu erkennen, denn Kinder nehmen Probleme oft nicht als solche wahr, weil sie ja nicht wissen, wie es sein kann, und sie können sich häufig noch nicht entsprechend artikulieren. Deshalb ist es besonders wichtig, die im Mutter-Kind-Pass vorgesehenen Augenuntersuchungen durchführen zu lassen. Experten wie der Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie Dr. Peter Gorka aus St. Pölten oder der niederösterreichische Landesinnungsmeister der Augenoptiker/Optometristen Dr. Markus Gschweidl plädieren auch für eine augenärztliche Zusatzkontrolle nach der ersten, im Mutter-Kind-Pass nur beim Kinderarzt vorgesehenen Augenuntersuchung sowie für jährliche Kontrolluntersuchungen und laufende Beobachtung durch die Eltern. „Werden Sie hellhörig, wenn Ihr Kind öfters die Augen zusammenkneift, Gang- oder Bewegungsunsicherheiten zeigt, nicht gern liest, bastelt oder etwa über Kopfschmerzen klagt“, rät Augenoptiker Gschweidl.
Schielen rechtzeitig behandeln
Die Sehfähigkeit entwickelt sich bei Kindern erst im Laufe der Zeit. „Die meisten Kinder sind entwicklungsbedingt in den ersten Lebensjahren weitsichtig, können das aber durch Anspannung der inneren Augenmuskeln ausgleichen. Bei höhergradiger Weitsichtigkeit kann die permanente Anspannung der Augenmuskeln zu einer Überlastung führen und ist ein Risikofaktor für die Entwicklung eines Schielens“, erklärt Augenarzt Gorka. Unbehandeltes Schielen kann zur sogenannten und leider unwiderruflichen Schwachsichtigkeit führen, also zum Verkümmern eines Auges. „Wird das Schielen aber rechtzeitig, das heißt zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahr entdeckt, so ist es heilbar.“ Behandelbar ist Schielen auch noch später – etwa durch die Anpassung einer entsprechenden Brille; aber nach dem siebenten bis zehnten Lebensjahr ist es zu spät für eine Therapie.
Dramatisch steigt derzeit die Zahl der Kurzsichtigen durch Handy, Computer oder Videospiele, die oft schon die Kleinsten nutzen. Bisher kann man Kurzsichtigkeit nur durch eine Brille oder Kontaktlinsen korrigieren. Apropos Kontaktlinsen: Tatsächlich werden sie vom Augenarzt manchmal sogar bei Babys und Kleinkindern angepasst. „Bis zum Alter von sechs Jahren ist dabei natürlich die verlässliche Mitarbeit der Eltern in Handhabung und Pflege der Linsen unabdingbar, aber sobald das Kind die geistige Reife hat, selbst damit umzugehen, spricht – unter der Voraussetzung des Einvernehmens mit dem Augenarzt – nichts dagegen, dass es seine Kontaktlinsen selbständig handhabt“, sagt der erfahrene Augenoptiker Gschweidl.
Ohne Hören keine Sprache
Thema Hören: Das im Mutter-Kind-Pass vorgesehene Neugeborenen-Hörscreening und die laufende Beobachtung durch die Eltern sind extrem wichtig, denn ohne Hörvermögen kann das Kind keine Sprache entwickeln, und auch Schwerhörigkeit beeinflusst die Sprach- und die soziale Entwicklung des Kindes negativ. Überprüfen Sie daher immer wieder die Reaktion Ihres Kindes auf akustische Reize. Ständiges Falschverstehen, häufiges Nachfragen, lautes Sprechen und fehlendes Konzentrationsvermögen können wichtige Hinweise auf eine bestehende Schwerhörigkeit liefern.
Hörstörungen gut behandelbar
Wichtig ist auch hier das rechtzeitige Handeln, denn da die Hörbahnreifung mit drei Jahren abgeschlossen ist, sind die Heilungschancen von Hörstörungen bei frühzeitiger Behandlung deutlich besser. Sogenannte Schallleitungsstörungen lassen sich meist gut durch Medikamente oder in selteneren Fällen durch eine Operation beheben. Hörgeräte hingegen kommen zum Einsatz, wenn das Kind unter einer Schallempfindungsstörung leidet. Bringt dies keinen Erfolg, so greift man auf das Cochlea-Implantat zurück, das auch von Geburt an gehörlosen Kindern eingesetzt werden und ihnen zu einer annähernd gleich guten Hör- und Sprachentwicklung verhelfen kann, wie sie hörgesunde Kinder aufweisen. Das Universitätsklinikum St. Pölten ist ein wichtiges und international anerkanntes Zentrum dafür.
Eltern: Gelassenheit gefragt!
Auf frühzeitige Abklärung und einen reflektierten Umgang der Eltern mit dem jeweiligen Problem plädiert auch die Psychologin Wasicek-Beinlich. „Eltern sollten Verdachtsmomente bereits im Kleinkindalter ernst nehmen und abklären lassen. Je früher das Problem erkannt wird, desto weniger Folgeschwierigkeiten wird es geben.“ Und: Eltern sollten diese Probleme weder auf die leichte Schulter nehmen noch sie dramatisieren. „Empfehlenswert ist, ausführlich mit dem Kind über den Nutzen eines Hörgeräts oder einer Brille und mögliche Folgen, wenn diese nicht getragen werden, zu sprechen, und das Kind etwa die Brille mit aussuchen lassen“, sagt Svenja Wasicek-Beinlich. „Wichtig ist auch, gelassen zu bleiben, denn Kinder spüren das. So kann man gut vermitteln, dass das Tragen solcher Behelfe etwas völlig Normales ist, das viele Menschen betrifft und einfach zum Alltag dazugehört.“





