< vorhergehender Beitrag

Dick und selber schuld?

Dicke Menschen haben es schwer. Die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber Übergewichtigen sind massiv und böse. Doch Betroffene sind oft nicht selbst schuld an ihrem Dilemma. Und: Es gibt Wege aus der Essfalle.


FOTOS: tut gut

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit für ein kleines Gedankenexperiment und versuchen Sie, in den nächsten Minuten nicht an zarte Pralinen zu denken. Wetten, dass es nicht geklappt hat und dass Sie im Gegenteil ganz besonders an diese Köstlichkeit erinnert wurden? Das ist auch ganz normal und stellt einen sogenannten ironischen Prozess dar, der beim Versuch der Gedankenunterdrückung auftritt: Psychologen wissen, dass das Objekt oder das Verhalten, das man in Gedanken zu vermeiden versucht, sich gerade dann in den Vordergrund drängt.

Die ewige Versuchung

Ebenso ergeht es unzähligen Menschen, die verzweifelt gegen ihr Übergewicht ankämpfen wollen, tagtäglich vergeblich versuchen, sich selbst zu verbieten, an die Erfüllung durch Schnitzel, Pommes, Schokolade und Co zu denken, und die stattdessen die traumhaftesten Bilder von köstlichen Speisen aller Art vor ihrem inneren Auge haben. Hand aufs Herz: Würden Sie der Versuchung, sich diese Träume zu erfüllen, immer widerstehen können?  Wohl kaum. Dennoch: Die Vorurteile gegen „die Dicken“, die an ihrem Schicksal selbst schuld sind, treiben schillernde Blüten, und Betroffene leiden oft schwer. „Die Ursache für Übergewicht ist letztlich ein Zuviel an Kalorienzufuhr und ein Zuwenig an Kalorien­verbrauch“, weiß Prim. Dr. Franz Hoffer, Leiter des Adipositas-Zentrums im Landesklinikum Holla­brunn, wo man Betroffene individuell und effizient behandelt. „Doch es gibt noch zahlreiche andere
Faktoren, die in diesem Prozess eine Rolle spielen. Tatsache ist, dass Betroffene oft stigmatisiert werden und häufig auch mit schweren sozialen Konsequenzen zu kämpfen haben.“

Wie Adipositas entsteht

Tatsächlich sind etwa zahlreiche Hormone mitverantwortlich für die Empfindungen „Hunger“ und „Sättigung“, aber man weiß noch nicht genau, wie sie zusammenspielen, und warum sich manche Menschen nie satt fühlen. Ebenso ist heute zwar bekannt, dass Kinder von Übergewichtigen ein deutlich höheres Risiko haben, selbst übergewichtig zu werden, doch welche Rolle die Genetik bei Adipositas spielt, ist noch nicht exakt erforscht. Sicher ist hingegen, dass kaum ein Übergewichtiger bloß „selbst schuld“ an seinem Dilemma ist, denn bei dieser Erkrankung greifen zahlreiche Einflussfaktoren ineinander, und dazu zählen ganz prominent auch Essgewohnheiten, die sich in der letzten Zeit immer mehr in Richtung „schnell, kalorienreich und ungesund“ entwickeln.
Hier tragen nach Ansicht der klinischen Psychologin Mag. Johanna Hübner die Gesellschaft und vor allem die Lebensmittelkonzerne ein gutes Stück Verantwortung: „Die Konsumenten werden von der Lebensmittelindustrie allzu häufig mit windigen Tricks hinters Licht geführt – sei es, dass man sie etwa mit fragwürdigen Light-Produkten ködert oder dass man wichtige Informationen über die jeweiligen Lebensmittel in Kleinstschrift auf die Produkte druckt. Zudem wird die Verantwortung für gesundes Essen oft ausschließlich auf die Familie geschoben, dabei müsste auch die Schule in die Pflicht genommen werden. Stattdessen reduziert man die Turnstunden, dabei ist Bewegung ein zentrales Element zur Prophylaxe von Übergewicht.“

So früh wie möglich ansetzen

Dass man in Sachen gesunde Ernährung so früh wie möglich ansetzen muss, entspricht auch der Anschauung und dem Handlungsansatz des Experten Hoffer. „Wir beteiligen uns etwa auch am niederösterreichweiten Landeskliniken-Gesundheitsprogramm ‚Durch Dick und Dünn‘ für über­gewichtige Kinder und Jugendliche. Dabei werden die Kids von erfahrenen interdisziplinären Teams gemeinsam mit ihren Eltern bei der Änderung ihrer Ernährungsgewohnheiten unterstützt, und ein aktives Freizeitverhalten wird gefördert.“ (siehe Kasten) Weiters läuft im Adipositas-Zentrum Hollabrunn das Programm „Aktiv für mich“, das für erwachsene Übergewichtige konzipiert ist und Betroffene zu einem gesünderen, bewussteren Ernährungsstil bewegt.

Fataler Jojo-Effekt

Der Adipositas-Experte weiß auch, dass Betroffene alles andere als disziplinlose „Genussfresser“ sind. Im Gegenteil: Viele von ihnen versuchen mit allen Mitteln abzunehmen, verlieren bei den zahlreichen Kuren und Diäten, die sie absolvieren, auch oft Dutzende Kilos, doch irgendwann fallen sie in alte Verhaltensmuster zurück, schaffen es nicht, das geringere Gewicht zu halten, sondern nehmen noch mehr an Gewicht zu, als sie zuvor hatten. Schuld daran ist der fatale Jojo-Effekt von Blitzdiäten und Co, vor denen Franz Hoffer entschieden warnt. „Es geht nicht darum, ein bisschen weniger zu essen, sondern was not tut, ist eine echte und langfristige Änderung des Ernährungsverhaltens, wobei das Essen – auch für Übergewichtige – genussvoll bleiben dürfen muss.“ „Wer wirklich dick werden will, muss eine Diät machen“, resümieren Diätenerfahrene oft zynisch, und tatsächlich ist es ein häufig zu beobachtendes Phänomen, dass sich das Gewicht bei wiederholten Diäten wie ein Jojo auf und ab bewegt, wobei das Endgewicht oft höher ist als das Ausgangsgewicht.

Ausweg: Operation

Kein Wunder also, dass krankhaftes Übergewicht bei manchen Betroffenen bis zur völligen sozialen Isolation führen kann. Die Psychologin Johanna Hübner weiß: „Schwer Übergewichtige entwickeln häufig seelische Probleme. Nicht selten kommt es zum Rückzug und damit zu einer weiteren Gewichtszunahme, denn was als Kompensation bleibt, ist das Essen und Trinken.“ Psychologisch-psychotherapeutische Unterstützung ist hier nötig. Und schließlich werden schwerst Übergewichtige auch chirurgisch behandelt, erklärt Hoffer: „Diese Menschen tragen eine echte Krankheit in sich, welche die Kriterien einer Suchterkrankung erfüllt und zudem zu zahlreichen schweren Begleiterkrankungen wie etwa Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes führen kann. Es ist unsere Pflicht, sie nach bestem Wissen zu behandeln. Bei einem Body-Mass-Index von 40 bzw. von 35 bis 40 bei zusätzlich gravierenden Begleiterkrankungen führen wir nach ausführlicher Aufklärung, Untersuchung und Beratung Operationen durch.“ In Holla­brunn werden – je nach individueller Ausgangslage – verschiedene Verfahren wie etwa der Magenbypass, der Schlauchmagen oder das verstellbare Magenband angewendet. Vereinfacht gesagt wird dabei entweder der Magen verkleinert, sodass die Patienten weniger Kalorien zu sich nehmen können, oder der Darm wird verkürzt, damit weniger Kalorien durch den Verdauungstrakt aufgenommen werden. Eine Magenbypassoperation bringt lebenslange Veränderungen mit sich bringt, wie etwa Überwachung, zusätzliche Zufuhr von Vitaminen usw.
Wer sich dafür entscheidet, dem gelingt es oft, krankhaftes Übergewicht loszuwerden, doch er oder sie sollte auch wissen, dass ein solcher Eingriff keine leichte Sache ist, mit dem das Grundproblem sofort abgetan ist. Experte Hoffer: „Solche Operationen sind nicht gefahrlos, und die Patienten müssen genau verstehen, worum es dabei geht. Und: Magenband und Co sind hilfreiche Krücken, die man zur Hand bekommt, richtig benützen muss man sie selbst.“

Was ist Fettleibigkeit (Adipositas)?

Als Fettleibigkeit wird eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper bezeichnet. Zu einer solchen Anreicherung von Fett kommt es, wenn die Energiezufuhr (vor allem durch Fett, Zucker und insgesamt kalorienreiche Ernährung) den Energieverbrauch dauerhaft übersteigt. Die Adipositas führt zu Folgeerkrankungen und einer kürzeren Lebens­erwartung.
Genetische Disposition alleine macht nicht fett­leibig. Meist ist es ein Zusammenspiel von Disposition (gute Futterverwerter) und Lebens­gewohnheiten, das letztlich zu Adipositas führt.

Durch Dick und Dünn

Das Gesundheitsprogramm „Durch Dick und Dünn“ für übergewichtige Kinder und Jugendliche hat schon viele Familien nachhaltig dabei unterstützt, zu einem leichteren Lebensgefühl zu finden. Auch 2013 starten an den Kinder- und Jugendabteilungen der NÖ Landeskliniken wieder Kurse: Gemeinsam mit der Initiative »Tut gut!« werden übergewichtige Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern dabei unterstützt, die Ernährungs­gewohnheiten zu verändern und ein aktiveres Freizeitverhalten zu ent­wickeln. Qualifizierte Fachleute aus den Bereichen Kinder- und Jugend­medizin, Ernährung, Bewegung und Psychologie betreuen sie auf dem Weg zu einem neuen Lebensgefühl.
Am Programm teilnehmen können Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren, die nach einem Aufnahmegespräch und einer ärztlichen Aufnahmeuntersuchung in Frage kommen. Die Kurskosten betragen für 120 betreute Einheiten 220 Euro (die Kaution von 130 Euro wird bei regelmäßiger Teilnahme refundiert). Neben vielen Tipps für ein erfolgreiches Durchhalten des Programms gibt es ein zehntägiges Motivationscamp im Sommer, zu dem auch alle ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen sind: 5. bis 14. Juli 2013 im Bildungszentrum Gaming. Auf dem Programm stehen neben Kreativ- und Koch-Workshops viel Bewegung, gemeinsame Kletteraktivitäten, kreative Ballspiele, Schwimmen und vieles mehr.

Informationen & Anmeldung: »tut gut«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at

Prim. Dr. Franz Hoffer, Leiter des Adipositas-Zentrums im Landesklinikum Hollabrunn

Landesklinikum Hollabrunn
Robert-Löffler-Straße 20 2020 Hollabrunn
Tel.: 02952/9004-0
www.hollabrunn.lknoe.at

Gesellig oder hemmungslos?

Interview mit der Psychologin Mag. Johanna Hübner über Vorurteile gegenüber Übergewichtigen

Warum gibt es so viele böse Vorurteile gegen „die Dicken“, obwohl viele von uns – zumindest geringfügig – selbst betroffen sind?
In der Tat werden mit Übergewicht zahlreiche verallgemeinernde Attribute verknüpft, und wenn sie ausgesprochen werden, können sie sehr verletzend sein. In diesem Zusammenhang lohnt aber auch ein Blick in die Geschichte, denn vor noch nicht allzu langer Zeit entsprach „Dicksein“ dem Schönheitsideal. Übergewicht war damals ein
Zeichen von Wohlstand, während „sich Essen leisten können“ heute kein Luxus mehr ist, sondern es nahezu schon als Luxus gilt, nicht oder nur sehr wenig zu essen. Unser Schönheitsideal bewegt sich fast schon in Richtung „Dürrsein“ und geht also eindeutig in eine falsche bzw. auch ungesunde Richtung.

Was sind die Hauptvorurteile, mit denen Übergewichtige kämpfen müssen?
Manchmal verknüpfen Außenstehende das Übergewicht mit Attributen wie langsam, gemütlich, träge, gesellig oder lustig. Es gibt aber auch wirklich verletzende Zuschreibungen wie etwa dumm, unbegabt, hemmungslos oder unkontrolliert. Beides stimmt natürlich nicht, denn jeder Mensch ist ein Individuum und hat seine eigene Persönlichkeit, die in der Regel fernab solcher Vorurteile liegt.

Wie sieht die Situation bei Kindern aus? Trifft der Spott schon die Kleinsten?
Manchmal sicher. Gerade die Ausgrenzung, die
Kinder betreiben, kann oft sehr schlimm sein. Betroffene Kids reagieren darauf nicht selten mit Rückzug, der unter anderem wiederum zu Bewegungsmangel führt und damit den bekannten Teufelskreis auslösen kann.
Sind übergewichtige Frauen häufiger als Männer mit Vorurteilen konfrontiert?
Zumindest in Mitteleuropa, denn dort wird bei Frauen nach wie vor mehr auf das Aussehen geachtet, und sie werden häufig auch über ihr Aussehen definiert und beurteilt.

Wie reagieren Betroffene auf die Vorurteile?
Das ist individuell ganz unterschiedlich und hängt auch sehr davon ab, wie gefestigt die Persönlichkeit ist. Außerdem spielt es eine Rolle, welche Ursachen das Übergewicht hat: Oft genug entsteht aus Depression übermäßiges Essen und damit Über­gewicht. Dann neigen die Betroffenen oft dazu,
weiter mit Essen zu kompensieren und/oder sich sozial zurückzuziehen. Andererseits gibt es auch Übergewichtige, die die Sache relativ kalt lässt, oder andere, die zum Beispiel betont über Kleidung oder auch Sprache ihr Anders- und Individuell-Sein
zeigen. Aber wie auch immer: Ein weiterer Faktor, der darüber bestimmt, wie man reagiert, ist die
Einbindung oder Nichteinbindung in ein soziales Netzwerk, das unterstützen kann.

Was hilft am effizientesten, mit dem Problem umgehen zu können?
Wichtig ist, sich zunächst zu fragen, welchen Stellenwert und welche Bedeutung das Problem für einen selbst hat und wo die eigenen Wertigkeiten liegen. Oft ist es auch günstig, psychologische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und: Man kann sich überlegen, mit welchen schlagfertigen Antworten man auf dumme Kommentare reagieren könnte, um sich diesbezüglich ein gewisses Repertoire zu schaffen und sich so besser abgrenzen zu können. Manche bevorzugen es aber auch, das Gegenüber über die Unrichtigkeit dieser Vorurteile aufzuklären. Auch das ist naturgemäß unterschiedlich, denn jeder Mensch ist eben ein einzigartiges Individuum, das mit Problemen so oder so umgeht.